Hunderte Arbeiter sind nach wie vor in den überfluteten Tunneln nepalesischer Wasserkraftwerke eingeschlossen, nachdem eine Lawine aus Gletschermaterial die Täler im Norden des Landes durchbrach. Rettungskräfte aus Nepal, Indien und China bohren, graben und sprengen, um zu den Verschütteten zu gelangen.
Eine Woche nachdem ein durch einen Gletscher ausgelöster Erdrutsch und eine Sturzflut Nepals Grenzregion verwüstet hatten, meldete die Polizei in Kathmandu mehr als 1000 Tote allein in Nepal. Jenseits der Grenze in der Autonomen Region Tibet in China haben die Behörden mindestens 16 weitere Todesopfer gemeldet. Unterdessen steigt die Zahl der Vermissten weiter an – mehr als 5100 Menschen werden mittlerweile vermisst.
Die sich schnell bewegende, dichte Schlammmasse – eine brodelnde Mischung aus Schmelzwasser, Gletschereis, Gestein, Felsbrocken, Schlamm und entwurzeltem Material – verhielt sich wie nasser Beton, der den Hang hinunterrast, und zerstörte am vergangenen Mittwochmorgen Siedlungen, Verkehrsverbindungen und Wasserkraftwerke im gesamten Wassereinzugsgebiet des Himalaya.
Der Wasserkraftsektor hat sich als einer der am stärksten betroffenen Bereiche herausgestellt. Die Behörden gaben an, dass am Montag 639 Arbeiter von Wasserkraftwerken in ganz Nepal vermisst wurden. Der Verband der unabhängigen Stromerzeuger hatte die Zahl der Vermissten oder nicht auffindbaren Personen aus diesem Sektor zuvor auf etwa 933 geschätzt.
Am schwierigsten ist die Rettung von Arbeitern, die in Wasserkrafttunneln eingeschlossen sind. Das Büro des nepalesischen Premierministers teilte mit, dass 350 Menschen aus einem Tunnel gerettet wurden, aber mehr als 100 weiterhin eingeschlossen seien. Die Rettungsmaßnahmen dauerten an; weitere 533 Anwohner seien aus den überschwemmten Gebieten in Sicherheit gebracht worden.
Am Kraftwerk Trishuli 3A im Distrikt Rasuwa bohrten sich Rettungsteams der Armee am Samstagabend in den oberen Teil des mit Schlamm verstopften Tunnels, pumpten Luft hinein und ließen eine Kamera hinab, um nach Überlebenden zu suchen. Allein am 29. August wurden 208 Arbeiter aus einem dritten Trishuli-Projekt geborgen, darunter 43 Ausländer (38 Chinesen und fünf Inder). Indien und China haben spezialisierte Rettungsteams und Ausrüstung entsandt, um die Rettungsaktion zu unterstützen.
Die Retter sehen sich einer gefährlichen Untergrundumgebung gegenüber, da Tunnel durch Sedimente und Trümmer blockiert, durch Sickerwasser überflutet, durch sich verschiebendes Gestein beschädigt oder durch eingestürzte Eingänge und zerstörte Straßen abgeschnitten sein können. Die Situation schränkt zudem den Einsatz von schwerem Gerät ein und macht Belüftung, Kommunikation, Beleuchtung, Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung zu schwierigen Herausforderungen. Die BBC berichtete, dass im Rahmen der Versuche, die eingeschlossenen Arbeiter zu erreichen, eine kontrollierte Sprengung durchgeführt wurde.
Die Rettungsmaßnahmen haben zu einer beträchtlichen Anzahl von Evakuierungen geführt. Nepals Katastrophenschutzbehörde gab an, dass seit dem Hochwasser am 26. August mehr als 7.500 Menschen gerettet worden seien.
Die stark steigenden Opferzahlen spiegeln die Schwierigkeit wider, in abgelegenen, bergigen Gebieten, in denen Straßen, Brücken, Kommunikationsinfrastruktur und Unterkünfte weggespült wurden, verlässliche Zahlen zu ermitteln.
Zu Beginn der Hilfsmaßnahmen gaben die nepalesischen Behörden an, dass Hunderte von Touristen, darunter eine große Zahl ausländischer Staatsangehöriger, von der Außenwelt abgeschnitten seien oder als vermisst galten. Die Zahlen steigen an, je mehr Berichte die Behörden aus isolierten Dörfern und Industriegebieten erhalten.
Unter den Vermissten in Nepal sind 592 Ausländer. Chinesische Behörden gaben an, dass in Tibet 261 Ausländer aus 23 Ländern weiterhin vermisst würden, bei einer Gesamtzahl von 546 vermissten Personen in Tibet.
In einigen Abschnitten des Flusssystems haben die Suchteams ihren Schwerpunkt zunehmend von der Rettung auf die Bergung verlagert. Leichen wurden weit flussabwärts gespült, unter anderem bis ins benachbarte Indien, was die enorme Wucht der Flut verdeutlicht und die Identifizierung der Opfer erschwert.
Die Bergungsarbeiten sind schwierig, da die Flutwelle Felsen, Eis, Schlamm, Bäume, Fahrzeuge, Baumaschinen und ganze Gebäude durch die engen Täler des Himalaya mitgerissen hat. Leichen, die erst Tage später geborgen werden, können unter Trümmern begraben, stark entstellt oder weit entfernt von den Orten gefunden werden, an denen Familien ihre Angehörigen zuletzt gesehen haben. Das macht eine visuelle Identifizierung unzuverlässig und zwingt die Behörden dazu, sich auf Vermisstenmeldungen und forensische Methoden zu verlassen.
Die Katastrophe hat auch eine internationale Dimension: Unter den Vermissten befanden sich Arbeiter von Wasserkraftprojekten, ausländische Touristen und Pilger. Südkoreanische Behörden gaben zunächst an, dass neun ihrer Staatsbürger, die in einem Wasserkraftwerk in Nepal arbeiteten, zu den Vermissten gehörten.
Die große Zahl der Toten hat die Behörden gezwungen, Vorkehrungen für Sammelbestattungen zu treffen, wenn Leichen nicht schnell identifiziert oder freigegeben werden können. Ein Massengrab wird ausgehoben, um die aus dem Überschwemmungsgebiet geborgenen Leichen aufzunehmen – eine Maßnahme, die durch die steigende Zahl der Todesopfer, schwierige Transportbedingungen und die dringende Notwendigkeit, aus Gründen der öffentlichen Gesundheit die Leichen sicher zu beseitigen, bedingt ist.
Das Massengrab wird im Devghat-Wald im Distrikt Chitwan im südlichen Zentralnepal ausgehoben, fast 200 Kilometer flussabwärts vom Überschwemmungsgebiet in Rasuwa. Die Behörden hatten dort bis Samstag bereits Hunderte von Gräbern ausgehoben und mindestens 96 nicht identifizierte Leichen beigesetzt. Es werden DNA-Proben genommen und Identifikationsunterlagen aufbewahrt, damit Angehörige später die Identität feststellen und die üblichen Bestattungsriten durchführen können.
Besonders schlimm ist dieser Prozess in den Himalaya-Gemeinden Nepals, wo immer noch Familien auf der Suche nach vermissten Angehörigen eintreffen und Entscheidungen über Bestattung oder Einäscherung oftmals kulturelle und religiöse Aspekte berühren. Bevor nicht identifizierte Leichen beigesetzt werden, stehen die Behörden unter Druck, Erkennungsmerkmale zu dokumentieren, persönliche Gegenstände aufzubewahren und alle Beweise zu sammeln, die es den Familien später ermöglichen könnten, die Identität eines Opfers festzustellen.
Wissenschaftler des Internationalen Zentrums für integrierte Bergentwicklung mit Sitz in Kathmandu sowie Klimaspezialisten vermuten eine Gletscherlawine als Ursache dafür, dass sich das zerstörerische Gemisch in die Flusstäler ergoss.
Wissenschaftler warnen, dass die Erwärmung der Umwelt im Himalaya die Wahrscheinlichkeit von Kettenreaktionen bei Naturgefahren erhöht. Steigende Temperaturen können Gletscher und Hänge destabilisieren, die Schneeschmelze und das Abschmelzen von Eis verändern, Gletscherseen vergrößern oder neu entstehen lassen und die Gefahr erhöhen, dass sich eine Lawine, ein Erdrutsch oder der Dammbruch eines Gletschersees in eine reißende Flut verwandelt. Die Himalaya-Region erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt und ist besonders anfällig für durch Regenfälle ausgelöste Überschwemmungen und Erdrutsche.
Nepals Außenminister forderte weltweite Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels. Er argumentierte, dass Nepal zu den Ländern gehört, die stark unter steigenden Temperaturen leiden, obwohl es nur einen relativ geringen Anteil an den globalen Emissionen hat. In der Erklärung wurde die Katastrophe nicht nur als nationaler Notstand dargestellt, sondern als Beweis für ein gemeinsames globales Klimaproblem, das internationales Handeln erfordert.
Ein zweiter Notfall entwickelt sich derzeit noch stromaufwärts, weil Erdrutsche und Geröll die Flussläufe blockiert und zur Bildung von Stauseen geführt haben. Diese temporären Seen können äußerst gefährlich werden. Ein Dammbruch kann eine weitere plötzliche Flutwelle flussabwärts auslösen.
Kurzzeitig wurden die Rettungsmaßnahmen durch die Lage an einem Stausee unterbrochen, bevor die Behörden die unmittelbaren Risiken als beherrschbar einschätzten. Nepal und China beobachteten zwei Seen stromaufwärts des Haupthochwassergebiets. Es wurde offiziell gewarnt, dass die Hochwassergefahr so lange bestehe, bis beide vollständig entleert seien. Satellitenbilder zeigten zudem, dass ein zweiter See ohne sichtbaren Abfluss immer stärker anwuchs, was die Sorge aufkommen ließ, dass sich der Wasserdruck weiter aufbauen könnte.
Für die Gemeinden und Rettungskräfte in den Tälern bedeutet dies, dass die Gefahr noch nicht gebannt ist, auch wenn die Suche weitergeht. Da allein in Nepal noch fast 4.000 Menschen vermisst werden, müssen die Bergungsarbeiten parallel zur Evakuierungsplanung, zur Flussüberwachung und der schwierigen Aufgabe, einen weiteren katastrophalen Abgang von Wasser und Geröll zu verhindern, vorangetrieben werden.
Die Hochwasserkatastrophe in Nepal darf nicht als unvermeidbare „Naturkatastrophe“ verstanden werden, die ausschließlich durch den Gletscherabbruch verursacht wurde, der den tödlichen reißenden Strom ausgelöst hat. Das Ausmaß an Todesfällen, Vertreibungen und Infrastrukturverlusten ist direkt auf den Klimawandel zurückzuführen, der durch den Kapitalismus verursacht wurde. Hinzu kommen jahrzehntelange internationale Vernachlässigung durch ein Gesellschaftssystem, das Profit und Sparpolitik über öffentliche Sicherheit und Vorsorge stellt.
Eine zentrale Rolle spielen die großen imperialistischen Mächte, insbesondere die USA. Sie kümmern sich nicht um die Klimakrise, die unverhältnismäßig starke Auswirkungen auf Milliarden von Arbeitern und Armen auf der ganzen Welt hat. Mit zersplitterten nationalen Reaktionen ist es nicht möglich, grenzüberschreitende Klimagefahren zu bewältigen, von denen jedes Land der Welt betroffen ist.
Nur eine international koordinierte Anstrengung, die die neuesten Erkenntnisse der Klimawissenschaft nutzt und umfassende Lösungen zur Umkehrung der Erwärmungstrends bietet, kann der wachsenden existenziellen Bedrohung wirksam begegnen. Voraussetzung hierfür ist eine sozialistische Wirtschaftsplanung unter Führung der Arbeiterklasse.
