„Was wird hier kaputtgespart? Forschung, Bildung, Gegenwart!“ – mit diesem Ruf versammelten sich am 4. Juni über 200 Studierende, Dozierende und Museumsmitarbeiter vor dem Hauptgebäude der Berliner Humboldt Universität (HU). Sie demonstrierten gegen die geplante Schließung des Instituts für Archäologie, an dem neben Klassischer Archäologie auch der Studiengang Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas angeboten wird, der deutschlandweit einzigartig ist.
Diese bedeutende kulturelle und wissenschaftliche Einrichtung – eines der ältesten Institute für Archäologie in Deutschland, das 200 Jahre und zwei Weltkriege überlebt hat – soll heute zerstört werden, während Milliardensummen ins Militär fließen und die Bundesregierung erneut für einen Weltkrieg rüstet.
Auf ihren Protestplakaten warnen die Studierenden: „Heute wir, morgen ihr“ oder „Dolchstoß für Winckelmann“ – eine Anspielung auf den Namensgeber des Instituts Johann Joachim Winkelmann, ein Aufklärer, der im 18. Jahrhundert die wissenschaftliche Archäologie in Deutschland mitbegründete.
Am 17. Juni hat der Fakultätsrat der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der HU entschieden, dass das Institut im Rahmen der Kürzungsmaßnahmen mittelfristig geschlossen werden soll. Auf Instagram erklären die Fachschaft und das Institut, was das bedeutet:
Mit dem heutigen Beschluss, das Institut für Archäologie zu schließen, hat sich die Fakultät zur Beerdigung einer über 200 jährigen Tradition an der Humboldt-Universität zu Berlin entschieden und setzt ein klares Zeichen: gegen wissenschaftliche Vielfalt, gegen kulturwissenschaftliche Kompetenz, gegen die Solidarität mit den sog. Kleinen Fächern. Heute wird die Archäologie an der HU zu Grabe getragen. Wer ist morgen dran?
Der Post erhielt über 18.600 Likes. In Hunderten Kommentaren äußern Follower ihr Entsetzen und solidarisieren sich mit dem Protest der Studierenden. Mehr als 20.000 Menschen haben inzwischen eine Petition gegen die Schließung unterzeichnet.
Unter den antiken Fresken des HU-Hauptgebäude, wo das Institut seinen Sitz hat, hängen mehrere studentische Protestplakate, die sich gegen die Schließung des Instituts aussprechen. Sie fordern: „Wissen bewahren statt Wurzeln kappen“ und fragen ironisch: „Wann folgt die Eingrabung?!!“.
Die drohende Schließung der Archäologie ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit dem 1. April 2026 gilt an der HU ein umfassender, bis Ende 2027 laufender Stellenbesetzungsstopp: Frei werdende, aus dem Haushalt finanzierte Stellen dürfen zunächst sechs Monate lang nicht neu besetzt werden. Bereits 2025 fehlten der Universität 24,4 Millionen Euro, ein Gesamtsparplan für alle Bereiche wird derzeit erarbeitet. Die HU rechnet damit, künftig deutlich weniger Nachwuchswissenschaftler zu beschäftigen.
Die HU-Leitung setzt die Sparziele des Berliner Senats bereitwillig um. Ohne mit der Wimper zu zucken hat Präsidentin Julia von Blumenthal Anfang Mai gegenüber dem Studierendenparlament den geänderten Hochschulvertrag verteidigt, der die Kürzungen umfasst. Rund 35.000 Studierende sind an der HU eingeschrieben und von den Sparmaßnahmen betroffen.
Alle staatlichen Berliner Hochschulen unterliegen demselben Sparzwang. Ursprünglich hatte der Berliner Senat von CDU und SPD zugesagt, die Zuschüsse für die Hochschulen jedes Jahr um fünf Prozent zu erhöhen. Doch er hat die Hochschulverträge 2025 neu verhandelt, die Zuschüsse deutlich gekürzt und den Hochschulen eine Sparauflage von 145 Millionen Euro gemacht, die in den Folgejahren fortgesetzt wird. Zehn bis 14 Prozent der Berliner Studienplätze sollen gestrichen werden.
Die Freie Universität muss 2026 mit 42,79 Millionen Euro weniger auskommen. Alle Fachbereiche und Verwaltungseinheiten sind von einer rund zehnprozentigen Kürzung im Personalbudget betroffen, vor allem befristete Stellen und damit Nachwuchswissenschaftler fallen weg. Die Kürzungen sollen über acht bis zehn Jahre gestreckt werden.
Die Technische Universität muss bis Ende 2028 dauerhaft 65 Millionen Euro einsparen – 15 Prozent ihres Haushalts. Bereits 2025 kündigte sie an, 18 Strukturprofessuren sowie ein Vielfaches an Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter zu streichen. Die TU rechnet mit mindestens 5.000 weniger Studienplätzen, während sich der Sanierungsstau der maroden Gebäude auf 2,4 Milliarden Euro beläuft. „Die finanzielle Haushaltslage und die Budgetkürzungen sind große Herausforderungen, auch unsere Bausubstanz. Was das anbelangt, ist die Stimmung insgesamt bedrückend“, sagte die TU-Präsidentin Fatma Deniz.
Die Universität der Künste (UdK), an der rund 4.500 Menschen studieren, erwartet bis 2028 ein Defizit von 7,5 Millionen Euro. 17 Professorenstellen, 18 Mittelbaustellen und 27 Verwaltungsstellen sollen wegfallen, der Master-Studiengang Lied/Oratorium/Konzert wird eingestellt, in einzelnen Fächern drohen zweistellige Kürzungen bei den Studienplätzen. Die UdK selbst spricht von der „weitreichendsten Umstrukturierung“ seit den Kürzungen 2003/2004.
Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) muss bis 2028 insgesamt 41 Millionen Euro sparen. Pro Jahr könnten dadurch 430 Studienplätze wegfallen, davon 320 im Bachelor- und 110 im Masterbereich, rund 80 Stellen sollen abgebaut werden. Zur Disposition stehen unter anderem der Fernstudiengang Maschinenbau, der Master Construction and Real Estate Management und der Fernstudiengang Betriebswirtschaftslehre. Im Bachelor-Studiengang Konservierung, Restaurierung und Grabungstechnik werden ab Oktober 2026 keine neuen Studienanfänger mehr aufgenommen.
Die Berliner Hochschule für Technik (BHT) sparte bereits 2025 acht Millionen Euro ein und muss bis 2028 weitere 15 Millionen Euro aus Rücklagen entnehmen. 34 Strukturprofessuren fallen weg, 320 Bachelor-Studienplätze werden gestrichen, die Studiengänge Elektromobilität sowie Computational Engineering and Design komplett eingestellt, von zwei Physik-Studiengängen soll künftig nur einer fortgeführt werden. Auch in Gebäude- und Energietechnik, Lebensmitteltechnologie, Mechatronik und Maschinenbau wird das Platzangebot reduziert.
Besonders drastisch trifft es die Charité: Sie erhält 2026 insgesamt 56 Millionen Euro weniger an Zuschüssen für Forschung und Lehre. Nach ursprünglichen Berechnungen vom Sommer 2025 sollten die Studienplätze in der Angewandten Hebammenwissenschaft um 50 Prozent, in der Zahnmedizin um 25 Prozent, in den Gesundheitswissenschaften um 19 Prozent und selbst in der Humanmedizin um 10 Prozent gekürzt werden. Nach heftigem Protest vor allem von Geburtshelferinnen deutete sich Ende 2025 an, dass die Kürzung bei den Hebammen-Studienplätzen möglicherweise nicht in vollem Umfang umgesetzt wird – eine abschließende Bestätigung im verabschiedeten Doppelhaushalt 2026/27 steht aber aus.
Diese Sparmaßnahmen haben einen massiven Einfluss auf das Leben der Studenten – angefangen von weniger Studienplätzen über eine qualitativ schlechtere Lehre, Forschung und Betreuung bis hin zu teurerem Mensaessen, kürzeren Bibliotheksöffnungszeiten, fehlenden finanziellen und psychologischen Hilfsangebote und maroden Universitätsgebäuden, die nicht renoviert werden.
Die Einsparungen sind kein Ausrutscher, sondern eine direkte Folge der Kriegspolitik. Die Merz-Klingbeil-Regierung erhöht die Verteidigungsausgaben innerhalb eines Jahres auf 109,7 Milliarden Euro – den größten Militärhaushalt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nach Auslaufen des 100-Milliarden-Sondervermögens hat die Regierung mit der Aufhebung der Schuldenbremse für Rüstung und einem 500-Milliarden-Sondervermögen Infrastruktur eine weitere Billion Euro für die Kriegspolitik mobilisiert. Künftig sollen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in militärische Zwecke fließen.
Um das zu finanzieren, findet ein umfassender Sozialabbau statt. Das Bürgergeld wurde abgeschafft, mit der sogenannten Rentenreform wird das Renteneintrittsalter erhöht, im Gesundheitswesen sind Einsparungen von 20 Milliarden Euro bei den Krankenkassen geplant. Zudem werden die Kassen der Länder und Kommunen geplündert. Der Berliner Senat treibt das Geld jetzt durch die Kürzungen bei der Bildung wieder ein.
Während wissenschaftliche Einrichtungen wie das Institut für Archäologie weggekürzt werden, dienen die Kürzungen auch als Hebel, um die Militarisierung der Universitäten voranzutreiben. So bekommt beispielsweise das Institut für Weltwirtschaft Kiel eine W3 Professur an der HU. Das IfW Kiel ist ein Thinktank, der für die Finanzierung militärischer Aufrüstung wirbt und schon zu Nazi-Zeiten die Regierung in Fragen der Kriegswirtschaft und Rüstungspolitik beriet.
Die Hochschulleitungen stehen bei diesem Kahlschlag nicht hinter den Studierenden, sondern auf der anderen Seite der Barrikade. Das gilt besonders für HU-Präsidentin von Blumenthal, die seit Jahren den rechtsradikalen Lehrstuhlinhaber Jörg Baberowski fördert, der Hitlers Vernichtungskrieg verharmlost und eine Regierungsbeteiligung der AfD propagiert. Sie hat auch die Proteste von Studierenden gegen den Völkermord in Gaza mit Polizeigewalt unterdrückt.
Die Gewerkschaften, die zwar nominell die Proteste unterstützen, bieten ebenfalls keinen Ausweg und befürworten sogar die Aufrüstung. Julia Dück, die für die Hochschulen zuständige Sekretärin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, forderte auf einer Protestkundgebung lediglich einen „Platz am Tisch“ bei der Entscheidung über die Kürzungen, während Verdi-Chef Frank Werneke das Infrastruktur-Sondervermögen, das vor allem für kriegstaugliche Straßen und Schienen gedacht ist, offen begrüßt hat. Der DGB stellte sich in einer Erklärung explizit hinter die Kriegskredite.
Auch die Linkspartei, die sich gegenüber jungen Menschen gern als soziale Alternative inszeniert, hat dem Eine-Billion-Kriegspaket im Bundesrat zugestimmt und gemeinsam mit den anderen Parteien Berlin in die „Hauptstadt der Armut“ verwandelt, als sie in der Landesregierung saß.
Unter Studierenden und Beschäftigten regt sich große Opposition gegen die Kürzungen. Das Studierendenparlament hat bereits dreimal auf Initiative der Hochschulgruppe der IYSSE (International Youth and Students for Social Equality) Resolutionen gegen den Sparkurs verabschiedet. Über 2.000 Berliner Wissenschaftler haben einen offenen Brief gegen die Kürzungen unterzeichnet.
Die IYSSE, die im Juni erneut mit drei Sitzen in das Studierendenparlament der HU eingezogen ist, erklärt als einzige Hochschulgruppe, dass der Widerstand gegen die Sparmaßnahmen nur Erfolg haben kann, wenn er mit dem Kampf gegen Krieg und die Militarisierung der Hochschulen verbunden wird.
Appelle an Universitätsleitungen, Senat oder Bundesregierung sind zum Scheitern verurteilt. Studierende und Lehrende müssen sich stattdessen der Arbeiterklasse zuwenden und unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die Kampfmaßnahmen bundesweit und international mit Beschäftigten anderer Branchen koordinieren. Nur ein sozialistisches Programm, das die Enteignung der Großkonzerne und Banken und die Umleitung ihrer Profite in Bildung und soziale Infrastruktur fordert, kann die Kürzungen stoppen und rückgängig machen.
