Am Dienstag, im Vorfeld des 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeit, sprach der britische Monarch König Charles III. auf einer gemeinsamen Sitzung des US-Kongresses. Charles ist der Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel von König Georg III., gegen den die Amerikanische Revolution geführt wurde. Jetzt wird der König von der amerikanischen herrschenden Klasse und ihren beiden großen Parteien mit allen protokollarischen Ehren empfangen.
Das Weiße Haus veröffentlichte am Dienstagnachmittag ein Foto von Trump und Charles mit dem Kommentar: „ZWEI KÖNIGE“ – und brachte damit Trumps Haltung und Ambitionen auf den Punkt.

Das Schauspiel begann am Dienstagmorgen im Weißen Haus, wo Charles mit 21 Schüssen salutiert wurde und gemeinsam mit Trump an der Truppenparade teilnahm – der höchsten diplomatischen Ehrung für ein ausländisches Staatsoberhaupt. Nach einem privaten Treffen im Oval Office begab sich Charles auf den Capitol Hill zum Kongress. Es war erst das zweite Mal in der Geschichte, dass ein britischer Monarch vor einer gemeinsamen Sitzung des US-Kongresses sprach.
Am Abend wurden König Charles und Königin Camilla bei einem „White-Tie“-Staatsbankett im State Dining Room des Weißen Hauses geehrt. Auf der Gästeliste, die Trump persönlich zusammengestellt hat, tummelten sich die Oligarchen, die mit ihrem Reichtum und Machteinfluss die Schattenmonarchie Amerikas verkörpern. Darunter waren Paramount-Chef David Ellison, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Apple-Chef Tim Cook und Nvidia-CEO Jensen Huang. Sie speisten Seezunge und Frühlingsravioli gemeinsam mit Mitgliedern des Trump-Kabinetts sowie einer Reihe rechter Medienfiguren und Finanzinvestoren.
Aus Sicht des britischen Imperialismus zielte der Besuch darauf ab, die etwas angespannte „besondere Beziehung“ zwischen den USA und Großbritannien zu stabilisieren. Charles verpackte seine Rede vor dem Kongress in die übliche königliche Rhetorik leerer Predigten über „Frieden“ und „Freundschaft“, verankert im „christlichen Glauben“ – die Hülle für das eigentliche Thema des 77-jährigen Monarchen: Krieg.
Charles prahlte über die „größte anhaltende Steigerung“ der britischen Militärausgaben seit dem Kalten Krieg und warb ausdrücklich für weitere Unterstützung der USA im Krieg gegen Russland in der Ukraine. Dieselben Demokraten, die zuvor ihre angebliche Unterstützung für „No Kings“ geheuchelt hatten, erhoben sich und applaudierten einem echten König in dem Moment, als er über Krieg sprach. Charles verwandte einige Zeit seiner Rede auf die „gemeinsame Bindung“ beider Länder, die sich in der Produktion von Kampfflugzeugen, U-Booten und anderen Vernichtungsinstrumenten ausdrücke.
Trotzki bemerkte einst, die britische Bourgeoisie habe „das alte königliche und adlige Schloss an die Erfordernisse der Geschäftsfirma angepasst“ – eine Beschreibung, die bis heute absolut treffend ist. Die Monarchie fungiert als ideologischer und unverzichtbarer politischer Stützpfeiler des britischen Kapitalismus, während zugleich Korruption und Skandale das Königshaus erschüttern.
Prinz Andrew, Charles’ Bruder und Trumps Freund, ist direkt in das Netzwerk sexuellen Missbrauchs um Jeffrey Epstein verwickelt und wurde von seinen öffentlichen Aufgaben entbunden. Die Enthüllungen rund um Epstein haben zudem das internationale Netzwerk aus Reichtum und Verbrechen offengelegt, das Monarchie, Finanzwelt, Geheimdienste und die globale herrschende Elite miteinander verbindet. Charles lehnte es ab, an einem Treffen mit Opfern von Epstein teilzunehmen, das der demokratische Abgeordnete Ro Khanna organisiert hat. Das hinderte Khanna jedoch nicht daran, gemeinsam mit seinen Parteifreunden der Demokraten – darunter Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez – dem König die Ehre zu erweisen.
Die grundlegendere Bedeutung von Charles’ Besuch muss jedoch in den amerikanischen Verhältnissen gesucht werden. Das groteske Spektakel offenbart die Beziehung der herrschenden Klasse zu den revolutionären Traditionen Amerikas, die sie längst verworfen hat.
Die Amerikanische Revolution brachte die weltweit erste große bürgerliche demokratische Republik hervor, die sich auf die Grundsätze der Aufklärung stützte. Das Verbot von Adelstiteln, verankert in der Verfassung Artikel I, Abschnitt 9 und 10, war eine bewusste Zurückweisung des gesellschaftlichen Prinzips, dass Autorität aus der Geburt abgeleitet wird und sich die Massen der dynastischen Macht zu unterwerfen haben.
Thomas Paine, der der Amerikanischen Revolution mit seiner Schrift Common Sense eine politische Gestalt gab, verspottete die erbliche Monarchie. „Einer der stärksten natürlichen Beweise für die Torheit des Erbrechts bei Königen ist der, dass die Natur es missbilligt“, schrieb er, „sie würde es sonst nicht so oft dadurch lächerlich machen, dass sie dem Menschengeschlecht statt eines Löwen einen Esel gibt.“ – ein passender Spruch für die künftige Grabinschrift sowohl für den Geehrten als auch für den Gastgeber des Treffens im Weißen Haus.
Der Besuch dieses Vertreters der britischen Monarchie findet unter einer Regierung statt, die die demokratischen Prinzipien von 1776 in Wort und Tat zurückgewiesen hat. Die Bill of Rights wurde mit Füßen getreten. Die Beschwerden gegen König Georg III., die in der Unabhängigkeitserklärung aufgeführt sind, lesen sich wie Anklagepunkte gegen den heutigen Präsidenten im Weißen Haus.
Trump überträgt den kulturellen Habitus der kriminellen Unterwelt auf die Neuordnung der Machtinstitutionen nach monarchischem Prinzip. Er hat den Ostflügel des Weißen Hauses abreißen lassen, um Platz für einen Ballsaal im Versailles-Stil mit einer Fläche von rund 8.360 Quadratmetern zu schaffen – ein Monument persönlicher Herrschaft. Er lässt seine Unterschrift auf den Dollar setzen, sein Profil auf eine Goldmünze prägen, das Kennedy Center umzubenennen und jede staatliche Institution in ein Instrument persönlicher Selbstverherrlichung verwandeln.
Trump spricht und handelt jedoch nicht nur für sich selbst, sondern als Vertreter einer Oligarchie, die verfassungsmäßige Schranken und demokratische Rechte als unzumutbare Hindernisse für die Verteidigung ihres Reichtums betrachtet.
Das zeigt sich auch in der offiziellen Reaktion auf Charles’ Besuch. Die Medien hofierten den Monarchen und behandelten seine Banalitäten als eine tiefgründige Erklärung demokratischer Prinzipien. Die Demokratische Partei und die liberale Presse haben über Jahre hinweg mit dem „1619 Project“ der New York Times und ähnlichen Initiativen Jefferson, Washington und Lincoln als kaum mehr als rassistische Schurken dargestellt. Doch nun verneigen sie sich vor der lebenden Verkörperung des erblichen Privilegs. Sie hatten nie ein Problem mit Unterdrückung als solcher, sondern mit den revolutionären Traditionen, die Widerstand gegen die bestehende Ordnung inspirieren könnten.
Auch Mamdani, der New Yorker Bürgermeister der Democratic Socialists of America, spielt seine zugewiesene Rolle und trat am Mittwoch gemeinsam mit Charles bei einer Gedenkveranstaltung zu den Anschlägen vom 11. September auf.
Die Demokraten lehnen Diktatur nicht ab, weil sie dieselben Klasseninteressen verteidigen, die hinter dem autoritären Kurs stehen.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Der Historiker Arno Mayer beschrieb in seinem Werk The Persistence of the Old Regime (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft), wie die europäische Gesellschaft vor 1914 bürgerlichen Reichtum mit monarchischen, aristokratischen und kirchlichen Formen verschmolz. Die Bourgeoisie passte sich dem alten Regime an, während sie gleichzeitig dessen ökonomische Grundlagen umwälzte. Diese Allianz wurde erst durch den Ersten Weltkrieg, die Russische Revolution und die darauffolgenden revolutionären Erhebungen aufgebrochen.
Eine ähnliche Dynamik herrscht heute in etwas veränderter Form. Die amerikanische Oligarchie hat Reichtum in einem bislang beispiellosen Ausmaß angehäuft. Sie beschäftigt vor allem die Frage, wie dieser Reichtum verteidigt werden kann – rechtlich, ideologisch und auch physisch – gegen die soziale Opposition, die durch diese Akkumulation des Reichtums selbst hervorgebracht wird.
Das Ergebnis ist die Wiederbelebung aristokratischer Formen. Die Oligarchen wollen Ehrerbietung. Sie wollen Immunität. Sie wollen, dass die Massen ihren Platz kennen, sich vor ihren Wohlgeborenen verneigen und kriechen. Sie wollen, dass ererbter Reichtum und dynastisches Privileg nicht nur faktisch existieren, sondern auch sozial und politisch anerkannt werden. Das verfassungsmäßige Verbot von Adelstiteln wird in der Praxis bereits unterlaufen, auch wenn es noch nicht formell aufgehoben ist.
Wenn Trump „ZWEI KÖNIGE“ postet, dann meint er das völlig ernst. Es ist eine Absichtserklärung eines Präsidenten und der gesellschaftlichen Kräfte hinter ihm, die die Prinzipien erblicher Herrschaft und unbeschränkter Exekutivmacht etablieren und über paramilitärische Polizeieinheiten des Staates und der Mobilisierung faschistischer Gruppen durchsetzen wollen.
Hinter Trump stehen Elon Musk, Larry Ellison, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, die Wall-Street-Finanziers, die Tech-Monopole und die Private-Equity-Barone, deren Vermögen das jedes Monarchen in der Geschichte übertrifft. Ihre Reichtümer messen sich nicht in Palästen, Ländereien und Kronjuwelen, sondern in Hunderten Milliarden Dollar, riesigen Konzernimperien, der Kontrolle über Kommunikationssysteme, Militärverträge, künstliche Intelligenz, Logistik, Finanzsysteme und den Machtpositionen des gesellschaftlichen Lebens.
Die „No Kings“-Demonstrationen im Juni und Oktober 2025 sowie im März 2026 – letztere mit rund acht Millionen Teilnehmenden – brachten, wenn auch noch unvollkommen, den massenhaften Widerstand gegen die Wiederkehr monarchischer und diktatorischer Herrschaftsformen zum Ausdruck. Diese Mobilisierung darf jedoch nicht den Demokraten überlassen werden, die versuchen, die verbreitete Wut wieder in die Bahnen kapitalistischer Politik zu lenken. Die Gefahr besteht nicht nur in Trump als Person, sondern in der oligarchischen Ordnung, die ihn hervorgebracht hat.
Charles erklärte in seiner Rede, die anglo-amerikanische Beziehung sei „eine Partnerschaft, geboren aus einem Streit“. Damit versuchte er, den revolutionären Kampf gegen die Monarchie auf eine Nebenepisode im allgemeinen Sieg der Reaktion zu reduzieren. Doch die Massen in den Vereinigten Staaten und weltweit werden aus dieser Geschichte ganz andere Schlussfolgerungen und Inspirationen ziehen.
Die Verteidigung der demokratischen Prinzipien von 1776 ist heute nur im Rahmen des Kampfs für Sozialismus möglich. Im 18. Jahrhundert war der Kampf gegen die Monarchie mit dem Aufstieg der Bourgeoisie und der Schaffung der demokratischen Republik verbunden. Im 21. Jahrhundert erfordert die Verteidigung und Ausweitung der Demokratie die Enteignung der Finanzoligarchie und die sozialistische Neuordnung der Gesellschaft auf der Grundlage menschlicher Bedürfnisse statt privater Profite.
Die revolutionären und demokratischen Prinzipien von 1776 können nur verteidigt werden, wenn sie über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft hinausgetragen werden. Heute wird Charles III. im Kapitol beklatscht. Vor 251 Jahren, in Lexington und Concord, griffen einfache Menschen zu den Waffen gegen das Prinzip, das er verkörpert. Die damals erkämpften Prinzipien sind nicht ausgelöscht. Sie leben in den sich entwickelnden Kämpfen der internationalen Arbeiterklasse weiter, die nun bewusste politische Form im Kampf für Sozialismus annehmen müssen.
