Am Mittwoch, dem 24. Juni, kam in den frühen Morgenstunden der Schienen-, Bus-, Straßenbahn- und U-Bahnverkehr in den Niederlanden zum Erliegen. Von 4 bis 8 Uhr morgens bestreikten Beschäftigte der öffentlichen Verkehrssysteme den nationalen Eisenbahnkonzern NS und brachten damit fast den gesamten städtischen und regionalen Verkehr im Land zum Erliegen. Aufgerufen hatten drei Teilgewerkschaften des Dachverbands FNV.
Um 6 Uhr morgens war der Hauptbahnhof von Amsterdam so gut wie menschenleer. Die Bahnsteige waren verwaist, und auf den Anzeigetafeln und über die Bahnhofslautsprecher wurde der Streik angekündigt. Nur eine Handvoll Verbindungen blieb in Betrieb, darunter die IJ-Fähren und die Zugverbindung zum Flughafen Schiphol.
Im Unterschied zu den herkömmlichen Streiks für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren markierte der Streik der niederländischen Verkehrsarbeiter durch seinen politischen Charakter ein neues Stadium. Er wurde von der Basis erzwungen und richtete sich offen gegen den politischen Kurs des Staats: ein Streik gegen das Kriegskabinett der Minderheitsregierung von Ministerpräsident Rob Jetten (D66) und deren Bestrebungen, die Sozialleistungen zu kürzen, welche die Arbeiterklasse in den Kämpfen der Nachkriegszeit errungen hat.
Es geht um die Aushöhlung der Arbeitslosen- und Invalidenunterstützung (WW und WIA) sowie um einen umfassenderen Angriff auf die staatlichen Renten. Laut einer Umfrage unter FNV-Mitgliedern lehnen 98 Prozent die Kürzungen ab, und mehr als 85 Prozent sind zu einem längeren Streik bereit. Die Dock- und Hafenarbeiter, die seit März streikbereit sind, werden vermutlich folgen.
Der Ausstand war der niederländische Ausdruck einer Klassenkonfrontation, die sich jetzt in ganz Europa und der Welt anbahnt. Er folgte unmittelbar auf den EU-Gipfel in Brüssel Mitte Juni, auf dem die Regierungschefs Europa auf die größte Aufrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg verpflichteten, um die EU bis 2030 „kriegsbereit“ für einen direkten Konflikt mit der Atommacht Russland zu machen, neue Waffen in den Ukrainekrieg zu liefern, und die „Fähigkeiten für tiefgehende Präzisionsangriffe“ aufzubauen – d.h. für Ziele tief im Inneren Russlands. Dieses Programm wirkt sich direkt auf die nationale Austeritätspolitik aus.
Auch das Datum des niederländischen Streiks selbst war von Bedeutung: Ein Jahr zuvor, am 24. und 25. Juni 2025, hatten sich die NATO-Mächte in Den Haag getroffen und sich verpflichtet, ihre Militärausgaben auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen. Die Kürzungen, die jetzt als unvermeidlich dargestellt werden, sind die innenpolitische Umsetzung dieses Versprechens. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat bereits den Ton vorgegeben und erklärt, wer dafür bezahlen muss: Die arbeitende Bevölkerung in allen Ländern müsse Einschränkungen hinnehmen, um Aufrüstung und Krieg zu finanzieren.
Die Niederlande sind eine weitere Front in einer europaweiten Streikwelle, die von denselben sozioökonomischen und politischen Bedingungen angetrieben wird – den Sparmaßnahmen im Inland zur Finanzierung von Kriegen im Ausland.
In Belgien widersetzen sich die Arbeiter seit mehr als einem Jahr der „Arizona-Koalition“ von De Wevers Regierung – mit Streiks gegen Rentenreformen und Angriffe auf die Lohnindexierung. Auf branchenübergreifende Streiks im Februar folgte am 12. März eine landesweite Mobilisierung von 100.000 Arbeitern und ein weiterer landesweiter Streik im Mai. Dabei trugen die Demonstranten Transparente, auf denen u.a. stand: „Wir zahlen nicht für ihre Kriege“, da die Regierung plant, die Militärausgaben bis 2034 auf 34 Milliarden Euro zu erhöhen.
In Frankreich traten am 10. Juni die vier Eisenbahnergewerkschaften zusammen in den Streik. Sie riefen den „Ausnahmezustand“ für das Schienennetz aus, das durch aufeinanderfolgende Reformen zerschlagen wird und durch chronische Unterfinanzierung marode gemacht wird, während die Löhne der Arbeiter langsamer steigen als die Preise.
In Portugal kam beim Generalstreik der CGTP am 3. Juni – dem zweiten Generalstreik innerhalb von sechs Monaten – der Zugverkehr zum Erliegen, Hunderte von Fliegern blieben am Boden und die Schulen geschlossen. Die Streiks richteten sich gegen eine Arbeitsrechtsreform, die Entlassungen erleichtert und das Streikrecht einschränkt.
In Italien bildete der Generalstreik am 20. Juni den Höhepunkt einer neunmonatigen Welle von Arbeitskämpfen gegen den Austeritäts- und Kriegshaushalt der Meloni-Regierung. Er verband den Widerstand gegen Aufrüstung mit Protesten gegen den Völkermord in Gaza, als Hafenarbeiter in Genua, Livorno und Ancona sich weigerten, Waffenlieferungen für Israel zu verladen.
In Spanien, Griechenland und vielen weiteren Ländern zeigt sich die gleiche Dynamik. Die europäische Arbeiterklasse weigert sich, ihren Lebensstandard und ihre sozialen Errungenschaften zu opfern, um die Aufrüstungspläne und die imperialistischen Unterwerfungs- und Plünderungskriege ihrer herrschenden Eliten zu finanzieren.
In den Niederlanden selbst war der Streik vom 24. Juni der dritte landesweite Streik seit Jettens Kriegskabinett im Februar sein Amt antrat. Ihm gingen zwei Streiks des öffentlichen Dienstes im März und April gegen die Nullrunde für 2026 voraus. Was sich in Europa anbahnt, ist keine Serie zusammenhangloser nationaler Streiks – auch wenn die Gewerkschaften alles tun, um sie zu begrenzen – sondern eine einzige Konfrontation zwischen der Arbeiterklasse und einer Staatsmaschinerie, die auf Krieg umgestellt wird.
Regierung der Austerität, des Kriegs und der Unterdrückung
Der Streik richtete sich gegen eine Regierung, die sich als gemäßigte Mitte-links-Nachfolgerin ihrer rechtsextremen Vorgängerin inszeniert, aber in Wirklichkeit ihr gesamtes Programm fortsetzt. Jetten, der in den Medien als „jugendlicher Zentrist“ dargestellt wird, erzielte im letzten Oktober einen knappen und unerwarteten Sieg gegen Geert Wilders‘ neofaschistische PVV und wurde am 23. Februar 2026 vereidigt. Er erhielt jedoch mit nur 26 von 150 Sitzen das kleinste Mandat, das je eine Regierungspartei erhalten hat. Doch statt mit der Politik des von der PVV dominierten Kabinetts zu brechen, wie er es während der vorgezogenen Neuwahlen versprochen hatte, hat er dessen rechte Agenda rücksichtslos fortgesetzt und beschleunigt.
Im Zentrum der Agenda der ehemaligen Kolonialmacht steht der imperialistische Krieg. Das Kabinett – eine Koalition aus D66, der rechten VVD und der christdemokratischen CDA, die zusammen über 66 von 150 Sitzen verfügt – hat die Aufrüstung zum Ordnungsprinzip des Staats gemacht. Es hat als Ziel Militärausgaben von 3,5 Prozent des BIP bis 2035 gesetzlich verankert, die unter Einbeziehung „sicherheitsrelevanter“ Ausgaben auf fünf Prozent steigen sollen. Es hat außerdem eine als „Freiheitsbeitrag“ bezeichnete Kriegssteuer eingeführt, um den 19-Milliarden-Euro-Ausbau der Streitkräfte teilweise zu finanzieren. Die wichtigsten Nutznießer sind Rüstungskonzerne wie Thales, Rheinmetall und Lockheed Martin, deren Aktienkurse und Profite in die Höhe geschossen sind, während Sozialleistungen abgebaut werden. Alleine die Aktienkurse von Rheinmetall sind in den letzten drei Jahren um etwa 400 Prozent gestiegen; sein operatives Ergebnis für 2025 ist um ein Drittel gestiegen, seine Dividenden um 42 Prozent.
Die Kürzungen bei WW und WIA müssen in diesem Kontext verstanden werden. Es handelt sich nicht um eine bloße niederländische Haushaltskonsolidierung, sondern jeder Euro für Kriege im Ausland wird der Arbeiterklasse im Inland abgepresst. Es besteht keine „fiskalische“ Notwendigkeit für die Kürzungen: Laut den Zahlen der Gewerkschaften verzeichnen die Arbeitslosen- und die Invalidenkassen einen Überschuss von etwa zehn Milliarden Euro, die aus den Lohnabzügen der Arbeiter stammen. Das Geld fehlt nicht, sondern wird lediglich von den Sozialausgaben in die Kriegskasse umgeleitet.
Die Kriegsmaschinerie, die auf Kosten sozialer Bedürfnisse finanziert wird, dient dem Völkermord. In den Niederlanden befindet sich eines der drei europäischen Logistikzentren für die F-35-Kampfflugzeuge, die bei der Zerstörung des Gazastreifens eingesetzt werden. Im Jahr 2024 stellte ein Berufungsgericht fest, dass die anhaltenden Exporte „eindeutig das Risiko“ bergen, schwere Verstöße gegen das Völkerrecht zu begünstigen, und ordnete die Einstellung dieser Exporte an. Die Regierung zog gegen dieses Urteil vor den Obersten Gerichtshof, der im Oktober 2025 entschied, die Bewaffnung von Israel sei Sache der Regierung und nicht der Justiz.
Hunderttausende haben sich an den „Rote Linie“-Demonstrationen gegen den Krieg in Gaza und die Komplizenschaft der Niederlande beteiligt. Die Veranstaltung am 5. Oktober 2025 in Amsterdam war mit einer Viertelmillion Teilnehmern die größte Protestveranstaltung seit 1981. Dazu kamen landesweite Besetzungsaktionen von Studenten. Direkte Exporte nach Israel sind weiterhin formell ausgesetzt, Berichten zufolge erreichen die Komponenten Israel jedoch weiterhin über die USA, sodass die rechtlichen Einschränkungen in der Praxis weitgehend symbolisch bleiben.
Das soziale Gefüge, dem diese Sozialkürzungen aufgezwungen werden, ist bereits bis zum Zerreißen angespannt. Im Jahr 2024 stieg die offizielle Armutsquote erstmals innerhalb von fünf Jahren auf 551.000, nachdem die Regierung den Energiezuschuss gestrichen hatte, der eingeführt worden war, um den Preisschock durch den Ukrainekrieg aufzufangen. Fast die Hälfte der Armen sind Erwerbsarme, d.h. sie arbeiten zwar, kommen aber nicht über die Runden. Schulen verteilen zunehmend kostenloses Frühstück an Kinder, die hungrig eintreffen, während Armut die durchschnittliche Lebenserwartung um neun Jahre für Männer und sieben Jahre für Frauen verringert.
Das alles geschieht in einem der reichsten Länder der Welt, in dem mehr als 50 Milliardäre und über 450.000 Millionäre leben – eine Konzentration von Reichtum, die in direktem Gegensatz zum rapiden Niedergang des Lebensstandards der Massen steht. Angesichts eines Fehlbestands von 400.000 Wohnungen herrscht eine massive Wohnungskrise, während gleichzeitig mehr als 200.000 Wohnungen als Spekulationsobjekte leer stehen.
Begleitet wird die Sparpolitik von eskalierender staatlicher Unterdrückung. Ein „Zwei-Status“-Gesetz, das seit dem 12. Juni in Kraft ist, teilt Asylsuchende in anerkannte Flüchtlinge und eine Gruppe mit niedrigerem Status – mit „subsidiärem Schutz“. Letzteren, von denen die meisten vor Kriegen fliehen, wird der Anspruch auf Familiennachzug und dauerhafte Duldung verwehrt. Als der Senat im April das Gesetz für Asyl-Notstandsmaßnahmen abschaffte – eine Maßnahme, die nicht gemeldete Immigranten kriminalisiert und noch von der ehemaligen rechtsextremen PVV-Ministerin Marjolein Faber entworfen wurde –, führte die Jetten-Regierung sie nur wenige Wochen später durch ein neues Gesetz wieder ein.
Flüchtlinge und Immigranten zu Sündenböcken zu machen ist eine unverzichtbare Ergänzung zum staatlichen Austeritätskurs. Bis in den Mai 2026 blockierten rechtsextreme Mobs Autobahnen und zündeten Asylbewerberheime an. Dabei handelt es sich nicht um spontanen „Volkszorn“, sondern um eine Kampagne, die seit langem vom gesamten politischen Establishment und dessen Medien kultiviert wurde: gezielte Angriffe auf 263.000 Flüchtlinge und 1,7 Millionen eingewanderte Arbeiter soll die Arbeiterklasse spalten und die Gesellschaft an Unterdrückung gewöhnen.
Die Rolle der FNV-Gewerkschaftsbürokratie
Die entscheidende Frage, die sich aus dem Streik vom 24. Juni ergibt, ist nicht die nach der Militanz der Arbeiter – sie steht außer Zweifel. Die Frage ist, welche politische Rolle der Apparat spielt, der angeblich für sie spricht. Da 98 Prozent der Mitglieder die Kürzungen ablehnen und mehr als 85 Prozent zu einem langen Streik bereit sind, hatte die FNV-Führung ein klares Mandat für einen ernsthaften Kampf. Stattdessen stellte sie Ende Mai ein „Ultimatum“, brach die offiziellen Verhandlungen ab und rief zu einem „ersten Nadelstich“ auf – einer Störaktion von wenigen Stunden in den frühen Morgenstunden, die beendet war, bevor ein Großteil der Bevölkerung seinen Arbeitstag überhaupt begonnen hatte.
Edwin Kuiper aus dem Führungsgremium der FNV hatte dies im Vorfeld genau so beschrieben und versprochen, dass „echte“ 24-Stunden-Streiks „folgen könnten“, jedoch „erst nach dem Sommer“. Selbst der symbolische Streik wurde von FNV Spoor auf vier Stunden von 4 bis 8 Uhr morgens beschränkt, um seine Reichweite zu beschränken, weil ein längerer Streik drohte, breitere Unterstützung innerhalb und außerhalb der Niederlande hervorzurufen.
Diese bewusste Steuerung sollte verhindern, dass sich der Streik zu einer vereinten Bewegung der Verkehrs-, Hafen- und Logistikarbeiter und im öffentlichen Dienst gegen die Regierung entwickelt, was durchaus hätte passieren können. Die Hafenarbeiter waren bereits seit März streikbereit, nur Wochen zuvor hatten etwa 160.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes die Arbeit niedergelegt, und die Eisenbahner hatten im Jahr 2025 den Bahnverkehr zum Erliegen gebracht. Die objektiven Bedingungen für einen umfassenderen Streik waren also vorhanden.
Die Aufgabe der Gewerkschaftsbürokratie bestand darin, die einzelnen Bereiche voneinander getrennt zu halten, um einen kurzen, segmentierten, sorgfältig begrenzten Protest zu veranstalten. Dieser sollte dem aufgestauten Ärger Luft machen, ohne das Wirtschaftsleben zu stören oder breitere gesellschaftliche Schichten zur Unterstützung zu mobilisieren, und sie anschließend bis zum Herbst nach Hause zu schicken. Das ist die wesentliche Funktion des Gewerkschaftsapparats: ein Sicherheitsventil, um Druck abzulassen, damit Austerität, Militarisierung und Kriegsausgaben ohne ernsthafte Beeinträchtigungen weitergehen können.
Diese Funktion ergibt sich aus dem Platz der Bürokratie innerhalb des Staats. Der Vorsitzende der FNV, Hans Spekman, der am 1. Mai 2026 eingesetzt wurde, war von 2012 bis 2017 nationaler Vorsitzender der Partij van de Arbeid (PvdA). Seine Laufbahn erinnert an diejenige von Wim Kok, dem Vorsitzenden des Gewerkschaftsbunds, der 1982 das wegweisende Wassenaar-Abkommen ausgehandelt und als PvdA-Ministerpräsident die Zerschlagung des niederländischen Sozialstaats in das gefeierte „Niederländische Modell“ umgestaltete.
Seither steht das „Polder-Modell“ nicht mehr für Verbesserungen der Lage der Arbeiter, sondern für Kürzungen, die von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften in Gremien wie dem Sozial- und Wirtschaftsrat und der Arbeitsstiftung ausgehandelt werden, was den Apparat umso enger an den Staat bindet. Spekmans Klage, die Vorschläge des Kabinetts seien „dürftig und äußerst unklar“ sind nicht die Sprache eines Gegners von Austerität, sondern eines Co-Managers, der über die Details der Ausführung irritiert ist.
Das Muster ist in ganz Europas identisch. In Italien hat die CGIL die Versuche der Basis beendet, sich am Kampf gegen Austerität und den Völkermord in Gaza zu beteiligen. In Frankreich haben die CGT und die CFDT die Massenbewegung gegen Macrons Rentenkürzungen in isolierte eintägige Protestaktionen zersplittert. In Großbritannien und Deutschland setzen die Eisenbahn- und Dienstleistungsgewerkschaften auf dieselben vorher geplante symbolischen Ausstände.
Die offizielle Opposition und die nominelle Linke bieten keine Alternative. GroenLinks und die PvdA, die sich im Juni unter Jesse Klaver zu einer einzigen „progressiven“ Partei, der Progressief Nederland (PRO), zusammengeschlossen haben, beklagen zwar die Kürzungen, akzeptieren aber die EU-Defizitregeln und die NATO-Zielvorgaben, die diese erst verursachen. Die ehemalige maoistische Sozialistische Partei verurteilt den „Freiheitsbeitrag“ in Worten, unterstützt aber den Rahmen der EU und der NATO, der ihn hervorbringt.
Historische Bilanz der niederländischen Verkehrsarbeiter
Dieser Apparat ist von der Angst vor den eigenen mutigen historischen Traditionen der Arbeiterklasse durchdrungen. Niederländische Verkehrsarbeiter an strategisch wichtigen Positionen ergriffen dreimal in einem Jahrzehnt als Erste die Initiative zu Streiks und haben damit die gesamte Klasse mobilisiert.
Im Februar 1941, als die deutschen Besatzer und ihre Kollaborateure begannen, die Amsterdamer Juden zusammenzutreiben und in Vernichtungslager zu transportieren, legten zuerst die Straßenbahnfahrer der Stadt die Arbeit nieder, danach die Hafenarbeiter, und schließlich schlossen sich binnen eines Tags etwa 300.000 Arbeiter an. Es war der einzige Massenstreik gegen die Verfolgung der Juden im besetzten Europa – ein Akt internationalistischer Klassensolidarität, der jedoch brutal unterdrückt und vom herrschenden Establishment und seiner Monarchie später seines Klasseninhaltes beraubt und als „nationaler Widerstand“ dargestellt wurde.
Der Eisenbahnerstreik vom September 1944, der die Verlegung von Truppen und Versorgungsgütern der Wehrmacht durch die besetzten Niederlande stören sollte, kam nicht von unten, sondern von der Exilregierung, die im Mai 1940, noch vor der Kapitulation des niederländischen Militärs, zusammen mit der Königsfamilie nach London geflohen war. Der Streik war den militärischen Zielen der Alliierten untergeordnet, wobei die Arbeiterklasse die brutalen Konsequenzen trug und einen hohen Preis zahlte: 30.000 Eisenbahner mussten sich vor der Unterdrückung der Nazis verstecken, während die Blockade von Nahrungsmitteltransporten in die westlichen Provinzen, die Deutschland als Vergeltung verhängte, zum Hungerwinter beitrug, in dem 20.000 Niederländer verhungerten.
Diese Lektion wurde nach dem Krieg erneut nachdrücklich in einer Weise klargemacht, welche die Bürokratie am meisten fürchtet: die Arbeiter setzten ihre Macht gegen die eigene herrschende Klasse ein. Im September 1946 bereitete sich der niederländische Staat darauf vor, die indonesische Revolution im Blut zu ertränken und die Kolonialherrschaft wiederherzustellen. Auch damals standen die Verkehrsarbeiter wieder an vorderster Front im Kampf. Nachdem die Militärpolizei am 21. September in Amsterdam einen Arbeiter bei einer Antikriegsdemonstration erschossen hatte, brach ein 24-stündiger spontaner Streik gegen die Truppentransporte nach Indonesien aus. Von Amsterdam bis zur Region Zaan, in Velsen, Delft, Enschede und Groningen nahmen die Arbeiter den Kampf auf. Ihr Streik zeigte, welch enorme soziale Kraft im Verkehrssektor konzentriert ist. Allerdings wurde er vom stalinistisch geführten Gewerkschaftsapparat eingedämmt und verraten.
Heute befinden sich die Nachfolger dieser mutigen Arbeiter, die sich dem Faschismus und einem brutalen Kolonialregime widersetzten, an einer ebenso strategisch wichtigen Position. Verkehrs-, Hafen-, Lagerhaus- und Industriearbeiter befinden sich an den Knotenpunkten, durch die alles befördert wird – Nahrungsmittel, Energie, aber auch Komponenten, Munition und die Maschinerie des Kriegs. Während die europäischen Regierungen Milliarden in die Aufrüstung pumpen, sind sie es, von denen sowohl der Handel als auch die Militarisierung abhängen. Ein unabhängig mobilisierter Ausstand könnte nicht nur Produktion und Handel zum Erliegen bringen, sondern auch die materielle Infrastruktur des Kriegs selbst an seinen empfindlichsten Punkten treffen. Die Arbeiter sind nicht mehr mit den rituellen symbolischen Aktionen der Gewerkschaften zufrieden. Was sie zurückhält, ist nicht fehlende Kampfbereitschaft, sondern eine Bürokratie, die entschlossen ist, die Kämpfe der Arbeiter zersplittert und kontrolliert sowie sicher im nationalen Rahmen zu halten.
Baut Aktionskomitees auf!
Die Verteidigung von Renten, Arbeitslosen- und Invalidenunterstützung sowie der demokratischen Rechte darf keinem Apparat anvertraut werden, der ihre geordnete Niederlage organisiert. Dies erfordert Aktionskomitees in allen Depots, Bahnhöfen und Häfen, demokratisch kontrolliert von den Arbeitern und unabhängig von der FNV-Bürokratie. Diese Komitees müssen die Logik der „Nadelstiche“ ablehnen und für das kämpfen, was die Situation erfordert: keinen symbolischen Streik von wenigen Stunden, sondern einen umfassenden uneingeschränkten Generalstreik, um sämtliche Kürzungen abzuwehren, keinen Cent für Krieg, die Offenlegung der Bücher und die Enteignung der Waffenhersteller unter Kontrolle der Arbeiter.
Die niederländischen Verkehrs- und Hafenarbeiter befinden sich an einer strategisch wichtigen Position: Rotterdam ist der größte Hafen Europas, durch ihn werden die Waffenlieferungen verschifft, von denen die herrschende Klasse abhängig ist. Diese gesellschaftliche Kraft kann die Kriegsmaschinerie zum Erliegen bringen, wenn sie sich mit den Eisenbahnern, Logistik- und Hafenarbeitern in Frankreich, Italien und Belgien verbündet, die sich seit Juni 2025 weigern, Waffen für Israel zu verladen, u.a. bei den Blockaden von Marseille-Fos, in Genua und Zeebrugge. Um die Arbeiter über alle Branchen- und Landesgrenzen zu vereinen hat das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) ins Leben gerufen.
In den Niederlanden wie im Rest der Welt ist der Kampf gegen Austerität untrennbar mit dem Kampf gegen Krieg verbunden und erfordert die Abschaffung des kapitalistischen Systems, das sie hervorbringt. Die Verteidigung aller sozialen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts erfordert die Machtübernahme der Arbeiterklasse und die sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft in Form der Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa. Niederländische Transportarbeiter und alle anderen, die den Kampf aufnehmen, sollten die dringenden Schlussfolgerungen ziehen: sich mit der IWA-RFC in Verbindung setzen, die World Socialist Web Site lesen und eine niederländische Sektion des IKVI aufbauen – die Führung, welche die Arbeiterklasse benötigt, um die bevorstehenden Streiks, die von den Verkehrsarbeiter in Gang gesetzt wurden, mit der Frage der politischen Macht zu verbinden.
