In den kommenden Tagen erhalten 18-Jährige in Deutschland Fragebögen, um für die Musterung zum neuen Wehrdienst erfasst zu werden. Die meisten von ihnen werden diese Nachricht mit Schrecken und Angst empfangen. Denn die schrittweise Wiedereinführung der Wehrpflicht, die im letzten Jahr auf den Weg gebracht wurde, bedeutet ganz unmittelbar die Vorbereitung auf Krieg. Junge Menschen sollen für die Interessen des deutschen Imperialismus kämpfen, töten und sterben.
Diese Aussicht trifft unter jungen Menschen auf überwältigende Opposition. Nach einem bundesweiten Schulstreik im Dezember planen Schüler und junge Arbeiter den nächsten Streik gegen die Wehrpflicht für Anfang März. Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) betonen, dass der Kampf gegen die Wehrpflicht einen Kampf gegen Kriegsvorbereitung und Militarismus insgesamt und die Mobilisierung der Arbeiterklasse auf Grundlage einer sozialistischen Perspektive erfordert. Die Streiks müssen von den Schulen auf die Fabriken und Arbeitsstätten ausgeweitet werden und können so zum Funken für eine europaweite Streikbewegung gegen die Kriegspolitik werden.
In Griechenland haben Studierende und Arbeiter Mitte Dezember und erneut in der vergangenen Woche gegen eine Verschärfung des bestehenden Wehrdiensts protestiert. Am Freitag verabschiedete das griechische Parlament das Gesetz „Fahrplan für den Übergang der Streitkräfte in die neue Ära“. Es sieht vor, dass die Erfassung für den 12-monatigen Wehrdienst nun schon mit 17 Jahren und die Einberufung nach der Schule mit 18 Jahren beginnen.
Wer sich mit 18 sofort zum Militär meldet, muss nur neun Monate dienen. Dieser „Anreiz“ soll junge Menschen so rasch wie möglich in die Armee locken. Diejenigen, die wegen Studium oder Ausbildung einen Aufschub beantragen, werden jetzt massiv unter Druck gesetzt: Studierende an Universitäten können nur noch bis zum Alter von 25 Jahren (max. bis 26 oder 27 Jahre bei einem fünf- bzw. sechsjährigen Studium) und Promotionsstudierende bis zum 30. Lebensjahr vom Wehrdienst freigestellt werden; Berufsschüler sogar nur bis 21 Jahre.
Die meisten Studenten in Griechenland müssen nebenher arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen, und schaffen deshalb ihr Studium nicht in der Regelstudienzeit. Das bedeutet in der Praxis, dass sie künftig gezwungen sind, ihr Studium für ein ganzes Jahr Wehrdienst zu unterbrechen, was negative Auswirkungen auf Stipendien sowie Wohn- und Sozialleistungen haben und ihre Studienabschlüsse verzögern wird.
Erst ab dem Alter von 40 Jahren (bisher 33) kann man sich vom Wehrdienst freikaufen – zu einem hohen Preis von 1.500 Euro pro Monat (bisher 810 Euro). Wer gedient hat, bleibt jetzt bis zum 60. Lebensjahr in der Reserve (bisher bis 45). Außerdem wird die Anerkennung psychischer Krankheiten erschwert und ein freiwilliger Wehrdienst für Frauen eingeführt.
Dutzende Studierendenverbände Athens riefen am 8. Januar zum Protest auf und forderten die Rücknahme des Gesetzes. Dieses sei darauf ausgerichtet, die griechische Armee „auf eine aktivere Beteiligung an den Nato-Pläne vorzubereiten“, heißt es in ihrem Statement. Sie warnen: „Mit diesen Regelungen wollen sie schneller und mehr junge Menschen verfügbar machen, um sie auf die Schlachtfelder für die Profite der großen Konzerne zu schicken.“
Die Wehrpflicht ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Zahlreiche Länder haben den Wehrdienst ausgeweitet, führen die Wehrpflicht wieder ein oder hegen entsprechende Pläne. Dieser Schritt ergibt sich direkt aus der militärischen Aufrüstung im Nato-Krieg gegen Russland und der Vorbereitung eines Dritten Weltkriegs, der den ganzen europäischen Kontinent in ein Schlachtfeld verwandeln würde.
2025 hatten neun von 27 EU-Ländern eine Wehrpflicht – Griechenland, Zypern, Österreich, Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Schweden. Während Lettland den elftmonatigen Wehrdienst erst 2024 wieder eingeführt hat, weiten alle diese Länder ähnlich wie Griechenland ihren bestehenden Militärdienst aus.
So hat Dänemarks sozialdemokratische Regierung die Dauer des Militärdiensts von vier auf elf Monate verlängert und die verpflichtende Musterung von Frauen ab diesem Jahr eingeführt.
Kroatien kehrt zur Wehrpflicht zurück, die seit 2008 ausgesetzt war. Auch die nominelle Opposition der Sozialdemokraten stimmte dafür. Ab diesem Jahr müssen Männer wieder eine zweimonatige militärische Grundausbildung absolvieren.
In Frankreich wird zwar noch nicht die Wehrpflicht wieder aktiviert, die seit 1997 ausgesetzt ist. Doch Präsident Emmanuel Macron, der zugleich Oberster Befehlshaber der französischen Streitkräfte ist, hat im November bei einem martialischem Auftritt vor uniformierten Soldaten die Einführung eines neuen „Freiwilligendiensts“ ab diesem September angekündigt. In diesen Tagen hat die Rekrutierung der 18- bis 25-jährigen Männer und Frauen für den zehnmonatigen Militärdienst begonnen, der angeblich auf „Heimatverteidigung“ ausgerichtet sei. Die Zahl der Freiwilligen soll bis 2030 auf mindestens 10.000 steigen.
Macron erklärte: „Dieser Dienst verfolgt drei Ziele: Den Pakt zwischen unserer Nation und der Armee zu stärken, die Widerstandskraft unserer Nation zu erhöhen und die Ausbildung unserer jungen Leute zu festigen.“ Wie in Deutschland wird die Militarisierung der ganzen Gesellschaft mit dem Vorwand begründet, man müsse sich gegen die vermeintliche Bedrohung durch Russland verteidigen.
Der „Freiwilligendienst“ ist nur die Vorstufe zur Wehrpflicht, die aus Sicht der Regierung lediglich logistisch und finanziell noch nicht umsetzbar ist. Macron betonte aber: „Im Fall einer größeren Krise kann das Parlament über die Freiwilligen hinaus auch alle anderen einziehen und den Wehrdienst verpflichtend machen.“
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
In Italien hat der Verteidigungsminister Guido Crosetto von der faschistischen Regierungspartei Fratelli d’Italia ebenfalls Ende November letzten Jahres einen neuen Wehrdienst vorgeschlagen. Ziel sei zunächst die Rekrutierung von 10.000 Freiwilligen und dann die Aufstockung der Streitkräfte um 40.000. Gleichzeitig erhöht Italien die Militärausgaben und will eine neue „Cyber-Armee“ für die digitale Kriegsführung aufstellen.
In der italienischen Bevölkerung herrscht eine breite Ablehnung der Wehrpflicht, die vor zwei Jahrzehnten ausgesetzt worden war. Laut einer Umfrage des Centre for Social Investment Studies (CENSIS) im vergangenen Juli fürchtet zwar knapp ein Drittel der Befragten, dass Italien in den nächsten fünf Jahren direkt in einen Krieg involviert sein könnte. Doch nur 16 Prozent der Italiener im Wehrdienstalter würden für das Land zur Waffe greifen. 39 Prozent der Befragten zwischen 18 und 45 Jahren würden sich als pazifistische Kriegsdienstverweigerer bezeichnen, 19 Prozent würden versuchen, sich auf andere Weise der Wehrpflicht zu entziehen.
Diese Absage an die Wehrpflicht ist Teil der großen Opposition gegen die Kriegspolitik Italiens, die sich in den mächtigen Streiks gegen die Waffenlieferungen für den Genozid in Gaza im letzten Jahr deutlich zeigte. Die Nachrichtenagentur Reuters verweist auch auf eine weitere Umfrage des European Council of Foreign Relations, in der sich nur 17 Prozent der Italiener für eine Anhebung der Verteidigungsausgaben aussprachen.
In Polen, wo die Wehrpflicht 2009 abgeschafft wurde, hat die Regierung ein landesweites militärisches Ausbildungssystem gestartet. Sie will 400.000 Menschen bis 2026 für den Kriegsfall trainieren. Trotz der vehementen Kriegspropaganda und Aufrüstung in Polen vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs ist aber auch hier die Bevölkerung mehrheitlich gegen einen Wehrdienst. Gestützt auf eine Meinungsumfrage vom August 2025 berichtete Euronews, dass 49,1 Prozent aller Befragten ablehnten, im Kriegsfall freiwillig das Land zu verteidigen, 6,1 Prozent seien unentschlossen. Bei den 18- bis 29-Jährigen – also der Altersgruppe, die zuerst in die Schützengräben geschickt werden würde, – war das Ergebnis noch eindeutiger: 69 Prozent wollen nicht zur Armee gehen.
In Rumänien, wo die Wehrpflicht 2007 abgeschafft wurde, hat die Regierung im vergangenen Oktober einen viermonatigen freiwilligen Militärdienst ab 2026 für 18- bis 35-jährige Männer und Frauen eingeführt, um die Berufsarmee mit jungen Reservisten aufzustocken. Sie werden mit einer Vergütung von 400 bis 600 Euro pro Monat sowie kostenloser Unterkunft, Verpflegung, medizinischer Versorgung und einem Bonus angelockt – eine perfide Erpressung, wenn man bedenkt, dass viele junge Menschen in diesem zerrütteten Balkanland in Armut leben.
Alle diese freiwilligen oder verpflichtenden Wehrdienstmodelle haben ein- und dasselbe Ziel: die Jugend Europas schnell und umfassend auf einen heißen Krieg vorzubereiten – militärisch und ideologisch. Wenn Trump auf Beutezug in Osteuropa, Lateinamerika oder dem Nahen Osten geht und einen Krieg gegen China entfacht, wollen die europäischen Mächte nicht mit leeren Händen dastehen. Sie verfolgen ihre eigenen imperialistischen Raubinteressen, die mit der „Verteidigung europäischer Friedensideale“ gegen Russland oder die USA nicht das Geringste zu tun haben. Ihnen geht es genau wie Trump um Zugang zu mehr Rohstoffen, Absatzmärkten und Profitquellen, für die sie bereit sind, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg Millionen junger Menschen als Kanonenfutter auf den Schlachtfeldern Europas zu opfern.
Doch ihre Achillesferse ist die brodelnde Opposition gegen Krieg in der Bevölkerung. Der Schulstreik in Deutschland, die Proteste der Studierenden in Griechenland und die Streiks in mehreren Ländern gegen die Unterstützung des Völkermords in Gaza sind nur der Anfang. Sie müssen zum Ausgangspunkt für eine vereinte, länderübergreifende Antikriegsbewegung der Arbeiterklasse werden, die dem kapitalistischen Europa der Aufrüstung und Kriegshysterie, dem Europa der Armut und sozialen Ungleichheit einen gemeinsamen Kampf für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa entgegensetzt.
