Will Lehman hat eine Erklärung an die Arbeiter bei Nexteer Automotive in Saginaw (Michigan) veröffentlicht. Zuvor hatten Funktionäre des UAW-Ortsverbands 699 mit betrügerischen Mitteln die vierte vorläufige Vereinbarung (TA4) ratifiziert. Lehman arbeitet bei Mack Trucks in Macungie (Pennsylvania) und kandidiert als Sozialist für das Amt des UAW-Präsidenten.
Lehman, der Anfang Juni auf dem UAW-Kongress in Detroit als Kandidat für die UAW-Präsidentschaft nominiert wurde, erklärt darin, dass die Abstimmung über die Ratifizierung als „null und nichtig“ angesehen werden müsse, da sie unter Bedingungen der Einschüchterung, der Zusammenarbeit mit dem Management und der Entlassung eines Arbeiters, der sich gegen die Vereinbarung ausgesprochen hatte, stattfand. In seiner Erklärung ruft er die Nexteer-Arbeiter auf, ihr Aktionskomitee zu verteidigen und auszuweiten, die Wiedereinstellung des entlassenen Arbeiters Antwiane Sanders zu fordern und den Kampf gegen den von der UAW-Bürokratie aufgezwungenen Tarifvertrag fortzusetzen, durch den die Arbeiter real schlechter gestellt sind als im Jahr 2005.
Funktionäre des Ortsverbands 699 hatten erklärt, die TA4 sei mit insgesamt 57 zu 43 Prozent ratifiziert worden, wobei die Produktionsarbeiter, die große Mehrheit der 1.700 Beschäftigten bei Nexteer, mit 54 zu 46 Prozent dafür gestimmt hatten. Dieses knappe Ergebnis wurde erzielt, nachdem zuvor die Arbeiter drei vorläufige Vereinbarungen abgelehnt hatten: am 2. April mit 96 Prozent, am 15. Mai mit 73 Prozent und am 29. Mai mit 55 zu 45 Prozent. Zudem hatten 86 Prozent der Arbeiter am 21. Mai für einen Streik gestimmt, was der UAW-Apparat jedoch komplett ignorierte.
Lehman verurteilt das gesamte Vorgehen der Bürokratie: „Die UAW-Bürokraten haben an jedem Punkt nicht als eure Vertreter gehandelt, sondern als eure Feinde. (...) Sie haben hinter eurem Rücken euren Vertrag verlängert. Sie haben Streiks für illegal erklärt. Sie haben ignoriert, dass 86 Prozent von euch einen Streik wollten.“
Als sich der Widerstand der Arbeiter mit diesen Methoden nicht brechen ließ, griff die Bürokratie zu andern Mitteln. Wie Lehman erklärte, unterscheidet sich die vierte vorläufige Vereinbarung nicht nennenswert von den letzten drei, welche die Arbeiter bereits abgelehnt hatten: der gleiche Spitzenlohn von 27 Dollar pro Stunde, den die Arbeiter bei Saginaw Steering 2005 verdienten, obwohl die Lebenshaltungskosten seither um über 70 Prozent gestiegen sind. An den Antrittsprämien und den Tricks zur Angleichung der Lebenshaltungskosten ändert sich nichts, ebenso wenig ist Schutz vor den Kürzungen aufgrund der Automatisierung vorgesehen, die Hunderte von Arbeitsplätzen vernichten sollen.
Antwiane Sanders‘ Entlassung
Von zentraler Bedeutung in Lehmans Erklärung ist der Fall von Antwiane Sanders, einem Mitarbeiter von Nexteer mit mehr als zehn Jahren Betriebszugehörigkeit. Er wurde entlassen, nachdem er sich während einer Veranstaltung auf dem Firmengelände am 12. Juni zu Wort gemeldet und den UAW-International-Vertreter Jason Tuck kritisiert hatte. Mitglieder des Tarifausschusses des UAW-Ortsverbands 699 reagierten darauf, indem sie einen Vorgesetzten hinzuzogen. Daraufhin wurde Sanders entlassen.
Lehman schreibt: „Die Gewerkschaft hat dafür gesorgt, dass ein Arbeiter entlassen wurde, weil er ihren Tarifvertrag abgelehnt hat. Ich möchte ganz deutlich sagen, worum es hier geht. Das ist keine Arbeiterorganisation. Das ist eine Betriebspolizei, deren Gehälter aus Gewerkschaftsbeiträgen finanziert wird.“
Die Abstimmung über die Ratifizierung des TA4 selbst wurde von handverlesenen Unterstützern des Tarifvertrags kontrolliert und auf das Firmengelände verlegt, wo jeder, der mit „Nein“ stimmt, identifiziert und gezielt angegriffen werden konnte. Zudem wurde sie neu eingestellten Arbeitern vorgelegt, die noch vor Ablauf ihrer Probezeit darüber abstimmen durften und denen gleichzeitig die Entlassung drohte. Dass der Tarifvertrag trotz alldem von den Produktionsarbeitern nur mit 54 zu 46 Prozent angenommen wurde, entlarvt laut Lehman, in welchem Ausmaß das Ergebnis manipuliert wurde: „Ein Tarifvertrag, der unter solchen Bedingungen ratifiziert wurde, ist nicht rechtmäßig (...) Er muss als null und nichtig betrachtet werden.“
Lehman weist auf die strategische Macht hin, die Nexteer-Arbeiter besitzen, und auf die breitere Bewegung, die ihr Kampf auslösen könnte. Nexteer stellt Lenkungskomponenten her, die direkt an die Produktionsstraßen von GM, Ford und Stellantis gehen. Er schreibt, ein echter Streik würde die Produktion bei den Big Three [die „Großen Drei“: Ford, GM und Chrysler/Stellantis] innerhalb weniger Tage zum Erliegen bringen. „Gerade deshalb war der gesamte UAW-Apparat, der sich beim Kongress in Detroit selbst Gehaltserhöhungen zwischen 10.000 und 30.000 Dollar bewilligt hat, dazu entschlossen, einen Streik zu verhindern. Nicht weil er scheitern würde, sondern weil er erfolgreich wäre.“
Lehman weist darauf hin, dass beim UAW-Kongress Politiker der Demokratischen Partei auftraten, wie zum Beispiel die ehemalige GM-Managerin Debbie Dingell, die im Jahr 2022 dafür gestimmt hatte, einen Eisenbahnerstreik zu verbieten und den Arbeitern einen Tarifvertrag aufzuzwingen, den sie zuvor abgelehnt hatten. Der Gewerkschaftstag feierte den Leiter der UAW-Region 1D, Steve Dawes, der letztes Jahr ein Gehalt von 229.813 Dollar kassiert hatte, anlässlich seiner Pensionierung. Das waren keine zufälligen Details, sondern ein Einblick in den Apparat, mit dem es die Arbeiter zu tun haben.
Lehman setzt den Kampf bei Nexteer in Zusammenhang mit einer Reihe von Revolten der Basis in der gesamten Autozuliefererbranche: Dana-Arbeiter, die von der UAW unterstützte Tarifverträge mit 90 Prozent abgelehnt haben, Arbeiter bei Bridgewater Interiors, die den gleichen Kampf führen, und Arbeiter von American Axle in Three Rivers (Michigan), deren zehntägigen Streik die Bürokratie kurz vor dem Kongress abwürgte, wobei sie den Arbeitern unter der Drohung, Streikbrecher einzusetzen, weniger als 48 Stunden Zeit gab, einen 118-seitigen Tarifvertrag durchzulesen. Lehman schreibt: „Ihre Mission war die Eindämmung, eure war das Gegenteil.“
Das Aktionskomitee: die entscheidende Errungenschaft
Lehman bezeichnet das Aktionskomitee bei Nexteer (NWRFC) als die entscheidende Errungenschaft des zwölfwöchigen Kampfs. Die Bürokratie hatte Arbeiter wiederholt davor gewarnt, auf „nicht autorisierte soziale Medien“ zu hören – womit sie den WSWS Autoworker Newsletter und das Nexteer Workers RFC meinte –, gerade weil das Komitee dem Widerstand der Arbeiter eine bewusste organisatorische Form verleiht.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Lehman schreibt: „Ohne das Komitee hätte die spontane Wut der Arbeiter, die mit 96 Prozent gegen einen Tarifvertrag gestimmt hatten, keine organisierte Form gefunden. Damit wurde die Wut zur Kraft: Es hat jeden neuen Ausverkauf entlarvt und die Arbeiter vor bürokratischen Methoden gewarnt, und es ist auf die Arbeiter bei American Axle und Dana zugegangen, um den Kampf gemeinsam zu führen.“
Er betont, dass die Unabhängigkeit des Komitees gewahrt bleiben müsse, nicht nur von der UAW-Bürokratie, sondern auch von beiden Parteien des Großkapitals: „Die Demokraten und die Republikaner dienen beide den Konzernen. Das Komitee ist den Arbeitern Rechenschaft schuldig, und sonst niemandem.“
Lehman ruft die Nexteer-Arbeiter auf, jeden Versuch der Bürokratie zurückzuweisen, angesichts des Abstimmungsergebnisses einen Keil zwischen jüngere und ältere Arbeiter zu treiben. Er formuliert eine Reihe von sofortigen Forderungen: die Wiedereinstellung von Antwiane Sanders mit voller Nachzahlung des Lohns, die Absetzung der Tarifkommission, einschließlich jener Mitglieder, die sich als Lohn für die Umsetzung des Tarifvertrags persönliche Versetzungen in Ausbildungsprogramme für Elektriker gesichert haben, die fast das Doppelte des Lohns der Produktionsarbeiter einbringen, und die Vorbereitung zum Widerstand gegen Entlassungen aufgrund der Automatisierung, die im Zuge der Vereinbarung Hunderte von Arbeitsplätzen vernichten wird.
Lehman tritt mit einem sozialistischen Programm an, dessen Ziel nicht darin besteht, den Gewerkschaftsapparat menschlicher zu verwalten, sondern die Macht von der Bürokratie auf die einfache Mitgliedschaft zu übertragen.
Er schreibt: „Ich kandidiere nicht, um einen Platz am Verhandlungstisch mit GM, Ford und den Demokraten, die ihnen dienen, zu bekommen. (...) Das Ziel meines Wahlkampfs ist es, die Macht von der Bürokratie auf die einfache Mitgliedschaft zu übertragen – in jeder Fabrik und an jedem Arbeitsplatz.“
Lehman ruft die Nexteer-Arbeiter zudem dazu auf, der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) beizutreten, welche die Arbeiter über alle Werke, Branchen und Grenzen hinweg vernetzt – einschließlich der Arbeiter in Mexiko, Kanada, China und der ganzen Welt.
Zuletzt schreibt Lehman: „Baut das Komitee auf. Unterstützt meinen Wahlkampf. Vertreibt die Verräter. Kämpft für die Wiedereinstellung von Antwiane Sanders. Lehnt jede Schikane ab. Mobilisiert gegen die drohenden Entlassungen durch Automatisierung. Ihr habt es in der Hand, diesen Kampf zu gewinnen.“
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