Buchbesprechung: Der Vernichtungskrieg der Nazis gegen die Sowjetunion

Von Clara Weiss
20. Januar 2015

“Nazi Policy on the Eastern Front, 1941: Total War, Genocide, and Radicalization”, Hrsg. von Alex J. Kay, Jeff Rutherford, David Stahel, Rochester University Press 2012, 359 Seiten

Der akademische Verlag Rochester University Press hat im Jahr 2012 einen wichtigen Band zur Politik der Nazis in den besetzten Gebieten der Sowjetunion im Jahr 1941 veröffentlicht. Die elf Essays behandeln unterschiedliche Aspekte des Vernichtungskriegs der Nazis gegen die Sowjetunion, der als brutalster Krieg, der je geführt wurde, in die Geschichte eingegangen ist. Das Material, das in dem Band präsentiert wird, ist wichtig, um den historischen Hintergrund der heutigen kriminellen Politik des amerikanischen und deutschen Imperialismus in der Ukraine und Osteuropa zu verstehen.

Russland soll unwiderruflich auf das Niveau einer Bauernnation herabgesetzt werden.“

Dem Krieg der Nazis gegen die Sowjetunion lagen zwei wesentliche, miteinander zusammenhängende Motive zugrunde. Erstens war das Unternehmen Barbarossa (der nationalsozialistischer Deckname für den Vernichtungskrieg) ein konterrevolutionärer Krieg, durch den die Sowjetunion zerschlagen, ihre Republiken auf den Status von Kolonien des Dritten Reiches reduziert und alle sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Oktoberrevolution zunichte gemacht werden sollten. Trotz der Degeneration der Sowjetunion unter der politischen Herrschaft der stalinistischen Bürokratie waren viele dieser Errungenschaften zumindest teilweise erhalten worden und beflügelten weiterhin Arbeiter auf der ganzen Welt.

Wie ein SS-Oberführer im Frühjahr 1941 erklärte: „In Russland sollen alle Städte und Kulturstätten samt dem Kreml dem Erdboden gleichgemacht und das Land unwiderruflich auf das Niveau einer Bauernnation herabgesetzt werden.“ (S. 122 [1])

Zweitens war die Kontrolle über die umfangreichen Rohstoffressourcen der Sowjetunion, die Landwirtschaft aber auch das Öl (vor allem im heutigen Aserbaidschan), für die Nazis notwendig, um den Krieg gegen die USA zu führen, den größten imperialistischen Rivalen Nazi-Deutschlands im Kampf um die Weltherrschaft. Diese beiden Triebkräfte werden in dem Buch zwar nicht marxistisch erklärt, aber an mehreren Stellen angesprochen. Besonders die Aufsätze zur Hungerpolitik zeigen, wie diese beiden Aspekte zusammenhingen.

So schreibt der deutsche Historiker Adrian Wettstein: „Die Hungerstrategie war Teil des Vernichtungskriegs und hatte das Aushungern von bis zu dreißig Millionen Sowjets in den Waldregionen Weißrusslands und Nordrusslands sowie in den Städten zum Ziel. Im Ergebnis sollte sie die Einwohner Kontinentaleuropas mit Nahrungsmitteln versorgen, die sonst aus Übersee hätten importiert werden müssen. Auf diese Weise sollte Kontinentaleuropa – in anderen Worten, das von Deutschland besetzte Europa – gegen eine Seeblockade abwehrfähig gemacht und die deutsche Einflusssphäre auf die sich abzeichnende Konfrontation mit den angelsächsischen Mächten vorbereitet werden.“ (S. 62)

Der Generalplan Ost (die Militärstrategie, die als Grundlage für das Unternehmen Barbarossa diente) sah vor, dass 30 Millionen Menschen in West- und Nordwestrussland dem Hungertod preisgegeben werden. Durch diese Politik sollten nicht nur die für die Fortsetzung des Krieges notwendige Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt, sondern auch „Lebensraum“ für die Expansion des Nazi-Reiches geschaffen werden.

Das Vorrücken der Wehrmacht an der Ostfront im Jahr 1941, CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ein Essay von Alex J. Kay, dem Autor einer umfassenden Studie über den Generalplan Ost, macht deutlich, dass die Nazi-Politik in erster Linie gegen die sowjetische Arbeiterklasse gerichtet war. So schreibt er: „Ob Zufall oder nicht, aber die Zahl 30 Millionen entsprach genau dem Wachstum der sowjetischen Bevölkerung in den Städten zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939. Laut den Wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 23. Mai [1941], würde ‚insbesondere die Bevölkerung der Städte … der größten Hungersnot ausgesetzt sein‘.“ (S. 112)

Der Ukraine kam in dieser Strategie eine zentrale Rolle zu. Herbert Backe, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft (RMEL) und einer der Hauptplaner des Unternehmens Barbarossa, bezeichnete die Ukraine als „Überschuss“-Gebiet, weil sie Getreide in andere Republiken der UdSSR – allen voran die RSFSR (entspricht größtenteils dem heutigen Russland) – lieferte.

Herbert Backe, Bundesarchiv, Bild 183-J02034 / CC-BY-SA (http://creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/)

Nachdem sie im Sommer 1941 von der Wehrmacht überrannt worden war, sollte die besetzte Ukraine ausschließlich für das Dritte Reich produzieren und vom Rest der Sowjetunion abgeschnitten werden. Millionen von Menschen blieben so ohne die notwendigen Getreidelieferungen. Außerdem galt die Ukraine als strategisch entscheidend, da sie ein wichtiger Kohleproduzent (vor allem im Donezk Becken) und hoch industrialisiert war, und eine Brücke zur Region ums Schwarze Meer darstellte.

Ein Beitrag von Jeff Rutherford konzentriert sich auf die Hungerpolitik in Pawlowsk, einem Vorort von Leningrad, das vom Herbst 1941 bis Anfang 1944 900 Tage lang von den Nazis belagert wurde. Abgeschnitten von den Getreidelieferungen aus der Ukraine sowie Zulieferungen aus dem Umland, waren die Einwohner schon sehr bald dramatischem Hunger ausgesetzt.

Es gab immer wieder Fälle, in denen Wehrmachtssoldaten, die in der besetzten Stadt lebten, der hungernden Bevölkerung halfen. Die Wehrmachtsführung lehnte jedoch jedes Aufweichen der Hungerpolitik strikt ab. So hieß es im berüchtigten „Reichenau-Befehl“ vom 10. Oktober 1941, benannt nach dem Generalfeldmarschall Walther von Reichenau: „Was die Heimat unter großer Entsagung entbehrt, was die Führung unter größten Schwierigkeiten nach vorne bringt, hat nicht der Soldat an den Feind zu verschenken, auch nicht, wenn es aus der Beute stammt. Sie ist ein notwendiger Teil unserer Versorgung.“ [2]

Als der Widerstand der Roten Armee gegen Ende des Jahres 1941 zunahm und die deutsche Wehrmacht nicht zu neuem fruchtbaren Boden vorstoßen konnte, wurde die Beschlagnahmung von Nahrungsmitteln von der Bevölkerung in besetzten Städten wie Pawlowsk immer brutaler.

Von den 11.000 Einwohnern, die 1939 in der Stadt lebten, starben 6.000 während der deutschen Besatzung am Hunger und seinen Folgen. Rutherford schreibt, dass das Schicksal von Pawlowsk „symptomatisch für das allgemeine Elend war, das mit der deutschen Besatzung einherging“. (S. 146)

Zusätzlich zu den Millionen Zivilisten starben rund 3,3 Millionen von insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in der Haft, die meisten von ihnen verhungerten. Von diesen 3,3 Millionen kamen 2 Millionen bereits in den ersten sieben Monaten des Krieges um, vor Anfang Februar 1942.

Die Hungerpolitik hing mit der systematischen Zerstörung der sowjetischen Städte zusammen. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion nahm die Kriegsführung in den Städten im Zweiten Weltkrieg ganz neue Dimensionen an. In Westeuropa war während des Krieges nur eine Stadt, nämlich Rotterdam im Mai 1940, einer Belagerung durch die Nazis ausgesetzt. In Osteuropa waren hingegen die Kriegsführung in den Städten und die Belagerung von Städten, die meist auf das systematische Aushungern der Bevölkerung abzielte, ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Krieges.

Die erste osteuropäische Stadt, die Schauplatz der Städtekriegsführung der Nazis wurde, war Warschau. Nach der Nazi-Invasion in Polen am 1. September 1939 stieß die Wehrmacht hier auf unerwartet heftigen Widerstand. Doch selbst im Vergleich zur brutalen Belagerung von Warschau und Rotterdam war die Kriegsführung der Nazis in den Städten der Sowjetunion außerordentlich grausam. Es gab keinerlei Anweisungen, die dazu anmahnten, wenigstens allzu exzessive Gewalt gegen Zivilisten zu vermeiden.

Der Beitrag des Historikers Adrian Wettstein, der die Schlacht um Dnjepropetrowsk behandelt, ist in dieser Hinsicht bedeutsam. Bisher gab es zu dieser Schlacht kaum Forschungsarbeiten, obwohl sie ein wichtiger Wendepunkt im Ostkrieg war.

Mit einer Bevölkerung von rund 500.000 im Jahr 1939 (gegenüber 100.000 in den 1920er Jahren), war die Stadt ein wichtiger strategischer Drehpunkt. Die Wehrmacht brauchte wesentlich länger als geplant, um den Widerstand der Roten Armee zu brechen und die Stadt zu erobern.

In dem Monat, um den der deutsche Vormarsch so verzögert wurde, unternahm die Sowjetregierung wichtige Schritte zur Mobilisierung der Roten Armee und der für die Verteidigung notwendigen wirtschaftlichen Ressourcen. Dennoch wurde die Stadt Dnjepropetrowsk am Ende vollkommen zerstört. Wie Wettstein anmerkt, kam es bei der Schlacht „zu einer der stärksten Konzentrationen von Artilleriefeuer während dem gesamten Unternehmen Barbarossa“. (S. 56 )

Ein krimineller Krieg vom Anfang bis zum Ende

Mehrere Aufsätze in dem Buch befassen sich mit den Vorbereitungen für das Unternehmen Barbarossa. Sie fassen zwar nur einige der wichtigsten Fakten zusammen, doch selbst diese reichen aus, um revisionistische Theorien, die die Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion als „Reaktion“ auf die Gewalt der Russischen Revolution darstellen, vollkommen zu widerlegen.

Der wohl bekannteste Vertreter dieser revisionistischen Schule ist der deutsche Historiker Ernst Nolte, der in den 1980er Jahren argumentierte, Auschwitz sei „die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution“ gewesen und „die Dämonisierung des Dritten Reiches“ könne nicht akzeptiert werden.[3] (Siehe auch: Ein Versuch, Hitler zu rehabilitieren)

Anfang letzten Jahres hatte Professor Jörg Baberowski, Lehrstuhlinhaber für die Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt Universität im Spiegel erklärt, „Hitler war nicht grausam“ und Nolte „hatte historisch Recht“.

In Wahrheit wurde das Unternehmen Barbarossa von Anfang als Krieg zur rücksichtslosen Plünderung und Kolonisierung der sowjetischen Bevölkerung geplant. Alle Grundlagen des internationalen Rechts sollten dabei über den Haufen geworfen werden.

Leichen von hingerichteten sowjetischen Zivilisten, YadVashemPhoto Archive

Der deutsche Historiker Felix Römer konzentriert sich in seinem Beitrag auf die verbrecherischen Befehle, die Hitler am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion dem Ostheer gegeben hatte. Der berüchtigtste davon war der so genannte „Kommissarbefehl“. Darin hieß es:

„In diesem Kampf [gegen den Bolschewismus, CW] ist Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme diesen Elementen gegenüber falsch… Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare… Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.“ [4]

Im Nachkriegsdeutschland wurde lange vehement geleugnet, dass diese Befehle dem Ostheer gegeben worden waren, geschweige denn ausgeführt wurden. Dies änderte sich erst langsam in den 1970er und 80er-Jahren. Dennoch wurden die Ausmaße der Verbrechen der Wehrmacht entweder kaum recherchiert oder kleingeredet. (Siehe auch: Die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht)

Felix Römer hat als erster Historiker umfassend ausgewertet, wie weit die Wehrmacht die verbrecherischen Befehle Hitlers ausführte. Seine Schlussfolgerung ist vernichtend:

„Für fast alle Truppen, die an der Ostfront gekämpft haben, gibt es Belege für ihre Ausführung des Kommissarbefehls… In der Regel haben sie immer dann, wenn die äußeren Bedingungen gegeben und die Einheiten wirklich in der Lage dazu waren, den Kommissarbefehl auszuführen, entschieden, dies auch zu tun.“ (S. 88, 91)

Ukraine, Charkow: Zivilisten, die in einer Vergeltungsmaßnahme für ein Attentat auf das deutsche Hauptquartier gehängt wurden, November 1941, YadVashemPhoto Archive

Die genaue Anzahl der politischen Kommissare, die von der Wehrmacht auf der Grundlage des Kommissarbefehls ermordet wurden, lässt sich schwer feststellen. Römer nennt eine Mindestzahl von 4.000 und fügt hinzu: „Die wirkliche Zahl der Opfer muss allerdings weit höher angeschlagen werden…“ (S. 88)

Der Kommissarbefehl wurde schließlich im Juni 1942 aufgehoben. Nazi-Generäle schlugen Alarm, weil der Befehl den bereits enormen Widerstand der Roten Armee weiter angefacht und zu horrend hohen Opferzahlen auf der deutschen Seite geführt hatte.

Der andere verbrecherische Befehl, den Römer analysiert, ist der „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ,Barbarossa‘ und über besondere Maßnahmen der Truppe” vom 13. Mai 1941. Der Erlass verfügte, dass Verbrechen der Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung nicht Gegenstand der militärischen Gerichtsbarkeit seien. Mit anderen Worten: sowjetische Zivilisten wurden für vogelfrei erklärt.

Römer stellt fest, dass es „kaum eine Division und kein Korps und keine Armee gab, bei der man keine Hinweise auf die Hinrichtung von sowjetischen Zivilisten sowie von wirklichen oder angeblichen Partisanen ohne jeden Gerichtsprozess finden kann“. (S. 84)

Wie viele sowjetische Zivilisten insgesamt im Krieg umgebracht wurden, ist bis heute umstritten. Für gewöhnlich wird die Zahl auf 18 Millionen veranschlagt von insgesamt 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten.

Das Unternehmen Barbarossa und der Holocaust

Der Beginn des Unternehmens Barbarossa am 22. Juni 1941 bedeutet einen Wendepunkt in der Entwicklung des Holocaust und hatte weitreichende Folgen für die Entscheidung der Nazis zur „Endlösung“ – der beinahe vollständige Vernichtung der europäischen Juden. Von Wissenschaftlern weitgehend anerkannt, ist dieser Zusammenhang bis heute kaum ins breitere öffentliche Bewusstsein vorgedrungen.

Das Feindbild des „jüdischen Bolschewiken“ spielte eine zentrale Rolle im radikalen Antisemitismus des Nationalsozialismus. Der israelische Historiker Leonid Rein schreibt dazu:

„Die Deutschen wollten von Anfang an nicht nur die Streitkräfte des Gegners schlagen, sondern auch die wirklichen oder mutmaßlichen Träger der feindlichen bolschewistischen Ideologie unterdrücken und auslöschen. Für die Nazis waren die Juden die Hauptträger der kommunistischen Ideologie. Die Millionen Juden, die in den überfallenen Gebieten lebten, wurden als Verkörperung des sprichwörtlichen jüdischen Bolschewismus gesehen, der den sowjetischen Staat dominiere – ein Feindbild, das von Hitler und anderen Nazi-Führern lange vor ihrer Machtübernahme in Deutschland propagiert worden war. Die Auslöschung der sowjetischen Juden wurde daher nicht nur als Vernichtung eines rassischen Feindes gesehen, sondern auch als Bedingung, um die geopolitischen Ziele der Nazis im Osten zu erreichen.“ (S. 220 [5])

Bis 1941 hatte die Nazi-Führung trotz ihres brutalen Antisemitismus keine konkreten Pläne für die physische Vernichtung der europäischen Juden. Die Juden wurden aus dem wirtschaftlichen Leben verdrängt und vollkommen ausgeplündert, erst in Deutschland und dann in den besetzten Gebieten. Arbeitslager und Ghettos wurden in Polen von Anfang an aufgebaut, und es kam in vielen Groß- und Kleinstädten zu Massenerschießungen von Juden und angezettelten Pogromen.

Aber die „Lösung des Judenproblems“ sahen die Nazis immer noch in einer erzwungen Massenemigration. So konzentrierte sich die Nazi-Regierung im Jahr 1940 auf die Idee, alle europäischen Juden nach Madagaskar zu deportieren. Dies wäre jedoch nur nach einem militärischen Sieg über Großbritannien möglich gewesen. Die Verlängerung des Krieges an der Westfront zwang die Nazis daher, diese Pläne Anfang 1941 aufzugeben.

Es gibt zwar kein Dokument, das auf einen offiziellen Befehl zur vollständigen Vernichtung der sowjetischen Juden hinweist, der vor Juni 1941 verfasst wurde. In mehreren Verfahren gegen Nazi-Führer in der Nachkriegszeit wurde allerdings auf einen solchen Befehl Bezug genommen. (Man muss dabei bedenken, dass es praktisch keine offiziellen Dokumente aus dem Entscheidungsprozess der Nazi-Führung zur „Endlösung“ gibt, da die Nazis es erstens vermieden hatten, darüber viel schriftlich festzuhalten, und zweitens bei Kriegsende so viele Dokumente wie möglich vernichteten.)

Fest steht jedoch, dass die beinahe vollständige Auslöschung der Juden in den eroberten Gebieten noch in den ersten Tagen des Unternehmens Barbarossa begann. Dies wird in mehreren Essays des Buches eindrucksvoll belegt.

In Litauen wurden in nicht mehr als sechs Monaten 180.000 der 220.000 dort lebenden Juden ermordet. Darunter war auch die kulturell und historisch besonders bedeutsame jüdische Gemeinde von Wilnius, dem „Jerusalem Litauens“. In Lettland waren schon bis Oktober 1941 fast die Hälfte der Juden umgebracht worden. Estland wurde gegen Ende 1941 für „judenfrei“ erklärt. Wie Leonid Rein schreibt, war die schnelle Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Baltikum vor allem aufgrund der „umfassenden Kollaborationen von nationalistischen Kräften vor Ort“ möglich. (S. 231)

Im östlichen Belarus hatte praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung Ende des Jahres aufgehört zu existieren. Der Großteil der Juden im Westen des Landes, der erst vor kurzem Teil der Sowjetunion geworden war, war ebenfalls ermordet worden. Ab Anfang 1942 wurden Gas-Wagen zur Ermordung der Juden eingesetzt, noch bevor die Gaskammern von Ausschwitz ihr Vernichtungswerk aufnahmen.

Es muss auch bedacht werden, dass die Vernichtung der sowjetischen Juden die Eliminierung eines signifikanten Teiles der städtischen Bevölkerung bedeutete. In Osteuropa machten Juden traditionell zwischen 10 und 50 Prozent der Bevölkerung in den wichtigsten Städten aus.

Zeitgleich zu diesen Entwicklungen in der Sowjetunion wurden umfassende Vorbereitungsmaßnahmen für den Massenmord an den Juden in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern getroffen. Die Wannsee-Konferenz fand dann am 20. Januar 1942 statt und kennzeichnete den Beginn der systematischen Vernichtung der europäischen Juden.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 800.000 Juden in der Sowjetunion umgebracht worden. Bevor diese Gebiete von der Roten Armee befreit wurden, sollten weitere 700.000 Juden den SS-Einsatzgruppen und ihren Kollaborateuren zum Opfer fallen.

Die Rolle örtlicher Kollaborateure und der Achsenmächte im Holocaust

Eines der politisch bedeutsamsten Themen, die in dem Buch behandelt werden, ist die Rolle von örtlicher Nationalisten und der osteuropäischen Achsenmächte – Rumänien, Ungarn und Slowakei –, die den Nazi-Krieg gegen die Sowjetunion unterstützten. Die historischen Erben dieser Kräfte, deren Einfluss seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 massiv gestiegen ist, werden heute vom Imperialismus für die Kriegskampagne gegen Russland mobilisiert.

Neben den ultra-rechten Kollaborateuren in den Baltischen Staaten und Weißrussland spielte besonders die ukrainische Miliz, die sich in erster Linie aus Anhängern der ukrainischen faschistischen Organisation OUN zusammensetzte, eine wichtige Rolle beim Holocaust in der Ukraine und in Weißrussland.

Der Beitrag der amerikanischen Historikerin Wendy Lower untersucht die Rolle der Achsenmächte beim Holocaust in der Ukraine. Jeder sechste Soldaten, der unter der Nazi-Flagge in der Sowjetunion einmarschiert ist, kam aus einem der osteuropäischen Achsenländer. Diese ultra-rechten Regime teilten den virulenten Antikommunismus der Nazis, der in Osteuropa seit langem mit einem extrem radikalen Antisemitismus verbunden war. (Siehe auch: Antisemitismus und Russische Revolution).

Die bedeutendste Rolle beim Holocaust spielte nach Nazi-Deutschland das rumänische faschistische Regime von Ion Antonescu. Rumänien hatte sich am Unternehmen Barbarossa beteiligt, nachdem Hitler Antonescu die Territorien Transnistrien, Bukowina, und Bessarabien versprochen hatte. All diese Gebiete, insbesondere die Bukowina (die heute nicht mehr existiert), hatten eine bedeutende jüdische Bevölkerung mit langen historischen Traditionen.

Ion Antonescu und Adolf Hitler vor dem Führerbau in München im 1941, Bundesarchiv, Bild 183-B03212 / CC-BY-SA (http://creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/)

Antonescu traf schon früh die Entscheidung, alle Juden aus den Dörfern dieser Gebiete zu entfernen. In Transnistrien wurde ein umfassendes Netzwerk von Konzentrationslagern und Ghettos aufgebaut. Insgesamt wurden hier rund 250.000 Juden und 12.000 Roma ermordet.

Rumänische Truppen waren außerdem in hohem Maße an einigen der schlimmsten Massakern an Juden in der heutigen Ukraine beteiligt. In einem der berüchtigtsten Massaker des Holocaust, dem Massaker von Odessa (22.–24. Oktober, 1941), das direkt von Antonescu befohlen worden war, wurden rund 35.000 Juden abgeschlachtet. Lower beschreibt die barbarische Gewaltorgie:

„Zu den rumänische Mordmethoden gehörten das Werfen von Handgranaten und das Schießen auf Juden, die zu Tausenden in Holzhäusern zusammengepfercht worden waren. In einem Gewaltakt, der an die Verbrennung der Straßburger Juden im 15. Jahrhundert erinnert, zwangen Rumänen Juden auf einen Hafenplatz und setzten sie in Brand. Nur dass in dieser Version aus dem 20. Jahrhundert die Rumänen es den Juden nicht erlaubten, sich durch die Konvertierung (Taufe) zu retten. So wurde die Barbarei der Religionskriege von dieser mörderischen Kampagne zur Kolonisierung und nationalen Reinigung übertroffen.“ (S. 205-206)

Wenige Wochen später wurden zu Weihnachten mindestens 48.000 Juden in Bogdanowka von rumänischen Soldaten, deutschen SS-Leuten, der ukrainischen Miliz und anderen Kollaborateuren hingerichtet.

Laut einem Bericht von 2004 war das Antonescu-Regime für die Ermordung von 280.000 bis 380.000 Juden in Transnistrien, der Bukowina und Bessarabien verantwortlich.

Das Königreich Rumänien in den Grenzen von 1942, Electionworld, CC-BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Angesichts der Tatsache, dass die rumänische Regierung nun aufs engste in die imperialistische Kriegsvorbereitungen gegen Russland verstrickt ist und den Bürgerkrieg in der Ukraine mit anfacht, ist diese Tradition der rumänischen Bourgeoisie eine dringende Warnung für Arbeiter in ganz Osteuropa.

Auch ungarische Truppen waren an fürchterlichen Massakern beteiligt. So waren sie mitverantwortlich für die Erschießung von rund 23.600 Juden beim Massaker von Kamenez-Podolsk am 27.–28. August 1941 in der Westukraine. Diesem Massaker fielen vor allem ungarische jüdische Flüchtlinge zum Opfer, die in der Karpatenukraine gewohnt hatten.

Lower betont, dass die „jüdische Frage“ ein wichtiger Teil der Diplomatie zwischen den Achsenmächten gewesen sei, wobei jede Regierung versuchte, Juden aus ihrem Territorium zu vertreiben. Laut der Historikerin waren „ihre Ansichten zur jüdischen Fragen zwar generell antisemitisch, standen aber auch im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen über nationale Grenzen und territoriale Gewinne“. (S. 197)

Über die Beteiligung der Slowakei am Vernichtungskrieg ist weniger bekannt. Die Regierung von Tiso war jedoch schon sehr früh über die „Endlösung“ informiert worden und unterstützte sie völlig. Die ersten Juden, die im März 1942 nach Ausschwitz deportiert wurden, kamen aus der Slowakei. „Offenbar war Tiso so bestrebt, sein Land von den Juden zu befreien, dass er Hitler für jeden deportierten Juden 500 Reichsmark zahlte.“ (S. 203)

Die Bedeutung des Buches

Es passt, dass der vorliegende Band am Vorabend einer neuen Offensive des deutschen und amerikanischen Imperialismus in der Ukraine veröffentlicht wurde.

Die Gräueltaten der Nazis an der Ostfront sind zwar tief ins historische Gedächtnis der Arbeiterklasse in Osteuropa und auch Deutschland eingebrannt, doch für einen Großteil der Bevölkerung Westeuropas und der Vereinigten Staaten ist das Unternehmen Barbarossa „der unbekannte Krieg“ geblieben.

Für dieses mangelnde Wissen gibt es definitive historische und politische Gründe, die zumindest ansatzweise von den Herausgebern erklärt werden. In der angelsächsischen Geschichtsschreibung haben sich die Arbeiten zum Krieg gegen die Sowjetunion aufgrund des vorherrschenden Klimas im Kalten Krieg vor allem auf die Militärgeschichte konzentriert.

„Aufgrund der Umstände im Kalten Krieg und dem Bestreben, Westdeutschland in den NATO-Block zu integrieren, wurde die frühe Forschung zum barbarischen Krieg im Osten oftmals auf reine Militärgeschichte reduziert… Erstens hatten die amerikanischen und britischen Politiker und Militärkommandanten keine Erfahrung im Kampf gegen die Rote Armee und versuchten, soviel wie möglich über ihren neuen Feind zu lernen… Zweitens basierten viele dieser Arbeiten fast ausschließlich auf Memoiren und Studien von ehemals hochrangigen deutschen Offizieren… Der Mythos einer ehrbaren deutschen Armee schlug so tiefe Wurzeln im kollektiven Bewusstsein der westlichen Welt.“ (S. 4-5)

Für die Bourgeoisie Amerikas und Großbritanniens waren die Verbrechen der Nazis nie zu vergleichen mit dem viel größeren „Verbrechen“, das die russische Arbeiterklasse mit dem Sturz des Zarismus und Kapitalismus im Jahr 1917 verübt hatte, der große Teile der Erdoberfläche dem unmittelbaren Zugriff des Imperialismus entzog. In ihrem Antikommunismus und dem Ziel, die Sowjetunion zu zerschlagen, fanden sie eine gemeinsame Plattform mit den alten Nazis.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit konnten alle Kriegsverbrecher – von Richtern, über Ärzte, Journalisten und Militärs – größtenteils ihre alten Positionen beibehalten oder problemlos neue, nicht weniger prestigeträchtige, bekommen. Einige der größten Kriegsverbrecher, wie Reinhard Gehlen, der unmittelbar am Vernichtungskrieg und der „Endlösung“ beteiligt war, wurde von der CIA angestellt und eingesetzt, um den neuen deutschen Geheimdienst, den BND, aufzubauen.

Viele Ideologen und Akademiker, die führend an der Vorbereitung und Ausführung der “Endlösung” beteiligt gewesen waren, konnten ihre Karrieren als Ideologen des Antikommunismus fortsetzen. Ein Beispiel dafür ist Peter-Heinz Seraphim. Er war Autor des Buches „Das Judentum im osteuropäischen Raum“, das den deutschen Militärverwaltungen in Polen und dann auch anderen Teilen Osteuropas als Inspiration und Anleitung bei der Verfolgung der Juden diente. [6] Nach dem Krieg arbeitete er mit Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmächte für Gehlen und wurde zu einem bekannten antikommunistischen Autor und angesehenen Experten für Osteuropa.

Vor allem übernahmen die USA einen Großteil der alten Nazi-Netzwerke von ultra-nationalistischen und faschistischen Kollaborateuren in Osteuropa, auf die sie sich bei ihren “verdeckten Operationen” während des Kalten Krieges stützten.

Bei seiner Veröffentlichung ist das Buch in Fachzeitschriften zu Recht als Meilenstein in der englischen Literatur zum Unternehmen Barbarossa gefeiert worden. Original-Recherchen sind zwar auch in den Band eingeflossen. Vor allem aber gibt er einen knappen Überblick über einige der wichtigsten Erkenntnisse der historischen Forschung zu dem Thema aus den letzten zwei Jahrzehnten.

Mit der Öffnung der sowjetischen Archive nach 1991 haben Forschungsarbeiten zum Vernichtungskrieg und dem Holocaust bedeutende neue Impulse bekommen. Insbesondere junge deutsche Historiker haben eine wichtige Arbeit geleistet, um die Verbrechen des Nazi-Regimes in Osteuropa aufzudecken. Von der Flut neuer Publikationen ist jedoch bislang sehr wenig zum englisch-sprachigen Publikum vorgedrungen.

Die Sowjetunion existiert nicht mehr. Die Zerschlagung der Sowjetunion, die die Nazis im Zweiten Weltkrieg nicht erreichen konnten, erfolgte schließlich durch die stalinistische Bürokratie selbst mit der Auflösung der UdSSR 1991 und der Restauration des Kapitalismus. Doch die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen des Weltimperialismus in dieser Region sind sehr real geblieben. In diesem Sinne steht die gegenwärtige Kriegskampagne des deutschen und des amerikanischen Imperialismus in der Tradition des nationalsozialistischen Unternehmens Barbarossa.

Von diesem Standpunkt aus sollten Arbeiter das historische Material in diesem Band als Warnung studieren: es zeigt drastisch, wozu der Imperialismus fähig ist. Sollten der deutsche und der amerikanische Imperialismus nicht von der internationalen Arbeiterklasse gestoppt werden, werden sie zu weit größeren Verbrechen bei der Durchsetzung ihrer geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen fähig sein.

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Anmerkungen:

[1] Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus diesem Buch und wurden von der Autorin übersetzt.

[2] Begleitschreiben zum „Reichenau-Befehl“ vom 10.10.1941. Online verfügbar unter: http://www.ns-archiv.de/krieg/untermenschen/reichenau-befehl.php#begleit

[3] Ernst Nolte, „Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus? Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980“, in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 32, 34.

[4] Der Kommissarbefehl an das Oberkommando der Wehrmacht vom 06.06.1941. Online verfügbar unter: http://www.ns-archiv.de/krieg/1941/kommissarbefehl.php

[5] Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus diesem Buch und wurden von der Autorin übersetzt.

[6] Vgl. Dan Michman: Angst vor den Ostjuden. Die Entstehung der Ghettos während des Holocaust, Frankfurt am Main 2010, S. 61-112.

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