„Wer 1400 Arbeitsplätze streichen, einen ganzen Standort schließen, Tarifstandards schleifen und Beschäftigte mit Tests unter Druck setzen will, legt kein Zukunftskonzept vor. Das ist eine Kampfansage an die Belegschaft.“
Mit diesen Worten reagierte der für Tarifpolitik bei Volkswagen und VW-Tochterunternehmen zuständige IG-Metall-Jurist Thilo Reusch auf die Ankündigung der Automobil-Entwicklungsfirma IAV (Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr), am 6. Mai, 1400 Jobs und den IAV-Stammsitz in Berlin-Charlottenburg mit 1250 Arbeitsplätzen bis Mitte 2027 aufzugeben.
Seitdem ist mehr als ein Monat vergangen. Passiert ist – nichts! Zumindest nichts, was als eine Antwort der IG Metall im Namen der Belegschaft angesehen werden könnte. Eine Protestkundgebung vor dem Werksgelände am 12. Mai diente der IGM lediglich dazu, „Dampf abzulassen“, die Wut in der Belegschaft aufzufangen, während sie kontinuierlich mit dem Management verhandelt.
IAV entstand 1983 als Ausgründung der Technischen Universität Berlin und entwickelte sich schnell zu einem global expandierenden Engineering-Unternehmen. In Deutschland betreibt IAV fünf Hauptstandorte mit etwa 5.500 Beschäftigten, weltweit sind an 25 Standorten 6.600 Arbeiter tätig. Das größte Entwicklungszentrum befindet sich in Gifhorn (Niedersachsen) mit aktuell 2.500 Beschäftigten. Weitere Zentren liegen in Stollberg, Heimsheim, München, Chemnitz, Ingolstadt, Nürnberg und Sindelfingen.
Der Volkswagen-Konzern hält 50 Prozent der Anteile, weitere große Anteile liegen bei Zulieferern wie Continental und Schäffler. Rund 4000 Ingenieure entwickeln Fahrzeug- und Systemlösungen von Hardware bis Software, insbesondere für Antriebssysteme (Verbrenner, Hybrid, Elektro, Brennstoffzelle). Auftraggeber sind nahezu alle großen Automobilhersteller und Zulieferer.
Ursprünglich auf Automotive fokussiert, hat IAV sein Spektrum auf Agrar, Energie und Verteidigung erweitert, wobei insbesondere militärische Tätigkeiten ausgebaut werden sollen.
Nun sollen 1400 Jobs gestrichen werden, die verbleibenden Beschäftigten sollen laut Gewerkschaft mehr arbeiten für weniger Lohn. Die IAV-Geschäftsführung plane unter anderem „eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, keine Tariferhöhungen bis mindestens 2028, Kürzungen im tariflichen und außertariflichen Entgeltbereich sowie nur noch 25 Tage Urlaub“. Auch „verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen mit Tests und möglichen arbeitsrechtlichen Sanktionen beim Nichtbestehen dieser Tests“ sollen eingeführt werden.
Als am 6. Mai der Vorsitzende der Geschäftsführung, Jörg Astalosch, diese Pläne genauer bekannt gab, reagierten die IGM-Verantwortlichen wie gewohnt überrascht und empört und organisierten die Demonstration vor dem Werksgelände. Doch ganz so unvorbereitet, wie behauptet, waren sie nicht.
Denn die IAV-Geschäftsleitung kündigte bereits im Dezember 2025 an, in diesem Jahr rund 1500 Stellen abbauen zu wollen, nachdem schon 2024 etwa 600 Arbeitsplätze weggefallen waren. Seitdem verhandeln die IGM-Funktionäre unter Leitung von Thilo Reusch mit der Geschäftsführung in bislang sieben Verhandlungsrunden. Darin stimmten sie freiwillig einem weitreichendem Personalabbau zu, so wie er jetzt verkündet wurde. Auch eine Lohn-Nullrunde für 2026 und schlechtere Arbeitszeitregelungen akzeptierten sie.
„Die IG Metall reagierte konstruktiv, zeigte sich zu substantiellen Zugeständnissen bereit – unter anderem bei Arbeitszeitregelungen und einer Nullrunde für 2026. Eine Einigung erschien greifbar“, schreibt die IGM Wolfsburg. Einziger Streitpunkt war die Finanzierung des Abbaus von 1500 Stellen über ein Freiwilligenprogramm. „Ein Personalabbau dieser Größenordnung erfordert ein finanziell unterlegtes Konzept“, erklärte Reusch.
Das Eckpunktepapier, über das sich der IG-Metall-Verhandlungsführer Thilo Reusch jetzt künstlich empört, beinhaltet in Wirklichkeit also wesentliche Punkte, die er selbst mit ausgehandelt hat. Es liegt zudem nahe, dass die Kahlschlagspläne bei IAV auch im Aufsichtsrat des Mehrheits-Anteilseigners VW Thema waren.
In dem 20-köpfigen Aussichtsratsgremium sitzen zehn Vertreter des IGM-Apparats, angeführt von der IGM-Vorsitzenden Christiane Benner (SPD) und der VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo. Sie beschließen gemeinsam mit den Oberhäuptern der milliardenschweren Eigentümerfamilien Porsche und Piëch sowie Olaf Lies, SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen und seiner Stellvertreterin Julia Willie Hamburg von den Grünen die Sparmaßnahmen, die dann vor Ort konkrete Form annehmen.
Das Vorgehen bei IAV erinnert sehr an die Methode „Good Cop, Bad Cop“. Der Geschäftsführer gibt die Grausamkeiten bekannt, über die sich beide Seiten zuvor geeinigt haben. Dann treten der IGM-Verhandlungsführer und die Betriebsräte öffentlich auf, empören sich und organisieren eiligst eine Trillerpfeifen-Demonstration, um danach im Geheimen weiterzuverhandeln.
Gleichzeitig gibt die IG Metall stets Politikern eine Bühne, die für Sozialkahlschlag stehen. Im März ließ sie in Berlin Ministerpräsident Kai Wegner und in Stollberg Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (beide CDU) auftreten. Nun bieten sie SPD und Linkspartei eine Bühne. Der SPD-Spitzenkandidat für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen im September, Steffen Krach, und die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) sahen sich gemüßigt, ihr Bedauern über die Schließungspläne auszudrücken, einen „schweren Schlag für den Zulieferindustriestandort Berlin“.
Die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, appellierte an das Gewissen und die Verantwortung der Anteilseigner von IAV. Der VW-Konzern, aber auch die Milliardärsfamilie Schaeffler, halte hier Anteile und habe „gut daran verdient“. Sie stünden daher jetzt auch in der Verantwortung für die Zukunft des Berliner Standorts, „und der Senat muss die einfordern“.
Wer solche Freunde hat – Milliardäre und Politiker, die auf deren Geheiß den Sozialstaat schleifen – braucht keine Feinde.
Die IAV-Beschäftigten sind gut beraten, diesen Machenschaften entgegenzutreten und der IGM-Leitung die Verhandlungsführung zu entziehen. Verlangt von ihnen als ersten Schritt die komplette Offenlegung der Vereinbarungen und Gespräche der letzten sieben Verhandlungsrunden. Keine weiteren Verhandlungen ohne Zustimmung der Belegschaft!
Der IGM-Apparat und ihre Betriebsräte sind geübte Profis, wenn es darum geht, im Profitinteresse der Konzerne Arbeitsplatzabbau und Kürzungen gegen die Belegschaften durchzusetzen. In der kapitalistischen weltweiten Krise, in der die Autokonzerne ihre Profite auf Kosten der Arbeiterklasse verteidigen, sieht der IGM-Apparat seine Aufgabe darin, den jeweiligen Unternehmen oder Konzernen zur Seite zu stehen, im Namen des „Standorts“, der „Region“ und des „nationalen Interesses“. Das ist auch der Grund, warum sie die gigantische militärische Aufrüstung der Bundesregierung unterstützen.
Auf Handelskriege, gnadenlosen Wettbewerb, Zollschranken, Protektionismus und imperialistische Kriege um die Neuaufteilung der Welt reagiert der IG Metallapparat als Co-Manager und Unternehmensberater, um „tragfähige Zukunftskonzepte“ und „geordnete Restrukturierungen“ auszuarbeiten.
Oder kann sich irgendjemand daran erinnern, wann die IG Metall zum letzten Mal einen wirkungsvollen Streik zur prinzipiellen Verteidigung aller Arbeitsplätze geführt hat?
Das liegt weder an mangelnder Kampfbereitschaft der Arbeiter noch an leeren Streikkassen. Das geschätzte Vermögen der IG Metall wird von Experten auf mindestens 2 bis 2,5 Milliarden Euro geschätzt, dazu kommen umfangreiche Immobilienbesitztümer. Als mitgliederstärkste Gewerkschaft der Welt erzielt sie jährliche Rekordeinnahmen, allein aus Mitgliedsbeiträgen von über 600 Millionen Euro. Davon werden 300 Millionen Euro für den Funktionärsapparat ausgegeben.
Eine Bilanz der Politik der Gewerkschaften, insbesondere der IG Metall, allein der letzten zwei bis drei Jahre hinterlässt eine Spur von endlosem Arbeitsplatzabbau und permanenten Kürzungsprogrammen. Dies konnte nur stattfinden, weil der IG-Metall-Apparat überall als verlängerte Arm der Konzerne agiert.
Bei VW hatten IG Metall und Betriebsrat ihre Zustimmung zum Arbeitsplatzabbau und zu empfindlichen Lohnkürzungen mit der Behauptung gerechtfertigt, damit seien Werksschließungen vom Tisch. Doch nun plant der Vorstand genau das. Nach der Produktionseinstellung im VW-Werk Osnabrück Ende 2027 sind jetzt die Werke in Emden und Zwickau, das Nutzfahrzeugwerk in Hannover sowie das Audi-Werk in Neckarsulm von Schließungen bedroht.
Auch bei Bosch und Mahle setzt der Gewerkschaftsapparat die Konzernangriffe gegen die Belegschaften durch.
Der riesige IGM-Funktionärsapparat, der sich von der Gewerkschaftsbasis finanzieren lässt und ein Milliardenvermögen verwaltet, verhindert gezielt Kampfmaßnahmen und Streiks, um alle Arbeitsplätze zu verteidigen.
Um die von den IG-Metall-Bürokraten angefeuerte Abwärtsspirale zu beenden, benötigen die Belegschaften ihre eigene neue Strategie. Diese muss drei grundlegenden Prinzipien folgen:
- Der Kampf muss unabhängig vom IGM-Apparat geführt werden, der aufs engste mit den Konzernen, Staat und Regierung zusammenarbeitet und als Betriebspolizei den Arbeitern entgegentritt.
- Der Kampf muss international geführt werden, die Spaltung durch die Gewerkschaften muss überwunden werden. Allein der VW-Konzern hat weltweit fast 700.000 Beschäftigte, davon fast 300.000 in Deutschland. Inklusive der Zuliefer- und Dienstleistungsbetriebe sind Millionen in einem einzigen Prozess verbunden. Nur wenn sie gemeinsam kämpfen und nicht zulassen, gegeneinander ausgespielt zu werden, können die Angriffe zurückgeschlagen und die Bedingungen für alle Arbeiter verbessert werden. Ein solcher Kampf muss Ausgangspunkt für eine breite Offensive der Arbeiterklasse gegen den Kriegskurs und die Angriffe auf die Arbeiter sein.
- Der Kampf darf sich nicht an der Profitlogik der Unternehmen und an den Interessen der einzelnen Nationalstaaten orientieren, wie das die Gewerkschaften propagieren. Die Bedürfnisse der Arbeiter müssen im Zentrum stehen. Die enormen technologischen Entwicklungen, allen voran künstliche Intelligenz, ermöglichen die Verbesserung des Lebens aller Menschen auf ein nie dagewesenes Niveau. Aber unter kapitalistischen Bedingungen führt die gleiche Technologie zu Massenentlassungen, Krieg und Zerstörung. Das darf nicht akzeptiert werden.
Um den Kampf auf der Grundlage dieser Prinzipien zu organisieren, müssen in jedem Werk und in jeder Abteilung von den Gewerkschaftsbürokraten unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden, die sich international vernetzen und die Gegenmacht zu Regierung und Management organisieren.
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