Zum Abschluss des Kriegsgipfels in Kiew:

Russische Drohne trifft ukrainischen Zug – Boris Johnson und westliche Regierungsvertreter entkommen nur um wenige Minuten

Auf diesem Foto, das von der Pressestelle der ukrainischen Eisenbahngesellschaft „Ukrzaliznytsia“ zur Verfügung gestellt wurde, ist eine bei einem russischen Drohnenangriff beschädigte Lokomotive am Bahnhof Jahodyn nahe der ukrainisch-polnischen Grenze zu sehen, 13. September 2026 [AP Photo/Ukrainian Ukrzaliznytsia Railway Company Press Office via AP]

Am Sonntag gegen 5 Uhr morgens zerstörte ein Drohnenangriff die Lokomotive eines Personenzugs am ukrainischen Bahnhof Jahodyn, 5 km von der polnischen Grenze entfernt. Der Angriff war Teil eines massiven nächtlichen Beschusses durch das russische Militär, bei dem Hunderte von Drohnen und Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert wurden.

Die Londoner Times berichtet, dass der Angriff eine stehende Lok traf, die bereits vom Personenzug abgekoppelt worden war. Glücklicherweise wurden 206 Fahrgäste kurz vor dem Drohnenangriff aus dem Zug evakuiert, und es wurden keine Opfer gemeldet. Ein fast zeitgleicher russischer Drohnenangriff traf zudem einen Lkw in der Nähe einer Tankstelle unweit des Grenzübergangs Jahodyn–Dorohusk, wobei Trümmer die Tankstelle und mehrere Lkw in Brand setzten.

Der Angriff auf den Bahnhof Jahodyn ereignete sich etwas mehr als eine Stunde, nachdem ein anderer Diplomatenzug den Bahnhof verlassen hatte, der hochrangige westliche Amtsträger beförderte. Sie hatten am Kriegsgipfel der „Yalta European Strategy“ (YES) in Kiew teilgenommen. Zu den Passagieren gehörten der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson, der britische nationale Sicherheitsberater Jonathan Powell, der ehemalige schwedische Premierminister Carl Bildt, Günter Sautter, ein hochrangiger Berater des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz; sowie Fabrizio Saggio, diplomatischer Berater und nationaler Sicherheitsberater der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Ebenfalls an Bord befand sich Robin Wagener, ein Abgeordneter der Grünen im deutschen Bundestag.

Ein weiterer Teilnehmer, der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus, entging dem Tod jedoch noch knapp – er wurde etwa 15 Minuten vor dem Drohnenangriff auf die Lokomotive neben seinem Zug aus einem dritten Zug am Bahnhof evakuiert. Berichten zufolge befand sich Petraeus noch im Bahnhof Jahodyn und hatte dort Schutz gesucht, als der Personenzug getroffen wurde. Die New York Times berichtet: „Der ehemalige CIA-Direktor konnte die russischen Drohnen über seinem Zug hören, der am Sonntagmorgen auf dem Weg nach Polen gerade die ukrainische Zollkontrolle passiert hatte. Er und andere Fahrgäste wurden schnell evakuiert. Kurz darauf hörte er eine gewaltige Explosion.“ Petraeus stieg später wieder in einen Zug ein und reiste nach Polen weiter.

Der Beschuss war die jüngste Vergeltungsmaßnahme für monatelange ukrainische Angriffe tief im russischen Hoheitsgebiet, die Moskaus Ölraffinerien und Energieinfrastruktur schwer beschädigt haben. Als Reaktion auf die vom Westen unterstützten Angriffe Kiews hat Moskau die ukrainische Eisenbahninfrastruktur, Grenzübergänge und Treibstoffdepots ins Visier genommen.

Russland hat die Verantwortung für den Angriff nicht bestritten. Ein Kreml-Sprecher erklärte am Montag, die russischen Streitkräfte würden ihre Operationen auf ukrainischem Territorium fortsetzen. Das russische Verteidigungsministerium gab an, es habe „Eisenbahninfrastruktur“ getroffen, die zum Transport von Militärgütern aus Europa genutzt werde.

Laut Guardian wurden bei den nächtlichen Angriffen in der Ukraine mindestens sechs Menschen getötet und mehr als 40 verletzt. Die ukrainische Luftwaffe gab an, 405 Drohnen und vier Raketen abgefangen zu haben. Die Financial Times berichtete, dass Russland am Samstag 863 Drohnen und Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert habe.

Die Spannungen in ganz Europa eskalierten sofort. Wenige Stunden später hielt der polnische Ministerpräsident Donald Tusk eine Krisensitzung mit Regierungsvertretern sowie Angehörigen des Militärs und der Geheimdienste ab. Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands verurteilten den Angriff. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot erklärte, der Angriff auf den Zug habe zum Ziel gehabt, „die Europäer einzuschüchtern, zu entmutigen und vor allem zu spalten“.

Eine Eskalation der russischen Angriffe auf die Ukraine war absehbar, nachdem die Ukraine in den letzten Monaten fortschrittliche britisch-französische Raketentechnologie eingesetzt hatte, die es ihr ermöglichte, tief in russisches Gebiet vorzudringen.

Da der zivile Flugverkehr seit 2022 ausgesetzt ist, nutzen Vertreter ausländischer Regierungen regelmäßig die Bahnstrecke Warschau–Kiew. Die genauen Abfahrtszeiten wurden nicht veröffentlicht, aber es heißt, dass die Abfahrt des Diplomatenzugs aus Jahodyn aufgrund der erhöhten Gefahr von Drohnenangriffen vorverlegt wurde. Am Vortag war ein Zug am Bahnhof Luzk im Gebiet Wolhynien, gute 100 km entfernt, von einem Drohnenangriff getroffen worden.

Zudem folgt der Drohnenangriff auf Jahodyn unmittelbar auf einen Vorfall am 8. September, als Berichten zufolge zwei russische Drohnen in den moldauischen Luftraum eindrangen, während sich das Flugzeug des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf den Abflug von Chișinău nach Oslo vorbereitete, um ihn zur Beisetzung des norwegischen König Harald V. zu bringen. Sein Abflug verzögerte sich, während die moldauischen Behörden den Luftraum sperrten.

Gipfel der „Yalta European Strategy“

Moskau dürfte sehr wohl gewusst haben, dass der Zug, in dem Johnson und andere westliche Amtsträger unterwegs waren, von der YES-Konferenz gechartert worden war – AP News berichtete, es handele sich um einen „diplomatischen Zug“. Die als „ukrainisches Davos“ bezeichnete Konferenz „Yalta European Strategy“, die vom ukrainischen Oligarchen und ehemaligen Abgeordneten Viktor Pinchuk ins Leben gerufen wurde, ist eine Veranstaltung nur für geladene Gäste, bei der imperialistische Mächte und die ukrainische Oligarchie hinter verschlossenen Türen ihre Strategie abstimmen. Pinchuk berief die erste Veranstaltung im Jahr 2004 im Livadia-Palast in Jalta auf der Krim ein – dem Ort der Konferenz von 1945, auf der das Nachkriegseuropa aufgeteilt wurde. Nach der Annexion der Krim durch Russland wurde die Konferenz im September 2014 nach Kiew verlegt.

Das diesjährige Treffen, das vom 11. bis 12. September unter dem Motto „Peace Through Strength NOW!“ stattfand, zog mehr als 700 Politiker, Diplomaten, Wirtschaftsführer, Militärvertreter und Konfliktexperten aus 28 Ländern an. Neben Johnson, Powell, Bildt, Sautter und Wagener waren der stellvertretende polnische Ministerpräsident und Außenminister Radosław Sikorski anwesend, der am 11. September mit dem Zug nach Kiew gereist war, sowie der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski – Vorsitzender des YES-Vorstands – der die Schlussrede hielt, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, die ehemalige estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid sowie die ehemalige finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin. Neben Petraeus nahm auch Trumps US-Sonderbeauftragter Jared Kushner teil. Fareed Zakaria von CNN moderierte die Veranstaltung. Selenskyj hielt per Videokonferenz eine Rede vor der Konferenz.

Passend zur Agenda der europäischen Mächte, die alles dafür tun, den Konflikt zu verlängern, trug eine Sitzung den Titel „Kann Europa gemeinsam mit der Ukraine Russland abschrecken?“ Eine weitere Sitzung unter dem Vorsitz von Zakaria mit dem Titel „Gibt es derzeit ein Verhandlungsfenster?“ hatte Kyrylo Budanov in seiner Funktion als Leiter des Büros des ukrainischen Präsidenten als Gast. Budanov räumte zwar ein, dass ein Verhandlungsfenster existiere, betonte jedoch, dass dies von der Eskalation abhänge. „Alles hängt von der Lage auf dem Schlachtfeld ab“, sagte er laut GlobalSecurity. „Und bei allem darüber hinaus – weitreichende Sanktionen und verschiedene andere Maßnahmen – geht es darum, die Russische Föderation zu ernsthaften Verhandlungen zu drängen.“

Johnsons Teilnahme war keine Überraschung, angesichts seiner reaktionären Rolle im Dienste des britischen Imperialismus bei der Verlängerung des tödlichsten Konflikts auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Die World Socialist Web Site berichtete über seine Rolle bei der Vereitelung einer Verhandlungslösung für den Krieg im April 2022, als er „nach Kiew flog und die Ukraine dazu drängte, ‚einfach weiterzukämpfen‘, im Gegenzug für unbefristete Unterstützung durch den westlichen Imperialismus gegen Russland“.

Der Angriff auf den Zug veranlasste Johnson, noch einen draufzusetzen: Nur wenige Stunden nach dem Angriff veröffentlichte er einen Gastbeitrag in der Daily Mail mit der Überschrift: „Die ‚terroristischen‘ Angriffe des Kremls auf die Ukraine werden nicht funktionieren … jetzt müssen wir Kiew eine bessere Luftabwehr geben – und zwar schnell.“ Johnson fasste die Forderungen aus gierigsten Kreise der europäischen Imperialistenmächte zusammen und forderte, den Krieg gegen Russland um jeden Preis zu verschärfen. Die großen NATO-Mächte, so schrieb er, müssten „viel mehr tun, um den Ukrainern zu helfen“.

Neben der Teilnahme an der Konferenz berichtete Johnson von seinem Besuch am Wochenende bei „dem erstaunlichen ukrainischen Drohnen- und Raketen-Start-up Firepoint. Sie sind mittlerweile weltweit führend. Sie stellen die beste Marschflugrakete der Welt her – die ‚Flamingo‘, die Putins Öl- und Gasindustrie so verheerenden Schaden zugefügt hat.“

Doch gegen „Putins ballistische Raketen und gegen die neuen, jetgetriebenen Shaheeds“ bräuchten die Ukrainer dringend eine bessere Luftabwehr, und da so viele US-amerikanische ‚Patriots‘ in der Golfregion im Einsatz seien, müsse man ihnen helfen, ihre eigenen zu bauen.

Das bedeute, Kiew „Ortungssysteme zur Verfügung zu stellen, damit sie Putins schnelle Drohnen ausschalten und seine Interkontinentalraketen unschädlich machen können. Das ist machbar, muss aber schnell geschehen.“

Um Russland zu bekämpfen, sei „eine neue Entschlossenheit des Westens“ erforderlich, erklärte der ehemalige britische Premierminister. Er riet dazu, Kiew dabei zu helfen, „die Schwarzmeerhäfen zu öffnen und den Transport von ukrainischem Getreide und anderen Erzeugnissen wieder in Gang zu bringen“, „ihnen über Starlink Zugang zum Luftraum über Russland zu verschaffen, damit sie die Raketenstellungen und Stützpunkte ausschalten können, die zum Angriff auf ihre Bevölkerung genutzt werden“, sowie „die Hunderte Milliarden an russischen Geldern – in Brüssel und anderen westlichen Hauptstädten – freizugeben und den Ukrainern zu ermöglichen, diese zur Finanzierung ihrer Bemühungen zu nutzen.“

Der Anschlag von Jahodyn, bei dem ein ehemaliger britischer Premierminister, eine führende Persönlichkeit der US-Regierung sowie Spitzenberater der Regierungen Großbritanniens, Deutschlands und Italiens hätten ums Leben kommen können, verdeutlicht die Logik eines Krieges, dessen Eskalation die Großmächte innerhalb kürzester Zeit in einen direkten militärischen Konflikt hineinziehen kann. Doch die Kriegsbegeisterung in europäischen Kreisen ist so groß, dass Johnson mit immer schärferen Forderungen reagiert, von denen jede ein Schritt in Richtung eines direkten Krieges zwischen den atomar bewaffneten NATO-Mächten und Russland ist – vorangetrieben durch europäische Regierungen, die ein beispielloses Aufrüstungsprogramm durchsetzen, das durch brutale Sparmaßnahmen zulasten der Arbeiterklasse im eigenen Land finanziert werden soll.

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