Am zweiten Tag des UAW-Kongresses in Detroit wandte die Führung um den Gewerkschaftsvorsitzenden Shawn Fain verstärkt bürokratische Methoden an, um die Diskussion abzuwürgen und eine Reihe von Verfassungsänderungen durchzudrücken, die das Einkommen der hochbezahlten Funktionäre im Gewerkschaftsapparat erhöhen.
Zwischen den inhaltsleeren Reden der Funktionäre, die sich selbst beweihräucherten, setzte die Gewerkschaftsführung mit hinterhältigen Manövern mehrere Änderungen durch, um den schon jetzt üppig bezahlten Mitarbeitern des UAW-Apparats eine Gehaltserhöhung zu bescheren.
Die Methoden, mit denen Fains Apparat den Kongress kontrollierte, gingen noch weit über die Einschüchterungstaktik hinaus, die früher angewandt wurde. Damit ist die Behauptung widerlegt, die Fain und die etablierten Medien verbreiten, dass er an der Spitze einer Führung der „Reformen“ stehen würde.
In einem Angriff auf demokratische Rechte und unter Verstoß gegen die üblichen parlamentarischen Verfahren peitschte die UAW eine Verfahrensänderung durch, um pro Region nur einen Redner für und einen gegen Anträge zu erlauben. Der Apparat ernannte einen Antragsausschuss, der von den 74 Anträgen, die von Ortsverbänden eingebracht und vorgelegt wurden, willkürlich nur fünf zuließ. Dagegen wurden alle 35 Anträge zugelassen, die von Funktionären der UAW International eingebracht wurden.
Nachdem der UAW-Apparat die Debatte auf diese Weise mit bürokratischen Mitteln eingeschränkt hatte, setzte er eine Satzungsänderung durch, mit der die Obergrenze der Streikkasse von derzeit 850 Millionen auf 1,3 Milliarden Dollar erhöht wird. Die derzeitigen Regeln sehen vor, dass die monatlichen Mitgliedsbeiträge von zweieinhalb auf zwei Stundenlöhne gesenkt werden müssen, sobald die Streikkasse die Obergrenze überschreitet.
Dieser provokante Schritt zielt darauf ab, einen ununterbrochenen Zufluss von Mitgliedsbeiträgen an den Apparat zu gewährleisten, und löste beträchtlichen Widerstand bei den Delegierten aus. Doch die UAW-Führung beendete die Debatte schnell und erzwang die Verabschiedung. Eine Gegenresolution, die eine Senkung der Obergrenze forderte, durfte nicht einmal zur Abstimmung gestellt werden.
Nach diesem Diebstahl von Mitgliedsbeiträgen verabschiedete die UAW-Führung eine weitere Änderung, mit der die Gehälter für Shawn Fain und andere Gewerkschaftsfunktionäre um etwa 30.000 Dollar pro Person erhöht werden.
Eine weitere Änderung erhöht die Geldmenge, welche die Führung direkt aus der Streikkasse abziehen darf, von 60 Millionen auf 100 Millionen Dollar. Die Satzung lässt bereits die Abzweigung eines Prozentsatzes der Zinserträge aus der Streikkasse zu, was dem Apparat einen direkten finanziellen Anreiz gibt, Streiks zu unterdrücken. Der Apparat hat mit bürokratischen Mitteln eine Forderung nach einer namentlichen Abstimmung vereitelt, die Delegierte gezwungen hätte, sich öffentlich für diese Abzweigung von Geldern aus dem Streikfonds auszusprechen.
Außerdem wurde eine Änderung bezüglich der Wahlen beschlossen. Aktuell werden die UAW-Wahlen aufgrund des Korruptionsskandals noch vom UAW-Monitor überwacht, der von der Regierung eingesetzt worden war. Wenn diese staatliche Aufsicht endet, sollen nun ein vom Apparat handverlesener Wahlbeirat, ein Wahlleiter und und ein Beauftragter für Schiedsentscheidungen die Wahlen überwachen. Der Beirat wird die Regeln für die Wahl festlegen und der Wahlleiter das letzte Wort bei allen Einsprüchen haben. Dieses Verfahren soll gewährleisten, dass die Bürokratie selbst die „Aufsicht“ über die Wahlen kontrolliert.
Will Lehman, ein Mack-Trucks-Arbeiter aus Macungie (Pennsylvania) und Sozialist, der für das Amt des UAW-Präsidenten kandidiert, hat auf dem Gewerkschaftskongress für seine Wahlkampagne geworben. Gegenüber der WSWS erklärte er:
Das ist die undemokratischste Versammlung, die unsere Gewerkschaft seit Jahrzehnten abgehalten hat. Es ist ein Kongress der Bürokratie, von der Bürokratie und für die Bürokratie. Das entscheidende Ereignis des Kongresses war die Abstimmung, mit der sich der Gewerkschaftsapparat selbst eine drastische Gehaltserhöhung verschaffte – während unsere Kolleginnen und Kollegen ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Das Vorgehen führt Fains Behauptung, den Apparat reformieren zu wollen, ad absurdum.
Fain habe den ehemaligen UAW-Präsidenten Ray Curry als Ehrengast auf die Bühne geholt, so Lehman – „ein Beweis für die Geschlossenheit des gesamten UAW-Apparats gegen die einfache Mitgliedschaft“.
Sue Pratt, eine Pflegerin und Vorsitzende des UAW-Ortsverbands in Toledo, der 900 Pflegekräfte des St. Vincent Mercy Medical Center repräsentiert, versuchte eine Resolution einzubringen, nachdem sie die notwendige Unterstützung der Delegierten erhalten hatte. Sie wurde jedoch willkürlich daran gehindert, weil sie die genaue Seitenzahl im Antragsbuch des Kongresses nicht nennen konnte.
Die World Socialist Web Site sprach mit Delegierten über ihre persönlichen Erfahrungen mit den undemokratischen Methoden des Apparats. Heather, eine Delegierte des UAW-Ortsverbands aus Whitehall (Michigan), die in einem kleinen Luft- und Raumfahrtbetrieb arbeitet, erklärte, die UAW International habe ihnen keine Erlaubnis zum Streik gegeben, obwohl während der Tarifverhandlungen 100 Prozent der Mitglieder dafür gestimmt hatten. Sie erklärte: „Für einen Streik zu stimmen und dann doch nicht zu streiken, war enttäuschend. Man sagte uns, unser Tarifvertrag sei gut und wir müssten ihn annehmen.“
Weiter sagte sie: „Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter sollten keine Hungerlöhne bekommen. Ich verdiene von Jahr zu Jahr weniger. Ich bin Alleinverdiener. Jede Lohnerhöhung wird von den Versicherungsbeiträgen aufgefressen. Wir bekommen in diesem Jahr eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 1,25 Dollar pro Stunde, aber da alles andere teurer wird, ist es eigentlich keine echte Erhöhung. Alle kämpfen, und wir gelten schon als die besser bezahlten Arbeiter. Es muss sich was bessern. Die Neuen wollen sich mit den Regeln nicht abfinden, und der Lohn ist nicht gerade toll. Nach einem Monat sind sie weg.“
Mit Verweis auf den Kampf der Arbeiter bei den Autozulieferern Dana und Nexteer, die die Tarifverträge mit deutlicher Mehrheit abgelehnt haben, erklärte sie: „Wenn diese Leute ihre Verträge mehrfach ablehnen, stimmt eindeutig etwas nicht.“
Über Fains Unterstützung für Trumps Zölle erklärte sie: „Das möchte ich hören. Als ich Fain das letzte Mal reden hörte, schien er in einigen Punkten mit Trump übereinzustimmen – Ansichten, denen ich entschieden widerspreche. Für mich ergibt es keinen Sinn, dass er ein Trump-Anhänger sein könnte. Das passt für mich einfach nicht zusammen.“
Tom, der beim Autozulieferer Nexteer in Saginaw arbeitet, war gekommen, um den Kongress zu verfolgen und die Kampagne von Lehman zu unterstützen. Er schilderte, dass die Arbeiter in seinem Werk drei Tarifvereinbarungen abgelehnt hatten, die von der Gewerkschaft vorgelegt wurden. Trotz des überwältigenden Votums der Mitglieder in der Urabstimmung blockierten die UAW-Funktionäre aber einen Streik.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Tom sprach auch über die Entlassung von Antwiane Sanders, einem Kollegen bei Nexteer, der ins Visier der UAW geraten war, nachdem er sich bei einer Besprechung auf dem Firmengelände gegen den vierten vorgelegten Tarifvertrag ausgesprochen hatte. „Wir wollen, dass er wieder eingestellt wird und seinen ausstehenden Lohn erhält, bevor wir über den nächsten Tarifvertrag abstimmen. Sie versuchen, Mitglieder einzuschüchtern, die sich gegen Autoritäten aussprechen, auf die sie hören sollen. Sie wollen uns zum Schweigen bringen. Sie versuchen, jeden Widerspruch zu eliminieren. Sie wollen uns vom Gelände verweisen, wenn wir den Mund aufmachen.“
Weiter sagte er: „Der Apparat will sein Verhalten nicht ändern. Sie waren in den Korruptionsskandal verwickelt. Zwei unserer UAW-Präsidenten mussten ins Gefängnis. Was sie heute hier tun, riecht nach totaler Unterdrückung von Opposition. Es erinnert mich daran, was Trump tut.“
Kamara Bond, die beim Autozulieferer Dana Driveline in Toledo arbeitet, wurde schikaniert und unrechtmäßig entlassen, weil sie unsichere Arbeitsbedingungen gemeldet hatte. Sie erklärte gegenüber der WSWS, dass sie versucht habe, als Beobachterin am Kongress teilzunehmen, aber nicht eingelassen worden sei, weil die UAW behauptete, sie sei kein vollberechtigtes Mitglied.
Nach der Sitzung sprach Sue Pratt, die Aktivistin in der oppositionellen Gruppe Unite All Workers ist, mit der World Socialist Web Site:
„Fain sagt, er wäre für Reformen, aber das stimmt nicht. Wer diese ganzen Regeln einführt, ist nicht für Reformen. Die Mainstreammedien berichten positiv über sie [die Fain-Führung], aber das ist nicht das, was wirklich passiert.“
Sie erklärt weiter: „Unser Ortsverband hat drei Anträge eingebracht. In diese Anträge ist viel Arbeit investiert worden, doch sie wurden im Ausschuss allesamt abgelehnt. Wenn er vom Antragsausschuss nicht akzeptiert wird, brauchen wir die Stimmen von 128 Delegierten, um ihn dennoch zur Abstimmung zu bringen – diese Unterstützung hatte ich. Man lehnte den Antrag mit der Begründung ab, ich hätte die Seitenzahl nicht gewusst. Sie haben Chaos bei den Antragsbüchern angerichtet. Tatsächlich hat man uns gar nicht mitgeteilt, ob unser Antrag angenommen worden ist oder nicht.“
Sie betonte: „Nur eine Person aus jeder Region darf dafür oder dagegen sprechen. Änderungsanträge sind nicht erlaubt. Die Diskussion über die Anhebung der Obergrenze für Mitgliedsbeiträge haben sie abgebrochen, nachdem erst vier Regionen zu Wort gekommen waren.“ Pratt erklärte außerdem, sie habe ausdrücklich darauf hinweisen wollen, wie das aus der Streikkasse abgezweigte Geld ausgegeben – oder, besser gesagt – verschwendet wird.
Über die Umleitung von Geldern aus der Streikkasse an den UAW-Apparat sagte sie: „Wenn sie aufhören würden, Geld aus der Streikkasse zu nehmen, dann hätten wir eine starke Streikkasse. Stattdessen bekommen sie astronomische Gehälter. Die zusätzlichen Mitgliedsbeiträge, die einem halben Stundenlohn entsprechen, machen einen Unterschied. Wir haben Arbeiter in unserer Gruppe, die sich nicht einmal Benzin oder ein Mittagessen leisten können. Bei ihnen würde es einen Unterschied machen, ob die Beiträge sinken. Kein Gewerkschaftsfunktionär sollte mehr verdienen als ein Arbeiter.“
Will Lehman erklärte: „Es gibt nur eine Schlussfolgerung, die die Belegschaft aus diesem Kongress ziehen muss. Die Macht über die Entscheidungen, die unser Leben bestimmen, muss dem Solidarity House (Gewerkschaftszentrale) entrissen und den Arbeitern im Betrieb übergeben werden. Dafür ist der Aufbau von Aktionskomitees an jedem Arbeitsplatz erforderlich – unabhängig von der Bürokratie und den politischen Parteien, die sie verteidigen. Genau darum geht es in dieser Kampagne.“
