Die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) rief am Montag 6.800 Beschäftigte im Stellantis-Montagewerk Sterling Heights Assembly (SHAP) zum Streik auf. Dies ist erst der zweite Streik in einem Stellantis-Montagewerk seit Beginn der sogenannten „Stand Up“-Streiks. Das sind eine Art Nadelstichstreiks, die der UAW-Vorsitzende Shawn Fain seit einem Monat führt, und den Anschein eines Arbeitskampfs zu erwecken. Es ist der erste Streik im Großraum Detroit und erst die zweite Arbeitsniederlegung, zu der die US-Autoarbeitergewerkschaft UAW in den letzten drei Wochen aufgerufen hat.
Die Beschäftigten von SHAP schließen sich damit den 1.000 streikenden Beschäftigten des Krankenversicherer-Verbands Blue Cross Blue Shield in der Region an. Ebenfalls im Ausstand befinden sich 3.700 Beschäftigte der Kasinos in Detroit.
Die Wut über die Weigerung der UAW, zu einem Generalstreik aufzurufen, hatte bereits den Siedepunkt erreicht. Daher ordnete Gewerkschaftschef Fain die erste Arbeitsniederlegung in einem Werk an, das eins der meistverkauften Fahrzeuge der Großen Drei (GM, Ford und Stellantis) herstellt: den Ram 1500 Pickup. Es wird jedoch nicht erwartet, dass der Streik unmittelbare Auswirkungen auf die Verkäufe von Stellantis haben wird, da das Unternehmen mit Zustimmung der UAW vor dem Streik einen Vorrat vom entsprechenden Fahrzeugtyp angelegt hat. Presseberichten zufolge verfügt das Unternehmen über einen Lagerbestand, der die Nachfrage an dem hochprofitablen Fahrzeug über 114 Tage abdeckt.
Die Arbeitsniederlegung bei SHAP wurde von großem Presserummel begleitet, und die PR-Abteilung der UAW machte Überstunden. Fain posierte und begrüßte die Arbeiter bei SHAP persönlich und half beim Verteilen von Streikplakaten. Zusammen mit UAW-Schatzmeisterin Margaret Mock beteiligte sich Fain an einer Kundgebung vor dem Werk. Der Gewerkschaftsapparat behandelte die Beschäftigten, die erst kurz vor dem Streik benachrichtigt worden waren, bei diesem Fototermin als Statisten.
Der vorgetäuschte „Stand up“-Streik, der nun seit fast sechs Wochen läuft, gilt für nur 40.000 von 146.000 UAW-Mitgliedern bei GM, Ford und Stellantis – oder für kaum mehr als ein Viertel (27 Prozent) der UAW-Belegschaft der Detroit Three. Der Streik hat den Umsatz und die Gewinne der Unternehmen bisher kaum beeinträchtigt: Ford und General Motors verzeichneten im zweiten Quartal Verluste in Höhe von 500 Millionen Dollar, was 0,6 Prozent des Gesamtumsatzes der Unternehmen entspricht.
Wenn sie die Arbeiter bei SHAP zum Streik aufrufen, hoffen Fain und der Rest des UAW-Apparats, ein gewisses Maß an Rückhalt zu erlangen. Im nächsten Schritt werden sie aber einen Deal mit der Unternehmensleitung ankündigen, der einem Ausverkauf gleichkommt, und von dem sie wissen, dass er auf massiven Widerstand in der Belegschaft stoßen wird.
Bei Ankündigung der Arbeitsniederlegung erklärte Fain: „Derzeit hat Stellantis das schlechteste Angebot auf dem Tisch, was Lohnentwicklung, die Bezahlung von Zeitarbeitern und die Schaffung von Vollzeitstellen, den Inflationsausgleich und mehr angeht.“ Er wies jedoch auch darauf hin, dass die UAW kurz vor einer Einigung mit General Motors (GM) stehe, und nur noch „ein paar Feinheiten“ vorzunehmen seien. GM bietet lediglich eine Lohnerhöhung von insgesamt 23 Prozent über vier Jahre an, was kaum die Kosten der Inflation der letzten vier Jahre abdeckt. Der GM-Vorschlag hält an einer dreijährigen Lohnprogression fest, sieht keine Wiederherstellung der Renten vor, verspricht nicht die Übernahme aller Zeitarbeiter und bietet einen mehr als erbärmlichen einmaligen Bonus von 1.000 Dollar für Rentner.
Was den UAW-Apparat betrifft, so schlägt GM vor allem vor, seine Batteriewerke der Ultium LLC unter die Bedingungen des nationalen Tarifvertrags zu stellen, jedoch unter separaten Bedingungen, die „flexible“ Lohnsätze auf der Grundlage von „Produktion, staatlichen Subventionen und Kosten der Wettbewerber“ vorsehen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um einen Niedriglohnbetrieb, in dem die Arbeiter aber zur Gewerkschaftsmitgliedschaft mit entsprechenden Beitragszahlungen gezwungen werden.
Alles deutet darauf hin, dass Fain schon bald eine Einigung ankündigt und seine Unterschrift unter den Vertrag setzen möchte. Merrick Masters, Professor für Arbeitsstudien an der Wayne State University, sagte der Detroit Free Press angesichts der Arbeitsniederlegung bei SHAP: „Die UAW reagiert offensichtlich auf die Notwendigkeit, die Streikaktionen erfolgreich zu beenden.“
Die Bühne für Fain ist bereitet, um eine „Kapitulation“ von Stellantis zu verkünden, die sich in Wirklichkeit im Rahmen des von GM geforderten Ausverkaufs halten wird. Fain wird sodann eine Propagandaoffensive starten, um den Mitgliedern den Vertrag schmackhaft zu machen, und die Leitmedien, die Democratic Socialists of America (DSA) und andere pseudolinke Gruppen werden ihn lautstark dabei unterstützen.
Streikende SHAP-Arbeiter sagten der World Socialist Web Site, sie seien von der Streikankündigung völlig überrascht worden. Trotz alledem und angesichts von Fragen zur Wirksamkeit des „Stand Up“-Streiks zeigen sich die Arbeiter entschlossen, nach jahrzehntelangen Zugeständnissen und Opfern ein substanzielles Ergebnis zu erzielen.
Ein WSWS-Reporterteam verteilte eine Erklärung des Aktionskomitees bei Warren Truck, die zum Generalstreik bei den Detroiter Big Three und zur Verteidigung der Zeitarbeiter aufruft.
Eine Arbeiterin sagt dazu: „Nicht jeder versteht den Stand up-Streik.“ Und weiter: „Wir sind entschlossen, zu gewinnen. Genauso entschlossen wie Stellantis, die uns erstmal alles wegnehmen wollen.'
Eine andere Arbeiterin: „Wir brauchen die Leistungen zurück, die wir durch den Konkurs verloren haben.“ Sie bezieht sich damit auf die Renten sowie Zulagen und Gesundheitsleistungen für Rentner sowie andere Errungenschaften, die die UAW zusammen mit der Einteilung der Belegschaft in verschiedene Statusgruppen aufgegeben hatte.
Ein weiterer Arbeiter sagt: „Wir sind hier draußen, um das zu bekommen, was wir verdienen. Im Moment machen wir nur die Reichen noch reicher. Wir haben während Covid gearbeitet, waren dem Stress ausgesetzt, haben gesehen, wie Menschen krank wurden und starben. Ich bin dankbar, dass ich noch aufrechtstehe; unsere Körper werden so sehr belastet.“
Am selben Tag, an dem die UAW die Arbeitsniederlegung bei SHAP ankündigte, gab die Gewerkschaft bekannt, dass sie in letzter Minute eine vorläufige Einigung mit General Dynamics erzielt hatte, um einen Streik von 1.100 Beschäftigten dieses Rüstungsunternehmens zu verhindern. Nach Angaben der UAW sieht die vierjährige Vereinbarung eine miserable Lohnerhöhung von 14 Prozent, einen begrenzten Inflationsausgleich und die Beibehaltung einer Gehaltsprogression - mit anderen Worten: Gehaltsstufen - vor. Die UAW-Mitglieder in den Werken in Michigan, Ohio und Pennsylvania hatten zuvor mit 97 Prozent für einen Streik gestimmt.
Fain und der UAW-Apparat unterhalten engste Beziehungen zur Biden-Regierung. Die US-Regierung ist entschlossen, einen Streik der Beschäftigten von General Dynamics zu verhindern, die A-1 Abrams-Panzer und andere wichtige Waffen für den Stellvertreterkrieg von USA und Nato gegen Russland in der Ukraine herstellen und überholen. Das Unternehmen hat in den letzten drei Jahren über 22 Milliarden Dollar Gewinn gemacht und wird noch mehr machen, wenn Biden die Militärausgaben für die Ukraine, Israel und die wachsende Konfrontation mit China erhöht.
Vor zwei Wochen lehnten 4.000 Beschäftigte von Mack Trucks in Pennsylvania, Maryland und Florida einen von Fain ausgehandelten miesen Vertrag mit einer Mehrheit von drei zu eins ab und begannen einen Streik. Der Fünf-Jahres-Vorschlag beinhaltete eine Lohnerhöhung um 19 Prozent und eine Verlängerung des Arbeitstages von 8 auf 8,5 Stunden ohne Überstundenvergütung. Das Aktionskomitee von Mack Trucks hat einen offenen Brief an Fain verfasst, in dem es einen Generalstreik bei den Big Three fordert, um den Widerstand der Auto- und LKW-Hersteller zu brechen.
Als die SHAP-Beschäftigten von dem Deal mit General Dynamics erfuhren, reagierten sie mit Spott. Ein SHAP-Arbeiter mit 24 Jahren Betriebszugehörigkeit sagte: „Vierzehn Prozent - das ist nichts.“ Ein anderer Arbeiter meinte: „Vierzehn Prozent sind nicht viel Geld, 19 Prozent aber auch nicht. Das ist ein Schlag ins Gesicht.“
Ein älterer Arbeiter sagte: „Die Lebenshaltungskosten sind ein großes Thema. Ich fahre jeden Tag 100 Meilen zur Arbeit. Wie viele andere Arbeiter habe ich in zwei oder drei verschiedenen Werken gearbeitet. Ich fing bei Detroit Axle an, ging zu Warren Truck und kam hierher, weil es näher an meinem Zuhause ist. Man gibt pro Woche Hunderte Dollar für Benzin aus, und dann gibt es noch die weiteren Lebenshaltungskosten. Die Rechnungen werden nicht weniger.“
Und weiter: „Sie missbrauchen die Aushilfskräfte. Es ist außer Kontrolle geraten. Sie zahlen uns 30 Dollar pro Stunde und ihnen 15 Dollar. Wir bauen eine Menge Lastwagen. Das ist kein Zuckerschlecken. Es gibt viele miserable Jobs. Es ist wie in jedem Beruf: man muss einen Preis bezahlen. Der Preis, den wir zahlen, ist unser Körper. Man verdient sich Respekt, indem man jeden Tag zur Arbeit kommt. Ich arbeite seit 24 Jahren hier und bin nur einmal zu spät zur Arbeit gekommen, weil eine Zylinderkopfdichtung geplatzt war.“
Weiter sagte er: „Ich war schon bei der Armee. Beim Militär wird man missbraucht und ausgenutzt (aber überall sonst auch). Man geht zum Amt für Veteranen und versucht, Leistungen zu erhalten, aber man wird an der Nase herumgeführt. Dann geht man nicht mehr hin, gibt einfach auf mit all dem Mist, den man durchmacht. Aber das wollen sie gerade: Sie lassen dich so lange im Kreis laufen, bis du sagst ‚Vergiss es‘.“
Auf die Frage, was er von der Bombardierung des Gazastreifens halte, antwortete er: „Das ist furchtbar. Was den Krieg betrifft: ‚Der reiche Mann geht aufs College, der arme Mann geht in den Krieg.‘ So ist es nun einmal.“
Ein anderer Arbeiter äußerte die Befürchtung, dass die Einführung der Elektrofahrzeugtechnologie zu einem massiven Arbeitsplatzabbau führen könnte. „In den letzten 20 Jahren haben wir 45-50 Betriebe verloren. Sobald sie auf Elektrofahrzeuge umstellen, werden sie Arbeitsplätze abbauen.“ Das WSWS-Team sagte, dass die UAW bereit sei, einem Abkommen zuzustimmen, das niedrigere Löhne für die Beschäftigten in den Batteriewerken vorsieht. „Batteriearbeiter brauchen die gleichen Löhne und Leistungen“, meinte der Arbeiter dazu. Er stimmte auch der Forderung nach einer 32-Stunden-Woche zu.
Auf die Frage nach der Bombardierung des Gazastreifens durch Israel sagt er noch: „Das ist vollkommen unnötig.“ Er sei unglücklich darüber, dass „unsere Steuergelder“ den israelischen Angriff unterstützten. „Stellen Sie sich vor, was wir mit 100 Milliarden Dollar tun könnten“, sagte er mit Blick auf Präsident Bidens Antrag auf zusätzliche militärische Mittel für den israelischen Krieg gegen die Palästinenser und die Ukraine. „Was wäre, wenn sie das Geld, das sie 2008 den Banken gegeben haben, genommen und stattdessen jeder US-Familie 1 Million Dollar gegeben hätten?“
Arbeiterinnen und Arbeiter müssen sich jetzt darauf vorbereiten, sich dem drohenden Ausverkauf zu widersetzen, den die Gewerkschaftsbürokratie durchsetzen will. Dies erfordert die Erweiterung des Netzes an Aktionskomitees auf alle Fabriken und Betriebe, um die Forderungen der Arbeiter durchzusetzen. Sie sind nicht verhandelbar.
Diese Forderungen müssen inflationsangepasste Lohnerhöhungen, eine Wiederherstellung der gesetzlichen Rentenversicherung und der betrieblichen Gesundheitsversorgung für alle Arbeiter, sowie die Abschaffung aller Abstufungen von Arbeitergruppen im Betrieb, die sofortige Festanstellung aller aktuellen und künftigen Leiharbeiter und eine deutliche Rentenerhöhung für Ruheständler umfassen. Der Widerstand der Unternehmen gegen diese Forderungen kann nur durch die Mobilisierung der Beschäftigten in einem branchenweiten Streik gebrochen werden.
