Am letzten Samstag, einem trüben und nasskalten Nachmittag, versammelten sich in Hanau etwa 600 Menschen, um der Opfer vom 19. Februar 2020 zu gedenken.
An der Kundgebung auf dem Marktplatz und der Demonstration nach Hanau-Kesselstadt beteiligten sich hauptsächlich die Angehörigen und Freunde der Opfer, Hanauer Familien mit Kindern, Unterstützer der Initiative 19. Februar. Viele trugen die bekannten Pappschilder mit den Gesichtern der neun jungen Hanauer, die ein faschistischer Killer vor sechs Jahren kaltblütig ermordet hatte. Ein zehntes Opfer, Ibrahim Akkus (70), war am 10. Januar 2026 an den Spätfolgen der Mordnacht gestorben.
Auf der Kundgebung sprachen zwei Angehörige, Emis Gürbüz, die Mutter des getöteten Sedat Gürbüz, und Cetin Gültekin, der ältere Bruder des ebenfalls in der Mordnacht getöteten Gökhan Gültekins. „Die Familien der Angehörigen fordern Gerechtigkeit, nicht Mitleid!“ sagte die Sprecherin der Initiative 19. Februar 2020, die die Kundgebung moderierte. „Hanau war kein Einzelfall!“ Dies belegte anschaulich eine Vertreterin der „Initiative Lorenz“ aus Oldenburg, die über den feigen Polizeimord an dem 21-jährigen Jugendlichen Lorenz A. im April 2025 berichtete und eine erschütternde Liste von Opfern der Polizeigewalt der letzten Jahre vortrug.
Cetin Gültekin, Gökhan Gültekins älterer Bruder, der 2024 ein Buch über seinen ermordeten Bruder veröffentlicht hat, verwies in seiner Rede auf den bedrohlichen Aufstieg der AfD und sagte: „Wir müssen uns eingestehen, dass wir es auch nach Hanau nicht geschafft haben, den Rechtsruck zurückzudrängen. Im Gegenteil. Diese faschistische Lawine erscheint heute unaufhaltsamer denn je. Noch nie war die Gefahr so groß wie heute, dass in Deutschland eine rechtsextreme Partei auf demokratischem Weg in zentrale Machtpositionen gelangt.“ Und er warf die Frage auf: „Was haben wir falsch gemacht, dass diese Partei in den letzten Jahren immer stärke wurde? Und was können wir tun, um die kommende Katastrophe noch aufzuhalten?“
Er wies auf die internationale Dimension des rechten Aufstiegs: „Wir haben in den letzten Wochen die faschistoide Eskalation in den USA und insbesondere in Minneapolis erlebt. Vermummte staatliche Schlägerbanden, Razzien und Massenabschiebungen, die Gewalt auf der Straße, und sogar Morde durch ICE, die amerikanische Grenzpolizei. Und die AfD fordert in Bayern bereits, hier eine ähnliche Polizeigruppe aufzubauen, um ihr sogenanntes Remigrationsprogramm in Angriff zu nehmen. Wir erleben heute in Deutschland und hier in Hanau Abschiebungen, die fassungslos machen. Abschiebungen von Menschen, die schon zwanzig Jahre und länger in Hanau wohnen. Ist also ICE, eine immer brutalere Abschiebemaschine, ein Bild der nahen Zukunft hier in Deutschland?“
Als Antwort auf seine Frage, wie die kommende Katastrophe aufzuhalten sei, verwies Cetin auf den Widerstand in der Bevölkerung, auch in den USA. Er sagte: „Zehntausende Menschen haben in Minneapolis in den letzten Wochen bei extremen Minustemperaturen gegen ICE demonstriert. Es gab in der Stadt den ersten Generalstreik seit vielen Jahrzehnten.“ Er erinnerte auch an die Proteste und Blockaden vor kurzem in Gießen gegen die Neugründung einer Hitlerjugend durch die AfD. Und er schloss daraus: „Widerstand ist möglich und kann erfolgreich sein.“
Dennoch blieben seine Worte an diesem Tag ohne klare Antwort. Der Jahrestag unterschied sich deutlich von den großen Aktionen all die Jahre davor, an denen viele Tausende teilgenommen hatten. Vor allem fehlte die offizielle Unterstützung der Stadt Hanau. Hier war eine klare Veränderung, ein Rechtsruck der etablierten Parteien, deutlich zu spüren.
Tatsächlich hat sich die Stadt Hanau schon nach dem 5. Jahrestag ausdrücklich und auf skandalöse Weise von der „Initiative 19. Februar“ distanziert. Einige Ratsherren forderten von den Hinterbliebenen mehr „Achtung“ und „Respekt“ für die deutschen Behörden. In einer gemeinsamen Mitteilung vom 25. Februar 2025 hatten die Hanauer SPD-, CDU- und FDP-Fraktion angekündigt, künftig „derlei Gedenkveranstaltungen“ nicht mehr zu unterstützen.
Besonders Emiş Gürbüz, Sedats Mutter, hatte sich den Zorn der Hanauer Koalition zugezogen. In ihrer Rede an der letztjährigen Gedenkfeier hatte sie der Stadt Hanau schwere Versäumnisse vorgeworfen. Zudem wurden ihr Worte in den Mund gelegt, die sie auf der letztjährigen Berlinale zur Premiere des Films „Das Deutsche Volk“ gesagt haben sollte, die aber nachweislich so niemals gefallen sind, nämlich, dass sie Deutschland und Hanau hasse.
Was sie wirklich öffentlich gesagt hatte, war mutig und richtig. Auf der Hanauer Gedenkveranstaltung 2025 hatte sie in Gegenwart des Hanauer Oberbürgermeisters Claus Kaminsky und des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier den neunfachen Mord als „Schandfleck in der Geschichte der Stadt Hanau und Deutschlands“ bezeichnet und gesagt: „Die Stadt Hanau trägt die Verantwortung für den 19. Februar 2020; sie ist schuldig.“ Diese Worte sind vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse gerechtfertigt.
Zum Beispiel hat Forensic Architecture nachgewiesen, dass der auf Polizeianordnung verschlossene Notausgang der Arena-Bar in Kesselstadt absolut verheerende Auswirkungen hatte – wäre er offen gewesen, hätten sich die dortigen Opfer retten können. Zudem hatte es zahlreiche Warnsignale und Hinweise auf Tobias Rathjen, den faschistischen Killer, gegeben, der mit Briefen an die Behörden auf sich aufmerksam gemacht und ein Statement mit atemberaubenden Völkermordphantasien ins Netz gestellt hatte. Auch sein Vater war als Rassist seit Jahren stadtbekannt, aber nichts wurde unternommen. „Hätte jeder seine Pflicht erfüllt, wären diese neun Kinder heute noch am Leben“, hatte Gürbüz gesagt.
Ihre mutigen Worte nahmen die Hanauer Rats-Damen und -Herren zum Anlass, sich von der „Initiative 19. Februar“ zu distanzieren und ihrerseits die Opfer zu beschuldigen. Pascal Reddig, CDU-Fraktionsvorsitzender, warf Gürbüz vor, „rückwärtsgewandt zu spalten und die schreckliche Tat zu instrumentalisieren“. In ihrer Mitteilung kritisierte die Koalition Emis Gürbüz‘ Rede als „politische Agitation“, die „auch mit dem furchtbaren Tod ihres Sohnes Sedat (…) nicht zu rechtfertigen“ sei. In Zukunft werde es kein größeres Gedenken in Hanau mehr geben. In der Mitteilung ging man sogar so weit, süffisant auf Emis Gürbüz Einbürgerungsverfahren hinzuweisen, bzw. dies überhaupt erst öffentlich bekannt zu machen, was einer illegalen Verletzung der Persönlichkeitsrechte gleichkommt. In dem Statement der Stadt, das mehrere Medien zitieren, wurde öffentlich die Frage aufgeworfen, warum Gürbüz „bei einer derartigen Gefühlslage die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt“.
Diese wachsende Tendenz, die Opfer selbst zu beschuldigen, zeigt klar, dass die von Cetin genannte „faschistische Lawine“ nicht allein auf die AfD zurückzuführen ist. Vielmehr übernehmen alle etablierten Parteien mehr und mehr AfD-Politik und öffnen so dem Faschismus Tür und Tor. Landesregierungen aller Couleurs setzen die Abschiebungen durch, von denen Cetin zu Recht sagte, dass sie „fassungslos machen“. Dies betrifft auch die Linke, was sich in Thüringen an den sozialen Kürzungen und Abschiebungen gezeigt hat. Wie die Sozialistische Gleichheitspartei schrieb: „In Thüringen hat Bodo Ramelow in zehn Jahren als Ministerpräsident eine Schneise der sozialen Verwüstung hinterlassen, durch die nun die Höcke-AfD marschiert.“
Alle etablierten Parteien unterstützen die aktuelle Kriegspolitik der Bundesregierung und den israelischen Genozid an den Palästinensern. Sie alle sehen deshalb in der Arbeiterklasse eine potentielle Gefahr des Widerstandes, und sie versuchen, mit Nationalismus einen Keil in die arbeitende Bevölkerung zu treiben. So ist es kein Zufall, dass bis heute die Morde von Hanau nicht restlos aufgeklärt sind, dass die offizielle Politik weiter an der „Einzeltäter“-Theorie festhält, und dass sich die Stadtpolitik zunehmend von den Hanauer Opferfamilien distanziert.
Emis Gürbüz erklärte am letzten Samstag: „Wir sind es euch schuldig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Und wir sind es euch schuldig, eine Gesellschaft einzufordern, in der niemand Angst haben muss, er selbst zu sein. Ich wünsche mir eine Welt, in der Mütter ihre Kinder nicht an Rassismus verlieren. Eine Welt, in der Vielfalt keine Bedrohung ist, eine Welt, in der Erinnern nicht nur an Jahrestagen stattfindet, sondern im Handeln.“ Sie versprach, „weiterhin für Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen“ zu kämpfen, und sie sagte: „Die Stadt Hanau hat die Verantwortung immer noch nicht übernommen. Worauf warten sie überhaupt? (…) In einer Zeit, in der eine rechtsextreme Regierung eine reale Gefahr ist, sagen wir: Nie wieder ist jetzt. Wir fordern, dass den Betroffenen genau zugehört wird, und dass sie echte Solidarität erfahren.“ Und Cetin Gültekin schloss: „Wir können nicht aufgeben und wir werden nicht aufgeben.“
Immer wieder wird zu Recht betont: Say their names, erinnert euch weiterhin an ihre Namen – Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi – damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Um die Rückkehr des Faschismus wirklich zu verhindern, ist es jedoch noch wichtiger, auch die politischen Triebkräfte beim Namen zu nennen und aufzuzeigen, wie das kapitalistische Profitsystem zu imperialistischem Krieg, zu Faschismus und sozialem Elend führt. Die Kriegspolitik der Bourgeoisie erfordert faschistische Methoden, sie erfordert soziale Grausamkeiten und sie erfordert eine nationalistische Spaltung der Arbeiterklasse, um den Widerstand zu lähmen. Deshalb schrieb die World Socialist Web Site in ihrem Artikel „Die Morde von Hanau, sechs Jahre danach“:
Um die Rückkehr des Faschismus zu verhindern, darf man sich nicht auf den Staat und seine Behörden, die Polizei und die Geheimdienste stützen, sondern muss unabhängige, demokratisch kontrollierte Arbeitergremien schaffen, wie sie zum Teil nach der Mordnacht in Hanau im Ansatz schon entstanden sind. Für eine lückenlose Aufklärung und für den Schutz aller Arbeitenden gegen die rechte Gefahr ist es wichtig zu verstehen, wer Freund ist und wer Feind. Verbündete sind nicht die Staatsvertreter, Gewerkschaftsbürokraten und Parteipolitiker im Bundestag und in den Kommunen, die ihre Gleichgültigkeit und Feindschaft seit sechs Jahren bewiesen haben. Verbündete sind die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt, die den Kampf gegen Krieg und Faschismus aufgenommen haben.
Um diesen Kampf zu führen, hat die Sozialistische Gleichheitspartei, die dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) angehört, die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) gegründet. Die objektiven Grundlagen für die Selbstorganisation der Arbeiterklasse sind vorhanden. Notwendig ist eine neue Führung und sozialistische, internationalistische und historisch bewusste Politik. Schreibt uns und nehmt Kontakt auf, um an der Umsetzung dieser Perspektive teilzunehmen!
