Nachdem am vergangenen Samstag mehr als 120.000 Jugendliche in über 30 Städten gegen die Zerstörung des Bildungswesens, explodierende Lebenshaltungskosten, soziale Ungleichheit, Aufrüstung und die Wiedereinführung der Wehrpflicht demonstriert hatten, streikten am Montag Zehntausende Metallarbeiter in mehr als 2000 Betrieben.
Die IG Metall hat mit Wochenbeginn zu einer ersten Warnstreikwelle in der laufenden Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie aufgerufen. Insgesamt arbeiten in der Branche, die u.a. die Rüstungs-, Maschinenbau-, Auto- und Zulieferindustrie umfasst, rund 3,7 Millionen Menschen. Darin nicht eingerechnet sind die 130.000 Beschäftigten von Volkswagen in Deutschland. Hier führt die IG Metall parallel gesonderte Verhandlungen über einen neuen Haustarif.
Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie haben in der zweiten Verhandlungsrunde Lohnsenkungen gefordert und Arbeitsplatzabbau angedroht. Daraufhin sah sich die IG Metall zu Warnstreiks gezwungen. Viele Arbeiter beteiligten sich an befristeten Streiks und Protestaktionen, unter anderem bei Audi, Liebherr, Mercedes, Miele, Philips, Rolls-Royce, Schaeffler, ZF und Siemens. Allein in Nordrhein-Westfalen waren es über 16.000 in 235 Betrieben.
Die Belegschaften sind stark mobilisiert. In vielen Betrieben wird darüber diskutiert, dass der Tarifkampf zum Auftakt für einen unbefristeten Streik gegen den massiven Arbeitsplatzabbau und gegen die ständigen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen gemacht werden müsse. Außerdem sind die Beschäftigten von denselben Problemen betroffen, die Millionen Jugendliche in Europa zu Protestaktionen auf die Straße treiben: unbezahlbare Spritpreise, Mieterhöhungen, dramatische Kriegsaufrüstung finanziert durch umfassende Sozialkürzungen. Laut einer Forsa-Umfrage unterstützen 83 Prozent der Bevölkerung die Jugendproteste.
Doch die IG Metall-Führung versucht krampfhaft zu verhindern, dass der Funke der Jugendrebellion auf die Arbeiterklasse überspringt. Sie will die Warnstreiks auf die unmittelbaren Tariffragen beschränken und arbeitet eng mit den Konzernvorständen zusammen, um einen Flächenbrand zu verhindern. Gemeinsam verfolgen Unternehmen und Gewerkschaftsführung das Ziel, die Kosten der Konzerne auf dem Rücken der Belegschaften zu senken.
Das zeigt ein Interview, das Bertram Brossardt, der Chef des bayerischen Metall-Arbeitgeberverbands, der Süddeutschen Zeitung gegeben hat. Brossardt fordert ein „Belastungsmoratorium“. Gemeint sind Reallohnsenkungen und die Ausweitung der „automatischen Differenzierung“, der Möglichkeit, bei einer Umsatzrendite unter 2,3 Prozent Lohnerhöhungen und Sonderzahlungen einfach zu streichen. Die wöchentliche Arbeitszeit soll um drei Stunden auf 38 Stunden erhöht werden.
Zusätzlich fordert Brossardt eine tarifliche Verpflichtung zu Gesprächen über die Senkung der Krankenstände und über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die hohen Krankenstände in Deutschland seien ein Kostenproblem, das „dauerhaft reduziert“ werden müsse. Dahinter steht der Angriff auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auf die Arbeitsbedingungen insgesamt. Den Beschäftigten in Krisenbetrieben, so Brossardt, sei „eine Atempause zumutbar“, sie seien „am Ende ja auch froh, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten“.
Entsprechend ungeniert war das Angebot der Unternehmen in der zweiten Verhandlungsrunde mit der IG Metall. Sie bieten eine Einmalzahlung von 1 Prozent des Jahresbruttos (555 bis rund 800 Euro) Mitte 2027 an. Die soll „differenzierbar“ sein, also vielen nicht ausgezahlt werden. Die Monatsentgelte sollen nur um 1,3 Prozent erhöht werden und zwar zum 1. Juli 2028 – in 21 Monaten. Die Laufzeit des Vertrags soll fünf Monate später enden.
Die IG Metall hat diese dreiste Haltung mit ihrer niedrigen Forderung nach 5 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von 12 Monaten regelrecht provoziert. Wie wir zum Auftakt der Tarifrunde schrieben, ist die Gewerkschaft bereit, massive Reallohnsenkungen zu vereinbaren.
Die IGM-Verhandlungsführerin Nadine Boguslawski argumentiert ähnlich wie Brossardt. Der Auftragsbestand in zwei Dritteln der Unternehmen sei „gut oder sehr gut“, bei einem Drittel – „insbesondere in der Autoindustrie oder im Maschinenbau“ – dagegen schlecht. Dem wolle die IG Metall „gerecht“ werden.
Die IG Metall hatte einen „moderaten Abschluss“ – sprich: eine Lohn-Minusrunde – schon im Vorfeld angeboten und dafür eine „Gewinnbeteiligung“ in gut laufenden Unternehmen gefordert. Daniel Friedrich, Chef des IGM-Bezirks Küste erklärte: „Für manche Beschäftigte steht es im Vordergrund, den Arbeitsplatz zu sichern.“ Damit hatte die IG Metall bereits die Argumentation der Unternehmen übernommen und das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ auf den Kopf gestellt. Sie spaltet die Beschäftigten in den „Boombetrieben“ – in der Rüstungs-, Luft- und Raumfahrt- und Energietechnikindustrie – von den Auto- und Maschinenbauarbeitern, um letztere massiv anzugreifen.
Brossardts selbstbewusste Arroganz hat einen Grund, der über die aktuelle Tarifrunde hinausreicht. Der bayerische Arbeitgeberchef weiß genau, dass er es bei der IG Metall nicht mit einer Arbeiterorganisation zu tun hat, sondern mit einem Apparat, der zum verlängerten Arm der Konzerne geworden ist – und der von den Unternehmen finanziell abhängig ist. Genau das hat er der Gewerkschaft bereits im Juni, im Vorfeld der Tarifverhandlungen, unmissverständlich klargemacht.
Am 16. Juni kritisierten Brossardt und der Arbeitsrechtsprofessor Richard Giesen von der LMU München auf einer Veranstaltung die von der IG Metall forcierten Bonusregelungen für Gewerkschaftsmitglieder. Es sei nicht Aufgabe der Unternehmerseite, „mittelbar durch einen Bonus Mitglieder für eine Gewerkschaft zu gewinnen“, erklärte Brossardt. Die Botschaft: Die Konzerne finanzieren den Gewerkschaftsapparat – und können diese Finanzierung auch einstellen.
Die Regelungen gewähren IGM-Mitgliedern auf betrieblicher Ebene zusätzliche Boni, die Nicht-Mitgliedern nicht zustehen – Einmalzahlungen, freie Tage, Sachleistungen, Erholungsbeihilfen, zusätzliche Abfindungen usw. Bei VW beginnt ein ab 2027 vereinbarter Mitgliederbonus bei 254 Euro jährlich und steigt bis 2030 auf 1271 Euro. Bei Audi gibt es in diesem Jahr 500 Euro mehr, 2029 schon 1.250 Euro. Bei Mahle in Neustadt an der Donau verlieren 400 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. IGM-Mitglieder erhalten als Belohnung dafür, dass die Gewerkschaft die Werksschließung geregelt hat, zusätzlich zu den Abfindungen insgesamt weitere 3,25 Millionen Euro.
Der Mechanismus ist durchsichtig. Der Gewerkschaftsbeitrag liegt bei 1 Prozent des Bruttos, also je nach Qualifizierung zwischen 300 und 600 Euro im Jahr. Viele, die aus Opposition oder Kostengründen erwägen, die IG Metall zu verlassen, rechnen nach: Ist der Bonus höher, bleibt man in der Gewerkschaft – oder tritt wieder ein. Im Grunde zahlen die Konzerne mit den Boni die Mitgliedsbeiträge der Gewerkschaft, weil andernfalls noch mehr Beschäftigte der IG Metall den Rücken kehren würden.
Die nach wie vor größte Einzelgewerkschaft der Welt, die seit 1990 mehr als 660.000 Mitglieder verloren hat, benötigt diese Mitglieder zur Finanzierung ihres gewaltigen Funktionärsapparats. Die IG Metall bezieht 600 Millionen Euro im Jahr aus Mitgliedsbeiträgen, wovon die Hälfte in ihren Funktionärsapparat fließt. Da sie nicht streikt, besitzt sie inzwischen ein geschätztes Vermögen von 4 bis 5 Milliarden Euro – genährt aus Mitgliedsbeiträgen, Immobilien- und Finanzmarkttransaktionen und nicht zuletzt aus den Konzernbeiträgen.
Vor diesem Hintergrund sind Brossardts Kampfansage an die Beschäftigten im SZ-Interview und sein Wink an die IG Metall, die Unternehmen könnten die Sonderboni für Gewerkschaftsmitglieder streichen, zu verstehen. Die Konzerne stützen sich auf die IG Metall und ihren Apparat, die in der Vergangenheit im Interesse der Aktionäre und Konzerneigentümer gehandelt haben und das auch in Zukunft tun werden.
So antwortet Brossardt auf die Frage, warum die Beschäftigten für die Managementfehler der Autoindustrie – Dieselskandal, verschlafene E-Mobilität, falsche Modelle – bluten sollen: „Es wäre arrogant, von Managementfehlern zu reden.“ Denn: „Die Gewerkschafter sitzen in allen Aufsichtsräten, die hätten ja versuchen können, es anders zu gestalten.“
Das ist der Kern des Problems. Die IG-Metall-Funktionäre sitzen in allen Aufsichtsräten und haben den Stellenabbau bei VW, Mercedes, Bosch, ZF, Schaeffler und vielen weiteren Unternehmen mitbeschlossen. Sie unterstützen die Umstellung der zivilen Wirtschaft auf Kriegsproduktion, etwa bei VW in Osnabrück und Alstom in Görlitz, und fordern protektionistische Maßnahmen im Interesse deutscher und europäischer Konzerne.
Beim Autozulieferer Schaeffler haben sie nun – inmitten der Tarifverhandlungen – dem Abbau von weiteren 3460 Stellen in Europa zugestimmt, davon 2660 in Deutschland. Einschließlich früher beschlossener Programme baut Schaeffler damit rund 18 Prozent seiner deutschen Arbeitsplätze ab. Gleichzeitig sind für die verbleibenden Beschäftigten Lohnsenkungen vereinbart worden, die die IG Metall beschönigend als „Solidaritätsbeitrag“ bezeichnet, ohne den „der Stellenabbau nochmals größer ausgefallen“ wäre.
Der Schaeffler-Konzern spart dadurch ab 2030 jährlich 300 Millionen Euro ein, die in die Kassen der Eigentümer fließen. Denn eins ist bei allen Unternehmen, egal wie schlecht es ihnen geht, immer selbstverständlich: Die Vergütungen der Vorstände und die Dividenden der Aktionäre haben absoluten Vorrang vor den Löhnen und Arbeitsplätzen der Beschäftigten.
Deshalb kann Brossardt so ungeniert auftreten. Er weiß, dass der Gewerkschaftsapparat auf Seiten der Konzerne steht – die ihn in der Hand haben, weil er von ihnen bezahlt wird.
In der Tarifrunde versucht die Gewerkschaftsführung, die Warnstreiks auf ein Minimum zu beschränken und als Ventil zu nutzen, um die Wut der Beschäftigten zu kanalisieren und zu kontrollieren. Die IG Metall will „zügig weiterverhandeln“, die dritte Runde startet am heutigen Donnerstag im Tarifgebiet Baden-Württemberg und wird am Freitag in anderen Bezirken weitergeführt. Das Ziel ist ein schneller „Pilotabschluss“, der dann auf alle 15 Tarifgebiete übertragen wird.
Die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie stehen vor einer grundlegenden Entscheidung. Die IGM-Führung vertritt nicht ihre Interessen. Dieser Apparat ist den Belegschaften feindlich gesinnt. Er kann nicht „von innen“ unter Druck gesetzt oder „nach links gedrängt“ oder „reformiert“ werden. Die Funktionäre sind politisch, finanziell und nicht selten persönlich eng mit den obersten Konzernetagen und Aktionärsvertretern verbandelt und vertreten denselben profitorientierten Standpunt wie diese.
Deshalb müssen unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden, die von den Arbeitern selbst gewählt, der Belegschaft gegenüber rechenschaftspflichtig und frei von hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionären und Betriebsratsbaronen sind. Diese Komitees müssen die Warnstreiks in einen wirklichen Kampf verwandeln – für die volle Kompensation der Inflation, gegen jede Form der „Differenzierung“, gegen den Stellenabbau und gegen die Verlängerung der Arbeitszeit.
Die Arbeiter der Metall- und Elektroindustrie haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie kampfbereit sind. Was ihnen fehlt, ist eine Führung, die diesen Kampf nicht verrät. Alle, die ernsthaft ihre Arbeitsplätze und Löhne verteidigen wollen, sollten uns daher kontaktieren. Füllt das Formular aus oder schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.
Mehr lesen
- Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie: Reallohnsenkung und Fortsetzung des Arbeitsplatzmassakers
- Aktionstag der IG Metall: Durchbrecht die Kontrolle des IG Metall-Apparats! Organisiert Kampfmaßnahmen an allen Standorten! Baut Aktionskomitees zur Verteidigung aller Arbeitsplätze auf!
- VW – Der große Verrat
