Mario Keßler „Sozialisten gegen Antisemitismus“ und „Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus“

Die marxistische Bewegung und der Kampf gegen Antisemitismus und Zionismus

Mario Keßler (Hrsg.), Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus, Berlin: Dietz Verlag, 2022.

Mario Keßler, Sozialisten gegen Antisemitismus. Zur Judenfeindschaft und ihrer Bekämpfung (1844–1939), Hamburg: VSA-Verlag, 2022.

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich alle Seitenangaben auf diese beiden Bände.

Seit über 20 Monaten verübt die faschistisch-zionistische Regierung von Benjamin Netanjahu in Israel mit voller Unterstützung der imperialistischen Mächte barbarische Verbrechen gegen das palästinensische Volk, die mit dem Völkermord der Nazis an den europäischen Juden vergleichbar sind. Der fürchterliche Massenmord an den Palästinensern und die Rolle Israels als aggressiver Kampfhund des Weltimperialismus im Nahen Osten werfen grundlegende Fragen der historischen Perspektive auf: Wie kann der Zionismus bekämpft werden?

Dies erfordert vor allem ein historisches Verständnis der Entstehung des Zionismus und seiner Ideologie. Zwei aktuelle Bücher des deutschen Historikers Mario Keßler liefern wichtiges historisches und theoretisches Material zum Kampf der marxistischen Bewegung gegen Antisemitismus und Zionismus. Im Jahr 2022 veröffentlichte er einen Sammelband mit Schriften Leo Trotzkis zum Antisemitismus – den umfassendsten seiner Art in jeder Sprache – sowie eine Monografie, die den Kampf der sozialistischen Bewegung gegen den Antisemitismus beleuchtet. Dieser Band enthält auch eine bedeutende Sammlung von Artikeln von Marxisten zum Kampf gegen den Antisemitismus. 

Das Cover von Keßlers Buch „Sozialisten gegen Antisemitismus'

Keßler ist Senior Fellow am Zentrum für Zeitgeschichte in Potsdam und Experte für die Geschichte der europäischen Juden und der Arbeiterbewegung. Er hat sich seit langem als prinzipieller Verteidiger der historischen Wahrheit hervorgetan. 2011 unterzeichnete er einen offenen Brief von 14 Historikern gegen die Veröffentlichung einer verleumderischen Pseudo-Biografie von Robert Service über Leo Trotzki, die voller Fehler, Fälschungen und antisemitischer Anspielungen war.

Das Cover von Keßlers Buch „Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus“

Keßler erklärt gleich zu Beginn, dass beide Bücher von dem Wunsch motiviert waren, der Kampagne entgegenzutreten, die Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzt und unter diesem Vorwand Angriffe auf demokratische Rechte rechtfertigt. Vor allem in Großbritannien und Deutschland richtete sich diese Kampagne schon früh gegen linke Opposition gegen den Zionismus und versuchte, Widerstand gegen Krieg, Kapitalismus und Imperialismus ganz allgemein zu kriminalisieren. Während der Studentenproteste gegen den Völkermord in Gaza seit Oktober 2023 ist diese Lüge benutzt worden, um polizeistaatliche Maßnahmen gegen Demonstranten in den USA und international zu rechtfertigen.

Keßler schreibt aus der Perspektive eines linken Zionisten, der die brutale Unterdrückung des palästinensischen Volkes ablehnt, aber die Gründung des Staates Israel als unvermeidliche Folge der Katastrophen des 20. Jahrhunderts betrachtet. Er hat zwar großen Respekt für den Kampf der marxistischen Bewegung und insbesondere Leo Trotzkis gegen Antisemitismus und Zionismus, glaubt aber, dass dieser Kampf in einer unrealistischen „Utopie des Sozialismus“ und der Abschaffung des Nationalstaatensystems begründet war. Diese Position verzerrt seine Analyse an mehreren Stellen in wichtiger Hinsicht. Sie bildet auch die Grundlage für eine ahistorische Kritik der marxistischen Herangehensweise an ein Problem, das sich im Laufe der Geschichte als eines der komplexesten Probleme der sozialistischen Revolution herausgestellt hat.

Karl Marx und die Emanzipation der Juden in der Zeit der bürgerlich-demokratischen Revolutionen

In seiner Darstellung des Aufstiegs des modernen Antisemitismus betont Keßler die gescheiterten Revolutionen von 1848/49. Er weist darauf hin, dass die bedeutendsten Pogrome des 19. Jahrhunderts am Vorabend dieser Revolutionen stattfanden. In Deutschland stand damals die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung auf der Seite der bürgerlich-demokratischen Revolution. Dies festigte in den Köpfen der Reaktionäre die Verbindung zwischen „Juden“ und „Revolution“. Darüber hinaus, so Keßler trug die Tatsache, „dass viele Juden dem Geist der Revolution die Treue hielten, während das deutsche Bürgertum sich immer mehr davon abwandte, … zur Herausbildung und Verstärkung antijüdischer Vorurteile in der bürgerlichen Öffentlichkeit bei“. (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 26)

Keßler gibt Einblicke in den Aufstieg des Antisemitismus in Mitteleuropa. Allerdings entwickelt er die grundlegende Verbindung zwischen der Emanzipation des jüdischen Volkes und der Entwicklung der sozialen Revolution nur ansatzweise. Er geht kaum auf die Auswirkungen der Französischen Revolution von 1789 ein, die zur politischen Emanzipation großer Teile der westeuropäischen Juden führte. Dieser Zusammenhang zwischen sozialer Revolution, Demokratie und der Emanzipation der Juden hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den aufkommenden politischen Antisemitismus der reaktionären Kräfte in ganz Europa, insbesondere im Zarenreich Russland, angeheizt. (Siehe: Antisemitismus und Russische Revolution)

Diese Schwäche wirkt sich auch auf seine Diskussion über Karl Marx’ Herangehensweise an die Judenfrage aus. In seiner Diskussion der spärlichen Schriften von Marx zu diesem Thema legt Mario Keßler großes Gewicht auf Bemerkungen von Marx über die jüdische Herkunft einiger seiner Gegner wie Ferdinand Lassalle. Dabei ignoriert Keßler die grundlegenden politischen Differenzen, die Marx mit Lassalle hatte, dessen Orientierung an den preußischen Staat und den deutschen Nationalismus Marx und Engels als Teil ihres Kampfes für eine konsequente revolutionäre internationalistische Ausrichtung der deutschen Arbeiterbewegung ablehnten.

Viele dieser Passagen in den ersten Kapiteln lesen sich wie ein politisches Zugeständnis an diejenigen, die behaupten, dass die Ursprünge eines vermeintlichen „linken Antisemitismus“ auf einige Schriften von Marx selbst zurückgehen. Dies ist in der Tat ein alter Topos. (Siehe auch: Ein Briefwechsel über Marx und die Frage des Antisemitismus)

Auch wenn einige Bemerkungen von Marx in seiner privaten Korrespondenz heute unangenehm klingen mögen, lassen sie sich historisch erklären. Ähnliche Äußerungen finden sich in den Schriften fast aller Zeitgenossen von Marx, von denen viele wie er Juden und überzeugte Gegner des Antisemitismus waren. Es ist schlicht ahistorisch, Marx und seinen Zeitgenossen unser heutiges Verständnis und unsere Sprache zu diesem Thema aufzuzwingen, die durch den Aufstieg des modernen Antisemitismus, des Faschismus und des Holocausts sowie durch über ein Jahrhundert Forschung geprägt sind. Das erschwert ein wirkliches Verständnis der Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen mussten.

In einem wichtigen Essay aus dem Jahr 1977 betonte der amerikanische Marxforscher Hal Draper, dass die objektive soziale Stellung der Juden die Grundlage für das Stereotyp des „wirtschaftlichen Juden“ bildete, mit dem Kessler Probleme hat. Zuerst im Mittelalter und dann in den frühen Phasen der kapitalistischen Entwicklung hatten Gesetze einen Großteil der jüdischen Bevölkerung in Europa auf die wirtschaftliche Rolle von Geldverleihern, Händlern und anderen Zwischenhändlern beschränkt. Die „Judenfrage“ aus dieser sozioökonomischen Perspektive anzugehen, war das Markenzeichen der politischen Linken in ihrem Kampf für die politische und soziale Emanzipation der Juden. Wie Draper feststellte: „Es war die konservative Rechte, die ihre Abneigung gegen das Judentum meist in religiösen und rassistischen Begriffen ausdrückte; es war die Mitte-Links-Bewegung, die die wirtschaftliche Rolle des Judentums, der wirtschaftlichen Juden, in den Vordergrund stellte.“[1]

Karl Marx als junger Mann

Keßlers Kritik an der Marx’schen Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 leidet unter dem gleichen ahistorischen Ansatz. Marx schrieb den Aufsatz zu einer Zeit, als über die Geschichte des jüdischen Volkes fast nichts bekannt war und er selbst seine Methode des historischen Materialismus noch nicht vollständig entwickelt hatte. Er betrachtet das Auftauchen der Juden als Kaufleute und Händler in Europa genau aus der Perspektive, die Hal Draper als charakteristisch für die Linke vor 1848 identifiziert hat: „Die eigentliche Frage der Zeit hatte nichts mit der Verwendung von Sprache über das Judentum zu tun, die auf dem allgemein akzeptierten Stereotyp des Wirtschaftsjuden beruhte. Die wirkliche jüdische Frage lautete: Für oder gegen die politische Emanzipation der Juden? Für oder gegen gleiche Rechte für Juden? Das war die jüdische Frage, die Marx diskutierte, nicht die, die ein Jahrhundert später die Köpfe einer kranken Gesellschaft beherrschte.“[2]

Und in dieser zentralen Frage war Marx’ Position richtig und durch und durch revolutionär. In seiner Kritik am idealistischen Junghegelianer Bruno Bauer, der die Emanzipation der Juden als „egoistische“ Forderung der jüdischen Bevölkerung ablehnte und sie als Frage der Religionsfreiheit betrachtete, betonte Marx, dass die Emanzipation der Juden eine politische und demokratische Frage sei, die untrennbar mit der Entwicklung der sozialen Revolution und der Emanzipation der Gesellschaft als Ganzes verbunden sei. Außerdem bestand Marx schon in dieser relativ frühen Phase seiner Entwicklung darauf, diese Frage von einem Klassenstandpunkt zu betrachten. Um Draper noch eimal zu zitieren, war der Aufsatz von Marx

… ein Beitrag zu einer heiß umkämpften Kampagne für die politische Emanzipation der Juden – aber nicht im Namen der „christlichen und jüdischen Großkaufleute, Fabrikbesitzer, Bankiers und Versicherungsdirektoren, die die Petitionen verfasst hatten“. Vielmehr ging es darum, zu zeigen, wie man diesen aktuellen Kampf mit dem späteren Kampf gegen genau diese Herren verbinden kann. Sein Ziel war es, die politische Emanzipation heute zu unterstützen, um die soziale Emanzipation morgen zu ermöglichen. Daher auch die letzten Worte: „Die gesellschaftliche Emanzipation der Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ [3]

Die gescheiterten Revolutionen von 1848 zeigten, dass die Bourgeoisie in Deutschland nicht in der Lage war, die Aufgaben der demokratischen Revolution zu erfüllen. Karl Marx betonte deshalb die Notwendigkeit einer „Revolution in Permanenz“ und des politisch unabhängigen Handelns der Arbeiterklasse. Aus historischen Gründen hat Marx die Schlussfolgerungen dieser Analyse für das Schicksal der jüdischen und anderer unterdrückter Völker nie weiter entwickelt. Doch seine grundlegende Orientierung auf die soziale Revolution und die Arbeiterklasse als entscheidenden Hebel für die Emanzipation der Juden und alle anderen ungelösten Probleme der bürgerlich-demokratischen Revolution sollte sich im Kampf der sozialistischen Bewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als richtig erweisen.

Keßler trennt die Behandlung der „Judenfrage“ von diesem umfassenderen Problem der strategischen Entwicklung der sozialen Revolution und kommt zu dem Schluss, dass die Hauptschwäche der frühen marxistischen Bewegung darin bestand, dass sie keine „lange Lebensdauer“ für das jüdische Volk vorsah. Keßler hat mehr Sympathie für Moses Hess, einen der Vorfahren des Zionismus, den er als Pionier der „jüdischen Emanzipation“ zu rehabilitieren versucht. Hess, der vor der Revolution von 1848 mit Karl Marx zusammengearbeitet hatte, schrieb 1862 Rom und Jerusalem: Die letzte nationale Frage, in dem er einige der wichtigsten Argumente aus Theodor Herzls späterem Buch Der Judenstaat vorwegnahm. Keßler zitiert Hess nicht, sympathisiert aber offensichtlich mit dessen wichtigster Schlussfolgerung aus der Niederlage der Revolutionen von 1848: „Die gesamte Geschichte ist eine Geschichte von Rassen- und Klassenkämpfen. Rassenkriege sind der primäre, Klassenkriege der sekundäre Faktor.“ (Zu Moses Hess und den Ursprüngen des Zionismus siehe auch: David North: „Völkermord in Gaza: Der Imperialismus stürzt in den Abgrund“)

Moses Hess im Jahr 1870 [Photo: Unknown]

Diese grundlegende These wird jedoch durch Keßlers eigene Darstellung der starken Reaktion der Sozialdemokratie auf den immer aggressiveren politischen Antisemitismus der 1880er und 1890er Jahre widerlegt. Ausgehend von einer Klassenanalyse der Probleme der modernen Gesellschaft führte die sozialistische Bewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen konsequenten Kampf gegen den Antisemitismus, der in der Emanzipation der Juden im Russischen Reich gipfelte. Dieser Kampf verlieh dem Marxismus in den Augen von Millionen Unterdrückten auf der ganzen Welt enorme Autorität.

Sozialdemokratie und der Kampf gegen Antisemitismus

Unter dem maßgeblichen Einfluss von Friedrich Engels bezog die deutsche Sozialdemokratie in ihrem Erfurter Programm eine klare programmatische Position gegen Antisemitismus. Vor allem ab 1890 stellte die SPD dieses Thema in ihrer Bildungs- und Propagandaarbeit stark in den Vordergrund. Keßler schreibt dazu:

Oftmals sprengten Sozialdemokraten antisemitische Versammlungen. Für die Zeit der Anti-Sozialistengesetze liegen Informationen über mindestens 60 solcher Aktionen vor, für die Zeit zwischen 1890 und 1900 sogar 400 Fälle. Daneben setzten sich Sozialdemokraten auf eigenen Veranstaltungen intensiv mit Antisemitismus auseinander. Laut Reinhard Rürup befassten sich in den Jahren 1891 bis 1893 über 30 öffentliche Versammlungen der SPD mit dem Thema des Antisemitismus. …Bei Wahlen stellte sie jüdischen Kandidaten auf, wovor die meisten bürgerlichen Parteien und Wählervereinigungen aus Rücksicht vor antisemitischen Vorurteilen der Wähler zurückschreckten. (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 79)

Keßler zitiert einen anderen Historiker, der zu dem Schluss kam, dass es „kein anderes politisches Lager und keine große soziale Schicht in Deutschland“ gab, „die mit solcher Konsequenz und — relativ gesehen, d.h. im Hinblick auf die Angehörigen der Bewegung — mit solchem Erfolg den Antisemitismus bekämpft und geächtet hat“. (Ebd.)

Alfred Dreyfus

In Frankreich waren antisemitische Vorurteile in kleinbürgerlichen Schichten weit verbreitet und beeinflussten auch viele anarchistische und kleinbürgerlich-radikale Denker, gegen die Karl Marx polemisiert hatte. Das vielleicht bemerkenswerteste Beispiel dafür war Proudhon, der 1847, in einer Zeit gewalttätiger antisemitischer Pogrome, schrieb: „[D]er Jude ist der Feind der Menschheit, man muss diese Rasse nach Asien zurückschicken oder sie ausrotten.“ (Zitiert ebenda, S. 101). Im Gegensatz dazu spielte, wie Keßler zeigt, Jean Jaurès, der wichtigste Führer der französischen Sozialdemokratie, eine ehrenvolle Rolle im Kampf gegen den Antisemitismus, insbesondere im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre, in der Alfred Dreyfus, ein französischer jüdischer Offizier, des Landesverrats beschuldigt wurde.

Jean Jaurès

Nirgendwo war die sogenannte Judenfrage so akut wie im Russischen Reich, damals der Lebensmittelpunkt eines Großteils der jüdischen Bevölkerung der Welt. Da es im Russischen Reich im Gegensatz zu Mittel- und Westeuropa nicht einmal im Ansatz eine bürgerlich-demokratische Revolution gegeben hatte, blieben die Juden ihrer Bürgerrechte beraubt und waren größtenteils nicht assimiliert.

Der Großteil der jüdischen Bevölkerung des Russischen Reiches musste im „Ansiedlungsrayon“ leben, der ungefähr das heutige Gebiet der Ukraine, große Teile Polens und die baltischen Staaten umfasste. Die jüdische Bevölkerung dieser Region sprach Jiddisch und war hauptsächlich im Handel und in handwerklichen Berufen tätig. Als der industrielle Kapitalismus zur Proletarisierung großer Teile der jüdischen Bevölkerung führte, entwickelte sich diese schnell zu einem der aktivsten Teile der Arbeiterbewegung.

Karte des Ansiedlungsrayons

Die wichtige Rolle der jüdischen Arbeiter in der revolutionären Bewegung, gepaart mit den mittelalterlichen Vorurteilen der orthodoxen Kirche gegenüber Juden, führten zu einer besonders aggressiven und heftigen Form des modernen politischen Antisemitismus. Die explizite Verbindung von Juden mit der revolutionären Bewegung, die in Werken wie den Protokollen der Weisen von Zion zum Ausdruck kam, bildete die ideologische Grundlage für antisemitische Pogrome, die vom zaristischen Regime gefördert wurden und antisemitische und faschistische Denker in ganz Europa beeinflussten.

Diese Verbindung zwischen Antisemitismus und Konterrevolution wurde zum Kernpunkt der marxistischen Opposition gegen den Antisemitismus. Sie wird in vielen Artikeln revolutionärer Sozialisten dieser Zeit, darunter Rosa Luxemburg, Karl Kautsky, Julian Marchlewski (Karski) und Trotzki, die Keßler als Anhang zu seinem Band abdruckt, erklärt und entschieden abgelehnt. Ihre Artikel sind ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der marxistischen Position zum Antisemitismus und widerlegen überzeugend die Lüge, es gäbe eine tief verwurzelte Tradition des Antisemitismus „in der Linken“. 

Die Reaktion der marxistischen Bewegung auf das Aufkommen des Zionismus

Der Aufstieg des modernen politischen Antisemitismus in der europäischen Politik fiel mit dem Aufkommen des Zionismus zusammen. Der Zionismus entstand in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts als eine von mehreren ethnisch-nationalistischen Bewegungen in Mittel- und Osteuropa. Im Gegensatz zu den nationalen Bewegungen früherer Zeiten hatten diese Bewegungen des Ethnonationalismus eine deutlich antidemokratische und rassistische Komponente und lehnten die Prinzipien der Aufklärung und der bürgerlich-demokratischen Revolutionen ab.

Im Jahr 1896 entwickelte Theodor Herzl, ein österreichischer Jude aus einer assimilierten Familie der Oberschicht, in seinem Werk Der Judenstaat die Grundprinzipien des Zionismus. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die zionistische Bewegung schwach und beschränkte sich weitgehend auf privilegierte Schichten der jüdischen Bourgeoisie und Mittelschicht in Mitteleuropa. Im Russischen Reich gewann die zionistische Bewegung erst nach der blutigen Niederschlagung der Revolution von 1905 an Bedeutung, auf die das zaristische Regime mit einer Welle schwerer antisemitischer Pogrome reagierte. Die Folge war eine große Auswanderungswelle von Juden nach Palästina, darunter auch David Ben-Gurion, der spätere erste Ministerpräsident des zionistischen Staates.

Theodor Herzl, der Vater des modernen politischen Zionismus [Photo: Carl Pietzner]

Keßler geht, wohl auch wegen seines eigenen politischen Zionismus, nur oberflächlich auf die Reaktion der marxistischen Bewegung auf dessen Entstehung ein. Trotzdem weist er auf wichtige Schriften von Max Zetterbaum in der Neuen Zeit, dem wichtigsten theoretischen Organ der Sozialdemokratie, hin. In einem Essay von 1901 mit dem Titel „Probleme der jüdischen proletarischen Bewegung“ entwickelte Zetterbaum eine scharfsichtige soziologische und politische Analyse der Ursprünge des Zionismus, den er als „Reaktion der jüdischen Bourgeoisie auf den modernen Antisemitismus“, das Wachstum der Arbeiterbewegung und die revolutionäre Epoche im weiteren Sinne bezeichnete. Wie Zetterbaum feststellte, betonen die Zionisten „als oberstes Prinzip die Zusammengehörigkeit und untrennbare Einheit aller Juden. Für den Klassenkampf innerhalb des Judentums haben sie keinen Raum.“

Es ist bedauerlich, dass Keßler diesem aufschlussreichen Artikel nicht mehr Raum widmet, denn er hilft, viele Dynamiken zu erklären, die bis heute in der israelischen Gesellschaft und darüber hinaus wirken. Zetterbaum schrieb:

Die zionistische Weltanschauung ist geschlossen, schematisch und konsequent. Wie Antisemitismus und Zionismus ihrer Entstehung und ihrem Dasein nach bloß zwei Seiten einer und derselben Entwicklung der bürgerlichen Klasse sind, so stellt sich auch die zionistische Weltanschauung als der ins Jüdische übersetzte Antisemitismus dar.

Aus allen Reden und Schriften der Zionisten leuchtet das Bekenntnis heraus, sie betrachten den Antisemitismus als eine ewige, den Ariern angeborene, in deren Organismus wurzelnde Tatsache. Zwischen Juden und Nichtjuden bestehe ein Gegensatz, eine Antipathie, die geschichtliche Ereignisse nicht beseitigen können. Und diese „Tatsache“ freut die Zionisten, denn sie gibt ihnen die Gewähr der Sonderung des jüdischen Volkes von den anderen Völkern. Alles, was diese Sonderung aufheben könnte, wird von ihnen verhöhnt und geschmäht. Freiheit und Gleichheit und Menschenverbrüderung sind ihnen Namen ohne Inhalt, konventionelle Lügen, Worte ohne Wert. … Übrigens kann das bürgerliche Israel am wenigsten über die Nutzlosigkeit dieser Kämpfe klagen; seine heutige rechtliche Lebensstellung und -betätigung ist die Frucht dieser Kämpfe. – Kann das zionistische Israel den ethischen Pessimismus, den Unwert von Freiheit und Gleichheit dem Bürgertum verkünden, so darf das jüdische Proletariat bei Strafe des Selbstmordes ihm nicht folgen. Es ist eine kämpfende, aufsteigende Klasse und erzielt seine Erfolge auf dem Glauben an Freiheit und Fortschritt, es erzielt sie dank dem brüderlichen Vorgehen der „arischen“ Proletarier. Für das Proletariat bleiben Freiheit und Gleichheit treibende Gewalten, reale Lebenspotenzen.

Wenn der Zionismus alle sittlichen Ideale der Neuzeit leugnet und alle Elemente der Menschenverbrüderung ausscheidet, so sucht er naturgemäß seine Bejahung in allem, was die Juden von den Anderen unterscheidet und sie hauptsächlich zu Juden macht.[4]

Dieses Weltbild, schloss Zetterbaum, lag dem obsessiven Fokus des Zionismus auf die Religion zu Grunde, der wiederum selbst die Ablehnung der grundlegenden demokratischen Prinzipien der bürgerlichen Revolution und der Idee der Emanzipation und Assimilation der Juden widerspiegelte. Zetterbaum hob auch die zutiefst antidemokratischen Vorstellungen des Zionismus hervor. Theodor Herzls Judenstaat befürwortete ausdrücklich die Oligarchie als ideale Regierungsform, verurteilte das Volk als unwissend und grundlegende demokratische Rechte wie die Versammlungsfreiheit als schädlich.[5]

Zetterbaum stellte dann fest, dass die Zionisten in Wirklichkeit die besten Freunde der beiden europäischen Regierungen waren, die am engsten mit antisemitischer Gesetzgebung und Militarismus verbunden waren: der deutsche Kaiser und der russische Zar. Die deutschen Zionisten unterstützten leidenschaftlich das militaristische Programm des deutschen Imperialismus, für das die jüdische Bevölkerung weniger als ein halbes Jahrhundert später einen furchtbaren Preis zahlen musste. Im Russischen Reich lobten die Zionisten den Zaren, der ein notorischer Antisemit war und dessen Regierung die blutigsten Pogrome dieser Zeit mitfinanzierte, als „Freund der Menschheit“ – vor allem, weil die Pogrome die Auswanderung der Juden nach Palästina beschleunigten.[6]

Zetterbaums Artikel zeigt, dass die marxistische Bewegung schon früh die Klassenbasis und Funktion des Zionismus erkannt hatte. Als Bewegung war der Zionismus von Anfang an nicht auf die Emanzipation des jüdischen Volkes durch eine soziale Revolution ausgerichtet, sondern auf die Festigung der Klassenposition einer Schicht der jüdischen Bourgeoisie durch Abmachungen mit den imperialistischen Mächten. In dem Maße, in dem die europäischen imperialistischen Regierungen in ihren eigenen Ländern antijüdische Gewalt schürten, würde dies nach der zynischen Berechnung der Zionisten ihrem kolonialistischen Projekt in Palästina helfen. Die Geschichte des Zionismus hat die Richtigkeit von Zetterbaums Analyse immer wieder bestätigt: Von den 1930er Jahren bis heute haben sich die Zionisten wiederholt mit antisemitischen faschistischen Kräften in Europa und den USA verbündet, um ihr imperialistisches Projekt durchzusetzen.

Keßler weist auch auf die wichtige Tatsache hin, dass die führenden Vertreter des Reformismus in der Zweiten Internationale schon früh zu Befürwortern des zionistischen Projekts wurden. Ihre Fürsprache für den Zionismus war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Orientierung am Nationalismus, den imperialistischen Mächten und dem kapitalistischen System im Allgemeinen. Dazu gehörte auch der Führer des reformistischen Flügels, Eduard Bernstein, der den Zionismus als Teil seiner allgemeinen Unterstützung für die Kolonialpolitik des Imperialismus befürwortete. Keßler verweist auch auf die Äußerungen des Reformisten Ludwig Quessel, der während des Ersten Weltkriegs ausdrücklich das Projekt eines ethnisch-nationalistischen jüdischen Staates befürwortete und forderte, dass die arabische Bevölkerung Palästinas „Lebensraum“ für „die jüdische Kolonisation im Stammland der Judenheit“ schaffen solle. (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 139)

Mit gewissem Unbehagen stellt Keßler fest, dass „die womöglich schärfste Kritik am frühen Zionismus“ (S. 132) von Leo Trotzki verfasst wurde, der 1903 am Zionistischen Weltkongress in Basel teilnahm. Zu dieser Zeit befand sich die zionistische Bewegung in einer tiefen Krise, was Trotzki dazu veranlasste, ihren „Zerfall“ und ihr baldiges Ende vorherzusagen. In einem Artikel für Lenins Zeitung Iskra, der am 1. Januar 1904 veröffentlicht wurde, verurteilte Trotzki nicht nur den Zionismus, sondern auch den Jüdischen Arbeiterbund, der zwar den Zionismus ablehnte, aber eine bestimmte Form des jüdischen kulturellen Nationalismus vertrat.

Leo Trotzki 1902

Um die Jahrhundertwende hatte sich der Jüdische Arbeiterbund als Fraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie herausgebildet. Er lehnte den Zionismus ab und setzte sich stattdessen für einen gemeinsamen Kampf der jüdischen und nichtjüdischen Arbeiter im Ansiedlungsrayon ein, vertrat aber eine besondere Form des kulturellen Nationalismus, in dessen Mittelpunkt die Förderung des Jiddischen als nationale Sprache der Juden stand. In ihrer Vorstellung von der Entwicklung der russischen Revolution teilten die Anhänger des Bundes die nationale Konzeption der Menschewiki: Als nächsten Schritt sahen sie eine bürgerlich-demokratische Revolution im Russischen Reich vor, auf die in ferner Zukunft eine sozialistische Revolution folgen sollte. Wie die Menschewiki befürworteten sie daher ein Bündnis mit der liberalen Bourgeoisie.

Auf dem Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1903 bestand der Bund auf seinem „Recht“ auf die ausschließliche Vertretung der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon. Ihre Forderung, die die Partei entlang national-religiöser Linien gespalten hätte, wurde von Trotzki, Lenin und Plechanow abgelehnt. Die Delegation des Bunds verließ schließlich den Kongress und sorgte dafür, dass Lenin später auf diesem Kongress die Mehrheit der Stimmen in seinem Konflikt mit den sogenannten Menschewiki, also den „Anhängern der Minderheit“, erhielt. („Bolschewiki“ bedeutet „Anhänger der Mehrheit“.)

Obwohl Trotzki zu diesem Zeitpunkt Lenins erbitterten Kampf gegen den Opportunismus der Menschewiki nicht unterstützte, waren beide gegen eine Zusammenarbeit mit der liberalen Bourgeoisie oder Zugeständnisse an alle Formen des Nationalismus, ob russischer oder jüdischer. Trotzki entwickelte sich auf dem Kongress von 1903 sogar zum schärfsten Kritiker des Bunds. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache – die Keßler nicht erwähnt –, dass Trotzki und Lenin trotz zeitweise grundlegender politischer Meinungsverschiedenheiten in anderen Fragen in ihrer klassenbasierten Opposition gegen den jüdischen Nationalismus vereint waren. Diese Haltung verband sie zudem mit Rosa Luxemburg und Georgi Plechanow, der die Bundisten einmal pointiert als „Zionisten, die Seekrankheit haben“ bezeichnete.

In seinem kaum bekannten Artikel von 1904 griff Trotzki den Bund scharf dafür an, dass er nationale Überlegungen über Klassenfragen stellte. In den vorangegangenen fünf Jahren, so Trotzki, habe sich der Bund einer Position zugewandt, in der „der Klassenstandpunkt dem nationalen Standpunkt untergeordnet ist, die Partei unter die Kontrolle des Bunds gestellt wird, das Allgemeine dem Besonderen geopfert wird“. Er schrieb:

Der Austritt des Bunds aus der Partei ist der Schlusspunkt und das Ergebnis dieser fünfjährigen Entwicklung. Und die Tatsache der vollständigen „offiziellen“ Isolierung des Bunds wird wiederum unweigerlich als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung des Bunds in Richtung Nationalismus dienen. Wir sagen: unvermeidlich, denn der böse Wille ihrer nationalpolitischen Position hängt über dem guten Willen der Führer des Bunds. Die Tatsache, dass der Austritt des Bunds aus der Partei mit dem Moment der fatalen Krise des Zionismus zusammenfiel, scheint als historisches „Banner“ zu dienen. Befreit von der Kontrolle des „Allgemeinen“ und des „Regulären“, öffnete der Bund weit die Tür zum „Besonderen“. Objektiv betrachtet stellt er nun einen Organisationsapparat dar, der besser denn je geeignet ist, das jüdische Proletariat vom Weg der revolutionären Sozialdemokratie auf den Weg des revolutionär-demokratischen Nationalismus zu führen. Natürlich gibt es im subjektiven Bewusstsein der Führer des Bunds noch genügend sozialdemokratische „Erfahrungen“, um gegen eine solche Ausrichtung zu kämpfen. Aber die Logik der Tatsachen ist stärker als die Starrheit des Denkens.[7]

Auch wenn der Verlauf der historischen Entwicklungen nicht genau der Prognose Trotzkis entsprach, sollte sich seine Vorhersage, dass sich der Bund irgendwann dem Zionismus anpassen würde, nach dem Zweiten Weltkrieg doch bewahrheiten.

Leo Trotzki, die Russische Revolution und der Stalinismus

Es ist ein großes Verdienst Keßlers, dass er den Lesern dieses und andere wenig oder gar nicht bekannte Werke Trotzkis über Antisemitismus und Zionismus vorstellt. Sein zweites Buch mit dem Titel Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus ist die umfassendste Sammlung von Trotzkis Schriften zu diesem Thema überhaupt. Es enthält mehrere kaum bekannte Artikel von Trotzki, darunter vor allem seinen Aufsatz über den Beilis-Prozess von 1913. Dieser wurde ursprünglich 1914 in der theoretischen Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie, Die Neue Zeit, veröffentlicht und dann 1926 in der sowjetischen Ausgabe von Trotzkis Gesammelten Werken wiederabgedruckt, aber nie vollständig ins Englische übersetzt.[8]

1911 wurde Menahem Mendel Beilis, ein jüdischer Arbeiter in einer Fabrik in Kiew, beschuldigt, einen kleinen Jungen in einem „Ritualmord“ getötet zu haben – eine abscheuliche Wiederaufnahme der alten Blutverleumdung gegen das jüdische Volk. Die wahren Mörder des Jungen waren bekannt, wurden aber vom „Rechtssystem“ des Zaren geschützt, das darauf aus war, Beilis an den Pranger zu stellen. Der Prozess war eine ebenso finstere wie abstoßende Zurschaustellung der rückständigsten und absurdesten antisemitischen Vorurteile, die in den Köpfen der zaristischen Familie, führender Staatsbeamter und ihrer obskurantistischen Verbündeten in der orthodoxen Kirche vorherrschten.

Menahem Mendel Beilis

Der Aufsatz ist ein beeindruckendes Beispiel für Trotzkis brillanten und leidenschaftlichen marxistischen Journalismus. Trotzki nimmt im Detail die Affäre auseinander, die, wie er schreibt „den Charakter einer von Staats wegen organisierten grandiosen Fälschung gegen einen einzelnen Menschen“ angenommen hatte, „gegen einen hilflosen, schwachen jüdischen Arbeiter, die Verkörperung der politischen und bürgerlichen Rechtlosigkeit“. Vor allem aber deckt er die sozialen und politischen Kräfte auf, die hinter dem Prozess standen und als Katalysator für die enormen Klassen- und politischen Spannungen im Russischen Reich dienten. Diese Spannungen sollten bald gewaltsam und offen an den Tag treten, zuerst im Ersten Weltkrieg und dann in den Revolutionen von 1917. Trotzki erkannte, dass der Prozess „eine neue Epoche tiefer revolutionärer Erschütterungen verkündet“ und schrieb:

Die Ungeheuerlichkeit dieser verbrecherischen Tat bohrte sich tagein, tagaus in das Gewissen der Leute hinein. Die Auflagen der oppositionellen Presse verdoppelten und verdreifachten sich, während der Kreis der Leser sich wahrscheinlich verzehnfachte. Viele Millionen stürzten sich täglich auf die Zeitung und lasen sie mit geballten Fäusten und mit Zähneknirschen. Politisch Indifferente sprangen erregt und erschreckt auf, als wären sie unterwegs im Eisenbahnwagen von einer Katastrophe überrascht worden. Leute, die sich als konsequente Gegner der herrschenden politischen Ordnung betrachteten, mussten sich täglich aufs Neue überzeugen, dass sie die Herrschenden niemals für so niederträchtige Schurken gehalten hatten, wie sie sich in Wirklichkeit erwiesen… Die Regierung hat mit dem Kiewer Ritualmordprozess nicht nur ihre grenzenlose Niedertracht, sondern auch ihre Schwäche öffentlich enthüllt…..zu dem Bewusstsein der Volksmassen spricht die deutliche, klare Tatsache, dass ein Dutzend sorgfältig zusammengesuchter Leute einen Monat lang von aller Welt abgesperrt, von Fälschungen umsponnen, von dem Gift der antisemitischen Hetze betört und von der Autorität der Monarchie und Kirche terrorisiert wurden, und es trotz alledem nicht über ihr Gewissen zu bringen vermochten, die ihnen aufgetragene Schurkerei zu vollbringen und den Angeklagten schuldig zu sprechen. Die Geschworenen erwiderten auf die Schuldfrage mit dem Urteil, „Nein, er ist unschuldig!“ Der Zarismus ging also trotz seiner äußeren Machtfülle in den Augen des Volkes als moralischer Bankrotteur aus dem Prozess hervor. (Leo Trotzki, „Die Beilis-Affäre“, in: Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus, S. 113–114. Online hier verfügbar)

Ein antisemitisches Flugblatt, das vor dem Beilis-Prozess in Kiew verteilt wurde. Die Überschrift lautet: „Orthodoxe russische Bevölkerung, gedenkt des Namens des Jugendlichen Andriy Yushchinskyi, der von den Juden gemartert wurde! Ewige Erinnerung an ihn! Christen, schützt eure Kinder!!! Am 17. März beginnt das Passahfest der Jidden [eine ethnische Beleidigung für Juden].“

Trotzkis Vorhersage sollte sich weniger als fünf Jahre später bewahrheiten. In der Februarrevolution 1917 wurde das zaristische Regime gestürzt. Die jüdische Bevölkerung des ehemaligen Russischen Reiches erhielt erstmals volle Bürgerrechte. Kurz darauf führten die Bolschewiki in der Oktoberrevolution die Arbeiterklasse zur Machtübernahme. Keßler schreibt: „In der Revolution verband sich der Kampf gegen die Pogromisten unmittelbar mit dem Kampf gegen eine Gesellschaft, deren herrschende Ideologie den Nährboden für den Judenhass abgab.“ (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 165)

Keßler bezeichnet den Bürgerkrieg korrekterweise als „antisemitischen Kreuzzug“ und gibt einen kurzen Überblick über den Stand der Forschung zu diesem Thema, wobei er den „konsequenten“ Kampf der Bolschewiki gegen den Antisemitismus würdigt. Er geht, wenn auch nur kurz, auf die Tatsache ein, dass diese historische Erfahrung einen Umbruch in der jüdischen Linken mit sich brachte: Die Auswirkungen der Oktoberrevolution und der Kampf der Bolschewiki gegen den Antisemitismus führten zu einer Spaltung des Jüdischen Arbeiterbunds sowie der linken Flügel der zionistischen Bewegung. Ein großer Teil der Mitglieder des Bunds und der Linken Poale Zion trat 1919–1920 der bolschewistischen Partei bei.

Während des Bürgerkriegs verübten die konterrevolutionären Armeen der Weißen, unterstützt von den imperialistischen Mächten, und ukrainische nationalistische Kräfte unter Symon Petljura Massenpogrome, bei denen schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Juden getötet wurden. Die meisten von ihnen kamen in der Ukraine ums Leben. Es war das größte antijüdische Massaker vor dem Holocaust.

Die ideologische Grundlage für diesen Ausbruch antijüdischer Gewalt war der Antikommunismus und insbesondere die Ablehnung des internationalistischen revolutionären Marxismus. Leo Trotzki, der wie kein anderer mit dem Programm der sozialistischen Weltrevolution verbunden war, wurde zum Hauptziel aller konterrevolutionären und antisemitischen Kräfte.

Plakat der konterrevolutionären Weißen mit antisemitischer Karikatur von Trotzki [Photo: Unknown]

„Im Hass auf Trotzki“, so Keßler, „bündelten sich alle antisemitischen Ressentiments, die sich zudem gegenseitig aufluden.“ (S. 178) Diese Tatsache beeinflusste Trotzki zweifellos während der Revolution und des Bürgerkriegs. So lehnte er Lenins Vorschlag ab, das Amt des Volkskommissars für Inneres zu übernehmen, weil er befürchtete, dass dies die antisemitische Agitation weiter anheizen würde.

Dies erklärt wahrscheinlich auch, warum Trotzki als Chef der Roten Armee während des Bürgerkriegs nicht ausführlich auf die antisemitischen Pogrome eingegangen ist. Sein Artikel „Pogromistische Agitation“, geschrieben am Vorabend der Machtergreifung im Oktober 1917, sollte sein letzter Artikel zu diesem Thema für viele Jahre sein.

Er überließ die politische Verantwortung für diese Arbeit eindeutig Lenin, der eine systematische Kampagne zur Bekämpfung des Antisemitismus in der Bevölkerung und in der Roten Armee leitete. Dazu gehörte eine weit verbreitete Rede gegen den Antisemitismus im Jahr 1919, in der Lenin den Antisemitismus als „Versuch, den Hass der Arbeiter und Bauern von den Ausbeutern auf die Juden zu lenken,“ scharf verurteilte. (Eine Diskussion über den Kampf der Bolschewiki gegen den Antisemitismus findet sich hier.)

Opfer eines Pogroms in Odessa

Doch angesichts der engen Verknüpfung zwischen der Entwicklung des Kampfs gegen den Antisemitismus und der Revolution sah sich Trotzki an kritischen historischen Wendepunkten immer wieder gezwungen, auf dieses Thema zurückzukommen. So wies er 1923 in seinem Buch Fragen des Alltagslebens auf die anhaltenden antijüdischen Vorurteile in Teilen der Bauernschaft hin, die immer noch die große Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung ausmachte und noch nicht vollständig für die neue Ordnung gewonnen worden war.

Führer der Linken Opposition im Jahr 1927. Vordere Reihe von links: Leonid Serebrjakow, Karl Radek, Leo Trotzki, Michail Boguslawski, Jewgeni Preobraschenski; hintere Reihe: Christian Rakowski, Jakob Drobnis, Alexander Beloborodow und Lew Sosnowski

Diese Tendenzen in der sowjetischen Gesellschaft traten mit voller Wucht wieder zu Tage, als die Oktoberrevolution entgegen den Erwartungen der Bolschewiki international isoliert blieb. Unter diesen Bedingungen festigte sich in den 1920er Jahren eine Bürokratie und usurpierte die politische Macht von der Arbeiterklasse. Dieser Prozess fand seinen politischen Ausdruck in erbitterten innerparteilichen Kämpfen, in denen Leo Trotzki und seine Linke Opposition die sozialen Interessen der Arbeiterklasse und das marxistische Programm der sozialistischen Weltrevolution gegen die nationalistische Reaktion auf die Revolution verteidigen mussten, die von der Stalin-Fraktion angeführt wurde. Im Dezember 1924 formulierte Stalin die programmatische Grundlage dieser nationalistischen Reaktion gegen den Oktober mit der Erklärung, dass die UdSSR fortan den „Sozialismus in einem Land“ aufbauen werde.

Ab den 1920er Jahren schürte die Bürokratie systematisch die Tradition des nationalistischen Antisemitismus in den rückständigen Schichten der Bevölkerung, um diese gegen Trotzki und die Linke Opposition zu mobilisieren. Langsam aber sicher belebte die Stalin-Fraktion den alten konterrevolutionären Topos vom „jüdischen Bolschewisten“ in Gestalt des „jüdischen Oppositionellen“ Trotzki wieder. Dieser Prozess, den Keßler nur kurz zusammenfasst, gipfelte schließlich in einer gefährlichen Wiederbelebung antisemitischer Stereotypen vom „jüdischen Revolutionär“ während des Großen Terrors und der Welle von Säuberungen nach dem Krieg vor Stalins Tod 1953, die eine offen antisemitische Komponente hatten.

Angesichts der spärlichen Literatur zu diesem Thema ist es Keßler hoch anzurechnen, dass er sich mit den Auswirkungen des Stalinismus auf die jüdische und arabische Arbeiterbewegung über die Grenzen der Sowjetunion hinaus befasst. Allerdings tut er dies eher oberflächlich, ohne sich mit den grundlegenden politischen und historischen Implikationen des Stalinismus auseinanderzusetzen. So stellt er fest, dass die meisten der Hunderte von Mitgliedern der Palästinensischen Kommunistischen Partei, die Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre aus Palästina unter britischer Herrschaft vertrieben wurden, in der Sowjetunion landeten. Dort wurden die meisten von ihnen Opfer des stalinistischen Terrors. „Aus dem ersten ZK der KP Palästinas“, dem sowohl Araber als auch Juden angehörten, so Keßler, „überlebte nur Joseph Berger den stalinistischen Terror.“ (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 226)

Leider geht Keßler nicht näher auf diese Geschichte ein, sondern springt zwischen Ländern und Themen hin und her. Wir hoffen, dass andere Historiker diesem Kapitel der Arbeiterbewegung, das das Schicksal sowohl der jüdischen als auch der arabischen Arbeiterklasse für die kommenden Jahrzehnte prägen sollte, mehr Aufmerksamkeit schenken werden. Die Memoiren von Joseph Berger, die Keßler nur erwähnt, ohne sie zu zitieren, zeigen eindrucksvoll, wie stark der Aufstieg des Stalinismus und der Terror in der UdSSR das Schicksal der sozialistischen Bewegung in Palästina geprägt haben. Berger gehörte zu einer Generation von Revolutionären in Europa und im Nahen Osten, die von der Oktoberrevolution tief beeindruckt und inspiriert waren, später aber durch den Stalinismus desorientiert wurden. Mehr als seine Zeitgenossen war sich Berger der weitreichenden Folgen der Vernichtung seiner Generation von Revolutionären im Großen Terror bewusst. In seinem Vorwort schrieb Berger:

… es waren nicht nur Einzelpersonen oder Gruppen oder sogar Zehntausende von Menschen, die vernichtet wurden. Es war eine ganze Generation – die Generation, die die größte Revolution der Geschichte herbeigeführt hatte und die zwanzig Jahre später entweder physisch vernichtet oder so hinweggefegt worden war, dass nur wenige Spuren ihrer Arbeit übrig blieben. Zu diesen vielen Menschen gehörten nicht nur die Männer, die direkt für die Revolution verantwortlich waren, sondern auch die Millionen, die weniger aktiv und weniger bewusst daran teilgenommen hatten, sowie die noch viel zahlreicheren, die ihr lediglich aus Feindseligkeit gegenüber den „alten Klassen“ passiven Beistand geleistet hatten.[9]

Nur vor dem Hintergrund des immensen politischen, intellektuellen und kulturellen Schadens, den der stalinistische Terror angerichtet hat, lässt sich die spätere Entwicklung der Arbeiterbewegung erklären, einschließlich der Akzeptanz des Zionismus durch viele seiner ehemaligen Gegner – wie zum Beispiel dem Bund.

Keßler erwähnt zwar die Rolle des Stalinismus für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, kratzt aber nur an der Oberfläche. Vor allem vermeidet er es, sich mit den politischen Fragen des Kampfs gegen den Stalinismus auseinanderzusetzen. In den wenigen Passagen, in denen er sie anspricht, drückt er seine Ablehnung von Trotzkis Betonung des Internationalismus und seiner Zurückweisung aller Formen des Nationalismus aus, eine Eigenschaft, die ihn, wie Kessler in seinem Buch über Trotzki und Antisemitismus schreibt, „politisch verwundbar“ machte.

Politisch gesehen ist dies ein Zugeständnis sowohl an den Stalinismus als auch an den Zionismus. Im Zentrum des Kampfs zwischen der Opposition und dem Stalinismus stand der Kampf um die Perspektive des revolutionären Internationalismus im Gegensatz zum Nationalismus. Die stalinistische Bürokratie lehnte die Strategie der permanenten Revolution, die die Revolution von 1917 geprägt hatte, ausdrücklich ab.

Die vor allem von Trotzki entwickelte Konzeption der permanenten Revolution ging davon aus, dass die Bourgeoisie in der modernen Epoche die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolutionen – einschließlich der Befreiung unterdrückter Nationalitäten und Minderheiten – selbst in rückständigen Ländern nicht mehr lösen konnte. Nur die Arbeiterklasse konnte diese Aufgaben lösen, indem sie die Staatsmacht ergriff, sozialistische Maßnahmen durchführte und für den Sturz des gesamten kapitalistischen Nationalstaatensystems kämpfte. Die Emanzipation der Juden und der Kampf der Bolschewiki gegen den Antisemitismus waren daher kein zufälliges Nebenprodukt der Oktoberrevolution, sondern ein wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft durch die Arbeiterklasse. Es war eine eindrucksvolle Bestätigung der Perspektive der permanenten Revolution. Die gewaltsame russisch-chauvinistische Reaktion des Stalinismus auf die Oktoberrevolution und das Programm der permanenten Revolution führte nicht nur zur Proklamation des „Sozialismus in einem Land“ in der UdSSR. Sie bedeutete auch die Unterordnung der Arbeiter überall unter ihre „eigene“ nationale Bourgeoisie, einschließlich der arabischen und jüdischen Bourgeoisie im Nahen Osten, was letztlich sowohl den Zionismus als auch den arabischen Nationalismus stärkte.

Im Mai 1947 vollzog Stalin, der zuvor den Zionismus als reaktionäre Bewegung verspottet und um die Gunst der arabischen Nationalisten geworben hatte, eine abrupte Kehrtwende und schlug eine pro-zionistische Außenpolitik ein. Er unterstützte die UN-Resolution zur Teilung Palästinas und sicherte mit den Stimmen von Belarus, der Ukraine, Polen und der Tschechoslowakei die erforderliche Zweidrittelmehrheit für die Verabschiedung der Resolution, während Jugoslawien sich der Stimme enthielt. Die Sowjetunion war der erste Staat, der Israel de jure anerkannte. 1948 lieferte die UdSSR Israel auch Waffen für seinen Krieg gegen arabische Armeen während der Nakba und spielte damit eine wichtige Rolle bei der Gründung Israels und der gewaltsamen Unterdrückung der Palästinenser. Die enge Verbindung von Antisemitismus und Zionismus zeigte sich auch darin, dass Stalin zeitgleich zu seiner Unterstützung für Israel die offensten antisemitischen Säuberungen durchführte, die die Sowjetunion je erlebt hatte, und die in der berüchtigten „Ärzteverschwörung“ von 1952–1953 gipfelten.

Fazit

Keßlers Bücher liefern unwiderlegbare dokumentarische Belege dafür, dass die mächtigste und konsequenteste Kritik sowohl am Antisemitismus als auch am Zionismus vom revolutionären internationalistischen Flügel der Arbeiterbewegung ausging, der insbesondere durch Leo Trotzki, Wladimir Lenin und Rosa Luxemburg vertreten wurde.

Der zionistische Staat ist das Produkt der größten Tragödien und politischen Verbrechen des 20. Jahrhunderts: des Verrats der Oktoberrevolution und der internationalen sozialistischen Bewegung durch den Stalinismus, der Machtübernahme der Nazis in Deutschland, die den Weg für den Holocaust ebnete, und der Vernichtung ganzer Generationen von Revolutionären im stalinistischen Terror. Davor genoss die marxistische Bewegung nicht zuletzt dank ihres Kampfes gegen Antisemitismus und Zionismus die Loyalität und den Respekt der fortschrittlichsten Schichten der jüdischen Arbeiter und Intellektuellen in Europa. Nur aufgrund der historischen Niederlagen der Arbeiterbewegung und der grauenhaften Verbrechen des Faschismus wurde das zionistische Projekt in den Augen der Massen legitimiert. Es nährte sich damit von Anfang an vor allem aus historischer Verzweiflung und Pessimismus.

Keßler teilt im Wesentlichen diesen historischen Pessimismus. Obwohl er die enorme Weitsicht von Trotzkis Kampf gegen den Nationalsozialismus und seine Warnungen vor einer bevorstehenden Katastrophe für das jüdische Volk anerkennt, kommt er zu dem Schluss, dass der marxistische Kampf gegen den Antisemitismus, so edel er auch war, letztendlich scheiterte und Trotzkis Kampf für den Sozialismus „utopisch“ war. Der Holocaust, so Keßler, bedeutete das „historische Scheitern“ der jüdischen Bestrebungen, sich in die europäische Gesellschaft zu „assimilieren“. Er schreibt: „Im Ergebnis jüdischen Selbstbehauptungswillens entstand der Staat Israel als demokratischer Staat inmitten feindlicher Diktaturen. Doch war und ist er auch ein ethnisch definierter Staat, der auf der gewaltsamen Enteignung und Verdrängung der Palästinenser beruht. Dieser Widerspruch wurde zum unlösbaren Dilemma für sozialistische Zionisten, die eine gerechte und egalitäre Gesellschaft erstreben.“ (Sozialisten gegen Antisemitismus, S. 294) Zweifellos zählt sich Keßler zu letzteren.

Aber dieses „unlösbare Dilemma“ gibt es nur für diejenigen, die das kapitalistische Nationalstaatensystem akzeptieren. Die trotzkistische Bewegung hat dies nie getan. Es ist bezeichnend, dass Keßler bei all den Dokumenten, auf die er sich bezieht und die er übersetzt hat, die Erklärung der Vierten Internationale von 1948 zur Gründung Israels nicht erwähnt. In dieser Erklärung, die sich tragischerweise voll und ganz bewahrheitet hat, warnte die trotzkistische Bewegung:

Der jüdische Arbeiter, der von seinem arabischen Kollegen getrennt und daran gehindert wird, einen gemeinsamen Klassenkampf zu führen, wird seinen Klassenfeinden, dem Imperialismus und der zionistischen Bourgeoisie, ausgeliefert sein. Es wird leicht sein, ihn gegen seinen proletarischen Verbündeten, den arabischen Arbeiter, aufzuhetzen, „der ihm die Arbeitsplätze wegnimmt und das Lohnniveau drückt“ (eine Methode, die in der Vergangenheit nicht versagt hat!). Nicht umsonst hat Weitzmann gesagt, dass „der jüdische Staat den kommunistischen Einfluss eindämmen wird“. Als Entschädigung wird dem jüdischen Arbeiter das Privileg zuteil, als Held auf dem Altar des hebräischen Staates zu sterben. …

Die Teilung sollte das Elend der Juden nicht lösen und wird es wahrscheinlich auch nie tun. Dieser Zwergstaat, der zu klein ist, um die jüdischen Massen aufzunehmen, kann nicht einmal die Probleme seiner eigenen Bürger lösen. Der hebräische Staat kann den arabischen Osten nur mit Antisemitismus verseuchen und sich – wie Trotzki sagte – als blutige Falle für Hunderttausende von Juden erweisen.[10]

Fast 80 Jahre später ist diese „blutige Falle“ zu einer blutigen Katastrophe historischen Ausmaßes für die gesamte Bevölkerung des Nahen Ostens geworden. Die linke zionistische Perspektive, die Keßler gegen Trotzki und die marxistischen Gegner des Zionismus vertritt, hat sich als historische Sackgasse erwiesen. In Israel haben sich die Labour-Zionisten bei der Unterdrückung der Palästinenser längst mit der extrem zionistischen Rechten verbündet. Unabhängig von ihren Differenzen mit Benjamin Netanjahu sind sie voll und ganz mitschuldig am Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen. Die Unterordnung der Kämpfe der Arbeiterklasse in Israel unter die Perspektive, Druck auf die Labour-Zionisten auszuüben, hat für die gesamte Arbeiterklasse, vor allem für die Palästinenser, unermesslich tragische Folgen gehabt.

Daraus müssen Lehren gezogen werden. Der sich vollziehende Völkermord an den Palästinensern und die Rolle Israels als wichtigster Stellvertreter des US-Imperialismus in der Region unterstreichen alle Warnungen, die die marxistische Bewegung seit ihren Anfängen gegen den Zionismus ausgesprochen hat. Vor allem sind sie eine Bestätigung, wenn auch eine tragische, des konsequenten Kampfes der trotzkistischen Bewegung gegen den Stalinismus und zur Verteidigung der Strategie der permanenten Revolution.

Keßler hat eine objektive und sorgfältig dokumentierte Geschichte eines der wichtigsten Aspekte der Entwicklung der revolutionären Bewegung geschrieben. Aber der Völkermord in Gaza und der Krieg zwischen Israel und dem Iran zeigen auch, wie dringend es ist, die Schwächen seiner Positionen anzugehen: Die Arbeiterklasse des Nahen Ostens – ob arabischer, iranischer, türkischer, kurdischer oder jüdischer Herkunft – kann die Katastrophe nur stoppen, wenn sie ihre Kämpfe bewusst gegen das gesamte kapitalistische Nationalstaatensystem und den Imperialismus vereint. Das erfordert eine Wiederbelebung der revolutionären internationalistischen Traditionen des Marxismus, die heute in der weltweiten trotzkistischen Bewegung, dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale, verkörpert sind.


[1]

Hal Draper, „Marx and the Economic-Jew Stereotype“ (1977). URL: https://www.marxists.org/archive/draper/1977/kmtr1/app1.htm.

[2]

Ebd.

[3]

Ebd.

[4]

Max Zetterbaum, „Probleme der jüdisch-proletarischen Bewegung“, Die Neue Zeit, 1901, Bd. 1, Nr. 11, S. 328. Online hier verfügbar: https://library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=190001a&f=324&l=330.

[5]

Ebd., S. 329.

[6]

Ebd., S. 329–330.

[7]

Lev Trotskii, „Razlozhenie sionizma i ego vozmozhnye preemniki“, erstmals veröffentlicht in Iskra, Nr. 56, 2. Januar 1904. Wiederveröffentlicht in: Trockij, L. D. Sochinenija [Werke], Bd. 4, (Moskau/Leningrad: Gosudarstvennoe izdatel’stvo, 1926), S. 124–128. Übersetzung von dieser Autorin.

[8]

Lev Trockij, „Die Beilis-Affäre“, Die Neue Zeit, 1914, Bd. 1, Nr. 9, S. 310–320. URL:  https://library.fes.de/cgi-bin/populo/nz.pl.

[9]

Joseph Berger, Shipwreck of a Generation, London: Harvill Press 1971, S. 14. Übersetzung von dieser Autorin.

[10]

„Against the Stream“, Fourth International, Bd. 9, Nr. 3, Mai 1948. URL: https://www.marxists.org/history/etol/newspape/fi/vol09/no03/kolhamaad.htm. Übersetzung von dieser Autorin.

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