Trotzkis Mein Leben: Ein unvergänglicher Beitrag zu Marxismus und Weltliteratur

Diese Rede hielt David North, Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, anlässlich der vierten jährlichen internationalen Gedenkveranstaltung zum Exil von Leo Trotzki auf der Insel Büyükada (Prinkipo) in der Türkei. Die Versammlung mit über 100 Teilnehmern fand am Sonntag, dem 16. August, statt und trug den Titel „Das auf Prinkipo verfasste Werk Mein Leben und Trotzkis Jahre im Exil“.

Vor North sprachen Ulaş Sevinç, nationaler Vorsitzender der Sosyalist Eşitlik Partisi–Dördüncü Enternasyonal (Sozialistische Gleichheitspartei – Vierte Internationale), der türkischen Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, sowie die stellvertretende Bürgermeisterin von Adalar, Medine Pamuk. Frau Pamuk sprach anstelle von Bürgermeister Ali Ercan Akpolat, den die Erdoğan-Regierung im Zuge ihres Vorgehens gegen oppositionell geführte Gemeinden seit Juni im Gefängnis hält. Auf Norths Rede, die im Voraus aufgezeichnet worden war, folgte eine Live-Fragerunde, die bereits hier auf der WSWS veröffentlicht wurde.

Die gerade im Mehring Verlag erschienene Neuauflage von Trotzkis Mein Leben (mit einem Vorwort von David North) kann hier bestellt werden.

Ich danke den Verantwortlichen der Gemeinde Adalar für die erneute Gelegenheit, an einer Veranstaltung zur Würdigung Leo Trotzkis teilzunehmen, der vier Jahre auf der Insel Büyükada verbracht hat. Diese jährliche Veranstaltung gewinnt zunehmend an internationaler Bedeutung. Hoffen wir, dass die Villa, in der Trotzki vor mehr als 90 Jahren lebte, restauriert und zu einem Denkmal nicht nur für den heldenhaften Revolutionär, sondern auch und vor allem für die sozialistischen Ideale der Befreiung der Menschheit wird, denen er sein Leben gewidmet hat.

Bei meinem Besuch in Büyükada im August 2024 fand die Gedenkfeier zu Trotzkis Jahren auf dieser „Insel der Ruhe“ unter Leitung von Bürgermeister Ali Ercan Akpolat statt. Ungeachtet unserer unterschiedlichen politischen Überzeugungen war ich tief beeindruckt von seiner Integrität und seinem aufrichtigen Engagement für demokratische Ideale und die historische Wahrheit. Daher halte ich es für meine Pflicht, vor dem eigentlichen Beginn meiner Rede meine tiefe Bestürzung über die Inhaftierung von Bürgermeister Akpolat zum Ausdruck zu bringen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat öffentlich die sofortige Freilassung von Bürgermeister Akpolat und allen anderen politischen Gefangenen gefordert. Im Namen der internationalen Arbeiterklasse und meiner Genossen auf der ganzen Welt wiederhole ich heute diese Forderung.

Büyükadas Bürgermeister Ali Ercan Akpolat (links) im Gespräch mit David North (rechts) und Ulaş Ateşçi 2024.

Gleichzeitig möchte ich den Appell des Genossen Ulaş für Bogdan Syrotjuk wiederholen, den 27-jährigen trotzkistischen Führer der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten in der Ukraine und in Russland. Am 10. August hat ihn ein faschistisches Gericht in Nikolajew in der Südukraine zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt, weil er sich dem reaktionären Krieg der Regime in Kiew und Moskau entgegenstellte. Das „Verbrechen“, für das Genosse Bogdan verurteilt wurde, ist sein Aufruf zur Einheit der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse gegen die reaktionären oligarchisch-kapitalistischen Regime in Kiew und Moskau. Bogdan sitzt bereits seit über zwei Jahren im Gefängnis, und sein Leben ist in Gefahr. Ich appelliere an Sie, Genossen Bogdan Syrotjuk zu unterstützen und für seine Freilassung zu kämpfen.

Die Ausführungen, die ich für die heutige Veranstaltung vorbereitet habe, konzentrieren sich auf das literarische Meisterwerk, das Trotzki 1929 auf dieser Insel im ersten Jahr seines Exils aus der Sowjetunion verfasste: Mein Leben. Versuch einer Autobiografie.[1]

Fast ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung Ende 1929 hat Mein Leben nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Es zählt aus zwei Gründen zu den größten Autobiografien des 20. Jahrhunderts. Erstens war Trotzki ein genialer Schriftsteller. Er steht auf einer Stufe mit den großen Meistern der russischen Literatur: Belinski, Tolstoi, Turgenjew und Herzen. Berthold Brecht äußerte die Ansicht, Trotzki sei möglicherweise der größte aller zeitgenössischen europäischen Schriftsteller. Das war eine außergewöhnliche Würdigung, wenn man bedenkt, dass zu den großen Schriftstellern jener Zeit Thomas und Heinrich Mann, Robert Musil, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger und Brecht selbst gehörten.

Doch die Bedeutung von Mein Leben in der Weltliteratur beruht nicht nur auf der künstlerischen Form. Das in dem Buch geschilderte Leben war das eines außergewöhnlichen Mannes, der nicht nur die Geschichte des letzten Jahrhunderts geprägt hat, sondern dessen Ideen auch heute noch einen weitreichenden Einfluss auf die Politik des 21. Jahrhunderts ausüben.

Es ist unmöglich, den Revolutionär Trotzki vom Schriftsteller Trotzki zu trennen. Seine schöpferische Persönlichkeit war eine außergewöhnliche Verschmelzung von politischem und literarischem Genie. Wie könnte es auch anders sein?

Die Brillanz von Trotzkis Autobiografie war der notwendige Ausdruck der historischen Bedeutung seines Denkens und Handelns in literarischer Form.

Trotzkis Leben war bestimmt von seiner entscheidenden Rolle bei der Oktoberrevolution von 1917, von der Gründung des ersten Arbeiterstaates, dem Aufbau der Roten Armee und ihrem Sieg über die Konterrevolution, sowie von der Gründung der Kommunistischen Internationale.

Diese Einzigartigkeit wurde in mehreren zeitgenössischen Rezensionen von Mein Leben gewürdigt. Der renommierte Schriftsteller und Journalist Emil Ludwig schrieb im Berliner Tageblatt: „Ein großer Schriftsteller hat hier sein fantastisches Leben so geschildert, dass ich nicht verstehen kann, warum noch jemand Romane liest – geschweige denn schreibt.“

Wolf Zucker, ein Weggefährte von Walter Benjamin, schrieb in der Literarischen Welt, dass „ich [Mein Leben] unbedenklich das bedeutendste politische Werk des ersten Quartals dieses Jahrhunderts nenne …“

Mein Leben war zweifellos eine noch außergewöhnlichere Leistung, wenn man die Umstände berücksichtigt, unter denen die Autobiografie geschrieben wurde. Nach fünf Jahren unbeugsamen Kampfes gegen die bürokratische Degeneration des Sowjetstaates und unter Bedingungen zunehmender Verfolgung wurde Trotzki von der stalinistischen Bürokratie aus der UdSSR ausgewiesen. Nachdem es Stalin 1928 nicht gelungen war, die Linke Opposition zu zerschlagen, indem er ihren Führer nach Alma-Ata nahe der Grenze zu China in die Verbannung schickte, glaubte er, Trotzkis Einfluss wirksam unterdrücken zu können, wenn er ihn in der Türkei isoliere. Trotzki wurde am 20. Januar 1929 über seine Ausweisung informiert. Als er aufgefordert wurde, den Erhalt zu bestätigen, schrieb er auf das ihm vorgelegte Dokument, dass die Entscheidung der GPU „inhaltlich kriminell und formal rechtswidrig“ sei. Man gewährte ihm weniger als zwei Tage, um seine Habseligkeiten zu packen, von denen seine Manuskripte und Bücher die wichtigsten waren.

Nach einer beschwerlichen und gefährlichen Reise aus Zentralasien kamen Trotzki, seine Frau Natalja und sein Sohn Lew schließlich am Abend des 10. Februar in Odessa an. Sie wurden sofort zum Hafen und an Bord des Dampfschiffs Iljitsch gebracht. Zwei Tage später lief das Schiff in den Bosporus ein – die einzigen Passagiere waren Trotzki, seine Frau, sein Sohn und mehrere GPU-Agenten. Bevor er in der Türkei von Bord ging, schrieb Trotzki eine Nachricht an den türkischen Präsidenten Kemal Atatürk:

Sehr geehrter Herr, vor den Toren Konstantinopels habe ich die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ich die türkische Grenze nicht aus freiem Willen überschritten habe, und dass ich diese Grenze nur der Gewalt gehorchend überschreiten werde. Ich bitte Sie, Herr Präsident, meine entsprechenden Gefühle entgegenzunehmen.

L. Trotzki, 12. Februar 1929

Leo Trotzki an seinem Schreibtisch auf Büyükada (Prinkipo)

In den Wochen nach seiner Ankunft in der Türkei verfasste Trotzki – als Antwort auf unzählige Anfragen zu seiner Ausweisung aus der Sowjetunion – eine Reihe von Artikeln, in denen er die Ereignisse der vergangenen zwei Monate schilderte. In diesen Artikeln behandelt er bereits viele der wichtigen politischen Fragen im Zusammenhang mit seinem Machtverlust, auf den er in Mein Leben noch ausführlicher eingehen sollte. Ohne die bürokratischen Intrigen zu leugnen, betonte Trotzki deren untergeordnete Rolle: „Im Vergleich zu der grundlegenden Frage der Neuformierung der Klassenkräfte und des Übergangs von einer Etappe der Revolution zur nächsten ist die Frage persönlicher Gruppierungen und Konstellationen nur von untergeordneter Bedeutung.“

In der Voraussicht, dass man Stalins Sieg auf seine überlegenen politischen Fähigkeiten zurückführen würde, bezeichnete Trotzki den Anführer der Bürokratie als „die hervorragendste Mittelmäßigkeit unserer Partei“. Trotzki verstand Stalins Aufstieg im Zusammenhang mit dem Abebben des revolutionären Aufschwungs der Massen. Er zitierte die Worte von Helvétius: „Jede Periode hat ihre großen Männer, und wenn sie sie nicht hat – erfindet sie sie.“

Trotzki ignorierte nicht die finsteren Intrigen und Verleumdungen, die gegen ihn eingesetzt worden waren. Doch diese konnten nicht seinen Machtverlust erklären. „Eine politische Linie, die ihre Niederlage mit den Intrigen ihrer Gegner erklärt, ist blind und erbärmlich“, schrieb er. „Intrigen sind eine bestimmte Art und Weise, wie eine Aufgabe methodisch umgesetzt wird; sie können nur eine untergeordnete Rolle spielen. Große historische Fragen werden durch das Wirken großer gesellschaftlicher Kräfte entschieden, nicht durch kleinliche Manöver.“

Die ersten Wochen, die Trotzki auf der Insel Büyükada im Marmarameer verbrachte, waren hektisch. Er musste einen Wohnsitz finden und einrichten, von wo aus er seine Arbeit mit seinem hohen Anspruch an Genauigkeit ausüben konnte. Spätestens im April 1929 nahm er die Arbeit an der Autobiografie auf.

Die Geschwindigkeit, mit der Trotzki Mein Leben schrieb, ist erstaunlich und zeugt einmal mehr von seiner außerordentlich disziplinierten und systematischen Arbeitsweise. Selbst während er an der Autobiografie arbeitete, schrieb Trotzki weiterhin über Entwicklungen in der Sowjetunion, kommentierte das Weltgeschehen und gab der Arbeit der entstehenden Internationalen Linken Opposition theoretische und politische Orientierung.

Die im September 1929 fertiggestellte Autobiografie entstand an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens und der Weltgeschichte. Der Börsencrash an der Wall Street, der den Auftakt für die Weltwirtschaftskrise und die darauffolgenden Katastrophen der 1930er Jahre bilden sollte, ereignete sich nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung von Mein Leben. Das Tempo seiner Entstehung sowie der Ton, den es anschlägt, spiegelten die Umstände seiner Entstehung wider: Wäre es eine Symphonie gewesen, hätte es vielleicht die Bezeichnung „alla marcia con fuoco“ [im Stil eines Marsches, mit Feuer] getragen.

Isaac Deutscher argumentierte später, dass Mein Leben zu früh geschrieben worden sei. Bei all seiner literarischen Lebendigkeit sei es doch, so Deutscher, das Werk eines Mannes, der noch nicht vollständig erfasst habe, wie weitreichend und entscheidend seine politische Niederlage war. Der Standpunkt und der Ton des Werks seien zu optimistisch.

Deutscher deutet an, dass Trotzki, hätte er das Verfassen seiner Autobiografie hinausgeschoben und die Katastrophen der 1930er Jahre miterlebt, nicht in der Lage gewesen wäre, den zuversichtlichen und optimistischen Ton beizubehalten, von dem Mein Leben durchdrungen ist. Eine 1939 statt 1929 verfasste Autobiografie wäre demnach ein weitaus düstereres Werk gewesen, das mehr Zweifel an der Tragfähigkeit der Sache zugelassen hätte, der Trotzki sein Leben gewidmet hat. Diese Kritik spiegelt Deutschers Überzeugung wider, dass Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, und dass die Gründung einer Vierten Internationale ein quixotisches Unterfangen war.

Außerdem wird Deutschers pessimistische Einschätzung durch Trotzkis eigene Worte widerlegt. In seinem letzten Testament, verfasst im Februar 1940, schrieb Trotzki:

Mein Glaube an die kommunistische Zukunft der Menschheit ist nicht weniger leidenschaftlich, ja, er ist heute sogar fester als in den Tagen meiner Jugend (…)

Das Leben ist schön. Mögen die künftigen Generationen es von allem Bösen, aller Unterdrückung und aller Gewalt befreien und es in vollen Zügen genießen.

Auf jeden Fall war der Zeitpunkt von Trotzkis Entscheidung, Mein Leben zu schreiben, nicht willkürlich, sondern durch das Zusammenspiel politischer und persönlicher Umstände bestimmt. Wie er im Vorwort erklärte: „Schon die Möglichkeit, es zu schreiben, ist nur durch die Pause in der aktiven politischen Tätigkeit des Autors entstanden. Eine unvorhergesehene, wenn auch nicht zufällige Etappe meines Lebens ist Konstantinopel geworden. Im Biwak – nicht zum ersten Mal in meinem Leben – harre ich hier geduldig dessen, was weiterkommen wird. Ohne eine Dosis ‚Fatalismus‘ wäre das Leben eines Revolutionärs überhaupt unmöglich. Jedenfalls ist die Konstantinopeler Pause der geeignetste Moment, Rückschau zu halten, bevor die Umstände es wieder erlauben, weiterzuschreiten.“

Trotzkis Autobiografie hatte nichts von einer nostalgischen Rückschau auf „verlorene Zeit“ an sich. Das Buch setzte „den Kampf fort, dem mein ganzes Leben gewidmet ist. Schildernd charakterisiere und werte ich; erzählend verteidige ich mich und greife noch häufiger an. Ich glaube, dass dies die einzig richtige Methode ist, eine Biografie in einem gewissen höheren Sinne objektiv zu gestalten, das heißt ihr einen der Person und der Epoche adäquaten Ausdruck zu geben.“

Trotzki lehnte eine Haltung und einen Ton „gekünstelter Gleichgültigkeit“ unter der trügerischen und heuchlerischen Maske der Pseudo-Objektivität ab. „Habe ich mich nun einmal der Notwendigkeit unterworfen, von mir zu sprechen – es ist noch keinem gelungen, eine Selbstbiografie zu schreiben, ohne von sich zu sprechen –, so habe ich keinen Grund, meine Sympathien und Antipathien, meine Liebe und meinen Hass zu verheimlichen.“

Teil des Publikums bei der Leo-Trotzki-Gedenkveranstaltung 2026 auf Prinkipo

Mein Leben hat, wie praktisch alle Schriften Trotzkis, einen ausgeprägt polemischen Charakter. Doch dies ist keine stilistische Affektiertheit. Polemik, so erklärte er, „spiegelt die Dynamik jenes sozialen Lebens wider, das ganz auf Gegensätze aufgebaut ist (…) So ist unsere Zeit. Mit ihr sind wir aufgewachsen. In ihr atmen und leben wir. Wie können wir unpolemisch sein, wenn wir unserer Zeit treu bleiben wollen?“

Die ersten fünf Kapitel von Mein Leben sind der Schilderung seiner Kindheit, Jugend und jungen Erwachsenenjahre gewidmet. Trotzki erinnert sich mit Zuneigung, Empathie, Abneigung und nicht selten mit beißendem Humor an die Vielzahl von Charakteren, die das Universum seiner Kindheit bevölkerten.

Der große marxistische Theoretiker hat nicht rückwirkend ein ideologisches Schema auferlegt, das einen direkten und offensichtlichen Zusammenhang zwischen den großen politischen Ereignissen der Zeit und seinen Kindheitserlebnissen konstruiert. Vielmehr erweckt Trotzki mit seiner Erzählung wieder zum Leben, wie sich das Bewusstsein des Kindes entwickelte, das laufend neue und unmittelbare Erfahrungen machte, ohne wirklich zu verstehen, in welchem Verhältnis sie zur Welt jenseits des Janowka seiner frühen Kindheit und des Odessa seiner Jugend standen.

Die folgenden Kapitel schildern ein Leben von epischer Dramatik. Doch selbst wenn man den Text aus seiner autobiografischen Form lösen würde, bliebe Mein Leben dennoch ein bedeutendes Dokument der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Erzählung spannt einen Bogen über die Russische Revolution von 1905, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und den Zusammenbruch der Zweiten Internationale, den Ausbruch der Februarrevolution, die Machtergreifung der Bolschewiki, den Russischen Bürgerkrieg, den Tod Lenins, die darauffolgenden Kämpfe innerhalb des Sowjetregimes, den britischen Generalstreik und die Niederlage der chinesischen Revolution von 1927.

Trotzkis Verständnis historischer Ereignisse ermöglichte es ihm, sein eigenes Handeln in den Zusammenhang der objektiven Kräfte einzuordnen, die das Schicksal der Menschheit prägten. Diese tiefe historische Einsicht – theoretisch gesprochen die Fähigkeit, das Allgemeine im Besonderen zu erkennen – war zugleich ein prägendes Merkmal von Trotzkis literarischem Genie. Selbst im Zufälligen erkannte er, wie sich die Logik der Geschichte entfaltete. Dies verlieh seinen Charakterisierungen von Personen eine schonungslose Präzision.

Diese Gabe zeigt sich in Trotzkis Porträts der Führer der Zweiten Internationale. Er traf alle großen Persönlichkeiten der Zeit vor 1914, unterhielt sich mit ihnen oder hörte zumindest von ihnen: August Bebel, Georgi Plechanow, Karl Kautsky, Julius Martow, Jean Jaurès, Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Victor Adler, Karl Renner und sogar Ramsay MacDonald.

Wenn er bei Personen in der Politik herausragende Eigenschaften entdeckte, selbst bei seinen Gegnern, verbarg Trotzki seine Bewunderung nicht. Er erinnerte sich an Jaurès als hervorragenden Redner: „Mit einer gewaltigen Kraft, die elementar wie ein Wasserfall war, vereinigte er viel Weichheit, die auf seinem Gesicht leuchtete wie der Abglanz einer höheren Geisteskultur. Er stürzte Felsen, donnerte, erschütterte, er betäubte sich aber niemals selbst …“

Die führenden Köpfe der österreichischen Sozialdemokratischen Partei, unter denen Trotzki die Jahre 1907 bis 1914 in Wien verbrachte, hinterließen bei ihm einen ganz anderen Eindruck. Ihre politische Kapitulation im Jahr 1914 zeichnete sich bereits in ihren Persönlichkeiten ab. Die namhaften österreichischen Sozialdemokraten waren gebildete Männer, doch Trotzki erkannte ihre „Selbstzufriedenheit“ und ihr „Philistertum“: „Sie stellten einen Menschentypus dar, der dem Typus des Revolutionärs entgegengesetzt war.“ Als er Renner sagte, dass die nächste russische Revolution das Proletariat an die Macht bringen werde, offenbarte die Antwort – die Renner mit „vernichtender Höflichkeit“ gab – einen Mann, der „von der revolutionären Dialektik ebenso weit entfernt war wie der konservativste der ägyptischen Pharaonen“.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Dieser Porträtreihe stellte Trotzki Karl Liebknecht gegenüber – keinen Theoretiker, sondern einen „Mann der Tat“, impulsiv und heroisch. Er besaß „politische Intuition“ und „war von unvergleichlichem Mut zur Initiative erfüllt“.

Das Jahr 1917 begann damit, dass Trotzki in New York eintraf, nachdem er aufgrund seines revolutionären Antikriegsjournalismus aus Europa ausgewiesen worden war. Es endete damit, dass Trotzki, zurück in Petrograd, den Sturz der Provisorischen Regierung organisierte. Trotzkis Schilderung der Ereignisse von 1917 dürfte ausreichen, um selbst den hartnäckigsten Fall politischer Skepsis zu heilen – eine Skepsis, die in der Überzeugung wurzelt, dass Veränderung unmöglich ist und, falls sie doch eintritt, nur zum Schlechten führen wird.

Trotzki schildert seine komplexen politischen und persönlichen Beziehungen zu Lenin über einen Zeitraum von 20 Jahren: von ihrer ersten Begegnung in London im Jahr 1902 bis zu den letzten Wochen ihrer Zusammenarbeit gegen Stalins Vorgehen als Generalsekretär im Winter 1922/23. Trotzki macht keinen Hehl aus seinen Differenzen mit Lenin. Den unterwürfigen Ton der Vergötterung, den das stalinistische Regime aus Eigeninteresse jedem Hinweis auf Lenin nach dessen Tod im Jahr 1924 aufzwang, lehnte er ab. „Ja“, schreibt Trotzki, „Lenin war genial, von vollkommener menschlicher Genialität. Lenin war aber keine mechanische Rechenmaschine, die fehlerlos funktioniert. Jedoch machte er viel seltener Fehler, als jeder andere an seiner Stelle begangen hätte. Lenin machte Fehler, auch große Fehler, dem gigantischen Ausmaß seiner ganzen Arbeit entsprechend.“

Die fünf Kapitel über den Bürgerkrieg, der auf die Oktoberrevolution folgte, bieten einen einzigartigen Einblick, wie die Rote Armee geschaffen wurde und wie sie den Sieg errang. Sie sollten sorgfältig studiert werden, da sie Lehren vermitteln, die sich in den kommenden Jahren als äußerst wertvoll erweisen könnten.

Trotzki hatte keinerlei militärische Ausbildung. Er war Journalist und revolutionärer Emigrant gewesen. Doch er schuf aus dem Nichts eine Armee von rund fünf Millionen – nach dem Zusammenbruch der zaristischen Armee und inmitten chaotischer Verhältnisse, unter Bedingungen einer Blockade, gegen mehrere Weiße Armeen und die Interventionen ausländischer Streitkräfte. Und er führte diese Armee in weniger als drei Jahren zum Sieg. Nach jedem vernünftigen historischen Maßstab ist das eine außergewöhnliche Leistung. Sein Panzerzug war das Sinnbild dafür: Er war mobiles Hauptquartier, Druckerei, Tribunal, Versorgungsdepot und Träger politischer Autorität in einem.

Die letzten Kapitel von Mein Leben, die sich auf den Kampf innerhalb der Bolschewistischen Partei konzentrieren, sind am unmittelbarsten polemisch. Der rückblickende Ton des Memoirenschreibers wechselt entschieden zu dem eines aktiven Kämpfers. In diesen Kapiteln beantwortet Trotzki die Frage: „Wie konnten Sie die Macht verlieren?“ Diejenigen, die sowohl zu Trotzkis Zeiten als auch heute an die Politik mit konventionellen, pragmatischen Begriffen herangehen, sehen den Machtverlust im Allgemeinen als Ergebnis von Fehlern, als Folge eines Versagens, rechtzeitig geschickte Manöver durchzuführen.

Doch der Verlust politischer Macht, so erklärte Trotzki, sei nicht das Gleiche „wie das Verlieren einer Uhr oder eines Notizbuches“. Die Ursachen für den Aufstieg und Fall von Strömungen und Einzelpersonen müssen in den objektiven Bedingungen gesucht werden. Ein gewaltiger Ausbruch des Klassenkampfs in Russland im Jahr 1917 katapultierte Trotzki und Lenin mit solch erstaunlicher Geschwindigkeit aus der Unbekanntheit an die Spitze der Macht, dass Lenin in der Nacht des bolschewistischen Aufstands zu Trotzki bemerkte: „Es schwindelt“. Ein entgegengesetzter, langwieriger Prozess des politischen Stillstands, der Stagnation und nachlassender revolutionären Begeisterung – ein Ergebnis der Niederlagen der europäische Arbeiterklasse jenseits der Grenzen der Sowjetunion, der Isolation und politischen Erschöpfung des Proletariats, der Bürokratisierung des Staates und der herrschenden Partei sowie des Erstarkens einer kleinbürgerlichen Schicht nach der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) im Jahr 1921 – führte dazu, dass Trotzki seinen Einfluss und seine Macht verlor.

Trotzki, Lenin und Kamenew im Gespräch, 1920

Noch bevor Stalin im Kampf gegen Trotzki und die internationalistische Strategie der permanenten Revolution das reaktionäre Programm des „Sozialismus in einem Land“ ins Feld führte, war eine spürbare Veränderung in der politischen Stimmung und im Lebensstil der Parteiführung zu beobachten. Eine Atmosphäre der Selbstzufriedenheit, der Oberflächlichkeit und des moralischen Verfalls machte sich breit und signalisierte eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses innerhalb der Partei. In einer brillanten Passage bemerkt Trotzki, dass informelle Gespräche unter anderen Mitgliedern des regierenden Politbüros plötzlich verstummten, sobald er den Raum betrat. „Wenn man will, kann man sagen: Dies bedeutete, dass ich begann, die Macht zu verlieren.“

Im Verlauf dieses Kampfs wurde die Kritik von Trotzki und der Linken Opposition an der Politik des stalinistischen Regimes durch die Ereignisse bestätigt. Stalin hatte, um die Argumente der Opposition zu kontern, kein anderes Mittel als Repression, und diese erreichte mit dem Ausschluss Trotzkis und seiner Anhänger aus der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale im Jahr 1927 einen ersten Höhepunkt. 1928 wurde Trotzki nach Alma-Ata verbannt, und 1929 schließlich aus der Sowjetunion ausgewiesen.

Trotzki schloss seine Autobiografie mit einem Kapitel unter der Überschrift „Der Planet ohne Visum“. Er berichtete über die Ablehnung seiner Asylanträge durch Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Norwegen. „Ich muss gestehen“, schrieb er, „dass das Antreten der europäischen Demokratien zum Appell in der Frage des Asylrechts mir nebenbei nicht wenige lustige Augenblicke bereitete. Manchmal kam es mir vor, als wohnte ich der Inszenierung eines ›paneuropäischen‹ Einakters des Titels: Prinzipien der Demokratie bei.“

Auf jene, die sich fragten, wie Trotzki denn den Verlust seiner Macht verkraftet habe, antwortete er: „Ich kann einen historischen Prozess nicht mit dem Metermaß eines persönlichen Schicksals messen. Im Gegenteil, ich bewerte mein persönliches Schicksal nicht nur objektiv, sondern erlebe es auch subjektiv in untrennbarem Zusammenhang mit dem Verlauf der sozialen Entwicklung.“

Aber wie stand es um die Revolution selbst? War sie gerechtfertigt? Was hatte sie erreicht? Trotzki gab folgende Einschätzung:

Die Arbeiterklasse in Russland hat unter Führung der Bolschewiki den Versuch unternommen, das Leben umzubauen, um die Möglichkeit der periodisch wiederkehrenden Tobsuchtsanfälle der Menschheit auszuschalten und die Grundlagen für eine höhere Kultur zu schaffen. Das ist der Sinn der Oktoberrevolution. Es ist selbstverständlich, dass die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, noch nicht gelöst ist. Die Lösung dieser Aufgabe ist aber ihrem Wesen nach auf Jahrzehnte berechnet. Mehr noch, man muss die Oktoberrevolution als den Ausgangspunkt der neuen Geschichte der Menschheit in ihrer Gesamtheit betrachten.

Die deutsche Erstausgabe von Mein Leben erschien im selben Monat, in dem Trotzki seinen 50. Geburtstag feierte. So monumental seine Errungenschaften auch waren – Trotzkis größtes Werk, sowohl als Schriftsteller als auch als Revolutionär, lag noch vor ihm. Während der vier Jahre auf Büyükada schrieb Trotzki nicht nur Die Geschichte der Russischen Revolution. Er verfasste auch eine Reihe politischer Essays, in denen er mit unübertroffener Weitsicht die Bedrohung analysierte, die vom Aufstieg des Faschismus in Deutschland ausging.

Nach Hitlers Aufstieg zur Macht 1933 – eine Folge der katastrophalen Politik der Stalinisten – rief Trotzki zum Aufbau der Vierten Internationale auf. Im Juli 1933 erhielt Trotzki schließlich die Erlaubnis, nach Frankreich einzureisen, das er 1935 wieder verlassen musste. Die norwegische Regierung gestattete ihm die Einreise. Anfang August 1936 vollendete Trotzki sein Werk Verratene Revolution, bis heute die bedeutendste Analyse der Degeneration des sowjetischen Arbeiterstaates und des konterrevolutionären Charakters des stalinistischen Regimes.

Innerhalb weniger Wochen wurde Trotzkis Verurteilung des Regimes durch die Inszenierung des ersten von drei Moskauer Prozessen bestätigt, die vor fast genau 90 Jahren, am 19. August 1936, begannen. Dies markierte den Beginn des Großen Terrors und der genozidalen Auslöschung praktisch des gesamten Kaders des Bolschewismus, der sozialistischen Führer der Arbeiterklasse und der fortschrittlichsten Vertreter der sozialistischen Intelligenz.

Unter dem Druck des stalinistischen Regimes stellte die sozialdemokratische Regierung Norwegens Trotzki unter Hausarrest, um ihn daran zu hindern, auf die monströsen Lügen aus Moskau, er sei ein Agent des Faschismus, zu antworten. Im Dezember gewährte ihm die mexikanische Regierung unter Präsident Lázaro Cárdenas Asyl. Trotzki und seine Frau Natalja Sedowa erreichten am 9. Januar 1937 Mexiko. Er veröffentlichte umgehend eine Erklärung, in der er die Moskauer Prozesse verurteilte, und forderte die Einberufung eines internationalen „Gegenprozesses“. In einer am 30. Januar auf Englisch gehaltenen Rede, die aufgezeichnet und auf Film festgehalten wurde, erklärte Trotzki:

Stalins Prozess gegen mich beruht auf falschen Geständnissen, die mit modernen Methoden der Inquisition im Interesse der herrschenden Clique erpresst wurden. Es gibt in der Geschichte keine Verbrechen, die in ihrer Absicht oder Ausführung schrecklicher sind als die Moskauer Prozesse gegen SinowjewKamenew und gegen PjatakowRadek. Diese Prozesse entsprangen nicht dem Kommunismus, nicht dem Sozialismus, sondern dem Stalinismus, das heißt dem ungezügelten Despotismus der Bürokratie über das Volk!

Was ist nun meine Hauptaufgabe? Die Wahrheit aufzudecken. Zu zeigen und zu beweisen, dass sich die wahren Verbrecher unter dem Mantel der Ankläger verstecken.

Trotzki erklärte, dass ein Gegenprozess „notwendig ist, um die Atmosphäre von den Keimen der Täuschung, Verleumdung, Fälschung und fingierten Anklagen zu reinigen, deren Quelle Stalins Polizei, die GPU, ist, die auf das Niveau der Nazi-Gestapo gesunken ist“.

Unter dem Vorsitz des amerikanischen Philosophen John Dewey wurde eine Untersuchungskommission gebildet. In Sitzungen vom 10. bis zum 17. April 1937 beantwortete Trotzki die Fragen der Kommissionsmitglieder und zeichnete den gesamten Verlauf seiner politischen Laufbahn nach. In seiner abschließenden Erklärung, die er auf Englisch vortrug, sagte Trotzki:

Die Erfahrung meines Lebens, in dem es weder an Erfolgen noch an Misserfolgen fehlte, hat nicht nur meinen Glauben an die Zukunft der Menschheit nicht zerstört, sondern ihn im Gegenteil unzerstörbar gemacht. Diesen Glauben an die Vernunft, an die Wahrheit, an die menschliche Solidarität, der mich im Alter von achtzehn Jahren in die Arbeiterquartiere der Provinzstadt Nikolajew führte – diesen Glauben habe ich mir voll und ganz bewahrt.

Im Dezember 1937 veröffentlichte die Kommission ihre Ergebnisse. Sie erklärte Trotzki für „nicht schuldig“ und bezeichnete die Moskauer Prozesse als Schauprozesse.

Leo Trotzki berät sich mit seinem Anwalt Albert Goldman während der Anhörungen der Dewey-Kommission in Coyoacan, Mexiko. Links von Trotzki seine Frau Natalja

Ungeachtet des Urteils der Dewey-Kommission (wie die Untersuchungskommission gemeinhin genannt wird) verteidigten viele liberale Intellektuelle die Integrität der Moskauer Prozesse. Es war die Zeit der „Volksfront“, des Bündnisses des Liberalismus mit der sowjetischen Geheimpolizei, dem NKWD. Im Gegenzug für die stalinistische Unterstützung kapitalistischer Regierungen in Europa und den Vereinigten Staaten stimmte die bürgerlich-liberale Intelligenz der Ermordung der Revolutionäre durch das sowjetische Regime zu.

Als Trotzki die Gründung der Vierten Internationale vorbereitete, unternahm das stalinistische Regime einen gewaltsamen Feldzug gegen deren Führung. Im Juli 1937 wurde Erwin Wolf, der in Norwegen eng mit Trotzki zusammengearbeitet hatte, vom NKWD entführt und ermordet. Zwei Monate später folgte in der Schweiz der Mord an Ignaz Reiss, ein ehemaliger Agent, der den sowjetischen Geheimdienst verlassen und seine Solidarität mit der Vierten Internationale erklärt hatte. Im Februar 1938 wurde Trotzkis Sohn und engster politischer Mitarbeiter, Lew Sedow, in Paris ermordet. Im Juli 1938 ermordeten die Stalinisten auch Rudolf Klement in Paris, nur zwei Monate vor dem geplanten Gründungskongress der Vierten Internationale, deren Sekretär er war.

Inmitten all dieser tragischen Ereignisse widmete sich Trotzki der Aufgabe, die er als die wichtigste seines Lebens ansah: das politische Programm des Marxismus zu verteidigen und das Überleben der sozialistischen Bewegung in einer neuen Generation von Arbeitern und Jugendlichen zu sichern. In einem Tagebucheintrag vom 25. März 1935 stellte Trotzki fest, dass seine Rolle beim Aufstand von 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg zwar sicherlich wichtig, aber nicht unbedingt „unersetzlich“ gewesen sei. Dieser Einschätzung stimme ich nicht zu: Es gibt reichlich Belege dafür, dass Trotzkis Rolle bei der Machteroberung und im Bürgerkrieg von entscheidender Bedeutung war. Doch während dies Gegenstand historischer Debatten sein mag, war Trotzkis Einschätzung seiner Rolle in den 1930er Jahren vollkommen berechtigt.

Trotzki sollte noch etwas mehr als fünf Jahre leben. Er starb am 21. August 1940 an den Verletzungen, die ihm ein stalinistischer Attentäter zugefügt hatte. Dieses Verbrechen beraubte die internationale Arbeiterklasse des letzten noch lebenden Führers der Oktoberrevolution und größten Vertreters des Programms und der Tradition des klassischen Marxismus. Niemand war mehr am Leben, der Trotzki an Erfahrung, geschweige denn an politischem Genie gleichkam. Doch die Arbeit, die er in seinen letzten Lebensjahren leistete, bewahrte die marxistische Bewegung vor dem Aussterben. In der Zeit zwischen der Fertigstellung seiner Autobiografie und seiner Ermordung im Jahr 1940 gründete Trotzki die Vierte Internationale und definierte die grundlegenden Aufgaben der sozialistischen Bewegung in der modernen Epoche.

Trotzki, der Lenin um 16 Jahre überlebte, analysierte, kommentierte und antizipierte die großen politischen Ereignisse, die den Verlauf des Klassenkampfs im gesamten 20. Jahrhundert und bis ins 21. Jahrhundert hinein prägen sollten. Er entwickelte Antworten darauf und sah sogar ihren weiteren Verlauf voraus. Trotzki lebte lange genug, um die Entartung der Sowjetunion, das Aufkommen des Faschismus, den allgemeinen Verfall der bürgerlichen Demokratie, den Verrat bürgerlich-nationalistischer Bewegungen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern, den Aufstieg des amerikanischen Imperialismus zu einer globalen Hegemonialmacht und schließlich den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitzuerleben. Dieses letzte Ereignis bestätigte den Kerngedanken der Theorie der permanenten Revolution, dass die einzige tragfähige strategische Antwort auf die Widersprüche des globalen Kapitalismus und des Nationalstaatensystems die sozialistische Weltrevolution ist.

Nur drei Monate vor seinem Tod sah Trotzki eine langwierige Periode revolutionärer und konterrevolutionärer Umwälzungen voraus. Mit erstaunlicher Weitsicht und Weisheit schrieb Trotzki im Mai 1940:

Die kapitalistische Welt hat keinen Ausweg, wenn man nicht einen in die Länge gezogenen Todeskampf als solchen betrachten will. Man muss sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, von Krieg, Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und neuen Aufständen gefasst machen. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. Die Geschichte wird ihr ausreichend Gelegenheiten und Möglichkeiten verschaffen, sich zu bewähren, Erfahrungen zu sammeln und zu reifen. Je rascher die Reihen der Vorhut zusammengeschweißt werden, desto kürzer wird die Epoche der blutigen Erschütterungen sein, desto weniger Zerstörung wird unser Planet erleiden. Aber die große historische Aufgabe wird nicht gelöst werden, ehe eine revolutionäre Partei an der Spitze des Proletariats steht. Die Frage der Tempi und Zeitabschnitte ist von ungeheurer Bedeutung, aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive noch die Richtung unserer Politik. Die Schlussfolgerung ist einfach: Die Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Vorhut muss mit verzehnfachter Energie fortgeführt werden. Gerade darin besteht die Aufgabe der Vierten Internationale.

Diese vor 86 Jahren verfasste Perspektive gilt für die heutige Welt mit noch größerer Dringlichkeit. Und genau aus diesem Grund bleibt Trotzki, eine gigantische Gestalt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der Politik des 21. Jahrhunderts außerordentlich präsent. Sein Name steht für die Theorie (permanente Revolution), die Strategie (sozialistische Weltrevolution) und die Organisation (Vierte Internationale) des Marxismus als revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse in der heutigen Welt. Der Trotzkismus ist der Marxismus des 21. Jahrhunderts.

Leo Trotzki 1940

Das Gespenst Trotzkis und des Trotzkismus verfolgt die herrschenden Eliten und ihr Gefolge aus Journalisten und Akademikern bis heute. Sie können die Oktoberrevolution nicht vergessen und werden es Trotzki niemals verzeihen, dass er sie angeführt hat.

Biografien, die Trotzkis Leben anprangern, herabsetzen und verfälschen, gehören zum Standardangebot der Verlagsbranche. Sie illustrieren eine Bemerkung Trotzkis in Mein Leben: „Was in all den Fällen, wo die öffentliche Meinung lebhaft interessiert ist, am meisten verblüfft, ist die menschliche Lügenhaftigkeit.“

Das beständigste Motiv bei der Diskreditierung Trotzkis ist seine Darstellung als charakterlich zutiefst mangelhafte und sogar abstoßende Persönlichkeit, deren angebliche intellektuelle Arroganz und spöttische Verachtung für seine Genossen innerhalb der Parteiführung die Hauptursache für seinen Untergang gewesen sei. Im Gesamtkorpus der Trotzki-Biografien gibt es keine Geschichte über Trotzki, die so oft erzählt wurde wie die, dass er sich bei den Sitzungen der Parteiführung in einen französischen Roman vertiefte, wodurch seine angebliche Gleichgültigkeit gegenüber profanen Alltagsaufgaben vermittelt wird.

Das Bild, das diese Geschichte vermittelt, ist eklatant: Parteiführer, um einen Tisch versammelt, arbeiten die Tagesordnung ab. Doch da sitzt Trotzki, gelangweilt und gleichgültig, die Nase in einen Roman gesteckt, und zwar in einen französischen, nicht etwa einen russischen Roman. Welch demonstrative Zurschaustellung kultureller Überlegenheit! Was könnte besser geeignet sein, Feindseligkeit zu schüren? Es gibt nur ein Problem mit dieser Geschichte. Es handelt sich um eine politische Erfindung, die ursprünglich von Trotzkis innerparteilichen Gegnern ersonnen wurde. Es gibt keine einzige Nacherzählung der Geschichte mit dem französischen Roman, die einen Zeugen für Trotzkis angeblichen Verstoß gegen das Protokoll des Politbüros benennt oder irgendeinen anderen glaubwürdig dokumentierten Beweis liefert.

In der bekanntesten Version der Geschichte, die den Boden für ihre endlose Wiederholung bereitete, wird ihr zweifelhafter Charakter anerkannt. In Der unbewaffnete Prophet, dem zweiten Band seiner Trotzki-Biografie, der ursprünglich 1959 erschien, behauptet Deutscher, diese Geschichte während eines Besuchs in Moskau gehört zu haben. Er nennt die Person, die ihm die Geschichte erzählte, nicht namentlich und äußert sofort Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählung, wenn er feststellt: „Selbst wenn die Geschichte erfunden ist, ist sie gut erfunden: Sie vermittelt einen Eindruck von seinem Temperament.“

Diese Aussage, dass die „Anekdote“ „gut erfunden“ sei, deutet klar darauf hin, dass Deutscher selbst die Geschichte nicht für wahr hielt.

In den zahlreichen späteren Nacherzählungen der Geschichte wird Deutschers Vorbehalt ignoriert. Die „gut erfundene“ Anekdote ist zu einer unbestreitbaren Tatsache und unwiderlegbaren Anklage geworden. Die Geschichte macht Trotzki selbst zum Architekten seines Untergangs, Und sie wendet Trotzkis hohes kulturelles Niveau und seinen sozialistischen Internationalismus auf subtile Weise gegen ihn. Hätte die Geschichte dieselbe Wirkung gehabt, wenn man ihm statt eines französischen Romans einen russischen in die Hand gelegt hätte? Drittens lenkt sie die Aufmerksamkeit von den politischen Fragen ab, die in Mein Leben ausführlich behandelt werden, und die Trotzkis Machtverlust zugrunde liegen.

Letztendlich zielen die gegen Trotzki gerichteten Lügen darauf ab, den Sozialismus und damit die bloße Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus zu diskreditieren. Trotzkis Leben und seine politischen Auffassungen zeugen von der Tatsache, dass der Verfall der Sowjetunion nicht unvermeidlich war, dass der Stalinismus eine reaktionäre Abkehr vom Sozialismus darstellte und dass es eine Alternative zu der brutalen Diktatur gab, die letztlich zur Auflösung des Arbeiterstaates und zur Wiederherstellung des Kapitalismus führte. Das Programm und die Strategie, für die Trotzki kämpfte, repräsentieren diese Alternative.

Mein Leben könnte ebenso gut den Titel „Unsere Epoche“ tragen. Selbst nach 100 Jahren ist die Autobiografie nicht von der Geschichte überholt. Wir leben in einer Welt, die für Trotzki verständlich wäre. Die Technologie hat enorme Fortschritte gemacht, aber die Probleme sind im Wesentlichen dieselben geblieben und haben sich in ihrem Ausmaß noch erheblich verschlimmert. Auch wenn sich der Todeskampf dieses Gesellschaftssystems länger hinzieht, als Trotzki vielleicht erwartet hatte, behält seine historische Prognose ihre Gültigkeit. Das kapitalistische System muss dem Sozialismus weichen.

Um mit den Worten Trotzkis zu schließen: „Das ist so klar, so unbestreitbar, so unerschütterlich, dass es sogar die Geschichtsprofessoren begreifen werden, allerdings erst nach einer Reihe von Jahren.“


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Diese Bemerkungen sind eine gekürzte und bearbeitete Fassung des Vorworts von David North für die neue deutschsprachige Ausgabe von Trotzkis „Mein Leben“, erschienen im Mehring Verlag. Das vollständige Vorwort wurde am 1. Juni auf der englischen und am 7. Juni 2026 auf der deutschen World Socialist Web Site veröffentlicht: Trotzkis „Mein Leben“: Ein unvergänglicher Beitrag zu Marxismus und Weltliteratur.

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