Am 25. Oktober wurde in Essen (NRW) ein Gleisarbeiter von einem ICE erfasst und getötet. Auch sein Arbeitskollege wurde schwer verletzt. Es ist das jüngste Glied in einer langen, blutigen Kette von Arbeitsunfällen bei der Deutschen Bahn.
In dieser Sonntagnacht war‘s schon weit nach 23 Uhr, als die sechsköpfige Gruppe von Gleisarbeitern noch immer auf dem Rückweg von der Arbeit war. Ihre Aufgabe war es, die Gleise von Buschwerk freizuhalten, und offenbar kennen ihre Auftraggeber weder Wochenend- noch Nachtruhe. Die Arbeiter, zweifellos müde und erschöpft, gingen im Essener Stadtteil Katernberg an den Gleisen entlang und kamen zu der Stelle, wo die Bahn eine Straße überquert und die Seitenstreifen schmal sind.
Ein ICE kam in vollem Tempo angerauscht, und zwei junge Arbeiter wurden vom Zug erfasst: Ein 39-Jähriger starb noch an der Unfallstelle, sein 28-jähriger Kollege wurde schwer verletzt. Mit einer Drehleiter der Feuerwehr holte man ihn aus dem Gleisbereich und brachte ihn in eine Spezialklinik. Auch der Lokführer des ICE, der einen schweren Schock erlitt, benötigte psychische Betreuung.
Von dem getöteten Arbeiter ist kein Bild und kein öffentlicher Nachruf bekannt. Die dürren Sätze aus dem Polizeibericht sind alles, was die Öffentlichkeit erfährt. Offen bleiben auch die Fragen, ob der Schwerverletzte es geschafft hat, wie es ihm geht und auch was aus dem Lokführer wird, der die Katastrophe nicht verhindern konnte. Noch weniger erfährt man über die genauen Umstände, die zu dem entsetzlichen Unfall geführt haben, und ob etwas unternommen wird, um sie künftig zu verhindern. Die Kriminalpolizei ermittelt, ob „die Regeln eingehalten“ wurden.
Der grausige Bahnunfall ist kein Einzelfall. Zwar erlauben die öffentlichen Quellen es kaum, sich ein vollständiges Bild über alle Unfälle der letzten Zeit zu machen, da vieles vertuscht, verschwiegen und verharmlost wird. Dabei führen die schwierigen Bedingungen fast täglich zu riskanten und hochgefährlichen Situationen. Hier nur einige der tödlichen und schweren Bahnunfälle, die allein in diesem Jahr der Tragödie von Essen-Katernberg vorangingen:
- Am 16. Januar 2026 kollidierte in Hamburg Wilhelmsburg eine Rangierlok der DB Cargo mit einem Linienbus – ein Toter, zehn Verletzte waren die Folge.
- Am 11. März 2026 kollidierten im Bahnhof von Bayreuth zwei Regio-Shuttle von Agilis – beide Triebfahrzeugführer wurden schwer verletzt, insgesamt gab es acht Verletzte.
- Am 2. September 2026 verunglückte bei Gleisarbeiten im Kreis Salzwedel ein 41-jähriger Bahnarbeiter tödlich; ein 54-Jähriger wurde schwer verletzt.
- Und am 7. Oktober wurde am Bahnhof Göttingen ein Arbeiter durch einen starken Stromschlag schwer verletzt. Er war der Oberleitung zu nahe gekommen und wird seither in einer Spezialklinik behandelt.
Besonders der Bahnunfall vom 2. September weist Ähnlichkeiten mit demjenigen in Essen-Katernberg auf und wirft ein Licht auf die mörderischen Arbeitsbedingungen: In dieser Dienstagnacht gegen 23 Uhr riss ein Güterzug einen Bagger mit sich, der zu Gleisbauarbeiten diente, und schleuderte ihn gegen zwei Bahnarbeiter, die sich um diese späte Zeit noch auf den Gleisen befanden.
Seit Jahren dokumentiert die WSWS die atemberaubende Häufung schwerer und tödlicher Arbeitsunfälle bei der Bahn. Allein im letzten Jahr 2025 gab es mindestens zwölf tödliche Arbeitsunfälle – darunter vier Tote in nur vier Wochen im Frühjahr und der zweifache Todesfall auf dem Güterbahnhof Köln-Eifeltor, als ein 83-jähriger und ein 64-jähriger Arbeiter von einer umkippenden Hebebühne erschlagen wurden.
Europaweit kommt es zu großen Katastrophen: So die Bahnhavarie von Tempi (Griechenland) im Februar 2023 mit 47 Toten, das schwere Unglück von Adamuz (Spanien) im Januar 2026 mit 46 Toten, und zuletzt die Bahnkatastrophe von Urda (Spanien) am 28. Oktober 2026 mit mindestens 69 Toten, nur drei Tage nach dem tödlichen Bahnunfall in Essen-Katernberg.
Diese Katastrophen sind keineswegs unvermeidlich. Vor allem sind sie nicht, wie Regierungen und Medien stereotyp behaupten, das Resultat von schierem „menschlichen Versagen“. Vielmehr offenbaren sie auf drastische Weise grundlegende Probleme der kapitalistischen Gesellschaft: Es sind die Folgen des Zusammenbruchs jeder sicheren und zuverlässigen Infrastruktur, verursacht durch die Profitlogik, die Akzeptanz krasser sozialer Ungleichheit und die Hinwendung der Regierungen zu Militarismus und Krieg.
Die Mär vom „menschlichen Versagen“: der Fall von Lokführer Jonas
Ein krasses Beispiel, wie die herrschende Klasse die Verantwortung auf die Opfer abwälzt, zeigt sich in einer jüngsten Entscheidung der Staatsanwaltschaft Paderborn: Sie hat die Ermittlungen zu einem weiteren schlimmen Unfall mit dem Hinweis auf „menschliches Versagen“ des Todesopfers eingestellt. Mit andern Worten: der getötete Lokführer war selbst verantwortlich und somit an seinem Tod allein schuld.
Es handelt sich um das Zugunglück vom 10. September 2023 in Geseke (Nahe Paderborn), bei dem der junge Lokführer Jonas (32) getötet wurde. Er war mit einem Güterzug, vom Zementwerk kommend, in Richtung der Hauptstrecke Paderborn-Soest unterwegs, als das Bremswerk versagte und die Lokomotive Feuer fing. Der Zug entgleiste, die Lok stellte sich quer, und mehrere schwer beladene Waggons verkeilten sich ineinander. Jonas, der unter einen tonnenschweren Kesselwagen geriet, verstarb an Ort und Stelle.
Drei Jahre später haben die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) ihren Bericht vorgelegt und die Staatsanwaltschaft Paderborn die Ermittlungen eingestellt. Sie kommen zum Schluss, dass der Lokführer „zwei gravierende Fehler“ gemacht habe. Er habe zu viele Wagen voller Zement gleichzeitig befördert; zweitens habe er die Bremsen nicht vor der Fahrt, sondern mitten auf der abschüssigen Strecke kontrolliert. Als Motiv vermuten die Autoren: Er habe „Zeit sparen“ wollen. Außer dem Lokführer konnte die Staatsanwaltschaft kein „unmittelbar kausales Fehlverhalten“ feststellen.
Aus dem Bericht der BEU geht hervor, dass der Lokführer, der hauptberuflich für die DB Regio arbeitete, nebenher für eine Leiharbeitsfirma (CK Logistik GmbH) tätig war, für die er am Unglückstag, einem Sonntag, eine fast elfstündige Schicht (von 9:35 Uhr bis 20:15 Uhr) zu leisten hatte.
Am selben Sonntag sollte um 20:16 Uhr, an einer 43 Kilometer entfernten Dienststelle, für ihn eine Nachtschicht bei der DB Regio beginnen! Kein Wunder, dass er „Zeit sparen“ wollte, abgesehen davon, dass er weder Sonntagsruhe noch sonstige Pausen- und Ruhezeiten hatte. Eigenmächtige Abweichungen, um „Zeit zu sparen“, waren offenbar an der Tagesordnung, und weder die verschiedenen Bahnunternehmen, noch irgendwelche Betriebsräte oder Gewerkschafsfunktionäre schlugen Alarm. Das geht aus einem zitierten Telefonat hervor, bei dem der Fahrdienstleiter Jonas‘ Ankündigung, mit dem Zement statt vier Mal nur zwei Mal zu fahren, mit lachender Zustimmung quittierte.
Auch war die eingesetzte Lok eine viel zu schwache dreiachsige Maschine aus dem Jahr 1965. Das Ganze ist kapitalistische Logik in Reinkultur: Ein Arbeiter wird durch die miserable Entlohnung zu Leiharbeit und Doppelbeschäftigung gezwungen, in völlig unmögliche Dienstpläne eingezwängt und mit einer unzureichenden, 60 Jahre alten Lokomotive auf eine abschüssige Strecke geschickt.
Während die Eisenbahnunternehmen, die ihn in diese Lage gebracht haben, straffrei ausgehen, wird er posthum zum Schuldigen erklärt. Dabei hatte Jonas noch alles Menschenmögliche versucht. Wie die Eisenbahnerkollegen auf einer FB-Seite damals schrieben, befand er sich zwischen zwei Waggons, um die Hauptleitung zu lüften und eine Notbremsung einzuleiten, und er setzte einen Telefonruf ab, um die Strecke zu sperren: „Jonas hat sein Leben dafür gelassen, um den Zug zum Stoppen zu bringen! Er versuchte, ohne groß nachzudenken, weiteres Leben zu schützen: Er hat sich selbst geopfert.“
Unabhängige Aktionskomitees sind notwendig
Von den Eisenbahngewerkschaften EVG und GDL sind (wenn überhaupt) höchstens dürftige Beileidsworte zu hören, aber nicht über die Rahmenbedingungen, die sie akzeptieren. Nach dem grausigen Unfall in Essen-Katernberg publizierte die GDL drei Absätze über den Unfall, von dem sie „mit großer Bestürzung“ gehört habe: „Die Eisenbahnerfamilie trauert gemeinsam.“ Von der EVG ist im Netz nicht einmal so viel zu finden. In Wirklichkeit sind GDL und EVG für die Unfälle mitverantwortlich. Immer wieder haben sie die verlangten Sparmaßnahmen, Reallohnsenkungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen akzeptiert und den Kampf dagegen systematisch ausverkauft.
Um die nötigen Konsequenzen aus den gehäuften Arbeitsunfällen bei der Bahn zu ziehen, ist es notwendig, mit diesen bankrotten Apparaten zu brechen und unabhängige Aktionskomitees aufzubauen. Die WSWS und die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) schlagen die Einrichtung unabhängiger, demokratisch von den Kollegen geführter Gremien vor, um die Unfälle zu untersuchen, Konsequenzen daraus zu ziehen und sie praktisch durchzusetzen. Die Arbeiter kennen den Arbeitsprozess und seine Gefahren am besten. Sie müssen die Untersuchung der Unfälle selbst in die Hand nehmen und den Kampf gegen Management, Behörden und Gewerkschaften aufnehmen. Nur so lassen sich künftige Todesfälle verhindern und die Lebensbedingungen der Eisenbahner und ihrer Familien grundlegend verbessern.
Sowohl die Unfälle als auch die unmöglichen Bedingungen bei der Bahn sind ein globales Phänomen. Notwendig ist die internationale Zusammenarbeit der Arbeiterklasse, um den Kampf über Landesgrenzen hinweg gemeinsam zu führen. Die WSWS und die IWA-RFC bieten ihre Hilfe und Kontakt zu Gleichgesinnten an, bei garantiertem Schutz für Whistleblower (Siehe untenstehendes Formular).
