Wir veröffentlichen hier das Manuskript des Redebeitrags von Johannes Stern zur Buchvorstellung: „Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus“ auf der Linken Buchmesse in Nürnberg. Die Veranstaltung fand am Samstagabend im gut gefüllten Seminarraum 1 statt und stieß wie auch der Stand des Mehring Verlags auf der Buchmesse auf starke Resonanz. Das Buch kann hier bestellt werden. In den nächsten Tagen wird die WSWS auch das Video von der Buchvorstellung veröffentlichen.
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Liebe Besucherinnen und Besucher der Linken Literaturmesse, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde,
ich freue mich, heute hier in Nürnberg unser aktuelles Buch „Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus?“ vorstellen zu können, das von David North, dem Vorsitzenden der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, herausgegeben wurde und im Mehring Verlag erschienen ist.
Als wir das Buch im März auf der Leipziger Buchmesse erstmals präsentierten, stand die Welt unter dem Schock des amerikanisch-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran. In den Vereinigten Staaten setzte Trump bewaffnete ICE-Agenten gegen Migranten und die Bevölkerung ein. Die Morde an Renee Nicole Good und Alex Pretti in Minneapolis hatten weltweit Entsetzen ausgelöst.
Seither hat sich die internationale Krise dramatisch zugespitzt. Der Iran-Krieg dauert an, und Trump droht nach den US-Zwischenwahlen mit neuen Angriffen. Der Ukrainekrieg birgt die Gefahr eines direkten Zusammenstoßes zwischen der NATO und Russland. Die europäischen Mächte, allen voran Deutschland, rüsten in einem Ausmaß auf, wie wir es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben.
In den Vereinigten Staaten finden am kommenden Dienstag, dem 3. November, die Zwischenwahlen zum Kongress statt. Die Trump-Regierung verschärft ihre Angriffe auf demokratische Rechte und versucht, mithilfe des Justizministeriums in den Wahlprozess einzugreifen und die Ergebnisse notfalls zu kippen.
Aber das ist nur eine Seite der Entwicklung.
Auf der anderen Seite erleben wir einen enormen Aufschwung des Klassenkampfs. In Frankreich demonstrieren Hunderttausende Jugendliche und Arbeiter gegen Sozialabbau, marode Schulen, Repression und Militarismus. Ähnliche Bewegungen entwickeln sich in Italien, Spanien, Griechenland und anderen Ländern.
Gestern fand ein internationaler Aktionstag von Hafenarbeitern gegen Krieg und Militarismus statt, für den Arbeiter in 113 Häfen in 22 Ländern und Regionen auf fünf Kontinenten mobilisierten. In Italien fand ein Generalstreik statt. Und auch in Deutschland protestierten heute Zehntausende Jugendliche gegen soziale Angriffe und die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Die Frage, die unser Buch im Titel stellt – Faschismus oder Sozialismus? –, ist unter diesen Bedingungen keine abstrakte historische Alternative. Sie wird durch die objektive Entwicklung selbst immer unmittelbarer auf die Tagesordnung gesetzt.
Gerade deshalb ist dieses Buch von außerordentlicher Bedeutung.
Die historischen und gesellschaftlichen Wurzeln des amerikanischen Faschismus
Was macht dieses Buch so wichtig?
Die Sammlung enthält Analysen, Erklärungen und Vorträge von David North, der Socialist Equality Party in den USA und weiteren Autoren der World Socialist Web Site aus den Jahren 2015 bis 2026. Sie dokumentieren Trumps Aufstieg, seine erste Präsidentschaft, den Putschversuch vom 6. Januar 2021 und seine Rückkehr an die Macht. Doch ihre Bedeutung geht darüber weit hinaus.
Das Entscheidende ist die marxistische Methode, mit der sie die Entwicklung analysieren und ihre grundlegenden Triebkräfte aufdecken.
In den bürgerlichen Medien wird Trumps Aufstieg meist aus seinem Charakter, seinem autoritären Auftreten, seiner Rücksichtslosigkeit und seinem Rassismus erklärt.
Doch das erklärt nicht, wie ein solcher Politiker in das mächtigste Staatsamt der Welt gelangen konnte, warum er nach einem gescheiterten Staatsstreich wiedergewählt wurde und weshalb er sich auf Teile des Staatsapparats und der herrschenden Klasse stützen kann.
North fragt deshalb im Vorwort: Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse haben Trump hervorgebracht? Welche Klassenkräfte stehen hinter ihm?
Seine Antwort lautet, dass Trump nicht die Ursache, sondern der politische Ausdruck einer tiefen historischen Krise des amerikanischen Kapitalismus ist.
Ich möchte eine etwas längere Passage aus dem Vorwort zitieren, in der North diesen Zusammenhang besonders scharf und treffend formuliert:
Leo Trotzki hat in seinen Schriften über den Aufstieg des deutschen Faschismus folgende scharfsinnige Bemerkung gemacht: »Nicht jeder erbitterte Kleinbürger könnte ein Hitler werden, aber ein Stückchen Hitler steckt in jedem von ihnen.« Man könnte diese Erkenntnis auf die heutigen Verhältnisse in Amerika übertragen: Nicht jeder Geschäftsmann ist ein Trump, aber mehr als nur ein Stückchen Trump steckt in einem beträchtlichen Teil der amerikanischen Unternehmerklasse.
Unter den Führungskräften unzähliger Immobilienkonzerne, Private-Equity-Firmen und Kryptowährungsunternehmen finden sich jede Menge Menschen, deren Persönlichkeit, Verhaltensweisen, Ziele und Methoden mehr oder weniger denen des amerikanischen Präsidenten entsprechen. Trump hat diese Kultur nicht geschaffen. Er ist sowohl die Personifizierung der herrschenden Unternehmens- und Finanzoligarchie als auch deren krimineller Endpunkt. In seiner Person und seinem Modus Operandi verschwimmt die Grenze zwischen CEO und Mafiaboss. (David North, S. 21)
Das ist der entscheidende Ausgangspunkt.
Trump ist nicht aus heiterem Himmel über eine ansonsten gesunde amerikanische Demokratie hereingebrochen. Er verkörpert eine herrschende Klasse, deren Macht und Reichtum auf immer extremerer Ausbeutung, Finanzspekulation, militärischer Gewalt und der systematischen Aushöhlung demokratischer Rechte beruhen.
Seit 1945 haben die USA eine grundlegende Transformation durchlaufen. 1945 waren sie die führende Industriemacht der Welt, kontrollierten etwa die Hälfte der globalen Industrieproduktion und verfügten über den größten Teil der Goldreserven. Auf dieser Grundlage konnten sie den Weltkapitalismus bis zu einem gewissen Grad stabilisieren und im eigenen Land soziale Zugeständnisse machen.
Mit dem Verlust ihrer industriellen Vormachtstellung und der Aufkündigung der Goldbindung des Dollars 1971 trat ihr wirtschaftlicher Niedergang hervor. Die herrschende Klasse reagierte mit einem regelrechten sozialen Krieg gegen die Arbeiterklasse.
Unter Reagan begann eine Offensive gegen die Arbeiter, die von der Gewerkschaftsbürokratie im Kern unterstützt wurde und die die Demokraten fortsetzten: Millionen Industriearbeitsplätze wurden vernichtet, Löhne gesenkt, Sozialprogramme abgebaut. Finanzparasitismus trat zunehmend an die Stelle produktiver Investitionen. North untersucht diese Entwicklung in seinem Vorwort anhand umfangreicher wirtschaftlicher und sozialer Daten.
Nach den dort angeführten Zahlen der amerikanischen Notenbank kontrollierte das reichste Prozent der Haushalte im dritten Quartal 2025 bereits 34,6 Prozent des gesamten amerikanischen Vermögens – rund 55 Billionen Dollar. Die untere Hälfte der Haushalte verfügte dagegen über gerade einmal 2,5 Prozent.
Darin liegt eine wesentliche materielle Grundlage der politischen Krise. Eine Gesellschaft, in der eine winzige Minderheit immer größere Reichtümer anhäuft, während Millionen Arbeiter ihre Existenzgrundlage verlieren, gerät in Widerspruch zu demokratischen Herrschaftsformen. Die Oligarchie entwickelt immer autoritärere Methoden, um ihre Interessen durchzusetzen.
Die Hinwendung zur Diktatur ist keine persönliche Laune Donald Trumps, sondern Ausdruck der Unvereinbarkeit extremer sozialer Ungleichheit mit demokratischen Rechten.
Die frühen Warnungen der WSWS und die Rückkehr Trumps
Das Buch zeigt, wie früh die trotzkistische Bewegung diese Entwicklung erkannte. Bereits im März 2016, als Trump noch um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner kämpfte und von vielen Kommentatoren als bizarre Randerscheinung belächelt wurde, warnte David North auf der World Socialist Web Site, sein politisches Auftreten trage „eindeutig faschistische Züge“.
North analysierte Trumps rassistische Demagogie und erklärte, weshalb sie auf Resonanz stieß. Millionen Amerikaner hatten erfahren, dass sich ihre Lebensbedingungen unter Republikanern und Demokraten gleichermaßen verschlechterten. Vor allem das demokratische Establishment setzte auf Identitätspolitik und die Verteidigung der Wall Street.
Trump konnte als angeblicher Gegner des Systems auftreten, obwohl er selbst ein Milliardär und Vertreter der Finanzelite war. Denn die Wut großer Teile der Bevölkerung fand keinen Ausdruck in einer unabhängigen sozialistischen Arbeiterbewegung.
Bernie Sanders lenkte die Opposition gegen soziale Ungleichheit zurück in die Demokratische Partei. Die Gewerkschaftsbürokratie hatte den Klassenkampf über Jahrzehnte unterdrückt und die Arbeiter den kapitalistischen Parteien untergeordnet. Trumps Aufstieg war nicht Ausdruck einer unveränderlich reaktionären Arbeiterklasse, sondern einer politischen Krise und der Unterdrückung einer unabhängigen Arbeiterbewegung.
Diese Analyse wurde durch die weitere Entwicklung bestätigt. Die WSWS warnte 2016, dass Trump keine vorübergehende Erscheinung sei. Seine Bewegung wurzele in der Krise des amerikanischen Kapitalismus und dem Zerfall seines bürgerlich-demokratischen Rahmens.
Fünf Jahre später, am 6. Januar 2021, versuchte Trump, seine Wahlniederlage mit einem Staatsstreich rückgängig zu machen. David North erklärte unmittelbar danach, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher handelte, sondern um den Ausdruck einer weit fortgeschrittenen faschistischen Verschwörung.
Die Demokraten mobilisierten nicht dagegen. Unter Biden bemühten sie sich, die Republikanische Partei als Säule des Systems zu erhalten. In der Außenpolitik kritisierten sie Trump vor allem wegen Russland. Unter diesen Bedingungen konnte Trump die MAGA-Bewegung ausbauen, die Republikanische Partei unter seine Kontrolle bringen und 2025 ins Weiße Haus zurückkehren.
Heute verfügt er über Machtmittel, auf die er 2021 noch nicht unmittelbar zurückgreifen konnte: das Justizministerium, die Einwanderungspolizei, den Sicherheitsapparat und die Befehlsgewalt über das Militär.
Auch die Democratic Socialists of America (DSA) spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Wahlsieg ihres Mitglieds Zohran Mamdani in New York und weitere Erfolge sozialistischer Kandidaten zeigen, dass unter Arbeitern und Jugendlichen eine starke linke und sozialistische Stimmung existiert. Die DSA lenken diese Erwartungen jedoch in die Demokratische Partei.
Mamdani trat im Wahlkampf als scharfer Kritiker Trumps auf. Nach seinem Sieg suchte er die Zusammenarbeit: Seit November 2025 trafen sie sich dreimal, zuletzt im September in der New Yorker Bürgermeisterresidenz. Sie stehen regelmäßig in Kontakt und vereinbarten eine engere Kooperation bei einem Wohnungsbauprojekt. Trotz weiter bestehender Differenzen ist aus der demonstrativen Gegnerschaft eine pragmatische Zusammenarbeit geworden.
David North schrieb bereits im November 2025 über diese Entwicklung:
Mamdani erniedrigt sich selbst nicht nur aus Feigheit. Sein Verhalten ist Ausdruck jener vulgären, pragmatischen Politik, wie sie für die kleinbürgerlichen Pseudolinken typisch ist. Ihnen fehlt jedes Verständnis, ja selbst jedes Interesse daran, die Widersprüche des Kapitalismus zu begreifen sowie die Tendenzen, die ihn in Krisen, Faschismus und Krieg und die Arbeiterklasse zur Revolution treiben. Mamdanis Verrat zeigt erneut, dass das zentrale Problem unserer Zeit die Krise der revolutionären Führung ist. (S. 368)
Die Entwicklungen vor den Zwischenwahlen verdeutlichen die Gefahr. Das Justizministerium versucht unter anderem, in Alaska die Bestätigung des Ergebnisses der Senatswahl zu verhindern, falls der republikanische Amtsinhaber verliert. In Kalifornien versuchte die Regierung, bereits abgegebene Stimmen von der Auszählung auszunehmen.
Auch wenn Gerichte diese Schritte teilweise zurückgewiesen haben, ist das eine ernste Warnung. Die Regierung setzt staatliche Machtmittel ein, um Wahlverfahren zu beeinflussen und unerwünschte Ergebnisse infrage zu stellen und zu kippen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Trump diese oder jene Wahl gewinnt oder verliert. Sie lautet, weshalb die amerikanische herrschende Klasse immer offener zu diktatorischen Herrschaftsformen übergeht und welche gesellschaftliche Kraft diese Entwicklung stoppen kann.
Der Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus
Dieser Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn wir die internationale Politik betrachten. Faschismus und Krieg in den USA sind keine getrennten Entwicklungen. Sie entspringen derselben historischen Krise. Die USA verfügen über den mächtigsten Militärapparat der Welt, doch ihre wirtschaftliche Vormachtstellung ist untergraben. Die herrschende Klasse versucht, den relativen Niedergang durch militärische Gewalt aufzuhalten.
Seit der Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie vor 35 Jahren führten die USA Krieg gegen den Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Libyen und Syrien. Heute richtet sich dieser Kampf um die globale Vorherrschaft direkt gegen Russland und China.
Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel ihren Angriffskrieg gegen den Iran. Acht Monate später dauert der Konflikt an. Trump droht mit neuen Angriffen unmittelbar nach den Wahlen.
North greift im Buch eine historische Analyse Leo Trotzkis auf. Trotzki warnte bereits 1928, dass die Hegemonie der USA während ihrer Krise noch rücksichtsloser zum Ausdruck kommen werde als in ihrer Aufstiegsperiode. 1934 erklärte er, die Geschichte treibe die Menschheit einem „Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus“ entgegen.
Das Buch zeigt, wie sich diese Prognose heute bestätigt. Seine Charakterisierung der amerikanischen Außenpolitik ist ebenso scharf wie treffend. Ich bringe ein weiteres Zitat aus dem Vorwort von David North:
Trump wendet die Methoden der Mafia aus der Zeit der Alkoholprohibition in den USA auf die Außenpolitik an. Nachdem er von der herrschenden Klasse an die Macht gebracht wurde, stehen ihm nicht bloß die Thompson-Maschinenpistolen eines Al Capone zur Verfügung, sondern das gesamte Arsenal des amerikanischen Imperialismus – die zerstörerischste Militärmacht der Menschheitsgeschichte mitsamt ihrer vielen Tausend Atomsprengköpfe, die die Zivilisation auslöschen könnten. Hier liegt die wesentliche Gefahr der gegenwärtigen Situation: die Methoden eines Gangsters, gestützt auf das Waffenarsenal einer Supermacht, eingesetzt im Dienst einer herrschenden Klasse, die zu keiner rationalen Entscheidung mehr fähig ist. (S. 36)
Diese Analyse erklärt auch die enorme Zuspitzung der Konflikte zwischen den imperialistischen Mächten. Die europäischen Regierungen reagieren nicht mit einer friedlichen Alternative. Sie verfolgen eigene imperialistische Interessen und bereiten sich darauf vor, unabhängig von Washington Krieg führen zu können. Deutschland spielt dabei eine führende Rolle.
Der jüngste EU-Gipfel in Brüssel zeigte: Unter Bedingungen wachsender Spannungen mit Trump wollen die europäischen Mächte den Krieg gegen Russland eskalieren und Europa zur eigenständigen Militärmacht ausbauen.
Hunderte Milliarden Euro fließen in die Aufrüstung, die Bundeswehr soll massiv vergrößert werden. 80 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und dem barbarischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wird Deutschland systematisch auf einen dritten Weltkrieg vorbereitet.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Und genau wie in den USA ist dieser Kurs untrennbar mit massiven sozialen Angriffen und der Stärkung des Staatsapparats verbunden. Während Krankenhäuser schließen und Schulen verfallen, gibt es für Rüstung praktisch keine finanziellen Grenzen. Der Krieg nach außen und der soziale Krieg im Inneren sind zwei Seiten derselben Politik.
Das Erwachen des internationalen Klassenkampfs
Gerade vor diesem Hintergrund erhalten die aktuellen Massenproteste eine enorme Bedeutung. In Frankreich wurden Schülerproteste gegen marode Schulen, Lehrermangel und Kürzungen zu einer breiten Bewegung. Am 17. und 24. Oktober gingen jeweils mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straße. Zunehmend beteiligen sich Arbeiter, Lehrer und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Die Macron-Regierung reagiert mit Polizeigewalt, Massenverhaftungen und Demonstrationsverboten. Zahlreiche Jugendliche wurden schwer verletzt.
Ähnliche Entwicklungen erleben wir in Italien, Griechenland, Spanien und anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland wächst der Widerstand gegen Sozialabbau, Wehrpflicht und die Kriegspolitik. Ich habe bereits die heutigen Massenproteste von Jugendlichen erwähnt.
Immer stärker greift die Arbeiterklasse selbst ein. Der internationale Aktionstag der Hafenarbeiter ist nur ein Beispiel. Die Hafenarbeiter wenden sich gegen die Nutzung ihrer Arbeitsplätze für Kriegstransporte. Zugleich fordern sie höhere Löhne, sichere Arbeitsplätze und öffentliche Investitionen in soziale Bedürfnisse statt in Aufrüstung.
Die internationale Koordination zeigt die objektive Macht der Arbeiterklasse: Häfen, Eisenbahnen, Industrieanlagen und die moderne Infrastruktur funktionieren nur durch die Arbeit von Millionen Menschen, die international miteinander verbunden sind. Darin liegt ein gewaltiges revolutionäres Potenzial.
Millionen Menschen ziehen aus eigenen Erfahrungen politische Schlussfolgerungen. Für Krieg und Aufrüstung gibt es unbegrenzte Mittel, angeblich aber kein Geld für Schulen, Krankenhäuser oder Renten. Regierungen, die von Demokratie sprechen, setzen Polizeigewalt gegen Jugendliche und Arbeiter ein. Diese Probleme sind international; sie entspringen der historischen Krise des Weltkapitalismus.
Die Furcht der Herrschenden zeigt eine Äußerung Trumps vom 20. Oktober. Angesichts der Massenproteste in Frankreich erklärte er, das sei nicht mehr nur ein kleiner Aufruhr oder Protest, sondern eine „full-on revolution“ – eine regelrechte Revolution. Er verband diese Bemerkung unmittelbar mit rassistischer Hetze gegen Einwanderer und der Forderung nach massenhaften Abschiebungen.
Die extreme Rechte, die überall bewusst von oben aufgebaut wird, versucht die Arbeiterklasse national, ethnisch und religiös zu spalten und eine vereinte Bewegung zu verhindern. Doch die herrschende Klasse steckt selbst in einer tiefen Krise. Dieselben Widersprüche, die sie zu Diktatur, Militarismus und Krieg treiben, bringen auf der anderen Seite Millionen Menschen in Bewegung.
Im Vorwort des Buchs schreibt North deshalb, – und das gesamte Buch entwickelt diese Konzeption – dass die Krise nicht nur die Gefahr von Faschismus und Krieg, sondern auch die objektive Möglichkeit einer sozialen Revolution hervorbringt. Die Geschichte verläuft nicht geradlinig in Richtung Reaktion. Die Krise radikalisiert auch die Arbeiterklasse.
Die entscheidende Frage der revolutionären Führung
Aber damit stellt sich eine grundlegende politische Frage: Führt die Krise des Kapitalismus automatisch zum Sozialismus? Nein. Und gerade darin liegt eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des Buchs.
Im Vortrag „Wohin geht Amerika? Oligarchie, Diktatur und die revolutionäre Krise des Kapitalismus“ erklärt North, dass die objektive Krise keinen Sieg über den Kapitalismus garantiert. Je tiefer die Krise, desto gewalttätiger werden die Anstrengungen der herrschenden Klasse, ihr System zu retten.
Die sozialistische Revolution erfordert deshalb das bewusste Eingreifen der Arbeiterklasse in den historischen Prozess. Proteste, Streiks und die Ablehnung einer Regierung reichen nicht aus. Entscheidend ist, welches Programm und welche politische Führung diesen Kämpfen eine bewusste Richtung geben.
Hierin liegt die Bedeutung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.
Die Niederlagen der Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert waren nicht Ausdruck ihrer Unfähigkeit zur sozialistischen Umgestaltung, sondern das Ergebnis des Verrats stalinistischer und sozialdemokratischer Bürokratien und des Fehlens revolutionärer Führung.
Leo Trotzki verteidigte gegen die stalinistische Konzeption vom „Sozialismus in einem Land“ das Programm der sozialistischen Weltrevolution und gründete 1938 die Vierte Internationale. Diese Perspektive gewinnt heute eine außerordentliche Aktualität.
Die Weltwirtschaft ist ein integrierter Produktionsprozess. Ein Smartphone oder ein Auto entsteht durch die gemeinsame Arbeit von Beschäftigten in zahlreichen Ländern. Die herrschenden Klassen unterwerfen diese Produktivkräfte den Interessen rivalisierender Nationalstaaten und privater Eigentümer. Die Folgen sind Wirtschaftskriege und Militarismus.
Derselbe Prozess hat eine internationale Arbeiterklasse geschaffen, größer und enger verbunden als jemals zuvor. Darin besteht die Grundlage für den sozialistischen Internationalismus. Die sozialistische Perspektive ist deshalb keine abstrakte Utopie. Sie gründet sich auf die objektive Entwicklung der Weltwirtschaft und des internationalen Klassenkampfs.
Fortschritte in Wissenschaft und Technologie schaffen die Voraussetzungen, Armut, Hunger und Krankheit zu überwinden. Unter kapitalistischen Bedingungen werden diese Technologien jedoch für Profitmaximierung, Überwachung und Krieg eingesetzt. Das Problem liegt in den Eigentumsverhältnissen, die die gesellschaftliche Produktion der Bereicherung einer Minderheit unterordnen.
Der Sozialismus bedeutet, diese Produktivkräfte unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse zu stellen und sie entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu entwickeln. Doch dazu muss die wachsende objektive Bewegung der Arbeiterklasse mit einem bewussten revolutionären Programm verbunden werden.
Das erfordert den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees in Betrieben, Schulen und Wohnvierteln, die die Kämpfe über Branchen und nationale Grenzen hinweg vereinen. Und es erfordert vor allem den Aufbau einer internationalen revolutionären Partei.
North bringt diese historische Perspektive am Ende seines Vortrags vom November 2025 in einem außerordentlich eindrucksvollen Bild zum Ausdruck. Ich möchte mit diesem längeren Zitat abschließen:
Die Welt, in der wir leben, gleicht einem schlummernden Vulkan, an dessen Hängen die Zivilisation ihre Monumente errichtet, ihre Institutionen gründet und ihr tägliches Leben organisiert. Für einige Zeit erscheint der Vulkan inaktiv. Doch unter der Oberfläche baut sich ein gewaltiger Druck auf. Das Magma steigt. Die Erschütterungen nehmen zu. Und schließlich kommt es zur Eruption von katastrophaler Wucht, die die Landschaft vollständig verwandelt.
Die Metapher des Vulkans erfasst nicht nur die zerstörerische, sondern auch die schöpferische Energie dieses Prozesses. Ein Vulkanausbruch zerstört das alte Terrain, schafft aber zugleich neues Land.
Der Ausbruch des Klassenkampfs in den Vereinigten Staaten wird die verrotteten Strukturen des Kapitalismus zerstören, aber auch die Möglichkeiten für eine neue Welt eröffnen. Aus den Tiefen gesellschaftlicher Unterdrückung wird eine Kraft hervorkommen, größer als jede Armee oder jedes Unternehmen: die kollektive Macht einer Klasse, die allen Reichtum produziert und doch nichts besitzt. Wenn diese Kraft bewusst handelt, geleitet vom wissenschaftlichen Sozialismus und der Analyse der objektiven Realität, wird sie die nationalen und ethnischen Grenzen hinwegfegen und die Menschheit in einem gemeinsamen Kampf für ihre Befreiung vereinen. (S. 370)
Diese Passage bringt die Perspektive des Buchs auf den Punkt. Wir befinden uns an einem historischen Wendepunkt.
Die USA zeigen den Zerfall der bürgerlichen Demokratie, der sich auch hier entwickelt; die Kriegseskalation zeigt die drohende Gefahr eines vernichtenden dritten Weltkriegs zwischen Atommächten. Aber die Massenbewegungen in ganz Europa und international, die Streiks der Arbeiter und die Radikalisierung der Jugend zeigen zugleich, dass sich eine gewaltige gesellschaftliche Gegenkraft entwickelt.
Die zentrale Frage ist, ob diese objektive Bewegung mit sozialistischem Bewusstsein und einer revolutionären Führung verbunden werden kann. Das Buch vermittelt dafür eine historische Methode, ein Programm und eine Perspektive.
Ich möchte deshalb alle ermutigen, das Buch zu lesen, es zu diskutieren und sich mit den darin entwickelten politischen Schlussfolgerungen auseinanderzusetzen.
Die Alternative Faschismus oder Sozialismus wird nicht durch parlamentarische Manöver oder die Entscheidungen einzelner Politiker beantwortet. Sie wird im internationalen Klassenkampf entschieden.
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