Funktionär nach Morddrohung gegen Will Lehman zwar ausgeschlossen, aber wohl weiterhin auf UAW-Gehaltsliste

Will Lehman (rechts) mit Stellantis-Arbeitern am Montagewerk Jefferson, Detroit, 23. Juli 2026 [Photo by willforuawpresident.org]

Der gerichtlich bestellte Monitor für die Präsidentschaftswahl der UAW hatte Raymond Jensen Jr. die Gewerkschaftsmitgliedschaft aberkannt, denn dieser hatte eine Morddrohung gegen den sozialistischen Mack Trucks-Arbeiter und Präsidentschaftskandidaten Will Lehman publiziert. Allerdings könnte die Entscheidung darüber, ob Jensen weiterhin 202.000 Dollar Jahresgehalt von der UAW International bezieht, beim Gewerkschaftsapparat selbst liegen.

Lehman erklärte, seine Anwälte hätten beim Monitor angefragt, ob es zutrifft, dass Jensen von seiner Position als Organisator der UAW International suspendiert sei. Die Antwort lautete, Jensen sei „aus der UAW ausgeschlossen; allerdings obliegt es dem Gewerkschaftsapparat, ob er weiterhin von der UAW bezahlt wird.“ Lehmans Anwälte legten sofort Einspruch gegen diese Haltung ein, woraufhin das Büro des Monitors erklärte, man werde die Angelegenheit prüfen. Eine klare Antwort steht seit über einer Woche aus.

Die Sanktionen, die der Monitor, der Wahlaufseher Neil Barofsky, am 4. August ankündigte, waren eine Reaktion auf ein durch KI generiertes Bild, das Jensen am 16. Juli auf der Facebook-Seite von Lehmans Wahlkampagne gepostet hatte. Es zeigte Lehman gefesselt, geknebelt und aus dem Mund blutend, während im Hintergrund ein Maskierter mit einem Gewehr auf seinen Rücken zielt. Auf Jensens Facebook-Profil prangt der Button mit der Aufschrift „I Support Shawn Fain“, und Jensen hatte das Bild unter einer Erklärung Lehmans zu dem staatlichen Ermittlungsverfahren gegen Fain gepostet.

Barofsky erklärte, der Post verstoße gegen Regel 4.4 der Wahlregeln für 2026, wonach Drohungen, Einschüchterungen und Repressalien verboten sind, sowie gegen das staatliche Arbeitsrecht, welches Gewerkschaftsmitgliedern das Recht garantiert, sich zu Angelegenheiten der Gewerkschaft zu äußern, während es als Verbrechen gilt, die Ausübung dieser Rechte durch Gewaltanwendung zu verhindern oder mit Gewalt zu bedrohen. Am 4. August wurde Jensen für zwei Jahre die UAW-Mitgliedschaft aberkannt, zudem wurde ihm dauerhaft untersagt, für eine gewählte Position in der Gewerkschaft anzutreten oder in dieser Wahl für ein Amt zu kandidieren.

UAW-Mitglieder begrüßten diese Maßnahmen und rechneten allgemein damit, dass Jensen entlassen würde. Auf den Facebook-Seiten einfacher Arbeiter – von Nexteer-Kollegen in Saginaw (Michigan) bis zu GM-Rentnern in Arlington (Texas) – wurde über die Suspendierung diskutiert, und Jensens Ausschluss von der Gehaltsliste wurde dabei als selbstverständlich erachtet.

Stattdessen könnte Jensen nun trotz der zweijährigen Suspendierung weiterhin sein Gehalt beziehen, obwohl er gegenüber den Ermittlern des Monitor-Büros zugegeben hatte, dass er der Urheber der Gewaltdrohung war. Lehman wies darauf hin, dass man nicht einmal mehr Mitgliedsbeiträge von Jensen kassieren werde, da er ja kein Mitglied der UAW mehr sei. Damit hätte er faktisch eine Gehaltserhöhung, bezahlt durch die Arbeiter-Mitgliedsbeiträge, erhalten. Lehman erklärte:

Ich habe von Anfang an gesagt, dass sich dieses verbrecherische Verhalten nicht nur gegen mich richtet. Es richtete sich gegen alle UAW-Mitglieder, die sich offen gegen die Hinterzimmer-Deals und Verrätereien des Apparats aussprechen. Jensens Bild sollte eine Warnung sein, was mit all denen passiert, die einen Tarifvertrag ablehnen, bei einem Treffen das Wort ergreifen oder sich gegen die Bürokratie ihres Ortsverbandes auflehnen.

Das Bild entstand als Ergebnis einer Bürokratie, die den Widerstand der Arbeiter, die sie angeblich repräsentiert, seit Jahrzehnten durch Einschüchterung, Vergeltungsmaßnahmen und physische Drohungen unterdrückt. Der UAW-Apparat sitzt auf einem Nettovermögen von 1,25 Milliarden Dollar und hat im letzten Jahr 118 Millionen Dollar für seine eigenen Funktionäre und Angestellten ausgegeben. Das ist das Vierzehnfache der Summe, die für Streikgelder bezahlt wurde. Der Gewerkschaftsapparat agiert als Werkzeug des Managements und reagiert auf jede Herausforderung von unten mit den gleichen Methoden wie die Erfüllungsgehilfen des Managements.

Raymond Jensen (ganz rechts) mit Shawn Fain (zweiter von rechts) bei einem Besuch im GM-Motorenwerk Tonawanda (New York) im Juni 2025. Ebenfalls auf dem Bild sind UAW-Vizepräsident Mike Booth und Shop Chairman Mike Grimmer vom Ortsverband 774 [Photo: UAW Region 9]

Jensen, ein ehemaliger stellvertretender Leiter der UAW-Region 9, zu der auch Lehman gehört, wird in der Abteilung für Organisations- und Tarifverhandlungsstrategie der UAW als „Organisator“ aufgeführt. Die Abteilung, die unter Fains Leitung agiert, hat eine zentrale Rolle dabei gespielt, die anwachsende Rebellion der Autoarbeiter einzudämmen. Vor allem gängelt sie bis heute die Arbeiter der Zuliefererbranche, die mehrere von der UAW ausgehandelte Tarifverträge bei Nexteer, Dana, Bridgewater und anderen Zulieferern abgelehnt haben.

Nach der Drohung schwiegen Fain und das gesamte International Executive Board der UAW zwei Wochen lang. Erst während der Präsidentschaftsdebatte am 30. Juli, bei der Lehman Fain direkt darauf ansprach, äußerte sich der UAW-Präsident: „Ich billige so etwas nicht (...) Wenn du für den Vorsitz kandidierst, dann mach dich auf etwas gefasst, Kollege, denn so etwas wirst du jeden Tag erleben.“

Später veröffentlichte Fain eine interne Mitteilung an das International Executive Board und andere Mitglieder seines Stabs, in dem er erklärte: „Kommentare und Social Media-Posts von bedrohlichem Charakter haben in unserer Gewerkschaft keinen Platz.“ Doch Lehman sagte dazu: „Wenn es nach Fain geht, finden die Gangster, die solche Drohungen veröffentlichen, im Solidarity House ein Zuhause – und ein dickes Gehalt.“

Der Monitor wurde nur aktiv, weil er von den Arbeitern dazu gezwungen wurde. Lehmans Kampagne stieß auf Unterstützung von UAW-Mitgliedern in Detroit und im ganzen Land, bei Arbeitern in anderen Branchen und bei Arbeitern und Jugendlichen aus Kanada, Mexiko, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, der Türkei, Australien und Neuseeland. Autoarbeiter in den Stellantis-Werken Warren und Sterling, sowie bei Bridgewater Interiors gaben Videointerviews. Ein junger Arbeiter bei Bridgewater sagte zu Lehmans Wahlkampfteam: „Die versuchen, euch zum Schweigen zu bringen. Und das machen sie normalerweise nur, wenn jemand die Wahrheit sagt.“

Der Monitor ist befugt, Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass Jensen weiterhin Gehalt von der UAW bezieht. Im Dezember 2025 hatte er die Entlassung von Fains oberstem administrativem Assistenten Chris Brooks durchgesetzt, nachdem er herausgefunden hatte, dass Fain, Brooks und der UAW-Kommunikationsdirektor Jonah Furman Vorwürfe fingiert hatten, um der UAW-Sekretärin Margaret Mock die Aufsicht über elf Abteilungen der Gewerkschaft zu entziehen. Es war eine Aktion der „Vergeltung, u.a. für Mocks Weigerung oder Widerwillen, unangemessene Ausgaben auf Geheiß oder zum Nutzen des Büros des Präsidenten zu bewilligen“. Barofsky kam auch zu dem Schluss, dass Brooks und Fain falsche oder irreführende Erklärungen gegenüber dem Monitor gemacht hatten, um diese Verschwörung zu vertuschen.

Im Dezember 2025 schrieb Barofsky: „Nach konstruktiven Gesprächen zwischen der Gewerkschaft und dem Aufseher hat die Gewerkschaft ihm mitgeteilt, sie werde entschlossene und wichtige Schritte unternehmen, um die Vergeltungsmaßnahmen des Präsidialamtes zu verringern. (...) Brooks wird ab dem 31. Dezember 2025 in keiner Kapazität mehr bei der Gewerkschaft beschäftigt sein.“ Das bedeutet, er hat seinen Posten als Fains Stabschef und sein Gehalt von 238.294 Dollar pro Jahr verloren.

Der Wahlaufseher hat bisher nicht angedeutet, dass er von der UAW ähnliche Maßnahmen gegen hochbezahlte führende Mitglieder und Fain-Anhänger verlangt, welche Morddrohungen gegen einen kandidierenden Arbeiter aussprechen.

Die Tätigkeit des gerichtlich bestellten Monitors hat weder den Fortbestand von Korruption verhindert, noch die Angriffe auf Arbeiter, die ihre Meinung sagen. So wurde Antwiane Sanders, der seit mehr als zehn Jahren bei Nexteer arbeitete, im letzten Monat entlassen, weil er bei der Vorstellung eines Tarifvertrags im Werk gegen UAW-Funktionäre aufgestanden war. Arbeiter im ganzen Land werden schikaniert, isoliert und aus ihrem Arbeitsplatz vertrieben, wenn sie sich diesem Apparat entgegenstellen – Woche für Woche. Und fast nie finden deshalb Untersuchungen statt oder werden Strafen verhängt. Lehman erklärte:

Ich rufe die Arbeiter dazu auf, den Monitor zur Entlassung Jensens von seinem Posten und zur Einstellung seiner Gehaltszahlungen aufzufordern. Andernfalls würde die UAW-Bürokratie dies als grünes Licht für Angriffe nicht nur auf oppositionelle Kandidaten, sondern auch auf die Beschäftigten ansehen. Doch Arbeiter dürfen sich nicht darauf verlassen, dass der Wahlaufseher unsere Rechte schützt. Wir müssen es selbst erreichen.

Die Morddrohung gegen Lehman ist Ausdruck der Angst und des Hasses einer Bürokratie, die mit einer zunehmenden Revolte der Arbeiter konfrontiert ist. Diese fand ihren bisher schärfsten Ausdruck in der weit verbreiteten Ablehnung von Ausverkaufstarifverträgen, die die UAW ausgehandelt hatte, vor allem bei Nexteer Automotive in Saginaw, wo Arbeiter drei vorläufige Vereinbarungen abgelehnt und unabhängig vom Apparat ein Aktionskomitee gegründet haben.

Die Debatte der UAW-Präsidentschaftskandidaten am 30. Juli hat deutlich gemacht, dass Lehman als einziger Kandidat für die Arbeiter spricht. Alle anderen Kandidaten repräsentieren einen Flügel des Apparates. Gegen Fain findet ein Ermittlungsverfahren auf Bundesebene statt. Boyer hatte 2023 den Tarifvertrag bei Stellantis ausgehandelt, der zu Massenentlassungen führte. Brian Keller hatte Fain in der Stichwahl 2022 unterstützt. Greg Mooney vertritt die Organisation Autoworkers for Trump. Und Tricia Geiger, eine hochbezahlte Angestellte bei UAW International, wurde vor kurzem von Ray Curry, Rory Gamble und Ron Gettelfinger unterstützt, von drei ehemaligen UAW-Präsidenten, die jahrzehntelang für Zugeständnisse, Werksschließungen und systematische Verrätereien an den Mitgliedern verantwortlich waren.

Lehman erklärte in seiner Rede am 30.Juli, dass die Aktionskomitees, für die er kämpft, auf „Klassenkampf statt Klassenkollaboration“ basieren, auf „Internationalismus statt Nationalismus“.

In einer früheren Stellungnahme stellte Lehman seinen Wahlkampf in einen breiteren Kontext: „In dieser Gewerkschaft ist schon jetzt eine Rebellion im Gange – in den Ablehnungen von Tarifverträgen, den Streiks und der Wut in jeder Schicht. Vertieft diese Rebellion. Organisiert sie. Macht sie zu etwas, aus dem sich der Apparat durch keine Drohungen herauswinden kann.“.“

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