Rebellion gegen „unabhängige“ Gewerkschaft:

VW-Arbeiter in Puebla (Mexiko) lehnen zweiten Ausverkaufsvertrag ab

Volkswagen-Werk in Puebla [Photo: Volkswagen AG]

Am 15. Oktober lehnten die Arbeiter im Volkswagen-Montagewerk von Puebla (Mexiko) einen Tarifvertrag ab, den die Unabhängige Gewerkschaft der Volkswagen-Arbeiter (SITIAVW) mit dem Unternehmen ausgehandelt hatte. Auf dem Stimmzettel bot sich nur die Wahl zwischen „Streik“ und „Zustimmung“, und 3.135 Arbeiter oder 56,1 Prozent entschieden sich für „Streik“, während 2.452 zustimmten. Es war bereits die zweite Ablehnung innerhalb von fünf Wochen.

Die Gewerkschaft versuchte, den neuen Deal mit dem Versprechen zu verkaufen, dass 611 Arbeiter, die Ende August entlassen worden waren, wieder eingestellt würden. Sie waren entlassen worden, da Volkswagen Ende August in dem Teil des Werks, in dem Jetta und Tiguan gefertigt werden, die dritte Schicht gestrichen hatte. Das Versprechen der Wiedereinstellung ist wertlos, und die Mehrheit der Arbeiter hat mit ihrem Votum dem Gewerkschaftsapparat das Misstrauen ausgesprochen.

Inzwischen hat der Generalsekretär der Gewerkschaft SITIAVW, Hugo Tlalpan Luna, eingeräumt, dass die Vereinbarung lediglich eine „schrittweise Rückkehr“ der entlassenen Arbeiter ab April oder Mai 2027 vorsehen würde, abhängig vom geplanten Anlaufen der Golf-Produktion. Unterdessen gehen die Entlassungen weiter. Tlalpan meldet 829 Abgänge in diesem Jahr, und in der Taos–Produktion soll im November von zwei Schichten eine gestrichen werden. Bei den Zulieferern in Puebla haben schon mehr als 3.000 Arbeiter ihren Arbeitsplatz verloren.

Das Lohnangebot war eine verschleierte Kürzung. Die direkte Lohnerhöhung von 3,8 Prozent für 2026 lag unter den 4,3 Prozent, die die Arbeiter im September abgelehnt hatten. Sie läge kaum über der jährlichen Inflationsrate von aktuell 3,45 Prozent. Die Lohnerhöhung um 3,5 Prozent für 2027 war an eine zweijährige Laufzeit geknüpft, was bedeutet, dass ein weiterer Kampf um die Löhne nicht vor 2028 stattfinden könnte.

Die mit dem Votum verbundene Streikankündigung läuft am heutigen Donnerstag um 11 Uhr ab. Seit Dienstag, dem 21. Oktober, zieht VW Montagearbeiter von der Produktionslinie ab und schickt sie zu „Informationsveranstaltungen“ in ein anderes Gebäude (Haus 25). Die Arbeiter sagten der Zeitung La Jornada de Oriente, es handle sich um „psychologischen Druck“. Sie wiesen darauf hin, dass im Werk für den Rest des Jahres und einen Großteil des nächsten Jahres Samstagüberstunden angeordnet worden sind. Diario Cambio berichtet, dass VW seine Versammlungen einberufen habe, um den Streik zu unterdrücken, da die Arbeiter der Gewerkschaftsführung unter Tlalpan „nicht mehr vertrauen“.

Die Abstimmung bei VW ist Teil einer wachsenden Rebellion gegen die Gewerkschaftsapparate, sowie auch gegen die Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum und ihrer Partei Morena. Am 14. Oktober lehnten die Beschäftigten bei den mexikanischen Sozialversicherungen (IMSS) einen Tarifvertrag ab, den ihre Gewerkschaft mit der Sheinbaum-Regierung ausgehandelt hatte. Zuvor hatten sie schon unabhängig von der Gewerkschaft einen landesweiten Marsch organisiert. Diese Kämpfe sind Bestandteil eines internationalen Aufschwungs der Arbeiterklasse und der Jugend in Amerika, Europa und auf der ganzen Welt.

Bei Volkswagen läuft seit August die sechste Verhandlungsfrist ab, und jedes Mal hat die Gewerkschaft die Frist verlängert oder einen faulen Kompromiss vorgeschlagen. Tlalpan spricht nun davon, eine sechste Verlängerung zu beantragen, um einen „dritten Tarifvertrag“ auszuarbeiten. Er erinnerte daran, dass unter seinem Vorgänger eine Vereinbarung „bei der dritten Konsultation angenommen wurde“. Der Rechtsvertreter der Gewerkschaft, Arturo Blázquez, betonte, dass das Gesetz „keine Begrenzung“ für Fristverlängerungen vorsehe.

Die Führungsriege hat die Abstimmung offen angegriffen. Pressesprecher Hugo Zenteno machte „Desinformation“ dafür verantwortlich, die „in böswilliger Absicht“ von Personen verbreitet worden sei, die „nicht zur Institution gehören“. Tlalpan verurteilte „externe“ Kritiker, die „ihr eigenes Süppchen kochen“ wollten. Zwar ist unklar, gegen wen sich diese Vorwürfe richten, doch die World Socialist Web Site  hatte die VW-Arbeiter am 3. Oktober dazu aufgerufen, die Vereinbarung abzulehnen und dem Versprechen der Gewerkschaft auf Wiedereinstellung keinen Glauben zu schenken, da die Arbeiter über keine eigene Organisation verfügten, um sie durchzusetzen.

Zenteno schloss sich sogar der Linie des Konzernvorstands an: „Jedes Mal, wenn es eine Überprüfung gibt, heißt es, das Unternehmen sei krank. Heute scheint es zu stimmen.“

In einem verzweifelten Versuch, einen echten Streik zu verhindern, nutzt die Gewerkschaft die Streikfrist als Drohung gegen die Arbeiter. Sie hat bis zum 8. November unter Androhung von Sanktionen für jedes Tor einen obligatorischen Streikpostendienst angeordnet und weigert sich, Angaben zum Streikgeld zu machen.

Im Jahr 2024 teilte die SITIAVW den Arbeitern mit, sie habe kein Geld für einen Streik, und schob die Schuld auf eine Veruntreuung in Höhe von 73 Millionen Pesos durch die vorherige Führung. Vor dieser Abstimmung kursierten auf Facebook und WhatsApp Meldungen, in denen die Arbeiter gewarnt wurden, dass ein Streik zwei Monate ohne Lohn bedeuten würde. Eine Führung, die der Abstimmung feindlich gegenübersteht und kein Streikgeld anbietet, bereitet sich darauf vor, jeden Kampf zu isolieren und die streikenden Arbeiter im Stich zu lassen.

Wer bezahlt für die Krise?

VW bezeichnet den abgelehnten Vertrag als sein „bestmögliches Angebot“ und erklärt, man werde einem Streik nicht aus dem Weg gehen, wenn es um „die Zukunft des Werks“ gehe. Tlalpan selbst räumte ein, dass die Lohnkosten für die Produktionsarbeiter gerade mal 4 Prozent der Produktionskosten ausmachen.

Die Krise trifft nicht alle gleichermaßen. VW-Vorstandschef Oliver Blume zum Beispiel hat im Jahr 2025 einschließlich der Rentenbeiträge 7,42 Millionen Euro kassiert. Für dieses Geld müsste ein durchschnittlicher VW-Arbeiter in Puebla etwa tausend Jahre schuften. Im Juni zahlte VW 2,6 Milliarden Euro an Dividenden aus. Die Porsche SE, im Besitz der milliardenschweren Familien Porsche und Piëch, schüttete 462 Millionen Euro aus.

Die Produktion von Leichtfahrzeugen in Mexiko sank im September um 15,1 Prozent und die Exporte um 11,9 Prozent, was in erster Linie auf den Druck durch US-Zölle zurückzuführen ist. Am 14. Oktober reagierte die Regierung mit der Aufhebung des 10-prozentigen Zolls auf importierte Teile für Montagebetriebe für fünf Jahre. Damit senkt sie die Kosten der Konzerne, während das Arbeitsministerium und die Bundesarbeitsbehörde die Tarifverhandlungen „begleiten“, um eine Einigung zu sichern. Beim IMSS bestand Sheinbaum darauf, dass jedes neue Angebot im Rahmen des „Möglichen“ bleiben müsse. Der Haushalt 2027 sieht mehr Mittel für den Schuldendienst vor als für das Gesundheitswesen. Angesichts des Handelskriegs und des Kriegs im Nahen Osten, und angesichts von Ölpreisen über 100 Dollar pro Barrel ist die mexikanische herrschende Klasse am Scheideweg angelangt. Um „wettbewerbsfähig“ zu bleiben, ist sie bereit, Arbeiterinnen und Arbeiter anzugreifen und durch Sparmaßnahmen und verstärkte Ausbeutung zur Kasse zu bitten.

Die Morena-Regierung reagiert auf jeden Arbeitskampf, indem sie diesen gemeinsam mit der Gewerkschaftsbürokratie unterdrückt und die Forderungen der Konzern- und Finanzoligarchie durchsetzt. Die wichtigste Lehre, die Arbeiter daraus ziehen müssen, lautet, dass sie auf die Bedrohung ihrer Existenz durch Handelskriege, US-Imperialismus und technologischen Wandel nicht reagieren können, wenn sie sich mit „ihrer eigenen“ Regierung und der herrschenden Klasse verbünden.

Ein internationaler Kampf

Stattdessen müssen die Volkswagen-Arbeiter von Puebla sich an ihre Klassenbrüder und –schwestern in ganz Mexiko und weltweit wenden. Sie kämpfen gegen dieselben Konzerne wie ihre Kollegen weltweit. In Deutschland stimmten die IG Metall und VW-Betriebsräte im September für den Abbau weiterer 50.000 Stellen bei VW. Seither hat VW zehn von dreizehn Tarifverträge aufgekündigt, und Blume fordert längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. Bei Mercedes haben die IG-Metall-Betriebsräte ihre Führung vor wachsendem Widerstand in den Betrieben gewarnt. In den Vereinigten Staaten haben die Autoteilearbeiter von Nexteer in Saginaw (Michigan) in diesem Jahr schon dreimal einen schlechten Vertrag abgelehnt, den ihnen die United Auto Workers (UAW) aufs Auge drücken wollte.

Das VW-Aktionskomitee in Deutschland, das zur Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) gehört, hat ein Programm vorgeschlagen, um jeden Arbeitsplatz zu verteidigen und die Kontrolle des Gewerkschaftsapparats zu durchbrechen. Dort heißt es:

Der Kampf gegen globale Konzerne die eine internale Strategie verfolgen, kann nicht im nationalen Rahmen gewonnen werden. Jedes Zugeständnis der Gewerkschaften in einem Land, ermutigt die Konzerne, ihre Angriffe weltweit zu verschärfen.

Die VW-Beschäftigten in Puebla müssen in jeder Abteilung und jeder Schicht Aktionskomitees bilden, unabhängig von der SITIAVW, den staatlichen Arbeitsbehörden und jeder kapitalistischen Partei. Ihre Delegierten müssen in offenen Versammlungen außerhalb des Werks gewählt werden. Diese Komitees werden die Kontrolle über den Kampf und jeden Streik übernehmen, sich jeder Verlängerung oder jedem dritten Abkommen widersetzen, das gegen den Willen des Abstimmungsvotums durchgesetzt wird, und durch Appelle an die Arbeiter von Mexiko und auf der ganzen Welt einen eigenen Streikfonds aufbauen.

Die Forderungen müssen sich an den Bedürfnissen der Arbeiter orientieren, nicht daran, was VW, die Regierung und die Gewerkschaft für „möglich“ erklären. Dazu gehören die sofortige Wiedereinstellung der Entlassenen im Werk und bei den Zulieferern, kein Personalabbau in der Taos-Produktion, Lohnerhöhungen deutlich über der Inflationsrate mit jährlicher Überprüfung sowie der Schutz jedes Arbeiters vor Repressalien. Die Komitees müssen Kontakt zu den Arbeitern bei den Zulieferern, bei Audi in San José Chiapa, beim IMSS sowie in den VW-Werken in Deutschland und den Vereinigten Staaten aufnehmen.

Die World Socialist Web Site fordert VW-Arbeiter, die solche Komitees aufbauen wollen, dazu auf, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Nehmt mit uns Kontakt auf: über das unten stehende Kontaktformular oder per WhatsApp an +49 163 3378340.

Loading