Am Dienstag entkamen bis zu 173 Flüchtlinge nur knapp dem Tod im Ärmelkanal zwischen Großbritannien und Frankreich. Sie waren auf einem Schlauchboot auf dem Weg zur englischen Südküste gekentert, nachdem der Motor in Brand geraten war.
Das Bootsunglück ereignete sich im französischen Such- und Rettungsgebiet. Die britischen Grenzschutzbehörden, französische Schiffe sowie ein Schiff der Royal National Lifeboat Institution retteten alle Menschen, die an Bord waren und brachten sie nach Boulogne in Frankreich zurück. Bei elf Personen wurden leichte Verletzungen gemeldet. Die BBC berichtete: „Zwei französische Boote retteten 105 Migranten, die britischen Boote 63.“
Das Boot war am Montagabend von Frankreich aus in See gestochen. Bevor der Motor in Brand geriet, wurden fünf Personen an Bord, wie der Guardian berichtet, nach einem „früheren Zwischenfall“ gerettet und ebenfalls nach Frankreich zurückgebracht. Nach Angaben der französischen Seebehörden „lehnten die übrigen Personen an Bord die von den französischen Patrouillenbooten angebotene Hilfe ab“.
Eine große Katastrophe wurde nur knapp verhindert. Vor weniger als einer Woche hatten die verschärften Grenzkontrollen durch Großbritannien und Frankreich vier Todesopfer im Ärmelkanal gefordert. Drei Frauen und ein Mann, deren Identität bislang noch nicht bekannt ist, starben am 29. und 30. Juli bei dem Versuch, den Kanal zu überqueren.
Die Tragödien ereigneten sich nur wenige Stunden, nachdem 752 Menschen in neun Booten Großbritannien erreicht hatten, wobei sie die ruhigeren Wetterbedingungen ausnutzten. Es war die höchste Zahl von Flüchtlingen, die bisher in diesem Jahr an einem Tag angekommen sind.
Der Mann kam ums Leben, als das Boot, mit dem er unterwegs war und das bereits andere Menschen aus dem Wasser aufgenommen hatte, am späten Abend des 29. Juli vor Hardelot südlich von Boulogne-sur-Mer kenterte. Er soll in seinen Dreißigern oder Vierzigern gewesen sein. Sechs weitere Personen, darunter ein einjähriges Kind, wurden verletzt; ein Mann mit Verbrennungen an der Hälfte seines Körpers wurde mit einem Marinehubschrauber ins Krankenhaus geflogen.
Das Boot war von Berck, rund 21 Kilometer weiter südlich, entlang der Küste über Sainte-Cécile bis vor Hardelot gefahren. Dort kenterte es, als weitere Menschen an Bord zu gelangen versuchten. Berichten zufolge haben französische Sicherheitskräfte das Boot „neutralisiert“ – so die verharmlosende Bezeichnung der Grenzbehörden. Nach französischem Recht dürfen Grenzbeamte Schlauchboote vor dem Ablegen beschädigen, nicht jedoch, sobald sie sich auf See befinden. Wegen des Todesfalls wurde eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet.
Sieben Stunden später wurden drei Frauen, die etwa 20, 30 und 50 Jahre alt waren, tot an Bord eines Bootes in der Nähe der Plage du Braek, unweit von Dünkirchen, gefunden. Der Guardian berichtete unter Berufung auf Beweismaterial, darunter Videoaufnahmen, die von der Hilfsorganisation Utopia 56 zusammengestellt wurden, dass die französische Bereitschaftspolizei kurz vor 4 Uhr morgens Tränengas gegen etwa 80 Menschen, darunter auch Familien, abfeuerte, die versuchten, den Strand zu erreichen und an Bord desselben Bootes zu gelangen, in dem zwei Stunden später die Leichen der Frauen entdeckt wurden.

Mitarbeiter von Utopia 56 fanden mindestens 35 verschossene Tränengasgranaten. Sie konnten nicht feststellen, ob sich die Frauen bereits an Bord des Bootes befanden oder zu denjenigen gehörten, die beim Versuch, das Boot zu erreichen, mit Tränengas angegriffen wurden. Das Boot selbst wurde an Land gebracht; Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos, und alle drei wurden für tot erklärt.
Die Bereitschaftspolizisten gehören der Einheit Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS) an, die in Frankreich aufgrund ihrer brutalen Übergriffe weithin verhasst ist. Im April hatte die britische Innenministerin Shabana Mahmood mit Frankreich ein Abkommen zur Sicherung der Ärmelkanalgrenze im Umfang von 662 Millionen Pfund vereinbart. Im Rahmen dieses Abkommens wurden 50 CRS-Beamte, die „speziell für den Einsatz zur Aufstands- und Massenkontrolle geschult“ seien, an französischen Stränden stationiert. Die Vereinbarung sieht außerdem den Einsatz von Drohnen im Wert von mehreren Millionen Pfund, zwei Hubschraubern und einem Kamerasystem vor, um Schleuser und Migranten abzufangen.
Zwischen 2018 und 2025 sind 62 Menschen im Ärmelkanal ums Leben gekommen; im Jahr 2026 wurden bislang weitere 17 Todesfälle verzeichnet, darunter die jüngsten vier. Das ergeben die Analysen des Migration Observatory der Universität Oxford.
Die Todesfälle im Ärmelkanal sind vorhersehbar und vermeidbar. Die steigende Zahl der Opfer ist das beabsichtigte Ergebnis des rücksichtslosen Vorgehens der Europäischen Union und Großbritanniens gegen Flüchtlinge, bei dem die Regierungen in London und Paris eine zentrale Rolle spielen.
Ein Sprecher der britischen Labour-Regierung unter Andy Burnham vergoss wie üblich Krokodilstränen: „Jeder Todesfall im Ärmelkanal ist eine Tragödie und eine eindringliche Mahnung, welche Gefahren von kriminellen Banden ausgehen, die schutzbedürftige Menschen aus Profitgier ausbeuten.“
Nach jeder Tragödie im Ärmelkanal wird die gleiche Leier abgespult. Die Todesfälle werden umgehend als makabre Verhandlungsmasse in den französisch-britischen Verhandlungen herangezogen, um mehr Mittel für die Abwehr von Migranten einzufordern.
Die militarisierte Grenzinfrastruktur auf beiden Seiten des Ärmelkanals hat die Überfahrten nicht gestoppt, sondern noch gefährlicher gemacht. Verzweifelte Flüchtlinge werden dazu gedrängt, immer abgelegenere Abfahrtsorte zu wählen und auf überfüllte und seeuntüchtige Boote zu steigen.
Zahlen, die vom Centre for Sociodigital Futures der Universität Bristol und der Schweizer Forschungsagentur Border Forensics zusammengestellt und im März in dem Bericht „Wie das ‚Stoppen der Boote‘ Menschenleben kostet“ veröffentlicht wurden, zeigen den Anstieg der Todesfälle nach einem früheren Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich, das darauf abzielte, „die Boote zu stoppen“. In den letzten vier Monaten des Jahres 2023 – kurz nachdem der damalige konservative Premierminister Rishi Sunak mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Abkommen in der Höhe von 460 Millionen Pfund vereinbart hatte – ereigneten sich sechs tödliche Bootsunglücke, bei denen 17 Menschen starben oder vermisst gemeldet wurden.
2024 wurden bei 22 Vorfällen 83 Tote oder Vermisste verzeichnet – das bislang tödlichste Jahr. 2025 waren es 20 Schiffskatastrophen, bei denen 29 Menschen starben oder vermisst wurden. Zwischen 2019 und 2023 gab es 68 Tote oder Vermisste bei 21 tödlichen Seeunglücken; zwischen August 2023 und Januar 2026 stieg die Zahl der Opfer auf 129 bei 48 Vorfällen – obwohl die Zahl der Boote und der Menschen, die den Kanal überqueren, zurückging. Im Jahr 2022, dem Rekordjahr, in dem mehr als 45.000 Menschen die Überfahrt wagten, wurden sieben Tote oder Vermisste gemeldet.
Hilfsorganisationen, die in Nordfrankreich tätig sind, haben eine brutale Wende festgestellt: Die französische Gendarmerie geht aggressiver vor, damit Großbritannien die Finanzierung des Grenzschutzes aufrechterhält. Flüchtlingsfeindliche rechte Medien in Großbritannien pochen ständig darauf, dass die Gelder eingestellt werden, wenn die Überfahrten nicht verhindert werden. Schleuser greifen zu gefährlicheren Methoden, um der wachsenden Zahl von Polizisten auszuweichen: Sie nehmen Menschen an Bord, die sich bereits im Wasser befinden, und starten von ruhigeren, abgelegeneren Anlegestellen. Die Todesfälle seit 2023, einschließlich derer am 29. Juli, ereigneten sich in der Nähe der französischen Küste, oft nur wenige Meter vom Strand entfernt.
Am 2. August, nach den schrecklichen Ereignissen in Ceuta, wo mindestens 99 Flüchtlinge bei dem Versuch starben, von Afrika aus Spanien zu erreichen, gab der britische Premierminister Andy Burnham eine Erklärung ab. Vor dem Hintergrund der weißen Klippen von Dover versprach er, seine Regierung werde „unerbittlich“ gegen die Menschen vorgehen, die auf kleinen Booten an der englischen Küste ankommen. Burnham erwähnte die vier Todesfälle wenige Tage zuvor mit keiner Silbe, auch die Presse befragte ihn nicht dazu.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Innenministerium unter Mahmood angekündigt, dass die Zahl der Beamten der National Crime Agency, die gegen Schleuserbanden vorgehen, von 376 zu Beginn des Jahres 2025 auf fast 800 gestiegen sei. Burnham behauptete, dass auch Frankreich sein entsprechendes Personal verdoppelt habe. Das Innenministerium verkündete stolz, dass im vergangenen Jahr fast 300 Mitglieder von Schleuserbanden festgenommen und seit Juli 2024 mehr als 1.100 kleine Boote und Motoren beschlagnahmt worden seien. Angeblich hätten diese Boote und Motoren, wären sie zum Einsatz gekommen, 72.000 weiteren Menschen geholfen, illegal nach Großbritannien zu gelangen. Wieviele Menschen bei diesen Überfahrten im Ärmelkanal ertrunken wären, berechnete die Innenministerin nicht.
Burnham hat sich verpflichtet, die ohnehin schon grausame Verfolgung von Asylsuchenden und Migranten noch zu verschärfen. Sein Vorgänger Keir Starmer griff bewusst die Rhetorik der konservativen Politiker Enoch Powell und Margaret Thatcher auf, als er erklärte, dass Großbritannien ohne strenge Grenzkontrollen riskiere, „eine Insel der Fremden zu werden“. Starmers Regierung unter den Innenministern Yvette Cooper und Mahmood setzte das Recht auf Familienzusammenführung für Flüchtlinge aus, richtete ein „Border Security Command“ nach dem Vorbild von Anti-Terror-Einsätzen ein, nahm die Internierungslager wieder in Betrieb, die wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert worden waren, und schob mehr Flüchtlinge ab als frühere Tory-Regierungen.
Die Mobilisierung faschistischer Kräfte vor Asylunterkünften, die im Sommer 2024 in pogromartige Angriffe eskalierte, ist das Ergebnis der Dämonisierung von Asylsuchenden durch alle Regierungen.
Die Socialist Equality Party in Großbritannien ruft nicht dazu auf, „sichere und legale Wege“ in einem im Grunde unveränderten, militarisierten Grenzregime zu schaffen. Das würde die Prämisse der herrschenden Elite akzeptieren, dass nur bestimmte Menschen das Recht haben, nach Großbritannien einzureisen und dort zu leben, während diejenigen, die vor den Kriegen des europäischen Imperialismus fliehen, dieses Recht nicht haben. Wir fordern die universelle Anerkennung des Rechts auf Asyl. Wer vor Verfolgung, Krieg oder Not flieht, muss die Möglichkeit haben, alle Grenzen zu überqueren und Schutz zu erhalten.
In unserem Programm fordern wir: „Verteidigt Immigranten und Flüchtlinge! Gegen Nationalismus und Rassismus! Für die internationale Einheit der Arbeiterklasse!“
In der Erklärung heißt es: „An der bösartigen Kampagne, Immigranten und Flüchtlinge zu Sündenböcken für die vom Kapitalismus verursachte soziale Krise zu machen, beteiligen sich alle kapitalistischen Parteien von Labour bis hin zu Reform UK. Das gesamte System der ‚Grenzkontrollen‘ und der immigrantenfeindlichen Gesetze muss abgeschafft werden. Allen Immigranten, auch den als ‚illegal‘ eingestuften, müssen vollständige demokratische und staatsbürgerliche Rechte gewährt werden. Die Arbeiterklasse muss sich gegen das üble Gift von Rassismus und Nationalismus weltweit im Kampf für den Sozialismus vereinen.“
