Dieser Artikel erschien bereits am 1. Juni 2026 in der englischen Ausgabe der WSWS. Die darin getroffene Einschätzung, dass es sich bei der Gewalt gegen Flüchtlinge, die im Mai einen Höhepunkt erreichte, nicht um einen spontanen Ausbruch von „Volkszorn“ handelte, hat sich seither bestätigt. Laut einer Analyse der niederländischen öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Website NOS bildeten lediglich einige Dutzend Personen den Kern der Teilnehmer bei 48 untersuchten ausländerfeindlichen Aufmärschen. Ein Mann war beispielsweise bei 31 unterschiedlichen Aufmärschen anwesend. Im Zentrum stand die Neonazi-Gruppe „Defend Netherlands“, die bei 43 von 48 Aufmärschen präsent war.
Überall in den Niederlanden haben rechtsextreme Mobs in den vergangenen Wochen Autobahnen blockiert, Flüchtlingsunterkünfte angegriffen und geplante Asylunterkünfte in Brand gesetzt. Dadurch brachten sie Hunderte von Flüchtlingen und ihre Familien in Lebensgefahr. Was sich hier abspielt, ist kein spontaner Ausbruch von „Volkszorn“, wie es oft dargestellt wird, sondern das Ergebnis einer bewusst geschürten politischen Kampagne. Das bürgerliche Establishment und die offiziellen Medien haben diese Entwicklung über viele Jahre hinweg bewusst vorangetrieben.
Am 6. und 7. Mai kam es in und um Den Bosch zu Ausschreitungen, nachdem die Stadtverwaltung Pläne angekündigt hatte, etwa fünfzig unbegleitete Asylsuchende im Alter von 15 bis 18 Jahren im Industriegebiet Engelen unterzubringen. Etwa 100 bis 150 Demonstranten blockierten daraufhin die Autobahn A59. Die Aktion zielte darauf ab, Flüchtlinge einzuschüchtern und Stimmungen gegen Migranten anzuheizen.
Gleichzeitig wurde das Dorf Loosdrecht zum Schauplatz anhaltender Hetze gegen Flüchtlinge, die sich hier gegen eine vorübergehende Notunterkunft im ehemaligen Rathaus des Ortes richtete. Nach mehreren Wochen, in denen es immer wieder zu Drohungen, Vandalismus und Einschüchterungsversuchen kam, eskalierten die Proteste am 7. Mai. Mehrere hundert Personen, darunter organisierte rechtsextreme Schläger, inszenierten einen „Trauerzug“.
In Apeldoorn eskalierten die am 9. Mai begonnenen Proteste gegen Pläne zur Unterbringung von 240 Flüchtlingen. Es kam zu nächtelangen Ausschreitungen, bei denen Barrikaden errichtet und Personen mit Feuerwerkskörpern angegriffen wurden. Am 11. Mai beschädigte eine Explosion in Den Bosch ein Gebäude, in dem künftig unbegleitete Minderjährige untergebracht werden sollen. Die Polizei fand vor Ort später Reste von Feuerwerkskörpern sowie brennbare Flüssigkeiten.
Am Tag danach griffen Randalierer die Notunterkunft in Loosdrecht kurz nach der Ankunft der Asylsuchenden an. Die Täter legten Feuer, warfen Feuerwerkskörper und Leuchtraketen auf das Gebäude und behinderten den anschließenden Feuerwehreinsatz. Berichten zufolge befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 15 Asylsuchende im Gebäude.
Diese Ereignisse entstanden nicht in einem politischen Vakuum. Die Verbindung zu organisierten rechtsextremen Netzwerken, darunter „Defend Netherlands“ und „Identity Resistance“ (IDV), war offensichtlich. Diese Netzwerke mobilisierten ihre Anhänger durch Social-Media-Kampagnen voller fremdenfeindlicher Propaganda. Ähnliche Angriffe und Proteste breiteten sich rasch nach Den Haag, IJsselstein, Uithoorn und Tilburg aus. In Uithoorn trugen Demonstranten die mit dem Faschismus assoziierte „Prinzenflagge“ sowie Transparente, die an die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) erinnerten und damit explizit auf die niederländische Kolonialplünderung anspielten. Zuvor hatten Ausschreitungen in Houten die Aussetzung eines Projekts für eine Flüchtlingsunterkunft erzwungen, das inzwischen offenbar endgültig aufgegeben wurde.
Was sich derzeit in den Niederlanden abspielt, ist Teil eines umfassenderen internationalen Prozesses. In ganz Europa werden Migranten und Flüchtlinge systematisch zum Sündenbock für Wohnungsmangel, verfallende Infrastruktur, stagnierende Löhne und sozialen Niedergang gemacht. In den letzten Jahren hat sich diese Kampagne angesichts des Rechtsrucks der herrschenden Eliten verschärft. Die Agitation gegen Geflüchtete und Migranten wurde zu einem zentralen Mechanismus gemacht, um dafür zu sorgen, dass sich die Wut in der Bevölkerung nicht gegen Kürzungspolitik, Ungleichheit und Militarismus richtet. Die Ursache für diese Krisen liegt in den jahrzehntelangen Kürzungen bei den öffentlichen Ausgaben, den Privatisierungen, der Deregulierung und den Finanzspekulationen. Diese wurden von Regierungen aller politischen Couleur vorangetrieben.
Die reaktionäre ausländerfeindliche Kampagne steht in direktem Widerspruch zur historischen Entwicklung der niederländischen Gesellschaft selbst. Die Entstehung der Niederländischen Republik – einer der ersten bürgerlichen Republiken Europas, die im Zuge des Achtzigjährigen Kriegs gegen den feudalen Absolutismus gegründet wurde – war untrennbar mit aufeinanderfolgenden Migrations- und Flüchtlingswellen verbunden. Seit ihrem frühesten Aufstieg als Handelsmacht bezog die Republik immense wirtschaftliche, intellektuelle, kulturelle und wissenschaftliche Kraft aus denjenigen, die vor religiöser Verfolgung und Krieg flohen.
Die Flüchtlinge und der Aufstieg der Niederländischen Republik
Mit dem Fall von Antwerpen im Jahr 1585 kam es zu einer entscheidenden Wende. Nach der Rückeroberung der Stadt durch die Spanier wurden die Protestanten aufgefordert, entweder zu konvertieren oder das Land zu verlassen. Dies führte zu einer der größten urbanen Fluchtbewegungen im Europa der Frühen Neuzeit. Eine große Zahl von Kaufleuten, Handwerkern, Druckern und Intellektuellen floh nach Norden in die entstehende Niederländische Republik und ließ sich in Amsterdam, Leiden und Haarlem nieder.
Der demografische Wandel war enorm. Die Einwohnerzahl Antwerpens halbierte sich innerhalb von vier Jahren auf 40.000. Gleichzeitig wuchs Amsterdam innerhalb weniger Jahrzehnte von rund 30.000 Einwohnern auf über 100.000 an. Um den Zustrom aufzunehmen, wurde die Stadt enorm erweitert, obwohl ein Großteil ihres Gebiets unterhalb des Meeresspiegels lag. In großem Umfang wurden neue Kanäle, Stadtviertel, Schulen und Werkstätten errichtet, darunter die Prinsengracht, die später mit dem Versteck von Anne Frank während der Nazi-Besatzung in Verbindung gebracht wurde.
Flüchtlinge waren keineswegs eine marginale Kraft, sondern wurden zu einem integralen Bestandteil des Aufstiegs der Niederländischen Republik. Die Entwicklung Amsterdams zu einem globalen Handelszentrum, die Blütezeit der niederländischen Kunst und Philosophie sowie die Entstehung des frühen niederländischen Kapitalismus waren untrennbar mit diesem Zustrom verbunden. Der Reichtum und die kulturellen Errungenschaften, die von der herrschenden Klasse heute als „nationale Identität“ hochgehalten wird, waren selbst Ergebnisse von Vertreibung und Migration.
Während wohlhabende Antwerpener Kaufleute das Kapital, das sie retten konnten, nach Norden brachten, kamen Zehntausende von Flüchtlingsfamilien mit wenig oder gar nichts an. Unter ihnen befand sich auch der kleine Frans Hals, der mit seinen Eltern nach Norden floh und später neben Rembrandt und Vermeer als einer der drei großen Maler des „Goldenen Zeitalters“ der Niederlande bekannt werden sollte.
Vermeer lebte und arbeitete etwa 15 Jahre lang im Haus seiner Schwiegermutter Maria Thins, deren Familie vor religiöser Verfolgung nach Delft geflohen war. Die Welt, in der er sich zuhause aufhielt, war untrennbar mit Flüchtlingsgemeinschaften verbunden, die durch Exil, religiöse Konflikte und die Umwälzungen des Niederländischen Aufstands geprägt waren.
Obwohl Rembrandt selbst kein Flüchtling war, bewegte er sich in einem Kunstmarkt und einem intellektuellen Milieu, das von Grund auf von Migranten und Flüchtlingen aus den südlichen Niederlanden geprägt war. Joost van den Vondel, der aus einer flämischen Flüchtlingsfamilie stammte, wurde zum führenden Dramatiker und großen Dichter des Niederländischen. Oft wird er als der „holländische Shakespeare“ bezeichnet.
Baruch Spinoza, der in die sephardisch-jüdische Flüchtlingsgemeinschaft Amsterdams hineingeboren wurde, erhob diese Erfahrungen zu einem philosophischen Prinzip. Er lehnte jegliche Vorstellung einer ethnischen Hierarchie ab und schrieb 1670, dass sich „hinsichtlich des Verstandes und der wahren Tugend kein Volk vom andern unterscheidet und deshalb auch in dieser Hinsicht keines vor dem andern von Gott auserwählt ist.“
Die wohlhabenden Kaufleute unter den Flüchtlingen spielten zudem eine zentrale Rolle bei der wirtschaftlichen Gründung des niederländischen Kapitalismus. Persönlichkeiten wie Dirck van Os spielten eine entscheidende Rolle beim Aufbau früher Finanzinstitute sowie der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC), die bei der kolonialen Expansion in Asien, Afrika und Amerika an der Spitze stand. Historiker haben die Fluchtbewegungen als massive Abwanderung von Wissen und Fähigkeiten („Brain Drain“) vom Süden in den Norden beschrieben, die die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Landschaft der Republik nachhaltig veränderte.
Das bedeutet nicht, dass Holland eine humanitäre Idylle gewesen wäre. Die Niederländische Republik blieb eine bürgerliche Gesellschaft, die von Widersprüchen zerrissen war und auf Ausbeutung, dem transatlantischen Sklavenhandel und der kolonialen Plünderung Ostindiens beruhte. Doch im Vergleich zu anderen Ländern ihrer Zeit bot sie Flüchtlingen mehr Raum, am wirtschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen.
Dieses historische Erbe hielt sich bis in spätere Jahrhunderte durch das Entstehen der modernen Arbeiterklasse und der sozialistischen Bewegung. In den 1930er Jahren suchten jüdische Flüchtlinge, die aus Nazideutschland und Österreich flohen, erneut Zuflucht in den Niederlanden. Der Schutz, den sie dort fanden, kam nicht von der niederländischen herrschenden Klasse oder der Monarchie, die sich letztlich dem Faschismus anpassten und mit ihm zusammenarbeiteten. Er kam von Arbeitern und breiteren Schichten der Bevölkerung, die sich gegen den Antisemitismus stellten und die demokratische Rechte verteidigten.
1940 beschrieb Leo Trotzki im Exil im mexikanischen Coyoacán die wesentliche Dynamik des zerfallenden Kapitalismus im Zeitalter des Imperialismus mit außergewöhnlicher Präzision:
Die Welt des verfallenden Kapitalismus ist überfüllt. Die Frage der Zulassung von hundert zusätzlichen Flüchtlingen wird ein großes Problem … In der Epoche seines Aufstiegs holte der Kapitalismus die Juden aus dem Ghetto und benutzte sie als Werkzeug seiner Handelsausbreitung. Heute versucht die verfaulende kapitalistische Gesellschaft, das jüdische Volk aus all ihren Poren herauszupressen; siebzehn von den zweitausend Millionen Erdbewohnern, d. h. weniger als ein Prozent, können auf unserem Planeten keinen Platz mehr finden!
Trotzki fügte weiter hinzu, die Bourgeoisie habe „es fertiggebracht, unseren Planeten in ein widerwärtiges Gefängnis zu verwandeln.“
Diese Beobachtungen haben heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Die Geschichte der Flüchtlinge in den Niederlanden spiegelt sowohl den Aufstieg als auch den Niedergang des Kapitalismus wider. Was sich derzeit abspielt, ist kein Bruch mit dem historischen Trend, sondern Kontinuität unter Bedingungen eines systemischen Zusammenbruchs.
Von Sparpolitik und Krieg zu Fremdenfeindlichkeit
Die flüchtlingsfeindliche Politik in den Niederlanden entstand nicht aus dem Nichts. Sie wurde über Jahrzehnte hinweg systematisch durch den stetigen Rechtsruck der offiziellen Politik kultiviert. Diese Entwicklung begann mit der ausländerfeindlichen Demagogie Pim Fortuyns im Jahr 2002 und verschärfte sich nach dem Mord an Theo van Gogh im Jahr 2004. Seither haben die Regierungen Ausländerfeindlichkeit immer weiter normalisiert.
Im Juli 2023 ließen Mark Rutte und die VVD ihre eigene Koalition wegen der Asylpolitik platzen und machten Migration so zum zentralen Thema des politischen Lebens. Das ebnete den Weg für den Durchbruch der extremen Rechten.
Die Wahlen im November 2023 brachten eine von der PVV unter dem Neofaschisten Geert Wilders dominierte Koalition hervor, mit Dick Schoof als nicht gewähltem Ministerpräsidenten. Eine derart weitreichende Integration der rechtsextremen Politik in den Staatsapparat hatte es zuvor nicht gegeben.
Die neue Regierung schritt rasch zur Verschärfung der Asylpolitik: Die Möglichkeit, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, sollte abgeschafft, die Laufzeit befristeter Aufenthaltsgenehmigungen von fünf auf drei Jahre verkürzt und die Familienzusammenführung stark eingeschränkt werden. Diese Maßnahmen wurden von der damaligen Asylministerin Marjolein Faber (PVV) vorangetrieben, die behauptete, dass diese den „Druck“ auf den Wohnungsmarkt und die öffentlichen Dienste verringern würden. In einem Land, das im Jahr 2025 mehr als 20 Milliardäre und über 317.000 Millionäre zählte, ist der Versuch, 238.000 Flüchtlinge und Asylsuchende zur Zielscheibe zu machen, ebenso reaktionär wie absurd.
Der wirtschaftliche Betrug ist offensichtlich. Den Niederlanden fehlen rund 400.000 Wohnungen, während über 200.000 Wohnungen leer stehen. Sie werden aus Spekulations- und Profitgründen vom Markt ferngehalten. Seit den 1990er Jahren haben aufeinanderfolgende Regierungen den sozialen Wohnungsbau durch Privatisierung und Deregulierung abgebaut und ein System geschaffen, das vom Immobilienkapital beherrscht wird.
Mieten und Immobilienpreise sind insbesondere in den Großstädten in die Höhe geschossen. Junge Arbeiter sind gezwungen, bis ins Erwachsenenalter in ihren Elternhäusern zu bleiben. Die Wartelisten für Sozialwohnungen reichen über mehr als 10 Jahre hinaus und die Obdachlosigkeit hat stark zugenommen. Gleichzeitig werden Milliarden in die Aufrüstung der NATO und die militärische Expansion gesteckt.
Die aktuelle Regierung unter Rob Jetten (D66) hat diese Maßnahmen weitgehend beibehalten und administrativ sogar noch gefestigt. Am 12. Juni ist eine neue Asylgesetzgebung in Kraft getreten, die ursprünglich ausgerechnet von Marjolein Faber entworfen wurde. Dies zeigt, dass die flüchtlingsfeindliche Politik nicht auf die extreme Rechte beschränkt ist, sondern einen breiteren Konsens innerhalb der herrschenden Klasse widerspiegelt, der sich über das gesamte parlamentarische Spektrum erstreckt.
Die Rolle der offiziellen Linken und der Gewerkschaften
Dieser Rechtsruck wurde durch die offizielle „Linke“ und die Gewerkschaftsbürokratie verstärkt. Das Bündnis GroenLinks–PvdA stellt Migration als „Belastung“ für den Wohnungsmarkt und bei den öffentlichen Dienstleistungen dar. Es übernimmt damit die zentrale Behauptung der extremen Rechten, dass die soziale Krise durch Flüchtlinge verursacht wird und nicht durch jahrzehntelange Kürzungen. Die ehemals maoistische Sozialistische Partei (SP) ist längst in eine ähnliche Richtung gegangen und hat sich die Logik von Ausländerfeindlichkeit und Grenzsicherung zu eigen gemacht.
Die Gewerkschaftsführung, insbesondere die der mit Abstand größten Gewerkschaft FNV, hat die Kämpfe der Arbeiter systematisch in die Zwangsjacke des Korporatismus gesteckt. Streiks in der Logistik, im Transportwesen und im öffentlichen Dienst werden isoliert und entpolitisiert und Verhandlungen mit eben jenem Staat untergeordnet, der für die Kürzungs- und Migrationspolitik verantwortlich ist.
Am bedeutendsten ist jedoch, dass trotz organisierter Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte weder die Gewerkschaften noch die parlamentarische Linke ernsthaft für die Verteidigung der Asylsuchenden mobil gemacht hat. Die Reaktionen waren symbolisch, fragmentiert und politisch begrenzt. Dieses Vakuum hat es rechtsextremen Gruppen mit nur wenigen hundert Aktivisten ermöglicht, einen Einfluss auszuüben, der weit über ihre zahlenmäßige Stärke hinausging. Die Gegendemonstrationen waren zwar zahlreicher, aber eine organisierte Opposition der Arbeiterklasse fehlte.
Man kommt unvermeidlich zu dem Schluss, dass keine Fraktion innerhalb des politischen Establishments eine Lösung anzubieten hat. Von der VVD bis zum Bündnis GroenLinks-PvdA, von D66 bis zur SP, von der Regierung bis zu den Gewerkschaften – sie alle unterstützten den kapitalistischen Kurs, bestehend aus Kürzungspolitik, Militarismus und der Beschuldigung von Geflüchteten als Sündenböcke. Mit Appellen an den Staat, die Gerichte oder die Parlamentsparteien lässt sich dieser Kurs nicht stoppen. Diese Institutionen sind die Werkzeuge, mit denen die Politik der herrschenden Klasse umgesetzt und die Krise gehandhabt wird.
Die wenigen hundert rechtsextremen Schläger, die derzeit Flüchtlinge terrorisieren und das gesellschaftliche Leben vergiften, müssen von der Arbeiterklasse gestoppt werden. Die reiche Geschichte der niederländischen Arbeiterklasse zeigt, dass sie die soziale Kraft ist, die Faschismus und Verfolgung stoppen kann. Am eindrucksvollsten kam dies im Februarstreik von 1941 zum Ausdruck, als Arbeiter gegen die Deportationen der Nazis massenhaft die Arbeit niederlegten und sich schützend vor die jüdischen Flüchtlinge stellten. Dieses Erbe der Solidarität der Arbeiterklasse – im Kampf geboren und in den dunkelsten Momenten des 20. Jahrhunderts erprobt – muss heute wiederbelebt und erneuert werden.
In den Niederlanden hat sich der Klassenkampf in den letzten zwei Jahren deutlich verschärft. Besonders bedeutsam war eine Reihe von Antikriegsdemonstrationen unter dem Motto „Red Line“ gegen den Völkermord in Gaza. Diese Proteste gipfelten am 5. Oktober 2025 in einem Marsch von schätzungsweise 250.000 Arbeitern und Jugendlichen durch Amsterdam. Es war die größte Protestkundgebung im Land seit den Anti-Atomkraft-Demonstrationen im Jahr 1981.
Was die betrieblichen Kämpfe betrifft, so legten Tausende Arbeiter der Niederländischen Eisenbahnen im Juni 2025 mit zwei 24-Stunden-Streiks das gesamte nationale Netz lahm. Sie forderten eine Lohnerhöhung von 7–8 Prozent, während ihnen lediglich 5,75 Prozent über 27 Monate angeboten wurden. Zuletzt standen die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes an der Spitze des Kampfs. Am 3. März und erneut am 14. April 2026 traten rund 160.000 Arbeiter der Zentralregierung in den Ausstand, darunter Verwaltungsangestellte, Reinigungskräfte und Lebensmittelkontrolleure. Sie organisierten nationale 24-Stunden-Streiks gegen einen von der Regierung verhängten Lohnstopp. Und das bei einer Inflation von 2,4 Prozent und einer steigenden Arbeitsbelastung nach Jahren des Personalmangels.
Diese Streiks sind Teil eines breiteren internationalen Trends. Die Arbeiterklasse gerät überall in Konflikt mit den herrschenden Klassen, die in ihren jeweiligen Ländern Kürzungen durchsetzen und gleichzeitig Billionen in Militarismus und Krieg stecken. Die rechte Kampagne gegen Flüchtlinge und Migranten ist Teil der Strategie der herrschenden Klasse, ihre rechte Agenda unter Bedingungen eines sich verschärfenden Klassenkampfs durchzusetzen. Die Strategie zielt darauf ab, die Arbeiterklasse zu spalten, politisch zu entwaffnen und letztendlich zu unterdrücken. Die verschiedenen pseudolinken Kräfte spielen dabei eine zentrale Rolle.
Dabei verbreiten sie pausenlos die gleiche Vorstellung: Geflüchtete sollen einfach eine „normale Arbeit“ finden, die Sprache lernen und sich in eine Gesellschaft „integrieren“, in der es am Ende nur noch ums Überleben geht – zumindest diejenigen, denen es erlaubt wurde, zu bleiben, nachdem sie von ihren Familien und Freunden getrennt wurden, bzw. diejenigen, die noch übrig sind, nachdem bereits unzählige Menschen abgeschoben wurden.
Die Geschichte zeigt etwas ganz anderes. Die früheren Generationen, die als Flüchtlinge in die Niederländische Republik kamen, „integrierten“ sich nicht in die alten feudalen Strukturen. Sie wurden Teil jener gesellschaftlichen Kräfte, die dazu beitrugen, diese Strukturen zu stürzen und die Fundamente für eine neue Gesellschaft zu legen. Dieses historische Beispiel – und dieser mögliche Weg – bleibt die wichtigste Lehre für die gegenwärtige Situation.
Diese Erfahrung führt zu einer entscheidenden Schlussfolgerung: Die Verteidigung der Flüchtlinge ist untrennbar mit dem Kampf für eine neue Gesellschaft verbunden, die auf sozialistischen und internationalistischen Prinzipien beruht sowie darauf, dass die Vorrangstellung des privaten Profits über die Bedürfnisse der Gesellschaft beseitigt wird. Im Laufe der Geschichte haben Flüchtlinge und Migranten – als Teil der internationalen Arbeiterklasse – wiederholt zur Schaffung neuer Gesellschaftsordnungen unter sich wandelnden historischen Bedingungen beigetragen und sich aktiv daran beteiligt. Die heutige Epoche bildet keine Ausnahme.
