Wall Street bereit zum Resteessen

Spirit-Arbeiter verlieren Gehalt und Sozialleistungen, Führungskräfte wollen 10,7 Millionen Dollar an „Bindungsprämien“

17.000 Arbeiter der Ultra-Billigfluggesellschaft Spirit Airlines haben über Nacht erfahren, dass sie ihre Jobs, Sozialleistungen und möglicherweise auch ihre letzten Gehaltsschecks verloren haben. Gleichzeitig reichten die Anwälte von Spirit beim Bundeskonkursgericht in New York einen Antrag ein, mit dem sie 10,7 Millionen Dollar an Bleibeprämien für Führungskräfte und Manager fordern, welche die Abwicklung der Airline beaufsichtigen, sowie nicht näher bezifferte zusätzliche Beträge für die drei obersten Führungskräfte.

Antonio Mancheno, Vorsitzender der Flugbegleitergewerkschaft Association of Flight Attendants (AFA-CWA) Local 76, sagte am Sonntag: „Wir wissen nicht einmal, ob wir unsere letzten Gehaltsschecks bekommen. Die meisten von uns werden ihre Altersvorsorge aufbrauchen und als Notfallreserve nutzen müssen, weil viele Flugbegleiter von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben.“ Die Kranken-, Zahn- und Augenversicherungsleistungen für alle Spirit-Mitarbeiter wurden in dem Moment gekündigt, als der letzte Flug landete. Die Pilotengewerkschaft Air Line Pilots Association riet ihren über 2.000 Spirit-Mitgliedern, sofort ihre eigenen Gehaltsabrechnungen herunterzuladen, bevor die Unternehmenssoftware abgeschaltet wird.

Ein Flughafenmitarbeiter am Schalter von Spirit Airlines am Hartsfield-Jackson Atlanta International Airport. Die Fluggesellschaft hat am 2. Mai 2026 den Betrieb eingestellt. [AP Photo/Jeff Amy]

Die Arbeiter wurden bis zur letzten Minute bewusst im Unklaren gelassen. WARN-Act-Mitteilungen – gesetzlich vorgeschriebene Vorankündigungen von Massenentlassungen – wurden erst nach der Schließung herausgegeben. Spirit begründete dies in der Gerichtsakte damit, dass eine frühere Bekanntgabe der Entlassungen „die Bemühungen um zusätzliche Finanzmittel behindert hätte“.

Spirit hat dem Gericht mitgeteilt, dass es nicht einmal über genügend Bargeld verfügt, um eine strukturierte Versteigerung seiner verbleibenden Vermögenswerte, darunter 131 Flugzeuge, zu organisieren. Stattdessen beantragt das Unternehmen die Erlaubnis, diese Ausrüstung aufzugeben oder sie von den Gläubigern zurücknehmen zu lassen. Der Großteil der Flotte von Spirit befand sich eigentlich nicht im Besitz der Fluggesellschaft, sondern war von großen Banken wie Wells Fargo geleast.

Das Insolvenzrecht räumt den gesicherten Gläubigern des Unternehmens – den Wall-Street-Banken und Flugzeugvermietern wie Wells Fargo – Vorrang vor den Arbeitern ein. Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal bekommen, was übrig bleibt, nachdem die Wall Street die Knochen bis auf den letzten Rest abgeknabbert hat.

Die Auswirkungen der Schließung werden verheerend sein, nicht nur für ehemalige Mitarbeiter, sondern auch für die Arbeiter in den Regionen rund um die Drehkreuze der Fluggesellschaft. In Broward County in Südflorida sind rund 3.000 Arbeitsplätze betroffen, darunter am Firmensitz und am Fort Lauderdale International Airport.

„Ich war seit 29 Jahren nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt“, sagte Tashia, eine ehemalige Spirit-Mitarbeiterin mit 29 Jahren Betriebszugehörigkeit, am Montag auf einer Jobmesse in Broward County gegenüber dem lokalen Nachrichtensender WSVN.

Die Auswirkungen auf Reisende sind ebenso gravierend. Die Passagiere von Spirit stammten vor allem aus der Arbeiterklasse und einkommensschwachen Schichten, da die Grundtarife nur einen Bruchteil der Kosten traditioneller Fluggesellschaften betrugen. Spirit war gemessen an der Anzahl der Flüge die zweitgrößte Fluggesellschaft am Detroit Metropolitan Airport und beförderte im Jahr 2025 1,7 Millionen Passagiere.

Donna Ja, eine Einwohnerin aus dem Großraum Detroit, erzählte CBS News, sie habe einen Spirit-Flug zur Highschool-Abschlussfeier ihres Neffen in New Jersey gebucht und dass eine Umbuchung auf eine andere Fluggesellschaft mehrere hundert Dollar zusätzlich kosten würde. Stattdessen plant sie, hin und zurück jeweils 10 Stunden mit dem Auto zu fahren.

Brittany McGee erzählte der Detroit News, sie habe Spirit-Flüge schon Monate im Voraus für eine Familienreise gebucht, bei der acht Verwandte gemeinsam reisen. „Spirit hat das für alle möglich gemacht … Wenn es keine erschwingliche Option gibt, wird niemand mehr fliegen.“

Der Reiseanalyst Lee Abbamonte sagte gegenüber Fox News, dass Spirit „fast im Alleingang die Preise in vielen Märkten des Landes wettbewerbsfähig gehalten hat. Da Spirit nun nicht mehr existenzfähig ist, gibt es keinen Druck mehr auf die etablierten Fluggesellschaften, die Preise niedrig zu halten.“ Vor 47 Jahre wurde der Luftverkehr in den USA liberalisiert, was der Öffentlichkeit als Garant für wettbewerbsfähige Preise verkauft wurde. Das Ergebnis ist ein Markt, der von vier Fluggesellschaften dominiert wird, die 80 Prozent des Inlandsverkehrs kontrollieren.

Andere Fluggesellschaften haben für betroffene Spirit-Passagiere Umbuchungstarife von maximal 200 Dollar angeboten, doch diese sind zeitlich begrenzt und auf bestimmte Strecken beschränkt.

Die Reaktion der Luftfahrtgewerkschaften beschränkte sich auf unterwürfige Appelle an die Trump-Regierung und die Insolvenzgerichte.

Am Samstag schickte AFA-CWA-Präsidentin Sara Nelson einen Brief an US-Verkehrsminister Sean Duffy und Arbeitsminister Keith Sonderling, in dem sie sie aufforderte, „die volle Kapazität der Bundesregierung einzusetzen, um die Spirit-Arbeiter zu unterstützen“. Der Brief führt den Zusammenbruch zurück auf „globale geopolitische Spannungen, die zu einem starken und anhaltenden Anstieg der Treibstoffpreise geführt haben“.

„Geopolitische Spannungen“ ist Nelsons höfliche Umschreibung für den völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran, den die US-Regierung gestartet hat. Bei eben dieser Regierung bittet sie nun um Unterstützung für ehemalige Spirit-Arbeiter. Nelson erwähnt den Krieg später namentlich, ohne der Trump-Regierung die Schuld zu geben.

Doch das Weiße Haus hat seine Haltung bereits deutlich gemacht, indem es sich weigerte, Spirit zu retten – was Duffy am Samstag auf einer Pressekonferenz mit der absurden Behauptung rechtfertigte, dass „wir oft nicht einfach so eine halbe Milliarde Dollar herumliegen haben“. Das ist eine Regierung, die 200 Milliarden Dollar für den Krieg und eine Erhöhung der Militärausgaben um 500 Milliarden Dollar im nächsten Jahr beantragt hat. Das politische Establishment, Demokraten wie Republikaner, hatte 2020 kein Problem damit, innerhalb weniger Tage über 2 Billionen Dollar an Rettungsgeldern für Unternehmen aufzutreiben, darunter 54 Milliarden Dollar für die Luftfahrtindustrie.

Duffys Äußerungen laufen auf eine politische Erklärung hinaus, dass die Arbeiterklasse für den Krieg bezahlen muss, sowohl durch Massenentlassungen als auch durch drastische Erhöhungen der Flugpreise.

Nelsons Brief forderte die Trump-Regierung auf, beim Insolvenzgericht zu intervenieren, um die Auszahlung der verdienten Löhne der Arbeiter vorrangig zu behandeln, die Krankenversicherung der Spirit-Flugbegleiter bis Ende 2026 aufrechtzuerhalten, sechs Monate lang einen wöchentlichen Zuschlag von 600 Dollar zur staatlichen Arbeitslosenunterstützung zu gewähren, sich mit anderen Fluggesellschaften abzustimmen, um die Einstellung entlassener Spirit-Arbeiter zu priorisieren – unterstützt durch einen befristeten Lohnzuschuss des Bundes – und die Nutzungsfristen für FSAs (Flexible Spending Accounts, eine Form der arbeitgeberfinanzierten medizinischen Zusatzleistung) mit Zuschüssen für Notfall-Kinderbetreuung zu verlängern.

Solche Forderungen können jedoch nur durch Kampf durchgesetzt werden. Das Vorbild für die Spirit-Beschäftigten ist der andauernde Kampf der türkischen Bergleute für ausstehende Löhne, Abfindungen für entlassene Arbeiter und andere Forderungen. Sie marschierten knapp 200 Kilometer bis zur Hauptstadt des Landes und gewannen selbst angesichts von Verhaftungen breite Unterstützung in der Bevölkerung.

Stattdessen appelliert Nelson an die bessere Seite eines faschistischen Präsidenten und fordert ihn auf, sein verlogenes Versprechen einzulösen, „ein stärkeres Amerika aufzubauen, indem wir in unser größtes Kapital investieren: den amerikanischen Arbeiter“. In Wirklichkeit wurden unter der zweiten Trump-Regierung Millionen von Entlassungen angekündigt, darunter 300.000 Bundesangestellte, während die Sozialausgaben für die Finanzierung von Kriegen ausgehöhlt werden.

Nelsons Übernahme von Trumps populistischen Phrasen, die nicht dazu gedacht waren, Hilfe für Arbeiter zu rechtfertigen, sondern den Handelskrieg zu legitimieren, zeigt die nationalistische, prokapitalistische Ausrichtung der Gewerkschaftsbürokraten, von denen sich viele offen auf die Seite Trumps stellen. Da Nelson auch ein führendes Mitglied der Democratic Socialists of America ist, entlarvt dies zudem die Feindseligkeit dieser pseudolinken Organisation gegenüber einer unabhängigen Bewegung der Arbeiterklasse.

Spirit ist der Auftakt zu einer umfassenderen Branchenkrise. Im März kostete Kerosin etwa 80 Dollar pro Barrel. In der Woche bis zum 24. April verzeichnete die International Air Transport Association einen Durchschnittspreis von 179 Dollar pro Barrel. Laut der Internationalen Energieagentur, deren Exekutivdirektor Mitte April warnte, dass die europäischen Vorräte innerhalb weniger Wochen erschöpft sein könnten, stammten zuvor 75 Prozent der europäischen Netto-Kerosinimporte aus dem Nahen Osten.

Michael O’Leary, CEO der irischen Ultra-Billigfluggesellschaft Ryanair, warnte gegenüber CNBC vor „echten Pleiten“ unter den europäischen Fluggesellschaften, sollten die Ölpreise den ganzen Sommer über bei 150 Dollar bleiben. Er räumte ein, dass solche Pleiten „gut für Ryanairs Geschäft“ wären. EasyJet musste allein im März zusätzliche Treibstoffkosten in Höhe von 25 Millionen Pfund verkraften und verzeichnete für den letzten sechsmonatigen Berichtszeitraum einen headline-Verlust von 540 bis 560 Millionen Pfund. Lufthansa hat bis Oktober 20.000 Kurzstreckenflüge gestrichen.

Weitere Insolvenzen in den Vereinigten Staaten sind wahrscheinlich. Der Branchenblog „View From the Wing“ berichtet, dass ein Analyst die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz der Billigfluggesellschaft JetBlue bis zum nächsten Jahr nun auf über 75 Prozent schätzt. JetBlue-Gründer Dave Neeleman warnte dieses Jahr öffentlich, dass die Fluggesellschaft noch in diesem Jahr Insolvenz anmelden könnte; sie hat seit sechs Jahren keinen Gewinn mehr erzielt, ist mit 9 Milliarden Dollar verschuldet und sieht sich 2026 mit einem potenziellen Vorsteuerverlust von über 1 Milliarde Dollar konfrontiert. Frontier Airlines, ein direkter Konkurrent von Spirit, gibt bereits Flugzeuge zurück und verschiebt Auslieferungen.

Die 17.000 Arbeiter von Spirit müssen vollständig entschädigt werden. Sie dürfen nicht gezwungen werden, ihre Altersvorsorge aufzubrauchen, während das Insolvenzgericht darüber entscheidet, was nach der Befriedigung der gesicherten Gläubiger übrig bleibt.

Die zig Milliarden an unerwarteten Kriegsgewinnen in der Ölindustrie und bei den Großbanken müssen enteignet werden, um eine vollständige Entschädigung für jeden Arbeiter zu finanzieren, der durch die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs seinen Arbeitsplatz verloren hat.

Allgemeiner gesagt: Sowohl Arbeitsplätze bei den Fluggesellschaften als auch bezahlbare Reisen können nur garantiert werden, wenn die Branche vom Profitstreben befreit wird. Die Fluggesellschaften müssen aus privater Hand genommen und demokratisch als öffentliches Versorgungsunternehmen unter Arbeiterkontrolle betrieben werden. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran muss beendet werden, mit voller Entschädigung für das iranische Volk und der Verurteilung der dafür verantwortlichen Kriegsverbrecher.

Der Kampf dafür erfordert neue Organisationsformen für den Arbeitskampf sowie den politischen Kampf. Die Arbeiter müssen unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die über die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees vernetzt sind, um sich über Fluggesellschaften und Grenzen hinweg zu organisieren – und zwar auch gegen die Gewerkschaftsbürokratien, die ihre Niederlage verwalten wollen.

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