Perspektive

Gewerkschaft beendet Streik an der Harvard University: Die politischen Fragen

Streikende Studenten und Doktoranden in Cambridge, Massachusetts [Photo: UAW]

Nach 40 Streiktagen hat die Gewerkschaftsführung die rund 4.000 studentischen Beschäftigten und Promovierenden der Harvard Graduate Student Union der United Auto Workers (HGSU-UAW) zur Rückkehr an die Arbeit aufgefordert – ohne Vertrag und ohne nennenswerte Zugeständnisse seitens der Universitätsleitung. Es ist der jüngste Fall in einer Reihe von Arbeitskämpfen, die vom Gewerkschaftsapparat verraten wurden. Die United Auto Workers (UAW) ist entschlossen, den entstehenden Klassenkampf zu unterdrücken.

Die Beschäftigten hatten am 21. April die Arbeit niedergelegt und forderten Lohnerhöhungen, die mit den brutalen Lebenshaltungskosten in Cambridge und Boston Schritt halten. Lehrassistenten verdienen zwischen 18 und 21 Dollar pro Stunde – viele haben Anspruch auf staatliche Lebensmittelhilfe. Die Streikenden forderten außerdem effektive Schutzmaßnahmen gegen Schikanen durch Promotionsbetreuer, Kinderbetreuungszuschüsse und eine erweiterte Krankenversicherung. Sie verlangen Schutz für internationale Studierende und Studierende ohne Staatsbürgerschaft vor der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und ein Ende der Einbindung der Universität in den Militär- und Geheimdienstapparat.

Die Harvard-Leitung, die ein Stiftungsvermögen von 56,9 Milliarden Dollar verwaltet, verweigert jegliches Zugeständnis.

Mehr als 81 Prozent Gewerkschaftsmitglieder stimmten am Wochenende für die Beendigung des Streiks. Diese Abstimmung ist aber nicht Ausdruck ihrer Unterstützung für die leere Behauptung der HGSU-UAW, der Streik habe „Harvards chronische Blockadehaltung am Verhandlungstisch durchbrochen“. Vielmehr spiegelt sie wider, dass die Streikenden keine Aussicht auf Erfolg sahen, nachdem sie isoliert wurden und sich das akademische Jahr dem Ende zuneigt. Die Gewerkschaftsbürokratie hatte sie in eine Sackgasse geführt.

Die UAW-Führer isolierten systematisch den Streik und verhinderten jeglichen Appell an breitere Schichten der Arbeiterklasse in Cambridge, Boston und darüber hinaus.

Die Graduate Students von Harvard sind nicht die einzigen, die von der UAW verraten wurden. Die Liste ist lang: Beim Zulieferkonzern Nexteer Automotive in Saginaw (Michigan) haben 1.300 Arbeiter inzwischen drei Mal hintereinander Tarifverträge abgelehnt, die von der UAW unterstützt wurden. Die Funktionäre haben den Streikbeschluss ignoriert, um einen laufenden Streik im Three-Rivers-Werk beim Autozulieferer American Axle zu isolieren. Tausende Arbeiter bei General Motors, Ford und Stellantis haben ihre Arbeitsplätze verloren, seit die UAW 2023 ihren „Stand-up-Streik“ durchgeführt und als Erfolg präsentiert hatte. Die Gewerkschaft hatte diesen Pseudostreik bewusst auf wenige Werke beschränkt, um die Wirkung zu begrenzen.

Die UAW hat wiederholt Arbeitskämpfe von akademischen Beschäftigten isoliert und/oder unterbunden. An der University of California hat die Gewerkschaftsführung Anfang des Jahres dafür gesorgt, dass 40.000 Universitätsbeschäftigte wochenlang ohne Vertrag arbeiten, obwohl 93,3 Prozent für Streik gestimmt hatten. Und dann setzte die UAW ein Abkommen durch.

Unerträgliche Lebensbedingungen, Ungleichheit, politische Unterdrückung und Krieg treiben die amerikanische Arbeiterklasse in den Kampf. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass sie an der Schwelle zu gewaltigen sozialen Kämpfen steht, in denen sie als führende gesellschaftliche Kraft hervortreten wird. Der Gewerkschaftsapparat übernimmt bewusst die Aufgabe, diese wachsende Bewegung nach Kräften zu behindern und zu ersticken, um so zu verhindern, dass der enorme Widerstand von unten eine organisierte, bewusste Form annimmt.

Das Hochschulpersonal wird proletarisiert. Alle Illusionen, dass die mit Efeu bewachsenen Campusmauern die akademischen Beschäftigten vom Rest der Arbeiterklasse trennen, werden zerschlagen. Zehntausende Promovierende und studentische Mitarbeiter sind in den letzten Jahren der UAW beigetreten, weil sie dachten, dass sie über die Zugehörigkeit zu einer großen Gewerkschaft ihre Streiks mit der Arbeiterklasse verbinden könnten und ein Mittel zum Kampf hätten. Stattdessen behandelt die Gewerkschaftsbürokratie sie mit derselben Verachtung, die sie allen Mitgliedern entgegenbringt.

Die UAW hat eine aggressive Kampagne gefahren, um Graduate Students gewerkschaftlich zu organisieren – aber nicht aus Sorge um die Arbeitsbedingungen akademisch Beschäftigter, sondern um die Beitragseinbußen auszugleichen, die ihr infolge jahrzehntelanger Entlassungen und Werksschließungen verloren gegangen sind, gegen die sie nichts unternommen hat. Nachdem sie diese Arbeiter an den Universitäten rekrutiert hat, tut sie nun alles, um sie vom Kampf zurückzuhalten.

Die Gewerkschaftsbürokratie ist nicht einfach nur eine Ansammlung korrupter, konservativer Funktionäre. Sie ist eine soziale Schicht mit eigenen, spezifischen Interessen, die als Stütze der Klassenherrschaft fungiert.

UAW-Präsident Shawn Fain hatte so enge Verbindungen zum Weißen Haus unter dem demokratischen Ex-Präsidenten Joe Biden, dass er de facto als Mitglied der Regierung handelte. Heute unterstützt er Trumps Handelskriegsmaßnahmen und macht Arbeiter im Ausland für Entlassungen verantwortlich, die von amerikanischen Kapitalisten durchgeführt werden. Unter der heuchlerischen Parole vom „Arsenal der Demokratie“ wirbt er dafür, die von der Gewerkschaft vertretenen Arbeiter den Anforderungen einer neuen Kriegswirtschaft unterzuordnen.

Harvard seinerseits ist eine Schlüsselinstitution des amerikanischen Kapitalismus und des US-Imperialismus – ein Ort, an dem zukünftige Senatoren, Präsidenten, Generäle und CIA-Agenten ausgebildet werden. In der Harvard Corporation sitzt das Who’s Who der Unternehmens- und Finanzoligarchie sowie des Militär- und Geheimdienstapparats. Die Harvard-Leitung spricht in erheblichem Maße als direkter Vertreter der herrschenden Klasse.

Diese herrschende Klasse führt einen rücksichtslosen Generalangriff an allen Fronten. Sie setzt Massenentlassungen durch, führt Kriege zur Eroberung von Rohstoffen und Lieferketten und rettet das wankende Wirtschaftssystem auf dem Rücken der Arbeiter in den USA und weltweit. Zugleich bewegt sie sich in Richtung offen autoritärer Herrschaftsmethoden, die besser zur oligarchischen Struktur der amerikanischen Gesellschaft passen.

Harvard und andere Universitäten haben mit äußerster Härte auf sämtliche Regungen des Widerstand seitens der Studierenden reagiert, seien es Streiks, Opposition gegen den Völkermord in Gaza oder andere Proteste. Die Hochschulen werden aus Orten der Wissenschaft in streng überwachte Zentren der Propaganda umgewandelt.

Trump hat 2,2 Milliarden Dollar an Bundeszuschüssen für Harvard eingefroren, die Universität unter „verstärkte Finanzüberwachung“ gestellt, ihren Steuerbefreiungsstatus in Frage gestellt und eine Überprüfung der „Meinungsvielfalt“ gefordert – womit in Wirklichkeit die Durchsetzung rechtsextremer Positionen gemeint ist. Verteidigungsminister Pete Hegseth hat alle militärischen Ausbildungs- und Stipendienprogramme an der Harvard University eingestellt und sie als „brennendes Zentrum des Anti-Amerika-Aktivismus“ gebrandmarkt. Die Trump-Regierung hat sogar Schritte unternommen, um Harvard die Möglichkeit zu entziehen, internationale Studierende aufzunehmen.

Wie in jedem anderen Streik stellen sich auch im Streik an der Harvard University Fragen, die untrennbar mit dem Kampf für den Aufbau einer unabhängigen Bewegung der Arbeiterklasse verbunden sind. Ein solcher Kampf richtet sich gegen das gesamte politische Establishment und den Gewerkschaftsapparat. Aus diesem Grund rufen die World Socialist Web Site und die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) dazu auf, eigene Aktionskomitees zu gründen, in denen keine Gewerkschaftsfunktionäre Mitglied sein dürfen. Diese Komitees der Arbeiter kämpfen dagegen, dass die Beschlüsse der Belegschaft von der Bürokratie übergangen werden, übernehmen selbst die Kontrolle über die Streiks und vernetzen sich mit Kollegen in anderen Branchen auf der ganzen Welt.

Die Pseudolinken spielen eine zentrale Rolle dabei, die wachsende linke und antikapitalistische Stimmung wieder in sichere Bahnen zu lenken, insbesondere in die Demokratische Partei und die Gewerkschaftsbürokratie. Brandon Mancilla, ein Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA), stieg von der Führung der Gewerkschaftsorganisation bei Harvard zum Vorsitzenden eines UAW-Regionalverbands auf und wurde zu einer führenden Figur in Fains engstem Kreis. Die lokale Führung der HGSU-UAW setzt sich größtenteils aus DSA-Mitgliedern zusammen.

Mancilla hat die Promovierenden und Mitarbeiter an der Columbia University dazu gedrängt, ihre Forderungen nach Schutz vor ICE, einem Ende der Campusüberwachung und der Kooperation mit Waffenherstellern fallen zu lassen. Die UAW weigerte sich zweimal, Streiks zu genehmigen, obwohl es eine überwältigende Mehrheit dafür gab, und blockierte damit eine vereinte Bewegung der akademischen Beschäftigten von Harvard und Columbia.

Die DSA und andere pseudolinke Gruppen bieten eine Form des „Sozialismus“, der den Klassenkampf und die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse ablehnt und durch linksklingende Phrasen und bescheidene Reformvorschläge ersetzt, die sich in Luft auflösen, sobald sie auf Widerstand der herrschenden Klasse stoßen. Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, Mitglied der DSA, wurde aufgrund der breiten Opposition gegen Ungleichheit gewählt, aber ließ seine Wahlversprechen sofort fallen und besuchte zweimal Trump im Weißen Haus. Um die Wall Street zu beruhigen, hat er zuletzt eine Kommission für Regierungseffizienz (Commission on Government Efficiency, COGE) ins Leben gerufen, die ganz offensichtlich Trumps DOGE nachempfunden ist, welche im vergangenen Jahr Massenentlassungen in den Bundesbehörden vorantrieb.

Die grundlegendsten Forderungen der Arbeiterklasse – nach Löhnen, Gesundheitsversorgung, demokratischen Rechten – stoßen auf eine herrschende Klasse, die nicht willens und nicht in der Lage ist, diese Forderungen zu erfüllen. Die Logik in der Entwicklung dieses Kampfs wird immer schärfer die Frage aufwerfen, wer die Macht hat und in wessen Interessen die Gesellschaft organisiert ist.

Wie bei der gesamten Arbeiterklasse gibt es auch für die Graduate Students an der Harvard University nur einen Weg nach vorn. Sie müssen den Würgegriff der Gewerkschaftsbürokratie und des politischen Establishments, dem sie dient, durchbrechen und in einem gemeinsamen Kampf eine wirkliche Verbindung zu breiteren Schichten der Arbeiterklasse schaffen.

Die Konfrontation mit der herrschenden Klasse muss bewusst vorbereitet werden, indem eine sozialistische Bewegung aufgebaut wird, die in der Arbeiterklasse verankert ist – eine Bewegung, die diese Kämpfe vereint, Arbeitern ein klares Verständnis ihrer Ziele vermittelt und die politische Führung schafft, die notwendig ist, um diese Kämpfe zu ihrem konsequenten Abschluss zu führen.

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