Perspektive

TV-Serie The Pitt: Das Arztdrama, das mit sozialem Realismus und Ehrlichkeit Millionen Menschen in seinen Bann zieht

Die Art und Weise, wie die TV-Krankenhaus-Serie The Pitt  Millionen von Menschen in den USA und weltweit in ihren Bann zieht und fesselt, ist von großer Bedeutung. Die Serie hat sich zu einem regelrechten soziokulturellen Phänomen entwickelt.

The Pitt, eine Szene mit ICE-Agenten

Die Premiere der zweiten Staffel von The Pitt lockte in den ersten drei Tagen fast 200 Prozent mehr Zuschauer an als der Serienstart im Vorjahr. Bis Mitte Januar verzeichnete die Serie 1,19 Milliarden Streaming-Minuten pro Woche und durchschnittlich rund 12 Millionen US-Zuschauer pro Folge. Zwar wurden keine Zuschauerzahlen für das Finale publiziert, doch in den sozialen Medien sind die Schluss- und Post-Credits-Szenen viral gegangen und auf eine überwältigende und positive Reaktion gestoßen.

Der tiefe Eindruck, den die Fernsehserie hinterlassen hat, deutet auf die besonderen Bedingungen im Gesundheitswesen und auf dessen Krise hin. Ganz allgemein zeigt sie jedoch eine wohlwollende Reaktion auf eine ungewohnt humane Darstellung des gesellschaftlichen Lebens in den Vereinigten Staaten.

In einer Zeit, in der die Regierung unter Donald Trump und viele offizielle Ebenen und Einrichtungen mehr und mehr nur noch mit Grausamkeit, Unterdrückung und Gangstertum assoziiert werden, suchen breite Schichten der Bevölkerung nach sozialen Kräften und Mitteln, die einen Ausweg aus den immer unerträglicheren Bedingungen bieten.

Angesichts eines feindseligen politischen Systems, das von zwei korrupten Wirtschaftsparteien dominiert wird, haben zahlreiche Menschen ihr Augenmerk auf ein Krankenhaus in Pittsburgh und dessen Notaufnahme gerichtet: als ein Mikrokosmos, in dem große Probleme des Lebens auf vernünftige, menschliche Weise gelöst werden.

Der Realismus von The Pitt ist ungewöhnlich  und sehr zu begrüßen. Viele der populären Streaming-Erfolge der letzten Jahrzehnte zeugten von einem Mangel an Menschlichkeit, wenn nicht gar von regelrechter Menschenfeindlichkeit; allgemein fehlte das echte Interesse an komplexen Motiven und Interaktionen. Es dominierte die Erkundung der sogenannten „dunklen Seite“ des Lebens: je kälter und abstoßender, desto besser. Was als rau oder „knallhart“ daherkam, zeichnete sich oft durch Zynismus und Pessimismus aus. Es bestand die Tendenz, schockierende und brutale Wendungen sowie unerbittliche Niederlagen oder Tragödien mit „hochwertigem“ Drama gleichzusetzen. Ein Großteil dieser „düsteren“ Stoffe ist schlichtweg billiger, marktgängiger Kram, der höchstens Passivität und Abstumpfung fördert.

The Pitt ist anders, und das ist ihm hoch anzurechnen. Zwar schreckt Staffel 2 nicht vor widersprüchlichen und nicht ganz stimmigen Charakteren zurück, doch ist sie im großen Ganzen lebensbejahend. Die Macher haben sich bewusst und einfühlsam mit den sozialen Problemen unserer Zeit auseinandergesetzt und untersuchen, wie diese das menschliche Wesen prägen.

Die Staffel, die sich über 24 Stunden an einem 4. Juli erstreckt, beinhaltet eine Folge, in der ICE-Agenten eine Krankenschwester auf dem Krankenhausgelände angreifen und quasi entführen. Die Auswirkungen auf Krankenhauspersonal und Patienten werden in all ihren Facetten gezeigt. Im gegenwärtigen Klima stellt dies schon ein politisches Statement dar.

In The Pitt  werden zahlreiche brennende soziale Fragen aufgeworfen, die angesichts des Zeitdrucks bemerkenswert gut behandelt werden. Da erwürgt ein Patient eine Krankenschwester; ein Diabetiker verlässt gegen ärztlichen Rat abrupt das Krankenhaus, weil er nicht krankenversichert ist; ein an Skorbut erkrankter Häftling wird in Fesseln eingeliefert; Abschiebungen zerreißen Familien, und die Ärzte müssen ständig gegen medizinische Fehlinformationen ankämpfen, die Patienten gefährden oder gar töten können.

Wenn Autoren, Regisseure und Schauspieler sich dafür entscheiden, ihre Erzählung tief aus der sozialen Realität zu schöpfen, wie viel wirkungsvoller ist das dann als all die hirnlosen, selbstbezogenen Trivialitäten, die gemeinhin als „Drama“ durchgehen, geschweige denn der seichte Comic- und Superhelden-Schund. Kunst, die sich mit der Realität auseinandersetzt, die insbesondere das Leid, die Hoffnungen und die Kämpfe der arbeitenden Menschen behandeln – jener Menschen, die offiziell im amerikanischen und globalen bürgerlichen Leben gar nicht zählen –, diese Kunst hat die Kraft, zu bewegen, zu unterhalten und aufzuklären.

The Pitt spielt in einem Großstadtkrankenhaus, und somit sind das Personal und die Patienten naturgemäß multinational, multiethnisch und multikulturell. Identitätspolitik spielt jedoch keine Rolle. Ethnische und kulturelle Unterschiede sind nicht von Bedeutung. Den Zuschauer beeindruckt die große Solidarität unter den Ärzten, die aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Hier ist ein breiter Querschnitt Amerikas vertreten, und dennoch gibt es keine rassistische Thematik. Auch Konflikte zwischen den Generationen werden, wo sie vorkommen, nicht als unüberwindbar dargestellt. Die Charaktere werden anhand der gemeinsamen Probleme und Herausforderungen gezeichnet, denen sie begegnen.

Die Schwierigkeiten, mit denen die Hauptfigur, ein Oberarzt mit eigenen Problemen, konfrontiert ist, haben auch eine allgemeinere Bedeutung. Dr. Robinavitch versucht, die ernsten, bisweilen unlösbaren Probleme im Krankenhaus und in seinem Leben zu bewältigen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Obwohl The Pitt  vor allem bei Beschäftigten im Gesundheitswesen großen Anklang findet, kann sich auch die breitere Bevölkerung durchaus mit der Thematik identifizieren.

Es sind Arbeiterinnen und Arbeiter, die die Gesellschaft in all ihren Facetten am Laufen halten, doch sie stoßen tagtäglich auf Hindernisse, die aus dem bestehenden Gesellschaftssystem erwachsen. Wie können wir ein ordentliches Verkehrswesen, hochwertige Bildung, sichere Bau- und Industrieprojekte, ein funktionierendes Stromnetz, einen funktionierenden Dienstleistungssektor usw. betreiben, wenn Beschäftigte bis zur Erschöpfung gestresst werden, wenn die Budgets gekürzt, Stellen abgebaut und die Arbeitsbedingungen generell unerträglich gemacht werden? Arbeitnehmer spüren die Auswirkungen des Systems auf sich selbst und auf andere in vielfältiger Weise und suchen nach Wegen, diesem Druck nicht zu erliegen.

The Pitt hat an Popularität gewonnen, und das Ansehen der offiziellen Institutionen und Konzerne in der Öffentlichkeit sinkt immer tiefer. Natürlich geht es nicht allein um eine einzelne TV-Serie. Laut einer jährlichen Umfrage von Gallup wurden Krankenschwestern und Krankenpfleger im Jahr 2026 zum 24. Mal in Folge zum vertrauenswürdigsten Berufsstand in den USA gekürt. Etwa 75 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner bewerten die Ehrlichkeit und die ethischen Standards von Pflegekräften als „hoch“ oder „sehr hoch“. Auch Ärzte und Apotheker finden die Zustimmung der Mehrheit und werden in der Regel von 53 bis 62 Prozent der Befragten als vertrauenswürdig eingeschätzt.

Auf der anderen Seite sind Kapitalisten und Führungskräfte aus der Wirtschaft allgemein unbeliebt, wenn nicht gar verachtet. Aktuelle Daten zeigen, dass nur etwa 12 bis 15 Prozent der Öffentlichkeit der Ansicht sind, dass solche Personen hohe ethische Standards hätten: „Sie werden oft eher negativ als positiv wahrgenommen.“

Parlamentsabgeordnete und andere politische Persönlichkeiten, in den USA die Vertreter beider großen Kongressparteien, sind in solchen Umfragen häufig die am schlechtesten bewertete Gruppe. Gallup berichtet, dass positive ethische Bewertungen für Politiker oft unter 10 Prozent liegen, wobei rund 62 Prozent der Bevölkerung ihre Ehrlichkeit als „niedrig“ oder „sehr niedrig“ einstufen.

Mit Personalmangel, niedrigen Löhnen und harten Arbeitsbedingungen konfrontiert, haben sich die Beschäftigten im Gesundheitswesen in letzter Zeit erbitterte Kämpfe mit dem Management geliefert, so in Providence (Rhode Island) und Grand Blanc (Michigan). Bei dem Krankenhauskonzern Kaiser Permanente, sowie auch in New York City wurden Zehntausende Pflegekräfte von ihren Gewerkschaften schamlos im Stich gelassen. Dies ist ein wichtiges Schlachtfeld im Klassenkampf. Nicht umsonst titelte das rechtsextreme City Journal  kürzlich (und nervös) einen Artikel mit der Überschrift: „Warum sind so viele Krankenschwestern linksgerichtet?“

The Pitt hat es aus folgenden Gründen geschafft, einen beträchtlichen Teil des öffentlichen Interesses auf sich zu ziehen: ihre bewegende Intensität und ihr sozialer Realismus; ihre Ablehnung von Rassen- und Geschlechterpolitik; ihre kritische Haltung gegenüber der Abschiebebehörde ICE und den bösartig antidemokratischen, gegen Einwanderer gerichteten Operationen; ihre Darstellung selbstloser Menschen, die sich dem Gemeinwohl verschrieben haben, „mit all ihren Fehlern“; und ihr generelles Bekenntnis zu menschlicher Würde, im Gegensatz zu all dem Schmutz und der Fäulnis, die „von oben“ kommen.

Der Erfolg von The Pitt  fällt zeitlich mit der Teilnahme von Abermillionen Menschen in allen größeren Städten der USA am 28. März an den „No-Kings“-Protesten gegen ICE, Krieg und Diktatur zusammen. Die Bevölkerung bewegt sich nach links, hin zu einer zunehmend kritischen Sicht auf den Status quo, auf die Bande von Kriminellen und Mördern, die die USA regieren, und auf den Kapitalismus selbst.

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