Mit den angekündigten Massenentlassungen beim Volkswagen-Konzern beginnt eine neue Etappe im weltweiten Vorstoß der herrschenden Klasse, Arbeitsplätze in der Industrie zu vernichten und die gesamte Produktion auf Handelskriege und Aufrüstung auszurichten. Geplant sind bis zu 100.000 Stellenstreichungen konzernweit sowie die Schließung von vier Werken mit rund 40.000 Beschäftigten in Deutschland.
Diese Stilllegungen kommen zu dem Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland hinzu, der bereits im Dezember 2024 zwischen Volkswagen, der IG Metall und dem Betriebsrat vereinbart wurde. Konzernweit will die Unternehmensleitung nun das bestehende Ziel von 50.000 Stellenstreichungen bis 2030 verdoppeln.
Volkswagen will zudem die weltweite Jahresproduktionskapazität von derzeit 10 Millionen Fahrzeugen – vor der Pandemie waren es rund 12 Millionen – auf 9 Millionen reduzieren, bis zur Hälfte der Modellpalette streichen und Entwicklungs-, Verwaltungs- sowie weitere Funktionen durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Shared Services bündeln.
Der Aufsichtsrat lehnte am letzten Donnerstag den vollständigen Vorschlag von Vorstandsvorsitzendem Oliver Blume ab, doch die zuvor vereinbarten Stellenstreichungen bleiben in Kraft. Volkswagen setzt den Abbau von Modellen, Produktionskapazitäten und „Parallelstrukturen“ fort, während Unternehmensleitung und Gewerkschaftsführung weiter verhandeln.
Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft und Zentrum der Industrieproduktion in Europa, steht an der Spitze einer globalen Entlassungswelle. Seit 2019 sind mehr als 100.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie und bei Zulieferern weggefallen, und der Verband der Automobilindustrie rechnet bis 2035 mit weiteren 125.000 Stellenstreichungen. Im vergangenen Jahr gingen rund 124.000 Arbeitsplätze in der Fertigung verloren. Vier Werksschließungen bei Volkswagen würden dazu führen, dass ganze Städte und Industrieregionen verwüsten.
In Kanada hat Stellantis das Werk in Brampton auf unbestimmte Zeit stillgelegt, das Ford-Werk in Oakville steht seit Jahren still, GM hat die Produktion bei CAMI eingestellt und Oshawa hat seine dritte Schicht verloren. In den Vereinigten Staaten nutzen die Automobilhersteller die Automatisierung, um Arbeitsplätze überall in der Produktion und der Logistik abzubauen.
Die Konzerne zwingen die Arbeiter, die Kosten für die hinter den Erwartungen zurückbleibenden Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen zu tragen. Volkswagen hatte zunächst sein Werk in Zwickau komplett umgebaut und als Vorzeigewerk für Elektrofahrzeuge etabliert. Nun droht die Schließung. GM hat „Factory Zero“ als Herzstück eines Aufschwungs der Elektrofahrzeuge in Amerika beworben. Dort ist nur noch eine Rumpfbelegschaft beschäftigt, während die Unternehmensleitung rund 50 zusätzliche Roboter in der Fertigung einsetzt.
Der Angriff auf die Autoarbeiter ist eine Front in einer weitaus umfassenderen Offensive der herrschenden Klasse. Allein in den Vereinigten Staaten kündigten Arbeitgeber im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Stellenstreichungen an, und Technologieunternehmen bauten weltweit fast 245.000 Stellen ab. Die Konzerne setzen KI, Automatisierung und Umstrukturierungen als Instrumente einer gezielten Klassenstrategie ein: Sie senken die Arbeitskosten drastisch und pressen immer größere Gewinne aus den Arbeitern heraus, um ein krisengeschütteltes Finanzsystem aufrechtzuerhalten. Unterdessen leiten die Regierungen den gesellschaftlichen Reichtum in Aufrüstung und Krieg um.
Die Entlassungen können nur durch eine internationale Offensive der Arbeiterklasse in der global vernetzten Automobilindustrie verhindert werden. Diese Offensive zu organisieren, ist das Ziel der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC), die 2021 gegründet wurde, um die Kämpfe der Arbeiter über Länder- und Branchengrenzen hinweg zu vereinen.
Arbeiter dürfen sich nicht „ihren eigenen“ Regierungen unterordnen, sondern müssen über nationale Grenzen hinweg handeln. Dies erfordert einen Kampf gegen Gewerkschaftsbürokratien, die die Belegschaften in anderen Ländern für die Krise verantwortlich machen und sich gleichzeitig mit der Unternehmensleitung und den kapitalistischen Parteien verbünden.
Ein unabhängiges Volkswagen-Aktionskomitee, das von Arbeitern an der Basis gegen die Unternehmensleitung und die IG-Metall-Bürokratie gebildet wurde und der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees angehört, organisiert den Widerstand gegen die Kürzungen. „Wir brauchen diese neue Organisationsstruktur, um die diktatorische Kontrolle der IGM-Funktionäre und des Betriebsrats mit ihren ständigen Einschüchterungen und Drohungen zu durchbrechen“, erklärte das Aktionskomitee diese Woche in seinem Aufruf.
Es rief zu „koordinierten Streiks an allen Standorten“ auf, verbunden mit der „Einheit und Zusammenarbeit der weltweiten Arbeiterklasse“.
Die IG Metall hält stattdessen die „Mitbestimmung“ hoch, d. h. die Verflechtung des Gewerkschaftsapparats mit der Unternehmensleitung. Arbeitnehmervertreter haben die Hälfte der Sitze im Aufsichtsrat von Volkswagen inne, zwei weitere Mitglieder werden durch die von SPD geführte Landesregierung von Niedersachsen ernannt. Die IG Metall und die SPD haben somit eine funktionale Mehrheit. Hinzu kommen ihre Betriebsräte im gesamten Unternehmen.
Die Gewerkschaft hatte bereits im Dezember 2024 zugestimmt, die Produktionskapazität in Deutschland um 734.000 Fahrzeuge und die jährlichen Arbeitskosten um 1,5 Milliarden Euro zu senken. Sie ließ Reallohnkürzungen von bis zu 20 Prozent zu, reduzierte Arbeitszeiten ohne vollen Lohnausgleich und die Halbierung der Ausbildungsplätze um mehr als die Hälfte. Etwa 28.000 Arbeiter wurden bereits zu „freiwilligen“ Abgängen gedrängt.
Die Bürokratie fungiert bewusst als Instrument der Klassenherrschaft. Sie verhindert Arbeitsniederlegungen, während die Unternehmensleitung das größte Stellenmassaker in der Geschichte von Volkswagen vorbereitet. Selbst die wenigen Proteste, zu denen sie aufgerufen hat, werden ausdrücklich nicht als „Warnstreiks“ bezeichnet. Anstelle von Arbeitskampfmaßnahmen orientiert die IG Metall auf Forderungen nach einem besseren Geschäftsplan und der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Gewerkschaftsbürokraten in anderen Ländern verbreiten dasselbe nationalistische Gift. Die United Auto Workers in den USA fordert unter dem Motto „Build Here to Sell Here“ entsprechende Vorgaben, Strafzölle und ein Verhältnis von eins zu eins zwischen Inlandsabsatz und Produktion. Unifor propagiert die entsprechende Verteidigung des kanadischen Kapitalismus.
Doch die Automobilproduktion ist weltweit extrem stark verflochten. Nationalistische Programme wie „America First“ oder „Deutschland über alles“ haben noch nie auch nur einen einzigen Arbeitsplatz gerettet. Indem sie die Arbeiter entlang nationaler Grenzen spalten, treiben sie einen globalen Wettlauf nach unten voran und erzählen den Arbeitern, sie müssten Opfer für die nationale Wettbewerbsfähigkeit bringen.
Die Entlassungen sind untrennbar mit Kriegsvorbereitungen verbunden. Konflikte um Marktanteile, Rohstoffe und Lieferketten nehmen mit Unterstützung der Gewerkschaften militärische Formen an. Deutschland rüstet auf wie seit Hitler nicht mehr. Die Kernausgaben für Verteidigung werden im nächsten Jahr um fast ein Drittel auf 109 Milliarden Euro steigen, und auf 130,1 Milliarden Euro, wenn man die Militärhilfe für die Ukraine und andere Sicherheitsausgaben mit einbezieht. Die Vereinigten Staaten streben eine Erhöhung der Militärausgaben von 1 Billion auf 1,5 Billionen Dollar an. Sie weiten den Krieg gegen den Iran aus, lassen den Konflikt mit Russland eskalieren und bereiten sich auf einen Krieg mit China vor.
Die Kosten werden der Arbeiterklasse aufgeladen. Die deutsche Regierung greift das Gesundheitswesen, die Renten, das Arbeitslosengeld und den Krankengeldanspruch an und zwingt Arbeitslose in Niedriglohnjobs. Von der Schließung bedrohte Automobilwerke werden bereits als Standorte für die Rüstungsproduktion diskutiert.
Eine Kriegswirtschaft erfordert niedrigere Arbeitskosten, die Unterdrückung von Streiks und auf eine militärische Prioritäten ausgerichtete Industrie. Die Gewerkschaftsbürokratie bewirbt sich um die Beteiligung an einer Kriegsdiktatur. In den USA unterstützt die Autoarbeiter Gewerkschaft UAW unter ihrem Vorsitzenden Shawn Fain die Umstellung von Automobilwerken auf Rüstungsproduktion und schlägt Gremien aus Regierung, Management und Gewerkschaft vor, um die nordamerikanischen Lieferketten zu „rationalisieren“ und den Kontinent in eine Basis für US-Kriege zu verwandeln.
„Der internationale Handelskrieg wird zur Vorstufe eines Weltkriegs“, warnte das VW-Aktionskomitee, und kündigte an: „Wir werden im Aktionskomitee Pläne ausarbeiten und diskutieren, wie der Kampf gegen Massenentlassungen mit der Mobilisierung gegen Krieg und Aufrüstung verbunden werden kann.“
Die Verteidigung von Arbeitsplätzen erfordert eine Bewegung, die den Gewerkschaftsapparat stürzt, die Macht an die Basis überträgt und die Arbeiter international vereint. Das Aktionskomitee verweist auf Will Lehman, einen sozialistischen Arbeiter bei Mack Trucks, der mit einem Programm zur Abschaffung der Bürokratie und zur Übertragung der Macht an Aktionskomitees zum Kandidaten für das Amt des UAW-Präsidenten nominiert wurde. Es zitiert Lehman: Dieser Kampf darf nicht an einem Werkstor oder an der Landesgrenze aufhören. In ihm müssen Arbeiter über alle Werke hinweg, in allen Branchen und Ländern vereinigt werden.“
Das Recht auf Arbeit und einen angemessenen Lohn muss Vorrang vor dem Reichtum der Familien Porsche und Piëch sowie vor den Gewinnen der Aktionäre haben. Die Oligarchen müssen enteignet und die Produktion unter Arbeiterkontrolle gestellt werden. Produktivitätsgewinne durch Automatisierung müssen dazu genutzt werden, die Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich zu verkürzen, anstatt Existenzgrundlagen zu zerstören.
Die Arbeiter verfügen über enorme gesellschaftliche Macht. Die dringende Aufgabe besteht darin, in jedem Werk Aktionskomitees aufzubauen und diese durch die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees in einem koordinierten weltweiten Kampf zu vereinen.
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