Perspektive

Nexteer-Aufstand: Arbeiterklasse gegen Gewerkschaftsapparat

Arbeiter bei Nexteer nach der Schicht, 28. Mai 2026

Bei Nexteer Automotive in Saginaw im US-Bundesstaat Michigan ist ein Aufstand im Gange. Am Freitagmorgen haben zum dritten Mal in weniger als zwei Monaten 1.300 Beschäftigte des Autozulieferwerks eine unternehmensfreundliche vorläufige Vereinbarung abgelehnt, die von der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) Local 699 vorgelegt wurde. Insgesamt stimmten 55 Prozent dagegen und 45 Prozent dafür, unter den Produktionsarbeiterinnen und -arbeitern lag die Ablehnung bei 59 Prozent. Dies folgt auf die Ablehnung der ersten vorläufigen Vereinbarung am 2. April mit 96,2 Prozent, die Ablehnung der zweiten am 14. Mai mit 73 Prozent und die Urabstimmung über einen Streik am 20.–21. Mai, die mit 86 Prozent Zustimmung angenommen wurde.

Der UAW-Apparat reagiert, wie es für ihn typisch ist, indem er den Beschäftigten denselben Vertrag noch einmal vorlegt – mit kosmetischen Änderungen, was die Kernfrage verschleiern und den Widerstand zermürben soll. Ziel ist es, die Beschäftigten davon zu überzeugen, es gebe keine Alternative, als in einer Situation steigender Lebenshaltungskosten Armutslöhne hinzunehmen – während Produktivitätsanforderungen und Stufensysteme (mehrstufige Lohn- und Statusgruppen) sicherstellen, dass die nächste Runde von Zugeständnissen bereits eingebaut ist.

Die Aufmüpfigkeit der Nexteer-Beschäftigten ist inzwischen in eine offene Konfrontation mit dem Gewerkschaftsapparat übergegangen. Auf einer Mitgliederversammlung von UAW Local 699 am Sonntag, dem 18. Mai, erdreistete sich der internationale Betreuungsvertreter der Gewerkschaft („international servicing representative“) Jason Tuck – der 148.476 Dollar im Jahr kassiert und 2021 Vorsitzender der Verhandlungskommission von Local 699 für einen Tarifvertrag voller Zugeständnisse war, bevor er in den internationalen Apparat befördert wurde – die Beschäftigten zu beschimpfen und ihnen mit der Schließung des Werks zu drohen, falls sie streiken. Tuck verließ die Versammlung vorzeitig, als die Mitglieder deutlich machten, dass sie sich nicht einschüchtern lassen.

Der am Freitagmorgen veröffentlichte Newsletter von Local 699 ist ein Dokument, das mit jeder Zeile die Verachtung für die Beschäftigten dokumentiert. Darin wird behauptet, man „erkenne die Bedeutung dieser Abstimmung an“, doch dann heißt es im Folgenden: die derzeitige Vereinbarung bleibe in Kraft, es sei kein Streik ausgerufen, die Arbeitszeiten blieben unverändert, „Von allen Mitglieder wird erwartet, weiterhin wie geplant zu arbeiten“, „jede Entscheidung über einen Streik oder eine Arbeitsniederlegung kann nur mit offizieller gewerkschaftlicher Autorisierung getroffen werden“, die Mitglieder sollten „Spekulationen vermeiden“ und „auf genaue Hinweise warten“.

Der Gewerkschaftsapparat spricht mit den Beschäftigten, als wären sie unmündig. In Klartext übersetzt lautet die Botschaft: „Eure Stimme zählt nicht. Eure Meinung hat keinen Einfluss auf unsere Absprachen mit dem Unternehmen, das wir vertreten. Haltet den Mund und tut, was wir euch sagen.“

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass aus weiteren „Verhandlungen“ irgendetwas substantiell Besseres hervorgehen wird. Warum sollte das Unternehmen mehr anbieten? Die Nexteer-Geschäftsführung weiß, dass der UAW-Apparat keinen Streik ausrufen wird, und hat daher keinen Anlass, irgendetwas anderes anzubieten.

Tatsächlich wurden die Bedingungen, die der Konzern jetzt durchdrücken will, schon vor längerer Zeit zwischen Unternehmensleitung und Apparat ausgehandelt. Was da hinter verschlossenen Türen stattfindet, sind keine Verhandlungen in irgendeinem ernsthaften Sinn, sondern eine Verschwörung mit dem Ziel, herauszufinden, wie ein von der Geschäftsführung geschriebener Vertrag in einer vierten, fünften oder sechsten Abstimmung durchgesetzt werden kann. Und falls auch das scheitert, hat der Apparat bereits signalisiert, dass er versuchen wird, die Bedingungen durch ein Schlichtungsverfahren aufzuzwingen.

Die UAW ist keine Gewerkschaft im herkömmlichen Sinn. Sie ist keine Organisation, über die die Beschäftigten kollektiv ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber behaupten und im Kampf durchsetzen können. Die UAW wird von einem Funktionärsapparat kontrolliert, deren Gehälter von 150.000 bis über 270.000 Dollar im Jahr reichen. Diese Funktionäre fungieren als „Arbeitsmarktpolizei“– und praktisch als verlängerter Arm der Personalabteilungen der Konzerne.

Allein die 15 ranghöchsten UAW-Funktionäre strichen 2024 zusammen 3,2 Millionen Dollar ein. Der UAW-Vorsitzende Shawn Fain kassierte 274.407 Dollar. Ein 93-seitiger Bericht des gerichtlich eingesetzten UAW-Monitors (eine Aufsicht, die nach Korruptionsskandalen angeordnet wurde) dokumentiert Drohungen, denjenigen, die seinen inneren Kreis herausforderten, „die verdammte Kehle aufzuschlitzen“.

Will Lehman, Arbeiter bei Mack Trucks, der 2022 für das Amt des UAW-Vorsitzenden kandidierte und 2026 erneut kandidiert, stellte bereits 2022 fest, dass sich im Falle eines Wahlsiegs Fains nur dessen eigenes Gehalt ändern würde. Dieses Urteil ist in jeder Hinsicht bestätigt worden – wenn überhaupt, sind die Verrätereien des Apparats noch offener und dreister geworden.

Je offener der Apparat die Interessen der Arbeiter verrät, desto aggressiver setzen sich die pseudolinken Organisationen im Umfeld der Demokratischen Partei für die Gewerkschaft ein. Die Democratic Socialists of America (DSA), eine US-amerikanische „Links“-Organisation, war eng in die politische Operation eingebunden, mit der Fain als großer „Reformer“ aufgebaut wurde. Spitzenberater, die aus der DSA kommen, streichen im UAW-Hauptsitz Solidarity House sechsstellige Gehälter ein – Seite an Seite mit Fain, der seinerseits auf der Grundlage eines wirtschaftlichen Nationalismus ein faktisches Bündnis mit Trump eingegangen ist.

Auffällig ist, dass das Magazin Jacobin, das organisatorisch mit der DSA verbunden ist und Fain aggressiv unterstützt hat, bislang kein einziges Wort über den Kampf bei Nexteer sagt. Sie stützen den Gewerkschaftsapparat nicht trotz seiner Verrätereien, sondern wegen dieser Verrätereien. Wie der Apparat selbst sprechen sie für privilegierte Schichten des gehobenen Kleinbürgertums, die der Arbeiterklasse vollkommen feindlich gegenüberstehen.

Der Apparat kann nicht reformiert werden. Die Gewerkschaftsbürokratie ist nicht die Vertretung der Beschäftigten; sie ist ihr Feind. Jeder ernsthafte Kampf, einschließlich Streik, wird nicht vom Apparat geführt. Er muss von den Beschäftigten selbst vorbereitet und angeführt werden.

Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC – International Workers Alliance of Rank-and-File Committees) ruft die Beschäftigten auf, neue Organisationen zu bilden, die auf Betriebsebene demokratisch von den Arbeiterinnen und Arbeitern kontrolliert werden – unabhängig vom Apparat, von den Konzernen und den politischen Parteien, die beiden dienen. Die Aufgabe besteht darin, die Macht von der Bürokratie auf die Basis zu übertragen und den Apparat als institutionelle Barriere zwischen den Beschäftigten und ihrem gemeinsamen Kampf abzuschaffen.

Dieses Muster ist nicht auf die UAW beschränkt. Der gesamte Gewerkschaftsapparat in allen Branchen funktioniert im Kern auf dieselbe Weise. Im Januar und Februar dieses Jahres brach die New York State Nurses Association (NYSNA), die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen und -pfleger im Bundesstaat New York, einen historischen 41-tägigen Streik ab und schickte 15.000 Pflegekräfte wieder an die Arbeit – auf der Grundlage von Tarifverträgen mit großen Zugeständnissen, die die Beschäftigten nicht einmal zu Gesicht bekamen, geschweige denn in Ruhe lesen und diskutieren konnten.

Im März und April beendete die United Food and Commercial Workers (UFCW) Local 7 – eine Gewerkschaft im Bereich Lebensmittel und Einzelhandel – den größten Streik in der US-Fleischverarbeitungsindustrie seit mehr als 60 Jahren: den dreiwöchigen Ausstand von 3.800 Beschäftigten im JBS-Rindfleischwerk in Greeley, Colorado. Die UFCW befahl den Beschäftigten am 7. April die Rückkehr zur Arbeit – ohne neuen Tarifvertrag – nachdem sie es der Unternehmensleitung erlaubt hatte, während des Streiks den Betrieb mithilfe von Streikbrechern aufrechtzuerhalten.

Es gibt zahllose weitere Beispiele. In allen Fällen arbeitet die Bürokratie Hand in Hand mit der Geschäftsführung, um jede eigenständige Aktion der Beschäftigten zu verhindern, die entweder die Profite der Konzerne oder die eigene institutionelle Stellung des Apparats gefährden könnte.

Was bei Nexteer geschieht, ist Ausdruck einer umfassenderen Rebellion innerhalb der internationalen Arbeiterklasse. In Italien haben die Beschäftigten allein in diesem Monat drei landesweite Generalstreiks gegen Kürzungspolitik (Austerität), Krieg und den Völkermord im Gazastreifen organisiert – während die Gewerkschaftsbürokratien von CGIL, CISL und UIL sich bewusst enthalten haben. In Deutschland wächst der Widerstand gegen die IG Metall in großen Industriebetrieben, weil die Gewerkschaft sich weigert, auch nur eine einzige Arbeitskampfmaßnahme zu organisieren – trotz 160.000 vernichteter Arbeitsplätze. In Bolivien hat ein unbefristeter landesweiter Streik das Land lahmgelegt, während der Dachverband COB fieberhaft daran arbeitet, den Widerstand einzuhegen.

Die Nexteer-Beschäftigten haben eine Fackel entzündet, die von Beschäftigten in der gesamten Autoindustrie und weit darüber hinaus aufmerksam beobachtet wird.

Die IWA-RFC ruft die Nexteer-Beschäftigten auf, den nächsten Schritt zu gehen: Baut das Nexteer Workers Rank-and-File Committee (Aktionskomitee der Nexteer-Beschäftigten) als operative Führung des Kampfes aus, unabhängig von der diskreditierten Verhandlungskommission von Local 699. Fordert eine Massenversammlung, die von den Beschäftigten selbst geleitet wird. Nehmt Kontakt auf zu den Beschäftigten bei Dana, deren Vertrag am Freitagabend ausgelaufen ist, zu den Beschäftigten bei American Axle, deren Vertrag am Sonntag ausläuft, zu den Kolleginnen und Kollegen bei Bridgewater Interiors und Magna Seating, die an entscheidenden Wendepunkten stehen, sowie zu den Beschäftigten der „Big Three“ – Ford, General Motors und Stellantis – etwa im Ford-Werk Rouge und anderswo, die bereits versprochen haben, keine Teile aus Streikbrecherhand zu verarbeiten.

Der Weg nach vorn ist derselbe, zu dem die Arbeiterklasse in Land nach Land gezwungen wird: unabhängige Selbstorganisation, neue Kampforgane und ein bewusster Bruch mit den Bürokratien, die sich als das wichtigste Hindernis für die internationale Arbeiterbewegung erwiesen haben.

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