Die Untersuchung, deren Name nicht genannt werden darf

Rezension des Buchs The Assassination of Leon Trotsky von H. Keith Melton und Nigel West

H. Keith Melton und Nigel West, „The Assassination of Leon Trotsky. Espionage, Scandal, and the Crime of the Century“, New York, Hanover Square Press, 2026, 456 Seiten

Das neue Buch der Geheimdiensthistoriker Melton und West, The Assassination of Leon Trotsky. Espionage, Scandal, and the Crime of the Century (Die Ermordung Leo Trotzkis. Spionage, Skandal und das Verbrechen des Jahrhunderts), ist in diesem Jahr schon das zweite Buch, das sich mit dem monströsen Verbrechen der stalinistischen Geheimpolizei GPU vom August 1940 befasst. Im Gegensatz zu dem früheren Band von Josh Ireland[1], der ein typisches antitrotzkistisches Machwerk ist, bringen Melton und West ihren Respekt vor Trotzkis politischem Genie und seinem Platz in der Geschichte zum Ausdruck – eine Haltung, die in praktisch allen anderen Büchern über den großen marxistischen Revolutionär, verfasst von bürgerlichen Journalisten und Wissenschaftlern in den letzten 30 Jahren, völlig fehlt.

Keith Melton und Nigel West, The Assassination of Leon Trotsky: Espionage, Scandal, and the Crime of the Century, New York 2026

In der Einleitung zu dem Band würdigen die Autoren Trotzkis immense historische Rolle. Sie schreiben:

Als Wladimir Lenins brillantester Mitstreiter und Architekt der Roten Armee war Trotzki für den Sieg der Bolschewiki im Jahr 1917 unverzichtbar. Seine Führungsrolle im Russischen Bürgerkrieg (1918–1921) und seine Theorie der permanenten Revolution machten ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Revolution. Aber dieselbe Unabhängigkeit, derselbe Intellekt und dieselbe internationalistische Vision, die ihn groß machten, besiegelten auch seinen Untergang.[2]

Wie die Autoren betonen, war der Konflikt zwischen Trotzki und Stalin „nicht nur persönlicher, sondern ideologischer Natur: Trotzkis Beharren auf der internationalen Revolution stand in unüberbrückbarem Widerspruch zu Stalins Doktrin vom ‚Sozialismus in einem Land‘.“[3] Melton und West schreiben: „Bis Ende der 1920er Jahre blieb Trotzki die letzte lebende Verkörperung von Lenins Revolution und die sichtbarste Alternative zur Herrschaft Stalins.“[4] Die Einleitung schließt mit der Feststellung: „Stalin war nicht nur darauf aus, einen Mann zum Schweigen zu bringen, sondern eine Bewegung, eine Tradition und ein Vermächtnis auszulöschen.“[5]

Für diese ehrliche Einschätzung verdienen die Autoren Anerkennung, umso mehr, als ihre beruflichen Interessen und Verpflichtungen jegliche Sympathie für die revolutionäre Politik Trotzkis ausschließen.

Doch ungeachtet der vielversprechenden Einleitung muss sich eine Bewertung des neuen Buches von H. Keith Melton und Nigel West über den Mord an Leo Trotzki auf den Widerspruch konzentrieren, der sich durch den gesamten Band zieht. Das Buch stützt sich weitgehend auf die zentralen Erkenntnisse von „Sicherheit und die Vierte Internationale“, der Untersuchung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) seit Mai 1975, und übernimmt diese Erkenntnisse. Bei den wichtigsten Fragen, die in den vergangenen 50 Jahren hinsichtlich der Unterwanderung der Vierten Internationale durch die GPU aufkamen – zu der Rolle von Joseph Hansen, Sylvia Callen, Robert Sheldon Harte, Sylvia Ageloff, Lilia Estrin und Mark Zborowski – stützen sich Melton und West auf die von dieser Untersuchung erarbeiteten Beweise und Schlussfolgerungen. Ihre eigene Überprüfung der Faktenlage widerspricht all den Gegnern der trotzkistischen Bewegung, die im letzten halben Jahrhundert versuchten, „Sicherheit und die Vierte Internationale“ zu diskreditieren.

Dieser positive Aspekt wird jedoch dadurch erheblich geschmälert, dass die Autoren die Untersuchung in ihrem Text weder ausdrücklich benennen noch erläutern, geschweige denn, dass sie das Ausmaß ihrer Abhängigkeit von deren Ergebnissen zugeben würden. Die Veröffentlichungen der Untersuchung des IKVI tauchen zwar mehrmals in den Anmerkungen und im Literaturverzeichnis auf, aber im Text selbst bleiben sie unerwähnt, und ihre wichtigsten Urheber werden in die Endnoten verbannt oder gänzlich weggelassen.

Leo Trotzki 1940

Stattdessen konstruieren Melton und West eine oberflächliche Cover Story, um die Entstehungsgeschichte ihres Buches zu erklären, und sie schaffen ein entgegengesetztes Narrativ, in dem das Attentat auf Trotzki am 20. August 1940 und die darauffolgende Ermittlung von ihren wichtigen, damals aktuellen politischen Implikationen losgelöst wird. Die Ergebnisse von „Sicherheit und die Vierte Internationale“ werden für die offizielle Spionagegeschichte vereinnahmt, während die politische Geschichte - wie, von wem und gegen wen diese Ergebnisse zustande kamen - verschwiegen wird. Die Verschwörung, die dem Attentat von 1940 voranging, wird ausführlich nacherzählt. Die Folgen des Attentats – die jahrzehntelange Vertuschung innerhalb der Socialist Workers Party (SWP), die anhaltende Unterwanderung der Vierten Internationale durch die GPU und das FBI sowie der Kampf des Internationalen Komitees, beides aufzudecken – werden vollständig ausgeblendet.

Wir werden hier im Folgenden die Darstellung der Autoren untersuchen, was sie verschweigen und was ihr Buch – trotz allem – bestätigt.

Die Autoren

Keith Melton war mehr als 35 Jahre lang als Berater für mehrere amerikanische Geheimdienste tätig; er hält Vorträge für die CIA, das FBI und die NSA, wo er als Historiker für technische Geheimdienstmethoden am Interagency Training Center tätig war. Er war Gründungsmitglied des International Spy Museum, in dem heute der Eispickel ausgestellt ist, mit dem Trotzki ermordet wurde – ein Objekt, das Melton selbst erworben hat.

Nigel West ist das Pseudonym von Rupert Allason, der von 1987 bis 1997 als Konservativer den Wahlkreis Torbay im britischen Parlament vertrat. Er war Europa-Redakteur der World Intelligence Review  und ist Mitglied der Redaktion des International Journal of Intelligence and Counterintelligence. Er hielt Vorträge am Centre for Counterintelligence and Security Studies sowie im CIA-Hauptquartier, erhielt 2003 den ersten „Lifetime Literature Achievement Award“ der Association of Former Intelligence Officers (AFIO), eines Verbands ehemaliger Geheimdienstagenten, die ihn 2011 in ihren Ehrenvorstand aufnahmen.

Die Autoren sind keine naiven Männer. West ist ein erfahrener Politiker, der zehn Jahre lang ein gewähltes Amt in Großbritannien bekleidete. Melton hat sich nach eigenen Angaben seit mehr als einem halben Jahrhundert der Aufgabe gewidmet, den Mord an Trotzki zu erforschen. Beide wissen aus beruflicher Erfahrung, wie Geheimdienste arbeiten, was eine Quelle ist und welche Bedeutung ihre Herkunft hat. Die im Folgenden untersuchten Auslassungen sind also nicht darauf zurückzuführen, dass die dafür verantwortlichen Autoren bezüglich des verwendeten Materials irgendwie unbedarft wären.

Eine Untersuchung, die genutzt, aber nicht genannt wird

Der Ausdruck „Security and the Fourth International“ taucht sechsmal im Buch auf, jeweils in den Anmerkungen versteckt. Die erste Anmerkung von Kapitel 2 zitiert „Security and the Fourth International: How the GPU Murdered Trotsky [London, Labor Publications, 1976]“[6]. Anmerkung 68 desselben Kapitels schreibt das Werk dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale zu.[7] Andere Fußnoten zu den Kapiteln verweisen auf dieselbe Untersuchung und benennen Eric Londons Artikel über Sylvia Ageloff als Teil der Reihe „Sicherheit und die Vierte Internationale“ auf der World Socialist Web Site.[8] Außerdem listet das Literaturverzeichnis folgende Bücher auf: How the GPU Murdered Trotsky, In Defence of Trotskyism, The Gelfand Case (Band 1), The Sylvia Franklin Dossier, Agents. The FBI and GPU Infiltration of the Trotskyist Movement, Eric Londons vierteilige Ageloff-Serie auf der WSWS sowie David Norths Artikel, „A Tribute to Harold Robins: Captain of Trotsky’s Guard“.[9] Insgesamt stützen sich 42 Anmerkungen in den 12 Kapiteln und der Einleitung auf IKVI-Veröffentlichungen, auf Akten zum Fall Gelfand sowie auf die Arbeiten von North und London.[10] Allein das Buch How the GPU Murdered Trotsky wird in 12 Anmerkungen zitiert und im Literaturverzeichnis aufgeführt.[11]

Die Untersuchung jedoch, die dieses ganze Material hervorbrachte und zusammenstellte, wird im Text niemals erwähnt, noch beschrieben oder erläutert. Ein Leser, der nicht schon weiß, was „Sicherheit und die Vierte Internationale“ war und ist, wird aus dem Buchtext bis zum Schluss nicht erfahren, dass es diese Untersuchung je gab. Der Fall Gelfand wird im Text nicht behandelt. Das Sylvia-Franklin-Dossier taucht nur als Eintrag im Literaturverzeichnis auf. Nirgendwo wird dem Leser mitgeteilt, dass das Internationale Komitee ab Mai 1975 eine systematische Untersuchung zur Unterwanderung der Vierten Internationale durch die GPU durchführte, dass es die Sekretärin des SWP-Führers James P. Cannon, „Sylvia Caldwell“, als GPU-Agentin Sylvia Callen (ihr Mädchenname) identifizierte, und dass es Dokumente der US-Regierung über Joseph Hansens Kontakte zur GPU und zum FBI veröffentlichte. Oder dass Alan Gelfand in seinem Rechtsstreit die Veröffentlichung der Grand-Jury-Protokolle von 1954 und 1958 bezüglich Callen erzwang, einschließlich ihrer Geständnisse über ihre Spionage von 1958 – jene Zeugenaussagen, die das Buch später zusammenfasst, ohne zu erklären, wie sie an die Öffentlichkeit gelangten.[12]

Das Internationale Komitee taucht im Haupttext nur einmal auf, und zwar in der folgenden Passage:

Im Jahr 1975 enthüllte das Internationale Komitee der Vierten Internationale, dass Hansen über den amerikanischen Konsul in Mexiko-Stadt Kontakt zum FBI hatte und angeblich mit der GPU kooperiert hatte, als diese zuvor versucht hatte, ihn zu rekrutieren. Robins und andere schlossen daraus, dass Hansen ein GPU-Agent gewesen sei, obwohl einige Historiker behaupten, er sei Trotzki bis zum Schluss treu geblieben.[13]

Die Passage wird sofort mit „angeblich“ und „einige Historiker behaupten“ relativiert, ohne dass erklärt wird, auf welchen Dokumenten die Enthüllungen von 1975 beruhten oder wie sie beschafft worden waren. Doch im Personenverzeichnis des Buches heißt es uneingeschränkt zu Hansen: „Gab 1938 Informationen an die GPU und 1940 an das Federal Bureau of Investigation (FBI) weiter.“[14] In dieser Referenz wird somit das zentrale Element, das vom IKVI dokumentiert wurde, als feststehende Tatsache präsentiert, während sich die Verfasser in ihrer Darstellung von dieser Tatsache distanzieren.

Das gleiche Muster zeigt sich im Umgang mit Callen. Im Nachwort heißt es: „ Sylvias Rolle als GPU-Agentin und ihre Aussage von 1958 blieben der Öffentlichkeit bis Mitte der 1970er Jahre unbekannt.“[15] Unbekannt – bis zu welchem Ereignis und durch wen bekannt gemacht? Die passive Formulierung deutet auf die Enthüllung hin, verschweigt jedoch, wer sie entlarvte und welche Untersuchung dazu führte.

Das Verschweigen von „Sicherheit und die Vierte Internationale“ beruhte nicht auf Unwissenheit; das hat inzwischen Melton selbst bestätigt. Bei einer Veranstaltung des International Spy Museum in Washington am 6. August 2026 befragte Eric London Melton dazu, inwiefern er „Sicherheit und die Vierte Internationale“ genutzt habe. Melton antwortete: „Viele ihrer Behauptungen waren absolut richtig.“ Er fügte hinzu: „Als Forscher ist sie eine meiner unverzichtbaren Quellen (…) Ich nutze sie, und ich halte sie für eine ausgezeichnete Quelle.“

Was das Buch bestätigt

Unabhängig davon, welche Zweideutigkeiten im Tonfall sich die Autoren bei der einen oder anderen Frage erlauben, stellt ihr Buch an keiner Stelle die Legitimität der Resultate und Erkenntnisse des IKVI in Frage. Auf 456 Seiten und in fast tausend Anmerkungen, verfasst von zwei Spionagehistorikern mit Zugang zu Moskauer Quellen und mit jedem nur erdenklichen Motiv, die Fakten richtigzustellen, werden die Erkenntnisse aus „Sicherheit und die Vierte Internationale“ niemals in Frage gestellt, geschweige denn widerlegt. Sie fließen – wenn auch meist ohne Quellenangabe – in die Darstellung der Verschwörung durch die Autoren ein. Dies ist nunmehr belegt, festgestellt von Autoren, die keinerlei politische Ansichten des IKVI teilen. Von dieser Tatsache muss jede Beurteilung des Buches ausgehen.

Man muss dies im Kontext dessen würdigen, wie dieselben Erkenntnisse bei ihrer Erstveröffentlichung aufgenommen wurden. Hansen verurteilte damals die vorläufigen Untersuchungsergebnisse als einen „Geysir aus Schlamm“.[16] Im September 1976 veröffentlichte Intercontinental Press, die von Hansen herausgegebene Zeitschrift der Pablisten (der internationalen Tendenz unter Führung von Michel Pablo und Ernest Mandel, von der sich das Internationale Komitee 1953 abgespalten hatte), ihr „Verdict“ (Urteil), das „Sicherheit und die Vierte Internationale“ als eine „schamlose Verleumdungskampagne“ brandmarkte. Darin wurde behauptet, das Internationale Komitee habe „nicht den geringsten beweiskräftigen Beleg, keine Dokumente und keine Zeugenaussagen“ vorgelegt, um seine Anschuldigungen zu untermauern.[17]

Die von Alan Gelfand im Juli 1979 angestrengte Klage, in der er gegen die staatliche Unterwanderung und Übernahme der SWP klagte, stützte sich auf die Dokumente, die „Sicherheit und die Vierte Internationale“ hervorgebracht hatte. Am 12. Juli 1982 wies Richterin Mariana Pfaelzer den letzten Antrag der SWP, Alan Gelfands Klage abzuweisen, in einem Urteil im Schnellverfahren zurück. Die Richterin entschied, dass Gelfand die rechtliche Hürde genommen und verhandlungsfähige Sachfragen vorgebracht habe.[18]

Alan Gelfand (rechts) mit Harold Robins, dem Anführer von Trotzkis Leibwache, in Los Angeles im März 1983 (Foto: David North)

Melton und West bestätigen die Ermittlungsergebnisse zu jeder der identifizierten Personen. Doch in jedem Fall – selbst dort, wo sie einräumen, dass diese Personen Agenten waren oder sehr wohl Agenten gewesen sein könnten – weigern sie sich, auf die damit verbundenen Implikationen einzugehen. Jede Feststellung wird als isolierter Sachverhalt aus dem Jahr 1940 hingenommen, und ihre Bedeutung für alles, was danach folgte, wird weggelassen. So sind die fünf Personen, auf die sich die Untersuchung neben Zborowski noch konzentrierte, es wert, näher betrachtet zu werden – und zwar nach beiden Seiten: sowohl nach dem, was das Buch einräumt, als auch nach dem, was es verschweigt.

Robert Sheldon Harte. Im Buch wird bestätigt, dass Harte (der Wachmann, der während des ersten Attentatsversuchs auf Trotzki im Mai 1940 verschwand) „von der GPU und Josef Grigulewitsch rekrutiert“ worden war, und dass er „den Angreifern das Tor öffnete“.[19] Dies war eins der am heftigsten umstrittenen Ergebnisse der IKVI-Untersuchung. Als das Internationale Komitee 1975 die Harte-Frage aufwarf, reagierte Joseph Hansen mit der Feststellung: „Der Gestank der alten GPU-Verleumdungen gegen Harte hält sich, wie wir sehen, immer noch in der Zentrale der Workers Revolutionary Party.“[20] Die SWP hatte Harte als Märtyrer verehrt. Nunmehr bestätigen Melton und West, dass der Mann, den die SWP seit Jahrzehnten gegen die „Verleumdungen“ des IKVI verteidigt, den Attentätern das Tor geöffnet hat. Was Hansen 1975 als „alte GPU-Verleumdungen“ bezeichnete, gilt heute als gesicherte Erkenntnis zweier Historiker aus dem Geheimdienstbereich. Sie äußern sich allerdings nicht darüber, wer ihn verteidigte, wie lange und gegen wen.

Robert Sheldon Harte

Sylvia Callen (alias Sylvia Franklin, Sylvia Caldwell, Sylvia Doxsee). Bei keiner anderen Person ist die Bestätigung durch das Buch eindringlicher, und nirgendwo sonst sind die Implikationen verheerender. Melton und West stellen Cannons Sekretärin – die GPU-Agentin SATYR – als Schlüsselfigur bei dem Attentat selbst dar. Der Mord, so schreiben sie, wurde in Moskau geplant und in Coyoacán ausgeführt, hing jedoch von einem unsichtbaren Netzwerk ab, das in New York gesponnen wurde und dessen entscheidender Durchbruch „die stille Agentin war, die die Tore öffnete: Sylvia Callen“. Ihre Infiltration der nationalen SWP-Zentrale verschaffte dem sowjetischen Geheimdienst das, was er brauchte, „um sicherzustellen, dass der Attentäter im entscheidenden Moment sein Ziel nicht verfehlen würde“.[21] Callens Berichte gingen an Leonid Eitingon, den GPU-Einsatzleiter in Mexiko-Stadt, der beide Attentatsversuche leitete. Ohne sie, so räumen die Autoren ein, hätten die GPU-Agenten „nur eingeschränkten Einblick in die Villa des Alten“ gehabt. „In Stalins Krieg gegen Trotzki“, so ihr Fazit, „war Sylvia Callen keine Randnotiz.“ Wenn Harte bei der Razzia im Mai die Tür physisch öffnete, „war es Callen, die ihm – im übertragenen Sinne – den Schlüssel in die Hand legte und dabei half, das Tor weit aufzureißen.“[22]

Diese Erkenntnis rechtfertigt die detaillierte Aufmerksamkeit, die das IKVI und der Fall Gelfand der Rolle Callens widmeten – eine Aufmerksamkeit, die jahrzehntelang als Besessenheit und Verleumdung abgetan wurde. Wenn Callens Spionagetätigkeit die Planung des Attentats wesentlich erleichterte, war die Untersuchung ihrer Rolle für die Aufklärung des Verbrechens eindeutig relevant. Sie entlarvt zudem den kriminellen Charakter ihrer unerbittlichen Verteidigung durch die SWP und internationale pablistische Führer, die wussten, dass sie eine Agentin war. Diese Führer verteidigten eine Teilnehmerin der GPU-Operation, die – laut Meltons und Wests eigenen Angaben – die Ermordung Trotzkis ermöglichte.

Sylvia Doxsee (Callen), 1977 (Foto: David North)

Als James P. Cannon 1947 die Information erhielt, dass die GPU eine Agentin im nationalen SWP-Büro beschäftigte, berief die SWP eine Kontrollkommission ein, die jedoch zum Schluss kam, dass „die Gerüchte [gegen Callen] unbegründet“ seien.[23] Kurz darauf verließ sie die Partei. Als Louis Budenz sie 1950 öffentlich entlarvte, verteidigten die Parteiführer sie weiterhin und sollten es noch jahrzehntelang tun. 1975 schrieb Hansen in der Intercontinental Press: „Sylvia Caldwell [so lautete ihr Parteiname] hat sehr hart an ihrer recht schwierigen Aufgabe gearbeitet, das Büro der Socialist Workers Party zu leiten“, und dass die Genossen, die mit ihr zusammenarbeiteten „genauso empört waren wie sie über die von Budenz verbreitete üble Verleumdung“. Auch George Novack verurteilte die „rücksichtslosen und wahllosen Anschuldigungen“ gegen Callen.[24]

Entgegen aller Leugnungen, Verleumdungen und Drohungen der SWP stellte die Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ jedoch zweifelsfrei fest, dass Callen-Caldwell eine GPU-Agentin war. Im Mai 1977 machten North und Alex Mitchell sie in Wheaton (Illinois) ausfindig, wo sie sie fotografierten und zur Rede stellten. Sie lebte damals unter dem Namen Doxsee, täuschte Gedächtnisverlust vor und spielte Hysterie.[25]

Die Protokolle der Grand Jury von 1954 und 1958, in denen Callen (die inzwischen wieder geheiratet hatte und den Namen Doxsee trug) ihre Spionagetätigkeit gestand, werden von Melton und West so zitiert, als handle es sich um ein gewöhnliches Archivdokument. Es ist jedoch nur aus einem einzigen Grund öffentlich zugänglich: dem Fall Gelfand. Gelfands Klage erzwang seine Veröffentlichung, und zwar gegen den erbitterten Widerstand der SWP, deren Anwälte während des Prozesses einen Antrag bei Gericht einreichten, um ihre Freigabe zu verhindern. Im März 1983, zum Abschluss des Prozesses, gab Richterin Pfaelzer die Protokolle trotz dieser Einwände frei. Weniger als eine Stunde vor der Freigabe hatte der nationale Sekretär der SWP Jack Barnes noch vor Gericht ausgesagt, dass Callen-Caldwell-Doxsee „ein loyales, fleißiges und vorbildliches Mitglied unserer Bewegung“ und für ihn eine „Heldin“ sei.[26]

Die Untersuchung deckte zudem auf, warum die SWP 35 Jahre lang so unerbittlich an der Behauptung festhielt, Cannons Sekretärin sei Opfer einer Verleumdungskampagne geworden. Ein Dokument, das Gelfand im Rahmen der Beweisaufnahme erhalten hatte, belegte, dass Budenz, der Caldwell beim FBI denunziert hatte, auch Joseph Hansen als stalinistischen Agenten identifiziert hatte. So erwähnte Vaughn T. O’Brien, ein langjähriger Freund Joe Hansens, in einem privaten Brief an diesen vom Juni 1976 seine Begegnung mit Pearl Kluger, die 1937 das Büro des Komitees zur Verteidigung Leo Trotzkis geleitet hatte. Kluger, die Budenz seit Mitte der 1930er Jahre kannte, habe O’Brien offen gewarnt: „Budenz sagt, dass dein Freund Joe Hansen mit der GPU zusammengearbeitet habe.“[27]

Diese Information offenbarte die Gründe für das unerbittliche Festhalten Hansens und der SWP – trotz immer erdrückenderer Beweise – an Sylvia Callen-Caldwells „vorbildlicher“ Rolle. Hätte die SWP Budenz’ Anschuldigungen gegen Caldwell ernst genommen, hätte dies auch Hansen entlarvt. Und die Tatsache, dass Budenz Hansen in der Öffentlichkeit niemals namentlich erwähnte, deutet weiter auf eine noch düsterere Schlussfolgerung hin: dass nämlich das FBI seine Entlarvung verhindert hatte, weil Hansen weiterhin als hochrangiger Informant innerhalb der SWP-Führung fungierte.

Fünf Wochen nach Abschluss des Gelfand-Prozesses informierten die SWP-Führer in The Militant vom 15. April 1983 ihre Mitglieder erstmals über das, was sie seit Jahren wussten: Budenz hatte „mehrere SWP-Mitglieder als sowjetische Agenten benannt. Unter diesen befand sich Joseph Hansen, bis zu seinem Tod im Jahr 1979 eine zentrale Führungsfigur der SWP …“[28] Selbst nach diesem erschütternden Eingeständnis wurde die Vertuschung fortgesetzt. Im Mai 1983 erklärte Barnes gegenüber dem SWP-Nationalkomitee, die Protokolle der Grand Jury, in denen Caldwell ihre Spionagetätigkeit gestanden hatte, seien gefälscht worden: „Das soll die perfekte Falle sein – ein offizielles Protokoll, in dem die Frau unter Eid selbst sagt, dass sie die Dinge getan hat, die ihr vorgeworfen wurden.“[29] Melton und West reduzieren diese gesamte Geschichte auf die Feststellung: „Innerhalb der SWP herrschte weiterhin Unglaube“, und auf die Diagnose „institutioneller Naivität“.[30] Diese Worte beschreiben eine gnadenlose Vertuschung, als handle es sich um eine unschuldige Einstellung.

Lilia Estrin (Lola Dallin). Ihre Darstellung in dem Buch entspricht dem schon bekannten Muster. Estrin stand in kritischen Momenten für Mark Zborowski, den wichtigsten GPU-Agenten innerhalb der trotzkistischen Bewegung, ein oder half ihm. Sie verteidigte „Etienne“ (Zborowski Parteiname) gegen Verdächtigungen, die im Umfeld von Trotzkis Haushalt aufkamen, war an der verhängnisvollen Entscheidung beteiligt, Sedow in die Klinik Mirabeau einzuweisen, wo er ermordet wurde, und war im September 1938 an Zborowskis Seite, als Sylvia Ageloff und Ramón Mercader (Deckname „Jacques Mornard“) den Delegierten der Gründungskonferenz der Vierten Internationale vorgestellt wurden.

Lola Dallin

Im Jahr 1941 organisierte sie Zborowskis Flucht aus Vichy-Frankreich und seine Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Dort verschaffte sie ihm Deckung, bis Alexander Orlow ihn 1955 enttarnte. Orlow, ein hochrangiger GPU-Offizier, der 1938 übergelaufen war, hatte Trotzki im Dezember desselben Jahres in einem anonymen Brief gewarnt, dass „Etienne“ ein GPU-Agent sei – ein Brief, den Trotzki Estrin selbst gezeigt hatte. Das Buch kommt zum Schluss: „Unabhängig von ihrer Absicht“ stimmten Estrins Handlungen mit Zborowskis Plänen und den Interessen der GPU überein. Und im Personenverzeichnis wird sie als „mögliche GPU-Agentin“ bezeichnet.[31] Weiter wird betont, dass das VENONA-Material „von Natur aus mehrdeutig bleibt und weder Lilia Estrins Mitschuld als GPU-Agentin noch ihre Unschuld beweisen kann“.[32] Die Beweise, die das Buch selbst zusammenträgt, lassen aber eine eindeutige Schlussfolgerung zu: Über einen Zeitraum von 15 Jahren, auf zwei Kontinenten, im Zusammenhang mit den Morden an Wolf, Reiss, Sedow und Klement diente jede einzelne von Estrins Interventionen der GPU. Mit Ausnahme einer offiziellen Ernennung und unabhängig davon, ob sie je eine Quittung unterzeichnet hat oder nicht, fungierte sie in jeder Hinsicht als Agentin.

Sylvia Ageloff. Schon ab den ersten Kapiteln wiederholt das Buch den Mythos der „armen kleinen Sylvia“. Das ist die Erzählung, die Ageloff als emotional verletzliche Sozialarbeiterin darstellt, die von Mercader (alias Jacques Mornard) getäuscht worden war. Unter dem Motto „Die Getäuschte: Liebe als Waffe“ widmet das Buch ihr sogar ein ganzes Kapitel.[33] Ein späteres Kapitel, „Fortune’s Fool“ (etwa: vom Glück genarrt), revidiert dieses Bild aber deutlich und argumentiert, dass sich die Geschichte von Ageloffs Unschuld so lange hielt, weil damit ihre Rolle als unverzichtbare Helferin des Attentäters verschleiert wurde. Diese spätere Analyse stützt sich ausdrücklich auf Eric Londons vierteilige Untersuchung aus dem Jahr 2021[34], die ausführlich zitiert wird, das Kapitel-Motto und dessen Leitthese liefert und in 15 Fußnoten über sieben Kapitel hinweg genannt wird.[35] Melton und West bezeichnen London als Historiker, erklären jedoch im Text nicht, dass die Serie auf der World Socialist Web Site als Serie im Rahmen der fortlaufenden Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ veröffentlicht wurde.

Ageloff und Mercader

Die Autoren schreiben, London habe „kein neues Archivmaterial vorgelegt“, und ihr Kapitel sei „durch unabhängige Analyse zu derselben Schlussfolgerung gelangt“[36]. Die Autoren unternehmen keinen Versuch, die widersprüchliche Darstellung von Ageloff in den beiden Hälften ihres Buches in Einklang zu bringen. Auch lässt sich der Widerspruch nicht dadurch erklären, dass sie Londons Werk erst später kennenlernten: So zitieren bereits frühere Kapitel, darunter „The Dupe“ (die Betrogene), Londons Artikel. Das Buch stellt die beiden Darstellungen einfach nebeneinander, ohne sie zu versöhnen und ohne die Untersuchung zu erläutern, aus der die neuen Erkenntnisse stammen. Und ein weiteres Mal werden die Implikationen verdunkelt: Das Buch fragt nie danach, wer den Mythos von Ageloffs Unschuld 80 Jahre lang aufrechterhalten hat, und es stellt auch nicht fest, dass Hansen sie 1975 noch immer als „ein vertrauenswürdiges Mitglied der trotzkistischen Bewegung [bezeichnete], das nicht die geringste Ahnung von seiner [Mercaders] wahrer Identität hatte“[37].

In den Fällen von Estrin und Ageloff konfrontiert die von Melton und West zusammengestellte Erzählung den Leser mit zwei Möglichkeiten. Entweder handelte es sich um Frauen von unfassbarer Dummheit, die blindlings durch Verschwörung und Mord irrten – sie bürgten für Attentäter, begleiteten einen Mörder bis vor die Tür seines Opfers, standen im Zentrum jeder Katastrophe –, ohne dabei irgendetwas zu begreifen. Oder sie waren Agentinnen. Die Autoren weigern sich, eine Entscheidung zu treffen. Sie wenden auf beide Frauen einen Agnostizismus an, den ihre eigenen Erkenntnisse widerlegen. Aber nur eine Alternative ist glaubwürdig. Ageloff war eine ausgebildete Psychologin; Estrin war jahrelang im Zentrum der Europasektionen der Vierten Internationale tätig und genoss das Vertrauen von Sedow und Trotzki selbst. Keine von beiden war eine Närrin. Melton und West vermeiden eine direkte Antwort auf diese Frage, die ihr Buch aufwirft. Doch die Frage beantwortet sich anhand ihrer eigenen Beweise von selbst.

Joseph Hansen. Die Entlarvung Hansens als Doppelagent der GPU und des FBI durch die  Sicherheits-Untersuchung der Vierten Internationale wird verschwiegen, und das Buch weicht ihren Implikationen aus. Melton und West stellen diese Entlarvung nicht in Frage. Im Personenverzeichnis heißt es: Hansen „gab 1938 Informationen an die GPU und 1940 an das Federal Bureau of Investigation (FBI) weiter“[38]. Das Buch versäumt es jedoch, zu untersuchen, wie diese beiden Beziehungen beschaffen waren, wie sich die Beziehung zum FBI entwickelte oder was es bedeutet, dass der Mann, der diese Beziehungen aufrechterhielt, in die Führung der SWP und des internationalen pablistischen Vereinigten Sekretariats aufstieg.

Joseph Hansen um 1940

Die vom Internationalen Komitee aufgedeckten Dokumente belegen, dass Hansen zehn Tage nach dem Mord an Trotzki in Mexiko-Stadt mehrere geheime Treffen mit US-Konsularbeamten hatte, von denen die SWP nichts wusste, und dass er diesen Beamten von seiner Beziehung aus dem Jahr 1938 zu einem GPU-Agenten berichtete, der sich ihm lediglich als „John“ vorgestellt hatte. Bevor er nach New York zurückkehrte, bat Hansen darum, mit jemandem in Kontakt gebracht zu werden, „dem vertrauliche Informationen ungestraft mitgeteilt werden können“[39].

Von Mitte der 1950er Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1979 war Hansen der ranghöchste SWP-Führer und eine zentrale Figur in der pablistischen Bewegung. Von dieser Position aus orchestrierte er die Vertuschung und die bösartige Verleumdungskampagne gegen das Internationale Komitee und Gerry Healy. Die Auseinandersetzung des Buchs mit dieser Frage beschränkt sich auf einen einzigen, vorsichtig formulierten Satz zu den Enthüllungen von 1975, der gleichzeitig „einige Historiker“ anonym zitiert, dass Hansen angeblich „Trotzki bis zum Schluss treu geblieben“ sei. Nach den Fakten, die das Buch selbst dargelegt, war Hansen jedoch ein nicht offengelegter FBI-Kontaktmann innerhalb von Trotzkis Sekretariat. Die Autoren stellen diese Tatsache zwar fest, aber nur, um sie gleich darauf fallenzulassen. Ihr nachzugehen würde direkt zu Schlussfolgerungen führen, die das Buch gerade vermeiden soll.

Eine oberflächliche Entstehungsgeschichte

In einem Vorwort mit dem Titel „Warum dieses Buch, warum jetzt, warum diese Autoren“ erklären Melton und West: „Dieses Buch ist das Ergebnis von mehr als fünf Jahrzehnten der Untersuchung über eines der folgenreichsten politischen Attentate des 20. Jahrhunderts: den Mord an Leo Trotzki“[40]. Diese Darstellung verdient Beachtung, da sie nicht der gängigen Sichtweise entspricht. Die vorherrschende Meinung der zeitgenössischen antimarxistischen Literatur lautet, dass Trotzki 1940 lediglich ein politisch isolierter Exilant und sein Mord, so tragisch er auch sein mochte, kaum von Bedeutung gewesen sei. Das Beharren auf der historischen und politischen Bedeutung des Attentats ist seit 50 Jahren die Position des Internationalen Komitees. Die World Socialist Web Site schrieb am 16. Oktober 2015:

Die Ermordung Leo Trotzkis zählt zu den politisch folgenreichsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, mit weitreichenden Auswirkungen auf die internationale Arbeiterklasse und die weltweite sozialistische Bewegung.[41]

In der Einleitung zu seiner umfassenden und bahnbrechenden Analyse „Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki“, die im Februar 2021 auf der WSWS erschien, erklärte Eric London: „Der Mord an Leo Trotzki ist das folgenreichste politische Attentat des 20. Jahrhunderts.“[42]

Dass Melton und West ihr Buch fast wortwörtlich mit dieser Einschätzung eröffnen, ist der erste Hinweis auf einen Einfluss, der sich durch den gesamten Band zieht, aber nirgends gewürdigt wird. Es handelt sich nicht um eine zufällige Formulierung, sondern um ein politisches Urteil. Allerdings verliert das Vorwort keine Silbe über die Untersuchung, aus der dieses Urteil stammt. Stattdessen bietet es einen bemerkenswert trivialen Bericht über die Entstehungsgeschichte des Buches.

Das Interesse der Autoren begann, so schreiben sie, „in den frühen 1970er Jahren“, als Melton erstmals Mord in Mexiko von General Leandro Sánchez Salazar las, dem damaligen Chef der mexikanischen Geheimpolizei, der die Ermittlungen zum Attentat leitete. Die Antworten auf die Frage, wie das Attentat geplant worden war, so fahren sie fort, „erforderten Jahre der Recherche“: Die Autoren „reisten nach Moskau, sichteten freigegebene Geheimdienstakten, befragten pensionierte sowjetische Geheimdienstoffiziere und erhielten Zugang zu unveröffentlichten Familienarchiven, die das historische Verständnis des Attentats grundlegend veränderten“.[43]

Möglicherweise stieß Melton Anfang der 1970er Jahre auf Sánchez Salazars Buch. Vielleicht weckte es sein Interesse an dem Attentat. Doch die von den Autoren genannten Daten für das Erwachen ihres leidenschaftlichen Interesses fallen auch mit dem Beginn der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ im Mai 1975 zusammen – jenem Ereignis, das die Erforschung des Attentats auf Trotzki von einem abgeschlossenen Fall in einen offenen verwandelte.

Vor 1975 konzentrierte sich die gängige Darstellung stark auf Mercader und Ageloff, obwohl es bereits öffentlich zugängliche Beweise für eine weitaus umfassendere GPU-Verschwörung gab. Ermittlungen des US-Senats in den 1950er Jahren und die Strafverfahren gegen Jack Soble und Mark Zborowski ergaben eidesstattliche Aussagen, die dazu führten, dass es jetzt offizielle Protokolle über die GPU-Operationen innerhalb der trotzkistischen Bewegung gab. Die SWP und ihre politischen Verbündeten unter den pablistischen Strömungen ignorierten jedoch diese Ermittlungen und Strafverfahren praktisch vollständig. The Militant berichtete nicht über den Prozess und die Verurteilung von Mark Zborowski vor einem New Yorker Gericht wegen Meineids im Zusammenhang mit seiner Rolle als GPU-Agent. Niemand anderes als das IKVI begann schließlich damit, die offiziellen Akten erstmals systematisch zu erforschen und, darauf gestützt, die staatliche Unterwanderung der trotzkistischen Bewegung – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – zu untersuchen.

All diese Fragen – wie die GPU die Vierte Internationale und die SWP unterwanderte, wer ihre Agenten innerhalb der Bewegung waren und wie die Sicherheit von Trotzkis Haushalt von innen heraus untergraben wurde – gelangten endlich auf die politische Tagesordnung und sind es bis heute geblieben. Dieselben Fragen bilden den Rahmen für Meltons und Wests Buch. Ihr Text folgt durchgehend genau den Ermittlungen des IKVI.

Melton, der Ältere der beiden Autoren, hat sich nach eigenen Angaben bereits seit den Jahren, in denen die IKVI-Untersuchung begann, intensiv mit dem Thema beschäftigt. Er dürfte davon gewusst und sie in jeder Entwicklungsphase aufmerksam verfolgt haben: die ersten Berichte von 1975, die Veröffentlichung von How the GPU Murdered Trotsky, die Entlarvung Sylvia Callens im Jahr 1977, den Gelfand-Prozess 1979–1983 und die Fortsetzung der Untersuchung auf der World Socialist Web Site, aus der sein eigenes Buch zitiert.

How the GPU Murdered Trotsky (Wie die GPU Trotzki ermordete), 1977

Selbst wenn man annimmt, dass Sánchez Salazars Buch das Interesse Meltons an der Ermordung Trotzkis geweckt hat, hätte ihn genau dieses Interesse auf die Untersuchung stoßen müssen, die das Internationalen Komitee im Mai 1975 eingeleitet hatte. Das ist keine Spekulation. Die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis enthalten, wie wir schon aufgezeigt haben, umfangreiche Verweise auf Veröffentlichungen von „Sicherheit und die Vierten Internationale“.

Das IKVI nahm seine Untersuchung nicht aus rein historischem Interesse oder wegen der zufälligen Entdeckung eines Buches auf. Unmittelbarer Hintergrund war ein Sicherheitsvorfall in der Workers League im Jahr 1974, in den Tim Wohlforth, ihr damaliger nationaler Sekretär, und seine Lebensgefährtin Nancy Fields verwickelt waren. Fields war eine Provokateurin, deren familiäre Verbindungen zu einem hochrangigen CIA-Beamten vor der Partei verschwiegen worden waren. Die Workers League entschied, Fields’ Mitgliedschaft bis zum Abschluss einer Untersuchung ihres familiären Hintergrunds auszusetzen. Joseph Hansen, langjähriger Führer der US-amerikanischen Socialist Workers Party, verunglimpfte diese Entscheidung als „Paranoia“[44]. Das war eine außergewöhnliche Reaktion, wenn man bedenkt, dass Hansen im Jahr 1940 Zeuge des Mordes an Trotzki gewesen war. Hansen wusste nur allzu gut, welch schrecklichen Preis die Vierte Internationale für Nachlässigkeiten in Sicherheitsfragen gezahlt hatte.

Der ursprüngliche Zweck der Untersuchung bestand darin, die Kader der trotzkistischen Bewegung aufzuklären, indem man die Sicherheitsversäumnisse, die die Ermordung von 1940 ermöglicht hatten, untersuchte und daraus die entsprechenden politischen Lehren zog.

Die unerwähnten Ermittler

Die Autoren behaupten, dass die Entdeckung von Sánchez Salazars Buch „eine jahrzehntelange Suche auslöste, die die Autoren über Kontinente hinweg, tief in Archive hinein und in die Häuser derer führte, die die Geheimnisse von Stalins sorgfältigst verborgenem Krieg geerbt hatten“[45]. Bemerkenswerterweise unternahmen jedoch weder Melton noch West im Laufe ihrer jahrzehntelangen und weltumspannenden Ermittlungen jemals den Versuch, das Internationale Komitee der Vierten Internationale zu kontaktieren, das eine einmalige und umfassende öffentliche Untersuchung des Attentats durchführte.

David North, der seit Beginn der Ermittlungen eine zentrale Rolle für „Sicherheit und die Vierte Internationale“ spielte, taucht lediglich in drei Anmerkungen und im Literaturverzeichnis auf, wo er ausschließlich als Verfasser eines Nachrufs auf Harold Robins genannt wird.[46] Alex Mitchell, ein hochqualifizierter Journalist und damals Herausgeber der News Line (Organ der britischen Workers Revolutionary Party), der in der Anfangsphase eine entscheidende Rolle spielte und bei der Abfassung der ersten Dokumente (1975–1977 unter dem Titel Security and the Fourth International veröffentlicht) eng mit North zusammenarbeitete, wird mit keinem Wort erwähnt. Mitchells ausführlicher Bericht über die Ermittlungen in seinen 2011 erschienenen Memoiren Come the Revolution wird in der Literaturliste der Autoren nicht einmal erwähnt.

Mark Zborowski und seine Frau Regina in San Francisco, August 1975 (Fotos: David North)

Norths Rolle ist in den Publikationen, die die Autoren zugrunde legten, ausführlich dokumentiert. North machte Mark Zborowski in San Francisco ausfindig und fotografierte ihn und seine Frau im August 1975 vor ihrer Wohnung – Fotos, die in How the GPU Murdered Trotsky, der von David King brillant gestalteten Ausgabe, enthalten sind.[47] (Die Autoren kennen Kings Werk; ihr Literaturverzeichnis listet sowohl sein Trotsky: A Photographic Biography  als auch Deutschers und Kings The Great Purges auf.)

Eduardo Ceniceros, Dezember 1976 (Foto: David North)

North reiste 1976 und 1977 nach Mexiko; er interviewte Eduardo Ceniceros, Mercaders Anwalt, und fotografierte den Umschlag eines Briefes des Attentäters an seinen Anwalt; er interviewte Alfonso Quiroz Cuarón, den Kriminologen, der 1950 die wahre Identität des Mannes aufdeckte, der sich „Jacques Mornard“ und „Frank Jacson“ nannte. North interviewte auch den mexikanischen Journalisten Eduardo Téllez Vargas.[48] Ceniceros und Quiroz Cuarón spielen in der Darstellung des Buches eine herausragende Rolle, jedoch ohne einen einzigen Hinweis auf die Befragungen, in denen diese Männer im Rahmen der IKVI-Untersuchung aussagten. Und es war North, der im Mai 1977 Sylvia Callen ausfindig machte, wie oben geschildert.

Umschlag eines Briefes von Mercader an seinen Anwalt Ceniceros, abgestempelt in Donezk, UdSSR (Foto: David North)

Die Autoren zitieren Trotzkis erschreckende Vorahnung seines eigenen Mordes, die er am 17. August 1940 gegenüber dem Journalisten Téllez Vargas äußerte: „Ich werde entweder von einem von ihnen hier drinnen getötet werden oder von einem meiner Freunde von draußen, von jemandem, der Zugang zum Haus hat. Denn Stalin kann mein Leben nicht verschonen.“[49] Als Quelle wird in ihrer Endnote angegeben: „Leo Trotzki, zitiert in Isaac Deutscher, The Prophet Outcast: Trotsky, 1929–1940 [New York: Oxford University Press, 1963], 503.“[50] Ein solches Interview taucht in Deutschers Biografie jedoch nicht auf. Die Zuordnung zu Deutschers Biografie ist vollständig erfunden. Das Zitat ist eine exakte Wiedergabe aus Téllez Vargas’ Schilderung, die er in seinem Interview mit North für die Untersuchung von „Sicherheit und die Vierte Internationale“ gab.

Eduardo Téllez Vargas, Dezember 1976 (Foto: David North)

Norths Interview mit Eduardo Téllez Vargas fand am 20. Dezember 1976 in Mexiko-Stadt statt und wurde Anfang 1977 in einem gedruckten Folianten mit dem Titel Trotsky’s Assassin At Large veröffentlicht. Wie im Kapitel „Security at Coyoacán“ zitiert, sagte Téllez Vargas zu North:

Es kam ein Moment, in dem Trotzki absolut niemandem mehr vertraute. Er vertraute niemandem. Er nannte keine Namen, aber er sagte zu mir: „Ich werde entweder von einem von ihnen hier drinnen getötet werden oder von einem meiner Freunde von draußen, von jemandem, der Zugang zum Haus hat. Denn Stalin kann mein Leben nicht verschonen.“[51]

Trotsky’s Assassin at Large

Es gibt keine harmlose Erklärung für die falsche Zuordnung von Téllez Vargas’ Aussage zu Deutschers Band, in dem sich kein Hinweis auf Téllez Vargas oder seine Aussage findet. Dies ist ein Fall von vorsätzlicher Verschleierung. Die Nennung der tatsächlichen Quelle hätte die Offenlegung der Untersuchung erfordert. Das Ergebnis ist eine falsche Herkunftsangabe für ein äußerst wichtiges Zeugnis in den historischen Aufzeichnungen und ein kleines, aber treffendes Beispiel für die im Buch angewandte Methode: Die Ergebnisse der Untersuchung werden verwendet, ihre Herkunft jedoch ausgelöscht.

Alfonso Quiroz Cuarón, Dezember 1976 (Foto: David North)

Schließlich gibt es noch die Unterlassung, die am schwersten zu erklären ist. Obwohl Melton und West um die ganze Welt reisten, um mit russischen Geheimdienstmitarbeitern zu sprechen, und Nachkommen von Personen aufspürten, die in Coyoacán zu Trotzkis Leibwache gehörten, haben sie sich nie an das Internationale Komitee oder an David North gewandt – der in der Öffentlichkeit steht, leicht zu erreichen ist und die internationalen Redaktion der Publikation leitet, aus der die Autoren zitieren.

Ein Interview mit North oder auch nur eine routinemäßige Bitte um Stellungnahme hätten es unmöglich gemacht, die Verschleierung aufrechtzuerhalten. Die Untersuchung hätte ein Gesicht und eine Geschichte erhalten, und ihr Anspruch auf eigene Erkenntnisse hätte nicht länger ignoriert werden können. Wenn die Ergebnisse in Meltons und Wests Buch als anonymer Bestand an „bekannten Fakten“ präsentiert werden sollten, dann war das Verschweigen des noch lebenden wichtigsten Ermittlers genauso notwendig wie das Schweigen über die Untersuchung selbst.

Die Folgen des Attentats bleiben im Dunkeln

Die Darstellung der politischen Verschwörung in dem Buch endet praktisch mit dem Attentat auf Trotzki. Die nachfolgenden Kapitel konzentrieren sich auf Mercaders Inhaftierung, Identifizierung, mögliche Fluchtpläne und sein späteres Leben sowie auf biografische Skizzen und die Herkunft der Tatwaffe.

Aber „Sicherheit und die Vierte Internationale“ beleuchtete die wesentliche Tatsache, dass die Verschwörung gegen die Vierte Internationale nicht am 20. August 1940 endete. Es bestand eine ununterbrochene Kontinuität von der Unterwanderung in den 1930er Jahren über das Attentat im August 1940 bis in die darauffolgenden Jahrzehnte hinein, die durch die Periodisierung des Buchs unterbrochen wird. Die Agenten blieben jedoch, wo sie waren. Callen saß bis 1947 in Cannons Büro. Zborowski, der durch die außerordentlichen Bemühungen von Lola Dallin und George Novack in die Vereinigten Staaten gelangt war, operierte dort bis in die 1950er Jahre. Hansen stieg zum Parteivorsitzenden auf und organisierte 1963 den Bruch der SWP mit dem Internationalen Komitee. Als ein führender Kopf des „Vereinigten Sekretariats“ und Herausgeber der Intercontinental Press gelang es ihm, Agenten in pablistische Organisationen auf der ganzen Welt einzuschleusen.

Die hohe Wertschätzung, die die US-Regierung Hansens Diensten innerhalb der SWP beimaß, zeigte sich bereits 1941 in einer Episode, die in dem Buch nicht erwähnt wird. In jenem Jahr wurde die Führung der SWP und der Teamsters-Ortsgruppe 544 im Minneapolis-Prozess nach dem Smith Act angeklagt; 18 Angeklagte wurden verurteilt und inhaftiert – die erste Strafverfolgung dieser Art durch die US-Regierung in Friedenszeiten.[52] Joseph Hansen, Trotzkis ehemaliger Sekretär und besonders prominenter Parteiführer, gehörte nicht zu den Angeklagten. Eric Londons Buch Agents widmet dieser ungewöhnlichen Ausnahme eine ausführliche, sorgfältig dokumentierte Analyse und zeigt, dass Hansens Nichtberücksichtigung in der Anklageschrift notwendig war, weil er bereits als FBI-Informant innerhalb der SWP tätig war. Melton und West zitieren Agents  wiederholt in ihrem Kapitel über Callen[53] und loben Londons Arbeit über Ageloff. Seine Erkenntnisse zum Minneapolis-Prozess übergehen sie jedoch völlig.

Vierzehn der achtzehn SWP-Mitglieder, die nach dem Smith Act verurteilt wurden. Hintere Reihe, von links nach rechts: Farrell Dobbs, Harry DeBoer, Edward Palmquist, Clarence Hamel, Emil Hansen, Oscar Coover, Jake Cooper; vordere Reihe, von links nach rechts: Max Geldman, Felix Marrow, Albert Goldman, James Cannon, Vincent Dunne, Carl Skoglund, Grace Carlson, 1941

Und so geht es weiter. 1947 folgte die Vertuschung des Falles Callen durch die SWP, an der die Partei festhielt, nachdem Budenz sie 1950 öffentlich entlarvt hatte. Fast 30 Jahre lang führte die infiltrierte Partei keine Untersuchung ihrer eigenen Unterwanderung durch. Als das Internationale Komitee im Mai 1975 das Buch Security and the Fourth International  veröffentlichte und sich erstmals daran machte, die Wahrheit über die Geschichte „mit all ihren Fehlern und Schwächen“ – wie es in der Erklärung der Workers Revolutionary Party von 1975 hieß[54] – aufzudecken, reagierten die SWP und ihre internationalen Verbündeten mit einem organisierten Gegenangriff. Mitglieder, die nach Antworten suchten, wurden bedroht.

Im Januar 1977 verurteilte eine Kundgebung in London, an der etwa 1.500 Mitglieder pablistischer Organisationen teilnahmen, die Untersuchung, schloss sich dabei dem „Urteil“ („Verdict“) an, das sie als „schamlose Verleumdungskampagne“ gebrandmarkt hatte, und verteidigte Hansen und Novack. Den Vorsitz führte Tariq Ali, ein prinzipienloser Demagoge aus der Mittelschicht und einer der Führer der britischen Sektion der pablistischen Bewegung, der später jegliche Verbindung zum Trotzkismus abbrechen sollte. Die Versammlung wurde vom Internationalen Komitee zu Recht als „Plattform der Schande“ bezeichnet. Zwei Stunden lang beschimpften die Redner Gerry Healy, der im Publikum saß, mit abscheulichen Beleidigungen. Als Healy am Ende der Tiraden aufstand, um das Recht auf eine Antwort einzufordern, verwehrte Tariq Ali ihm dieses Recht und beendete die Versammlung.

Gerry Healy meldet sich an der Versammlung der Pablisten, der „Plattform der Schande“, zu Wort, London, 14. Januar 1977

Die Mainstream-Presse berichtete über die Veranstaltung.[55] Melton und West legen eine Untersuchung vor, die auf genau diesen Zeitraum zurückgeht; sie können nicht behaupten, davon nichts gewusst zu haben.

Vier Monate nach der Kundgebung kam es in Wheaton (Illinois) zur Konfrontation zwischen North und Mitchell einerseits und Callen/Doxsee andererseits. Hansen reagierte auf ihre Entlarvung mit der Warnung vor „tödlichen Konsequenzen“ für das Internationale Komitee.[56] Im Oktober 1977 wurde Tom Henehan, ein 26-jähriges Mitglied des Politischen Komitees der Workers League, in New York City ermordet.[57]

Als Alan Gelfand im März 1978 an das Nationalkomitee der SWP schrieb, weil er die Dokumente geprüft hatte, und forderte, Sylvia Franklin als GPU-Agentin zu behandeln und von Hansen einen vollständigen Rechenschaftsbericht über seine Kontakte zur GPU und zum FBI zu verlangen, antwortete Larry Seigle im Namen des Politischen Komitees: „Die Partei kann und wird keine Agentenhatz in ihren Reihen zulassen. Wir werden keine weitere Wiederholung der Healy-Verleumdungen durch dich tolerieren.“ Im Dezember 1978 reichte Gelfand einen Amicus-Curiae-Schriftsatz ein, in dem er forderte, dass der US-Justizminister die Namen aller früheren und gegenwärtigen Regierungsinformanten in der SWP offenlege. Einen Monat später schloss ihn die SWP aus.[58] 1979 leitete Gelfand den Rechtsstreit ein, der schließlich Sylvia Callens Aussage vor der Grand Jury an die Öffentlichkeit brachte und Zborowski zwang, vor Gericht zu erscheinen.

Und die Erkenntnisse der Ermittlungen reichten bis in die damalige Führung der SWP hinein: Praktisch die gesamte Parteiführung nach Cannon und Dobbs stammte in den 1960er Jahren aus einem einzigen kleinen Institut, dem Carleton College in Minnesota, und der ehemalige Dekan des Colleges, Richard C. Gilman, erklärte gegenüber dem Internationalen Komitee, dass die Carleton-Absolventen über das „Fair Play for Cuba Committee“ – eine von der CIA und dem FBI manipulierte Organisation – in die SWP „eingepflanzt“ (plugged into) worden seien. Zu dieser Carleton-Clique gehörte auch Jack Barnes, der spätere nationale Sekretär der SWP.[59]

Über die „Carleton Twelve“ (Zwölf vom Carleton)

Nichts davon taucht in Meltons und Wests Darstellung auf: weder der Prozess von Minneapolis 1941, noch die Vertuschung des Falles Callen durch die SWP im Jahr 1947, noch die Farce der „Plattform der Schande“ von 1977, noch Henehans Ermordung, noch Gelfands Klage, noch die Unterwanderung der SWP-Führung durch Studenten des Carleton College. Die Vertuschung seit 1940 und die anhaltende Unterwanderung der Vierten Internationale durch die GPU und das FBI bilden einen wesentlichen und politisch entscheidenden Bestandteil der Geschichte des Attentats und seiner Folgen. Die Vertuschung war die Fortsetzung der Verschwörung. Die Geschichte von Trotzkis Ermordung zu erzählen, ohne den Kampf des Internationalen Komitees gegen das Abdecken von GPU- und FBI-Agenten innerhalb der trotzkistischen Bewegung zu erwähnen, ist wie eine Inszenierung von „Hamlet“ ohne den Prinzen.

Susan Weissman als Autorität

Warum klammern die Autoren eine Untersuchung aus, deren Ergebnisse sie akzeptieren? Man bedenke, was diese Auslassung bewirkt. Das Buch ersetzt die Darstellung von „Sicherheit und die Vierte Internationale“ durch eine Gegendarstellung, in der die grundlegende Rolle der trotzkistischen Bewegung bei der Aufdeckung der GPU-Verschwörung gegen Trotzki – und nach dem Attentat bei der fortdauernden Unterwanderung der Vierten Internationale sowohl durch die GPU als auch durch das FBI – keinen Platz findet.

Eine Gegenerzählung erfordert eine wissenschaftliche Autorität, und die Wahl der Autoren offenbart ihr Wesen. Das Buch erhebt Susan Weissman zur Autorität: „die Wissenschaftlerin Susan Weissman, deren Forschungen zu Mark Zborowski nach wie vor grundlegend sind“[60]. Und sie wird dazu in 26 Anmerkungen zitiert, mehr als jede andere Quelle der eigentlichen Untersuchung zu Zborowski.

Weissman war SWP-Mitglied. Nichts an ihrer Arbeit über Zborowski ist „grundlegend“. Ihre Arbeit besteht größtenteils darin, die von „Sicherheit und die Vierte Internationale“ aufgedeckten Fakten durch Ausflüchte und Lügen zu verwässern.

Sie ist seit Jahrzehnten in der pablistischen Politik aktiv, ist Mitglied der Organisation „Solidarity“, die größtenteils aus ehemaligen Mitgliedern der SWP besteht, und trat 1986 in die Redaktion von deren Zeitschrift Against the Current ein. Sie ist eine unerschütterliche Verteidigerin Hansens und seiner Komplizen und setzt bis heute ihre Bemühungen fort, die IKVI-Untersuchung zu diskreditieren. Sie unterstützte Alan Gelfands Ausschluss aus der SWP. In privater Korrespondenz mit dem ehemaligen Trotzkisten Albert Glotzer bezeichnete sie „Sicherheit und die Vierte Internationale“ als „Müll“ und beklagte sich über den Bericht des sowjetisch-russischen Historikers Dmitri Volkogonov zu dem Mord an Trotzki, dass „er sich nicht nur auf [den GPU-Agenten] Sudoplatow stützt, sondern, was noch schlimmer ist, auf die amerikanischen Healyisten (oder ‚Northisten‘) aus dem ‚Gelfand-Fall‘“. Mit dieser Formulierung werden diejenigen, die den Mord an Trotzki untersucht haben, als schlimmer bezeichnet als eine Person, die den Mord mitorganisiert hat.[61]

Susan Weissman hat den Gelfand-Fall als „unseriös und unbegründet“ bezeichnet.[62] Ihre Darstellung von Zborowski ist voller sachlicher Fehler; das Buch selbst muss sie in den Endnoten korrigieren („Weissman, S. 607, gibt fälschlicherweise an, dass ‚Sylvia Ageloff bei diesem Treffen Ramón kennenlernte‘“)[63]. David North antwortete im Jahr 2015 auf Weissmans vorsätzlich irreführenden Artikel in einem offenen Brief mit dem Titel „Sicherheit und die Vierte Internationale, der Fall Gelfand und die Aussage von Mark Zborowski“[64], in dem er sie als Lügnerin entlarvte. North hat diesen Vorwurf nie zurückgenommen, und Weissman hat darauf nie geantwortet.

Die wichtigste Tatsache bezüglich Weissmans Darstellung von Zborowski ist das, was sie verschweigt: das Bündnis der SWP mit Zborowski und der US-Regierung, um die Vernehmung des Chefagenten der GPU innerhalb der Vierten Internationale zu verhindern.

Der Sachverhalt stellt sich wie folgt dar. Im Februar 1982 gewährte Richterin Pfaelzer Gelfand 90 Tage für die Beweisaufnahme, und seine Anwälte luden Zborowski vor. Hier bot sich der trotzkistischen Bewegung endlich die Gelegenheit, den Mann, der eine zentrale Rolle bei den Morden an Erwin Wolf, Ignaz Reiss, Leon Sedow und Rudolf Klement gespielt hatte, ausführlich über das Attentat, die Methoden der GPU und die Identität von Agenten innerhalb der SWP zu befragen und ihn auf die genaue Rolle festzunageln, die Lilia Dallin, Joseph Hansen und andere gespielt hatten. Die Socialist Workers Party beantragte unverzüglich beim Gericht eine Schutzanordnung, um die Zeugenaussage zu verhindern. Auf die unter Eid gestellte Frage: „Ist es Ihre Aufgabe, GPU-Agenten zu schützen?“, antwortete Jack Barnes: „Es ist meine Aufgabe, die Rechte amerikanischer Bürger zu schützen (…) Selbst Herr Zborowski hat dieselben Rechte wie jeder andere Bürger in diesem Land.“[65]

Jack Barnes im Jahr 1988 (Foto: Patrick Martin)

Das Gericht wies den Antrag der SWP zurück, und die Zeugenvernehmung fand am 15. April 1982 statt. Die US-Regierung war anwesend: Ein Anwalt, der CIA-Direktor William Casey, FBI-Direktor William Webster und Generalstaatsanwalt William French Smith vertrat, nahm an der Befragung teil, während Zborowskis eigener Anwalt eng mit den Anwälten der SWP zusammenarbeitete. Zborowski beantwortete nur Fragen zu seiner Identität und berief sich dann in allen anderen Punkten auf das Aussageverweigerungsrecht nach dem Fünften Verfassungszusatz. Dies betraf Fragen nach seiner Einreise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1941, die Dallin und Novack arrangiert hatten, nach seinen Aktivitäten im Auftrag der sowjetischen Geheimpolizei innerhalb der SWP und nach seiner Kenntnis vom internationalen GPU-Apparat innerhalb der trotzkistischen Bewegung ab 1930.

Als Gelfands Anwälte beantragten, Antworten zu erzwingen, entschied das Gericht im Januar 1983, dass eine Aussage, die Agenten innerhalb der SWP identifizieren würde, Zborowski einer Strafverfolgung gemäß dem neu erlassenen „Intelligence Identities Protection Act“ von 1982 aussetzen könnte. Das Gericht erließ es Zborowski, die Fragen von Gelfands Anwälten zu beantworten – dank der entscheidenden Unterstützung seiner Verteidiger in der Socialist Workers Party – auf der Grundlage eines neuen Bundesgesetzes, das die Identifizierung von Regierungsagenten innerhalb dieser Organisation unter Strafe stellte. Damit endete die einzige Gelegenheit, die die trotzkistische Bewegung jemals haben sollte, Mark Zborowski zu befragen. Der GPU-Killer starb 1990 und nahm viele Geheimnisse – darunter die Identität seiner GPU-Kollegen in der trotzkistischen Bewegung – mit ins Grab.[66]

Weissman unterstützt diese Intervention bis heute. In ihrem veröffentlichten Bericht tut sie diese Episode mit zynischem Spott ab: Zborowski, so schreibt sie, habe Gelfand und seinen Anwalt „zum Narren gehalten“ und sich dabei „als Meister darin erwiesen, nichts preiszugeben. Er berief sich auf sein Aussageverweigerungsrecht und machte seine Fragesteller lächerlich.“[67] Jedes Wort dieser Darstellung ist eine Fälschung der Gerichtsakten. Zborowski hat niemanden zum Narren gehalten. Er saß schweigend und sichtlich nervös im Vernehmungsraum. Er wurde durch die gemeinsamen Bemühungen der SWP-Anwälte, seines eigenen Rechtsbeistands und der Regierung der Vereinigten Staaten gerettet, die sich auf ein Gesetz beriefen, das während des laufenden Verfahrens verabschiedet worden war. Und die Szene, die Weissman auszublenden versucht – die SWP an der Seite der CIA, des FBI und des Generalstaatsanwalts der Vereinigten Staaten, um einen GPU-Attentäter vor Fragen zu seiner Rolle beim Mord an Trotzkis Sohn und anderen führenden Trotzkisten zu schützen und die Aufdeckung des Agenten-Netzwerks in der Socialist Workers Party zu verhindern – diese Szene ist der konzentrierte Ausdruck all dessen, was „Sicherheit und die Vierte Internationale“ aufgedeckt hat. Weissman baute ihre betrügerische „Forschung“ zu Zborowski auf der Unterdrückung dieser Fakten auf.

Dies ist die Autorin, deren Forschung Melton und West als „grundlegend“ bezeichnen. Für ein derart ungerechtfertigtes Lob gibt es keine Grundlage. Sie wissen, dass Weissmans Einschätzung der Agenten nicht vertrauenswürdig ist, denn ihre eigenen Ausführungen widerlegen sie: Sie dokumentieren Weissmans Beharren auf Estrins Unschuld und kommen auf der Grundlage der Beweise zu dem Schluss, dass Estrin den wichtigsten GPU-Agenten in jeder entscheidenden Phase unterstützt hat. Sie weisen Weissmans Entlastungsversuche zurück und loben sie trotzdem. Weissmans Wert für das Buch liegt woanders: Als Veteranin der Organisation, die die Vertuschung durchführte, und lebenslange Gegnerin der Ermittlungen ist sie die einzige Autorin über Zborowski, die zuverlässig weder „Sicherheit und die Vierte Internationale“ namentlich erwähnt noch den tatsächlichen Ablauf der Zeugenvernehmung schildert, und die niemals das Bündnis zwischen der SWP und der US-Regierung erwähnt, das Zborowski schützte.

Alle juristischen Dokumente im Zusammenhang mit Alan Gelfands Bemühungen, Zborowski vorzuladen, sowie das Protokoll der Zeugenaussage des GPU-Agenten vom 15. April 1982 sind in der zweibändigen Sammlung The Gelfand Case veröffentlicht. Obwohl der erste Band in der Melton-West-Bibliografie aufgeführt und in den Endnoten zweimal zitiert wird[68], werden weder die Dokumente noch die Zeugenaussage zitiert.

Dem Opfer die Schuld zuweisen

Die Weigerung des Buchs, sich mit „Sicherheit und die Vierte Internationale“ auseinanderzusetzen, führt letztlich zu einer unhaltbaren Schlussfolgerung. In einem Kapitel mit dem Titel „Der Revolutionär, der sich zu wehren vergaß“ behaupten die Autoren, Trotzki habe „den einzigen Gegner, den er am besten hätte verstehen müssen, fatal unterschätzt“[69]. Sie leiten das Kapitel mit einem der CIA-Analystin Rita T. Kronenbitter zugeschriebenen Zitat ein, in dem es heißt, Trotzki sei gestorben, „weil er nicht an Verrat glaubte“[70]. Das Kapitel behandelt Kronenbitters Artikel aus dem Jahr 1972 in der CIA-Hauspostille Studies in Intelligence  mit dem Titel „Leon Trotsky, Dupe of the NKVD“[71] (deutsch etwa: „Der vom NKWD getäuschte Leo Trotzki“). Dieser Artikel, so die Autoren, sei eine der scharfsinnigsten Analysen von Trotzkis Scheitern[72].

Das ist falsch, und gerade Melton und West müssen das wissen. Kein ernsthafter Geheimdienstforscher macht das Opfer eines Attentats für seine eigene Sicherheit verantwortlich; diese Verantwortung liegt bei dem Apparat, der mit seinem Schutz beauftragt ist. Auch die historischen Aufzeichnungen widerlegen diese Version. Trotzki, der die Rote Armee aufbaute und sie durch den Bürgerkrieg führte, war ein Experte in Sicherheitsfragen, und die letzten Jahre seines Lebens waren vom Kampf geprägt, die stalinistische Geheimpolizei zu entlarven und die Arbeiterbewegung gegen sie zu wappnen.

Am 2. November 1937, im Zuge der Morde an Ignaz Reiss und Erwin Wolf sowie der Vernichtungskampagne der GPU in Spanien, verfasste Trotzki einen offenen Brief mit dem Titel „Es ist höchste Zeit, eine weltweite Offensive gegen den Stalinismus zu starten.“[73] Die Moskauer Schauprozesse, so schrieb er, seien „als Ausgangspunkt für eine vernichtende Offensive gegen die Gegner der Moskauer Clique auf Weltebene“ konzipiert worden. Er forderte „ein Regime des strengen Misstrauens gegenüber allen, die direkt oder indirekt mit dem stalinistischen Apparat in Verbindung stehen“, und rief die Arbeiterorganisationen dazu auf, „unermüdlich Druckmaterial, Dokumente und Zeugenaussagen“ über die Verbrechen der GPU zu sammeln und gründlich belegte Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. In einem separaten Artikel vom September 1937, der nach der Ermordung von Reiss verfasst wurde, betonte Trotzki ebenfalls: „Die einzige ernsthafte Verteidigung gegen die von Stalin angeheuerten Mörder ist die vollständige Öffentlichkeit.“[74] Die Entlarvung vor der Arbeiterklasse war Trotzkis Antwort auf Infiltration und Attentate.

Trotzki im Gespräch mit der mexikanischen Polizei über das Attentat vom Mai 1940. Joseph Hansen steht hinter ihm

Nach dem Maschinengewehrangriff vom 24. Mai 1940 widmete Trotzki einen Großteil seiner verbleibenden Zeit der Aufdeckung der Verschwörung. In seinem Text: „Stalin will meinen Tod“, den er am 8. Juni fertigstellte, identifizierte er die GPU als Organisatorin des Angriffs und sagte einen weiteren Versuch voraus: „Das zufällige Scheitern des so sorgfältig und geschickt vorbereiteten Angriffs ist ein schwerer Schlag für Stalin. Die GPU muss sich bei Stalin rehabilitieren. Stalin muss seine Macht demonstrieren. Eine Wiederholung des Versuchs ist unvermeidlich.“[75] Derselbe Trotzki sagte, wie oben geschildert, am 17. August – drei Tage vor seiner Ermordung – zu Téllez Vargas, dass der Schlag von jemandem kommen würde, der Zugang zum Haus habe, denn Stalin könne sein Leben nicht verschonen.

Diese Darstellung wollen Melton und West vor dem Leser mit einem Trotzki in Einklang bringen, der „sich zu wehren vergaß“ und „nicht an Verrat glaubte“. Ein Mann, der schrieb, dass ein weiterer Anschlag auf sein Leben unvermeidlich sei, glaubte sehr wohl an Verrat. Er wurde von der Organisation verraten, die für seinen Schutz verantwortlich war. Was Trotzki nicht tun konnte, war, die Männer auswählen, die seine Partei zu seinem Schutz entsandte. Diese Aufgabe oblag der Führung der Socialist Workers Party, doch der Apparat, den sie nach Mexiko entsandte, war kompromittiert.

Was das Buch beiträgt

Das Buch ist nicht ohne gewisse Stärken. Das in Moskau gesammelte Material und die spanischsprachigen Quellen ergänzen operative Details der Verschwörung; die Planungen vor 1940 werden anschaulich nacherzählt. Das Buch ändert jedoch nichts an der Struktur der Verschwörung, die „Sicherheit und die Vierte Internationale“ bereits 50 Jahre zuvor aufgedeckt hatte. Selbst die räumliche Rekonstruktion der Villa in Coyoacán – die Lage der Alarmanlage, die Anordnung der Betten während des Überfalls vom 24. Mai – trägt wenig zur Beschreibung bei, die North schon in Trotsky’s Assassin At Large geliefert hatte. Das Schicksal des Eispickels, mit dem Trotzki ermordet wurde – Thema des Nachworts des Buchs und Prunkstück des von Melton mitbegründeten Museums – ist für die Verschwörung nebensächlich. Der Weg der Waffe durch Polizeidepots, Privatsammlungen und Auktionshäuser gehört zur Geschichte des Sammelns, nicht des Verbrechens.

Mexikanische Polizei mit dem Eispickel, mit dem Mercader 1940 Trotzki ermordet hatte. Der Journalist Eduardo Tellez Vargas ist der zweite von links

Schwerwiegender ist die Bedeutung, die die Autoren der Möglichkeit beimessen, dass Trotzki den Anschlag hätte überlebt haben können – eine reine Spekulation. Ob eine Verletzung der Art, wie sie Trotzki 1940 erlitten hat, im Jahr 2026 behandelbar wäre, ist historisch irrelevant. Es ändert nichts an der Planung, der Ausführung und den Folgen des Mordes.

Fazit

Soweit es sich um Fakten handelt, untermauert das Buch von Melton und West die Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ und stellt – trotz allem – eine vernichtende Entlarvung der jahrzehntelangen Kampagne dar, mit der diese Untersuchung diskreditiert werden sollte. Ihr Buch bestätigt die zentralen Erkenntnisse, die die trotzkistische Bewegung vor einem halben Jahrhundert gewonnen hat: dass die GPU die Socialist Workers Party auf höchster Ebene unterwandert hatte; dass Hansen geheime Beziehungen zur GPU und zum FBI unterhielt; dass Harte das Tor öffnete; dass Callen ein Jahrzehnt lang die Geheimnisse der Bewegung an Stalins Polizei weitergab; dass Ageloff als Helferin für den Attentäter unverzichtbar war; dass jedes Eingreifen Estrins den GPU-Hauptagenten in Europa stützte. Außerdem ist die Art und Weise, wie dies alles bestätigt wurde – das Weglassen der Ermittler, die gefälschte Quellenangabe, die Heiligsprechung derjenigen, die die Vertuschung abdecken, das Ausblenden aller Ereignisse seit 1940 – ein starkes Zeugnis dafür, dass es auch heute noch um viel geht.

Was auf dem Spiel stand und steht, ist die politische und physische Unabhängigkeit der Arbeiterbewegung vom kapitalistischen Staat. Die Fragen, die „Sicherheit und die Vierte Internationale“ aufwirft, behalten ihre brennend aktuelle Relevanz, denn die darin aufgedeckten Praktiken – die Unterwanderung der Socialist Workers Party durch die Geheimdienste sowohl des Stalinismus als auch des Imperialismus – endeten weder 1940 noch 1979 noch 1983, als ein Bundesgericht mit Unterstützung der SWP-Anwälte entschied, dass der Chefagent der GPU nicht gezwungen werden könne, die Regierungsagenten innerhalb der Partei zu identifizieren. Fast 50 Jahre, nachdem sich die Pablisten in London auf der „Plattform der Schande“ versammelten, um die IKVI-Untersuchung zu diffamieren, erkennen sogar staatstreue Historiker deren Schlussfolgerungen als Tatsache an. Und einer dieser Historiker, die in keiner Weise die politische Perspektive der Untersuchung teilen, räumt heute öffentlich ein, dass diese Untersuchung „unverzichtbar“ und „absolut richtig“ war. So empfiehlt es sich, Meltons und Wests Buch parallel zu der Untersuchung, die es bestätigt, zu lesen.


[1]

Josh Ireland, The Death of Trotsky: The True Story of the Plot to Kill Stalin’s Greatest Enemy. New York, 2026.

[2]

H. Keith Melton und Nigel West, The Assassination of Leon Trotsky. Espionage, Scandal, and the Crime of the Century, New York, 2026, S.1 (aus dem Englischen).

[3]

Melton und West, S. 2.

[4]

Ebd., S. 3.

[5]

Ebd., S. 8.

[6]

Melton und West, Anmerkungen, Kapitel 2, Nr.1 Der Herausgeber ist falsch angegeben: Wie die Bibliographie desselben Buchs im Eintrag Nr. 39 besagt, wurde How the GPU Murdered Trotsky von New Park Publications herausgebracht.

[7]

Melton und West, Anmerkungen, Kapitel 2, Nr. 68.

[8]

Melton und West, Anmerkungen, Kapitel 6, Nr. 58; Kapitel 12, Nr. 11; Kapitel 20, Nr. 33; Kapitel 33, Nr. 1.

[9]

Melton und West, Literaturverzeichnis, Einträge 23 (In Defence of Trotskyism), 39, 48, 49, 58, 86 and 87.

[10]

Melton und West, Anmerkungen, Einleitung, Nr. 6; Kapitel 2, Nr.1, 7, 23, 28, 42, 55, 56, 68; Kapitel 3, Nr. 12, 13, 15; Kapitel 4, Nr. 1, 2, 3, 5, 6, 8, 9; Kapitel 6, Nr. 58; Kapitel 12, Nr. 11, 16, 27; Kapitel 16, Nr. 21, 22, 23; Kapitel 18, Nr. 24; Kapitel 20, Nr.31, 33; Kapitel 22, Nr. 2, 4; Kapitel 24, Nr. 14, 17; Kapitel 29, Nr. 6, 8, 9, 10, 11; Kapitel 33, Nr. 1, 2, 9, 30

[11]

Melton und West, Anmerkungen, Einleitung, Nr. 6; Kapitel 2, Nr. 1, 7, 28, 42, 55, 56 (“Ibid.”), 68; Kapitel 4, Nr. 3, 5; Kapitel 12, Nr. 16, 27; Literaturverzeichnis, Eintrag 39. In den Anmerkungen Nr. 3 und 5 zum Kapitel 4 wird das Werk „London“ zugeschrieben.

[12]

Melton und West, S. 404.

[13]

Ebd., S. 181–182.

[14]

Melton und West, Personenverzeichnis, Joseph Hansen, S. xxi.

[15]

Melton und West, S. 303.

[16]

Eric London, „Die Rolle von Sicherheit und die Vierte Internationale im Kampf um die Kontinuität des Internationalen Komitees der Vierten Internationale“, in: World Socialist Web Site, 6. Oktober 2024, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2024/10/06/aydv-o06.html

[17]

The Verdict: Is a Shameless Frame-up!, siehe: https://www.marxists.org/history/etol/document/swp-us/misc-1/verdict.htm (aus dem Englischen).
Zitiert hier: Eric London, „Die Rolle von Sicherheit und die Vierte Internationale“.

[18]

John Burton, „The Gelfand Case: Depositions and the fight against summary judgement“, in: World Socialist Web Site, 10. Dezember 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/12/10/jopu-d10.html

[19]

Melton und West, Personenverzeichnis, Robert Sheldon Harte, siehe auch: S.192.

[20]

Eric London, „Die Rolle von Sicherheit und die Vierte Internationale“.

[21]

Melton und West, S. 42–43.

[22]

Ebd. S. 48.

[23]

Eric London, „Eine ‚beispielhafte Genossin‘: Sylvia Callen, stalinistische Agentin, 40 Jahre lang von der Socialist Workers Party (USA) gedeckt (Teil 2), in: World Socialist Web Site, 15. März 2019, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2019/03/15/cal2-m15.html

[24]

International Committee of the Fourth International, „Sylvia Franklin Dossier“, August 1977, in: World Socialist Web Site (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/special/library/da1b7d2a-85d0-4791-b920-cf2a6516c331.html

[25]

Eric London, „Eine beispielhafte Genossin“;
Evan Blake, „The Security and the Fourth International investigation deepens“, in: World Socialist Web Site, 31. Oktober 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/11/01/2558-n01.html

[26]

Eric London, „Eine beispielhafte Genossin“;
Don Knowland, „The Gelfand Case: Trial and conclusion“, in: World Socialist Web Site, 22. Dezember 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/12/23/zirb-d23.html

[27]

Alan Gelfand, „An Open Letter to Cliff Slaughter from Alan Gelfand“, 22. Februar 1987, in: World Socialist Web Site (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/special/library/fi-14-2/05.html

[28]

Ebd.

[29]

The Militant, 5. August 1983, S.13 (aus dem Englischen).

[30]

Melton und West, S.47–48.

[31]

Ebd., S. 404; Personenverzeichnis, Lilia Ginzberg Estrin.

[32]

Ebd., S. 102.

[33]

Melton und West, Kapitel 6, “The Seduction and Betrayal of Sylvia Ageloff” (Verführung und Verrat der Sylvia Ageloff); Kapitel 29, S. 293ff (aus dem Englischen).

[34]

Eric London, „Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki“, in: World Socialist Web Site, 9. Februar bis 7. März 2021, siehe:
https://www.wsws.org/de/articles/2021/02/09/syl1-f09.html
https://www.wsws.org/de/articles/2021/02/28/syl2-f28.html
https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/08/syl3-m07.html
https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/15/syl4-m14.html

[35]

Melton und West, Kapitel 33, S. 318ff. Londons Serie ist in folgenden Fußnoten zitiert: zu Kapitel 6 (Nr. 58), Kapitel 12 (Nr. 11), Kapitel 20 (Nr. 33), Kapitel 22 (Nr. 2, 4), Kapitel 24 (Nr. 14, 17), Kapitel 29 (Nr. 6, 8–11) und Kapitel 33 (Nr. 1, 2, 9)

[36]

Melton und West, S. 319; auf den S. 319 und 321 nennen sie London einen „Historiker“.

[37]

Eric London, „Die Rolle von Sicherheit und die Vierte Internationale im Kampf um die Kontinuität des Internationalen Komitees der Vierten Internationale“, in: World Socialist Web Site, 6. Oktober 2024, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2024/10/06/aydv-o06.html

[38]

Melton und West, Personenverzeichnis, Joseph Hansen.

[39]

International Committee of the Fourth International, „The role of Joseph Hansen“, in: How the GPU Murdered Trotsky (aus dem Englischen); auch:
Thomas Scripps, Joseph Hansen - the FBI‘s asset in the SWP, in: World Socialist Web Site, 26. Dezember 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/12/27/kawt-d27.html

[40]

Melton und West, S. ix.

[41]

„David North to speak at public meetings in US: Why and How the GPU Murdered Leon Trotsky“, 16. Oktober 2015, in: World Socialist Web Site (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2015/10/16/meet-s16.html

[42]

Eric London, „Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki“, 9. Februar 2021, in: World Socialist Web Site, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2021/02/09/syl1-f09.html

[43]

Melton und West, “Why This Book, Why Now, Why These Authors“, S. ix (aus dem Englischen).

[44]

David North, „Der Fall Nancy Wohlforth alias Fields und die Ursprünge von ‚Sicherheit und die Vierte Internationale‘“, in: World Socialist Web Site, 24. Mai 2025, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2025/05/23/yqqr-m23.html

[45]

Melton und West, “Why This Book, Why Now, Why These Authors“ (aus dem Englischen).

[46]

Melton and West, Anmerkungen, Kapitel 16, Nr. 21, 22 (“Ibid.”), 23; Literaturverzeichnis, Eintrag 58 .

[47]

Eric London, „The origins and findings of Security and the Fourth International“, in: World Socialist Web Site, 31. Dezember 2019, siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2019/12/31/scfi-d31.html

[48]

Evan Blake, „The Security and the Fourth International investigation deepens“, in: World Socialist Web Site, 31. Oktober 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/11/01/2558-n01.html
Eric London, „Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki“, Teil 4, in: World Socialist Web Site, 14. März 2021, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/15/syl4-m14.html

[49]

Melton und West, S. 243. (Mit denselben Worten beginnt auch Kapitel 22, S. 237).

[50]

Melton und West, Anmerkungen, Kapitel 22, Nr. 21.

[51]

Internationales Komitee der Vierten Internationale, Trotsky’s Assassin At Large, Labor Publications 1977, S. 302-303 (aus dem Englischen);
David North, „Trotzkis letztes Jahr“, Teil 6, in: World Socialist Web Site, 26. September 2020, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2020/09/26/trot-s26.html

[52]

Eric London, „The Smith Act trial and government infiltration of the Trotskyist movement“, in: World Socialist Web Site, 8. Dezember 2016, Siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2016/12/08/secu-d08.html;
Über den Prozess auch hier: Ron Jorgensen, „75 Jahre seit dem Truckerstreik von Minneapolis“, in: World Socialist Web Site, 8. Januar 2010, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2010/01/tru4-j08.html

[53]

Melton und West, Anmerkungen, Kapitel 4, Nr. 1, 2, 6, 8, 9; auch Kapitel 3, Nr. 12, 15.

[54]

David North, „Der Fall Nancy Wohlhforth alias Fields und die Ursprünge von ‚Sicherheit und die Vierte Internationale‘“, in: World Socialist Web Site, 24. Mai 2025, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2025/05/23/yqqr-m23.html

[55]

Eric London, „Die Rolle von Sicherheit und die Vierte Internationale im Kampf um die Kontinuität des Internationalen Komitees der Vierten Internationale“, in: World Socialist Web Site, 6. Oktober 2024, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2024/10/06/aydv-o06.html;
Evan Blake, „The Security and the Fourth International investigation deepens“, in: World Socialist Web Site, 31. Oktober 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/11/01/2558-n01.html

[56]

International Committee of the Fourth International, „Sylvia Franklin Dossier“, August 1977, in: World Socialist Web Site (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/special/library/da1b7d2a-85d0-4791-b920-cf2a6516c331.html

[57]

David North, „Tom Henehan: Das Leben eines Revolutionärs“, in: World Socialist Web Site, 21. Oktober 2022, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2022/10/21/hene-o21.html

[58]

Norisa Diaz, „The Gelfand Case: 1978-1982“, Teil 1, in: World Socialist Web Site, 24. November 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/11/25/bsbh-n25.html

[59]

Tom Mackaman, „The Carleton Twelve“, in: World Socialist Web Site, 10. November 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/11/11/lodg-n11.html

[60]

Melton und West, S.30.

[61]

Offener Brief David Norths an Susan Weissman, „Sicherheit und die Vierte Internationale, der Gelfand-Prozess und die Aussage von Mark Zborowski, in: World Socialist Web Site, 5. Dezember 2015, siehe: https://www.wsws.org/de/articles/2015/12/05/sivi-d05.html

[62]

Ebd.

[63]

Melton und West, S. 30.

[64]

Offener Brief David Norths an Susan Weissman.

[65]

Ebd.

[66]

Ebd.
Auch: John Burton, „The Gelfand Case: Depositions and the fight against summary judgement“, in: World Socialist Web Site, 10. Dezember 2025 (aus dem Englischen), siehe: https://www.wsws.org/en/articles/2025/12/10/jopu-d10.html

[67]

Offener Brief David Norths an Susan Weissman

[68]

Melton und West, Literaturverzeichnis, Eintrag 86; Anmerkungen, Kapitel 20, Nr. 31; Kapitel 33, Nr. 30

[69]

Melton und West, S. 379.

[70]

Ebd.

[71]

Rita T. Kronenbitter, “Leon Trotsky, Dupe of the NKVD”, in: Studies in Intelligence 16, no. 1 (1972), siehe: https://www.cia.gov/resources/csi/studies-in-intelligence/archives/vol-16-no-1/

[72]

Melton und West, S. 380.

[73]

Leon Trotsky, It Is High Time to Launch a World Offensive Against Stalinism, November 1937 (aus dem Englischen), siehe: https://www.marxists.org/archive/trotsky/1937/11/hightime.htm

[74]

Leon Trotsky, A Tragic Lesson, November 1937 (aus dem Englischen), siehe: https://www.marxists.org/archive/trotsky/1937/11/hightime.htm

[75]

Leo Trotzki, Stalin Seeks My Death, 24. Mai 1940 (aus dem Englischen), siehe: https://www.marxists.org/archive/trotsky/1940/05/stalin.htm;
zitiert auch hier: Evan Blake, „85 Jahre seit dem Attentat auf Leo Trotzki am 25. Mai 1940“, in World Socialist Web Site, 29. Mai 2025, siehe:
https://www.wsws.org/de/articles/2025/05/29/pers-m29.html

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