Zensur in Düsseldorf: Kunstakademie wegen Auftritt der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif unter Antisemitismusvorwurf

Erneut ist eine deutsche Universität ins Kreuzfeuer von Antisemitismus-Vorwürfen geraten, weil sie die Wissenschafts-, Kunst- und Meinungsfreiheit ernst nimmt. Anlass war eine Veranstaltung mit der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Basma al-Sharif [Photo by Tasharuk / CC BY-NC 4.0]

Die Künstlerin wurde als Kind palästinensischer Eltern in Kuwait geboren. Aufgewachsen ist sie in Frankreich und den Vereinigten Staaten. 2007 erwarb sie einen Master of Fine Arts an der Universität von Illinois in Chicago. Sie lebt in Berlin und arbeitet abwechselnd zwischen dem Nahen Osten, Europa und Nordamerika. Ihre Werke wurden auf vielen Festivals gezeigt und vielfach prämiert. Im November 2025 erhielt sie beim Kurzfilmfestival Winterthur den hoch dotierten Hauptpreis für ihren Film „Morgenkreis“.

Schon im Vorfeld erhoben zionistische Kreise massiven Protest gegen die Veranstaltung und die Akademie und ihre Leitung erhielten heftige Drohungen. Die Künstlerin, die für ihre leisen, poesievollen Filme bekannt ist, wurde als „Terrorismusverherrlicherin“ denunziert. Die Kunstfreiheit finde dort ihre Grenzen, wo andere Verfassungsgüter berührt würden, insbesondere die Menschenwürde, hieß es dazu in einem offenen Brief des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender.

Die Kunstakademie stellte auf ihrer Website klar, dass die Veranstaltung auf jeden Fall stattfindet. Sie werde von der studentischen Sparta-Gruppe durchgeführt und stelle „keine institutionelle Positionierung der Kunstakademie Düsseldorf“ dar. Anders als bei den bisherigen Veranstaltungen der Gruppe wurde aber die außeruniversitäre Öffentlichkeit ausgeschlossen und die Teilnahme war nur mit bestätigter Anmeldung möglich. Antisemitische, rassistische oder strafrechtlich relevante Äußerungen würden nicht toleriert. Auch die Presse wurde nicht zugelassen. Dennoch rissen die Verleumdungen und Drohungen nicht ab.

Vorgeworfen wurden der Künstlerin nicht ihre Werke, sondern einige pro-palästinensische Posts auf Instagram, die die israelische Regierung kritisieren, darunter ein Aufruf, Israel zu boykottieren. Die Bezeichnung Israels als „zionistische Entität“ wurde ihr als Leugnung des Existenzrechts Israels ausgelegt. Auch dass sie den israelischen Genozid im Gazastreifen als solchen benannte und auf einem Foto mit einer antiquarischen Ausgabe einer 1969 erschienenen Schrift der „Volkfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) posierte, wurde ihr zum Vorwurf gemacht. Die PFLP wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft, ist in Deutschland allerdings nicht verboten.

Zu Halloween habe sie außerdem Fotos gepostet, auf denen ein verschwommenes rotes Dreieck zu sehen sei, das auch von der Hamas verwendet werde, laut Bundesinnenministerium aber nur mit konkretem Hamas-Bezug verboten ist.

Die Hochschule gab dem Druck nur teilweise nach, indem sie die Öffentlichkeit aussperrte, weigerte sich aber, die Veranstaltung ganz abzusagen. Grund für die Einladung al-Sharifs seien nicht ihre Instagramm-Posts, sondern ihre international anerkannte künstlerische Arbeit, erklärte sie. Diese Einschätzung sei durch ihre umfangreiche internationale Ausstellungstätigkeit, Festivalpräsenz sowie durch Auszeichnungen belegt.

Die Rektorin der Hochschule Donatella Fioretti verteidigte die Entscheidung: „Für uns sind zwei Dinge entscheidend“, sagte sie: „Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.“ Die Hochschule sei ein Ort des komplexen Denkens. „Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.“ Die Studierenden sollten die Freiheit haben, einzuladen, wer für sie wichtige zeitgenössische Fragen stelle.

Ein Verbot der Veranstaltung forderten die Jüdische Gemeinde Düsseldorfs, die Jüdische Allgemeine, die Wirtschaftsministerin der Landesregierung Nordrhein-Westfalens, Mona Neubaur von den Grünen, die Kulturministerin Ina Brandes von der CDU, das Netzwerk jüdischer Hochschullehrer (NJH), der Antisemitismusbeauftragte der Stadt Düsseldorf, das Jüdische Forum der CDU NRW, der Düsseldorfer Oberbürgermeister und – wie immer mit übelster Hetze – der Blog Ruhrbarone.

Mona Neubaur von den Grünen, die auch Vizeministerpräsidentin von NRW ist, beteiligte sich am Tag der Veranstaltung an einer Demonstration von etwa 80 Leuten vor der Hochschule. Al-Sharif hatte man sicherheitshalber durch einen Hintereingang in die Hochschule geleitet, wo die Veranstaltung stattfand.

Die Kundgebung stand unter dem Motto: „Ihr sagt kontroverse Meinung – wir sagen Antisemitismus.“ Auf einem Plakat stand: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“ Antisemitismus, Faschismus und Völkermord sind in der Tat wieder auf dem Vormarsch, allerdings nicht unter Künstlern und Kunststudenten, die den Genozid der israelischen Regierung und seine Unterstützer in Europa und den USA verurteilen, sondern in der offiziellen Politik.

Mona Neubaur behauptete, al-Sharif relativiere in ihren Arbeiten und öffentlichen Positionierungen Gewalt und bediene Narrative, die „antisemitische Deutungsmuster reproduzieren“. Für sie sei „vollkommen klar: Werk und Künstlerin lassen sich hier nicht voneinander trennen“. Eine üble Verleumdung.

Neubaur engagiert sich bekanntlich für den zionistischen Staat Israel, dessen Regierungschef und ehemaliger Verteidigungsminister unter der Anklage des Völkermords mit internationalem Haftbefehl gesucht werden. Erst im November hielt sie bei einer Veranstaltung der europäischen Lobby-Organisation ELNET im berüchtigten Düsseldorfer Industrie-Club einen Vortrag. Förderer von ELNET diskutierten dort mit „Multiplikatoren aus Wirtschaft und Gesellschaft“ sowie politischen Entscheidungsträgern über proisraelische politische „Bildungsarbeit“.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit fanden al-Sharifs Vortrag, die Vorführung zweier Filme und die Diskussion dann wie geplant statt. Aber auch nach der Veranstaltung riss die mediale und politische Kampagne nicht ab, obwohl die Rektorin beteuerte, Basma al-Sharif habe sich bei der Abendveranstaltung weder antisemitisch noch hasserfüllt geäußert.

Vor einigen Tagen postete al-Sharif, sie habe darüber nachgedacht, einige in „Teenager-artiger Wut“ über den „Albtraum“ für die Palästinenser verfasste Posts zu löschen, weil sie „Leute, die ich kaum kenne, in Schwierigkeiten gebracht haben“. Sie fügte jedoch hinzu, es sei wichtig, sich nicht beim ersten Anzeichen von „trouble“ wegzuducken.

Die Kulturministerin von Nordrhein-Westfalen, Ina Brandes (CDU), zitierte die Rektorin der Akademie zum Rapport ins Ministerium. Im Gespräch wolle sie „die klare Erwartung formulieren, dass die Kunstakademie öffentlich Stellung beziehen und in den Dialog mit ihren Kritikern treten muss“. Die bisherigen Stellungnahmen der Rektorin seien für sie „nicht ausreichend und nicht nachvollziehbar“, so Brandes.

Die Forderung nach einem Rücktritt der Rektorin nannte Brandes „nachvollziehbar und verständlich“. Sie bedauerte, dass sie wegen der Hochschulautonomie rechtlich keine Handhabe besitze, die Rektorin abzuberufen. Im Wissenschaftsausschuss des Landtags erklärte sie am 21. Januar, sie sei „extrem frustriert“, dass ihr die Hände gebunden seien.

Rückendeckung erhielt die Rektorin vom akademischen Senat der Hochschule, der die Angriffe auf das Rektorat sowie Rücktrittsforderungen entschieden zurückwies. Auch die Studierendenvertretung der Akademie stärkte der Rektorin den Rücken.

Die Auseinandersetzung mit dem Ministerium hat allerdings eine Vorgeschichte. Fioretti, die in Düsseldorf Baukunst lehrt, ist seit 2003 im Amt. Nach ihrer Wahl 2022 hatte das Ministerium die Wahl wegen angeblicher Verfahrensfehler für ungültig erklärt. Die Studierenden unterstützten Fioretti mit einer Protest-Blockade. Sie wurde dann 2023 in einem neu angesetzten Wahlgang erneut gewählt, Aber ihr Verhältnis zum Ministerium ist seitdem erheblich belastet.

Angesichts der anstehenden Novellierung des Hochschulgesetzes für Nordrhein-Westfalen kommt dem Eklat eine Bedeutung zu, die über den aktuellen Fall hinausgeht. Brandes verwies im Landtag darauf, dass sich mit der geplanten Novellierung ihre Möglichkeiten erweitern könnten, in solchen Fällen einzuschreiten. Das heißt, es gibt Pläne, die Hochschulautonomie, die Freiheit von Wissenschaft, Kunst und Forschung politisch zu beschneiden und Veranstaltungen, die nach Auffassung der herrschenden Politik gegen die ominöse „Staatsräson“ in Bezug auf Israel verstoßen, einfach zu verbieten. Letzteres ist in einigen Fällen vor allem in Berlin bereits geschehen, auch wenn einige Gerichte dies missbilligt haben.

Gegen den Gesetzentwurf der Landesregierung haben sich 46 Verfassungsrechtler verschiedener juristischer Fakultäten von NRW-Hochschulen gewandt und im Dezember 2024 einen Offenen Brief verfasst. Darin monieren sie, dass im Namen eines vorgeblichen Schutzes vor Diskriminierung ein System des institutionalisierten Misstrauens implementiert werde, dass die Wissenschaftsfreiheit „ernsthaft und nachhaltig beschädigen“ könne. Dem schlossen sich fast 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an.

Der Streit an der Düsseldorfer Kunstakademie muss vor diesem Hintergrund als ein deutliches politisches Warnzeichen gesehen werden. Die Angriffe auf die Hochschule machen deutlich, dass derartige Attacken und Verbotsforderungen nicht erst mit einer Regierungsübernahme der AfD beginnen.

Loading